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Periodical volume Nr. 264, 09.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Hnedenauer Ortsteil von Schömberg und den Bezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Zeitung für Kommmle 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Kr. 264. 
Depeschen. 
Eisenach. Die bürgerlichen Parteien nehmen schon 
zur Stichwahl zwischen dem Sozialisten Leber und dem 
Antisemiten Schack im Reichstagswahlkreise Eisenach- 
Dermbach Stellung. Die Nationalliberalen erklären in 
einem Artikel in ihrem hiesigen Organ, daß sie hoffen, 
daß der Antisemit sich der Aufgabe, die Sozialdemokratie 
zu bekämpfen, ebenso gewachsen zeige, wie der frühere 
nationalliberale Kandidat. Die freisinnige „Eisenacher 
Tagespost" hofft, daß der bündlerische Versuch, den 
Wahlkreis in die Hände der Reaktion zu bringen, ver 
eitelt wird. 
Wiesbaden. Gestern begann vor der hiesigen 
Strafkammer eine Verhandlung gegen den 51 jährigen 
verheirateten Arzt G. H. Hellwig aus Dotzheim wegen 
Verbrechens gegen 8 176 III an 5 Mädchen unter 
14 Jahren. Das Urteil wird heute gesprochen. 
Wien. Die Bediensteten aller Kategorien von Wien 
ausgehender Staatsbahnen sind heute früh um 7 Uhr in 
die passive Resistenz eingetreten. Sämtliche Eisenbahner 
der Privatbahnen werden in den nächsten Tagen diesem 
Beispiele folgen. Im Eisenbahnministerium ist man nicht 
gesonnen, nachzugeben. Das Ministerium richtete bereits 
an alle Beamten und Angestellte die Aufforderung, den 
Verkehr ordnungsgemäß abzuwickeln, widrigenfalls gegen 
ste disziplinarisch vorgegangen werden soll. 
Lemberg. Nachrichten aus Bessarabien zufolge, sind 
in Mohilew 6 Juden getötet und viele verwundet worden. 
Aus Sikurany ist die gesamte jüdische Bevölkerung ge 
flüchtet. Die Eisenbahnzüge werden geplündert und viele 
Reisende getötet. Agitatoren wiegeln die Landbevölkerung 
auf gegen die Gutsbesitzer vorzugehen. Polizei und 
Militär verhalten sich passiv. 
Riga. Die streikenden Eisenbahner wurden ent 
lassen. Ein Eisenbahnbataillon versieht den Dienst. — 
Die Schüler erzwangen die Schließung sämtlicher hiesiger 
Lehranstalten. Ein geplanter Überfall auf den Polizei 
meister wurde von den Truppen verhindert. Der hiesige 
Detektiv mußte flüchten, weil er mit dem Leben be 
droht wurde. 
Petersburg. Die Regierung beginnt Maßregeln 
zu treffen, um dem Treiben der „Schwarzen Banden" ein 
Ende zu machen. Zu diesem Zwecke ist der Senator 
Morosow nach Minsk entsandt worden. — Der heilige 
Synod wird in ein Patriarchat umgewandelt; zum 
Patriarchen soll der jetzige Metropolit von Petersburg 
ernannt werden. — Der Staatsrat wird ein Gesetz unter 
zeichnen betreffend die Gründung eines Preßbüros, ähnlich 
der Organisation, welche seinerzeit Bismarck in Deutschland 
eingeführt hatte. — Die Regierung hat in der Absicht, 
ein Exempel zu statuieren, den Gouverneur von Troer, 
welcher für die jüngsten Unruhen daselbst verantwortlich 
ist, in den Anklagezustand versetzt. Man glaubt, daß auch 
Fürst Obolensky, der bisherige Gouverneur von Finnland, 
vor Gericht gestellt werden wird. Man ist hier sehr 
erstaunt über die ^von dem Fürsten an den Tag gelegte 
Ihr erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
ly. yf- (Nachdruck verdate».) 
„Dich wenigstens zur Baronesse mächen, na ja." 
„Spott' nicht, Heinrich, es handelt sich um mehr als 
kindische Eitelkeit", erwiderte sie verletzt. _ 
.Und würdest Du mir nicht gestatten, dem Herrn Ober 
präsidenten, der mir so viel Wohlwollen erweist, m s Klare über 
unsere Verhältnisse zu setzen — er könnte es doch lpater alv 
Mangel an Vertrauen empfinden." 
Weber sann einen Augenblick nach, und seine Brauen 
m "mSJiafate ÖfrtS W«.m Ton,. Mb«: „»in, 
Rudolf, jetzt nicht — es schwebt — Herzensjunge, habe 
Vertrauen zu mir — es ist nicht Grille,wenn ich Dir s ver 
biete. Ueberlaß es mir nur, die Zeit dafür festzustellen. 
Der junge Mann war doch betroffen von der ganzen 
Art und Weise seines Vaters, die er sich nicht enträtseln 
konnte, doch rvußte er, daß er nicht unbedacht oder gar 
launisch Handelle. 
„Ich füge mich Deinem Willen, Vater." 
Tus, Kind, es ist das Beste für uns alle. Tu bist 
der Enkel des Freiherrn von Falkenhain und der letzte Sproß 
eines alten ritterlichen Geschlechts - das kann Dir memand 
nehmen." 
„Ja, durch Deine Güte b»n rch es." 
„Er hat ganz Recht, Rudolf, glaub' ihm nur, s wird 
noch alles gut werden." „ _ ... . - 
Was hatten nur die beiden Allen? „Ihr wißt, daß 
Friedev.au, Donnerstag den 9. November 1905 
—III > IIIIBBBt«——g—— 
Schwäche gegenüber den Finnländern, um so mehr, als 
derselbe noch kürzlich einen finnländischen Bauern aus 
peitschen und hinrichten ließ. — Infolge der Abänderungen, 
welche für das Wahlgesetz geplant sind, ist es nicht 
wahrscheinlich, daß die Reichsduma noch vor Ostern ein 
berufen wird. Die russische Konstitution dürfte infolge 
dessen kaum vor September nächsten Jahren fertig gestellt 
sein. — Fürst Trubetzkoi ist gestern aus Kiew eingetroffen 
und hatte sofort eine längere Konferenz mit dem Grafen 
Witte über die Situation in Kiew. — Die Ernennungen 
für das Ministerium des Innern und des Unterrichts sind 
noch immer nicht erfolgt. Der Beschluß, für das 
Ministerium ein Geschäftskabinett zu bilden, ist vom 
Zaren gebilligt worden. — Ein Gendarmerie-Offizier hat 
eine beabsichtigte Versammlung der Arbeiter der Moskauer 
Bahn verboten. Infolgedessen verlangen die Arbeiter 
die Entlassung dieses Offiziers, widrigenfalls sie einen 
allgemeinen Eisenbahncrstreik organisieren wollen. 
Stockholm. Für den diesjährigeg Nobelpreis in der 
Chemie wird Professor Bamberger aus Zürich, der hier 
eingetroffen ist, genannt. 
Rom. Der italienische Botschafter in London hatte 
in Gemeinschaft mit dem russischen Botschafter den Auftrag 
erhalten, beim König Eduard dahin zu wirken, daß 
England die diplomatischen Beziehungen mit Serbien 
wieder aufnimmt. Der König antwortete jedoch in ab 
lehnendem Sinne und erklärte, daß seine Begriffe über die 
Königswürde ihm untersagten, ein Verbrechen zu vergessen, 
welches die Menschheit entehrte. 
Allgemeines. 
0 Der Berlin—Neapel-Expretz wird, wie die 
Kgl. Eisenbahndirektion Berlin soeben bekannt gibt, vom 
4. Dezember d. I. bis Ende April k. I. befördert 
werden. Er verkehrt wöchentlich zweimal von Berlin, 
Anhalter Bahnhof, über München, Brenner, Florenz, Rom 
bis Neapel und zurück, und zwar ab Berlin jeden Montag 
und Donnerstag, 10 Uhr Vormittags, ab Neapel jeden 
Mittwoch und Sonnabend, 7 Uhr 30 Min. Vormittags. 
Die Ankunft in Neapel erfolgt Dienstags und Freitags 
11 Uhr 25 Min. Abends, in Berlin, Anhalter Bahnhof, 
Donnerstags und Sonntags 9 Uhr Abends. Die erste 
Abfahrt von Berlin findet am Montag, den 4. Dezember 
d. I., die erste Abfahrt von Neapel am Mittwoch, den 
6. Dezember d. I. statt. 
0 Eine Stenerfrage für die Eifenbahn- 
beamten. Der preußische Minister der öffentlichen 
Arbeiten hat den Kgl. Eisenbahndirektionen eine für die 
Uniform tragenden Beamten wichtige, neuerdings erfolgte 
Entscheidung der vereinigten Steuersenate des preußischen 
Oberverwaltungsgerichts mitgeteilt. Hiernach ist entgegen 
einer im Jahre 1902 ergangenen Entscheidung ein Abzug 
der Kosten für Beschaffung der Dienstkleidung bei der Be 
rechnung des steuerpflichtigen Einkommens der preußischen 
Staatsbahnbeamten fortan nicht mehr zulässig. 
ich Euch immer gehorche. Ich verstehe Euch zwar im Augen 
blick nicht, aber ich gehorche." 
Eine Einladung, au dem einfacheü Abendbrote teilzu 
nehmen, schlug er ab, da er sich heute notgedrungen einmal 
im Kreise seiner Kollegen sehen lassen müsse. 
„Amüsiere Dich, Junge, des Lebens Ernst kommt früh 
genug." 
Dem erregten Weber war es gar nicht unlieb, daß Rudolf 
sich entfernte, dem gegenüber er sich Zwang auferlegen 
mußte. 
Weber stand einen Augenblick ruhig da^und schlug dann 
grimmig mit der Faust aus den Tisch. 
„So, nun haben wir die Bescherung." 
„Heinrich," sagte erschreckt emporfahrend Frau Stein 
müller vorwurfsvoll. 
„Hast Düs denn nicht begriffen? Er hat sich in das 
Mädchen vergafft " 
Da entsetzte sich auch Frau Steinmüller. Ja, der Bruder 
hatte ein feineres Verständnis gezeigt als sie, die Frau — 
— es war so, wie er sagte. 
„Und das hat bei einem Menschen wie Rudolf etwas 
zu bedeuten, der ist kein Flatterhans." 
„O, Heinrich, das wäre schrecklich." 
„Ja, schrecklich! Armer Junge, wie bewahre ich Dich 
vor Gram? Herrgott, mach ein Ende mit dieser ganzen Ge 
schichte, meine Dummheit ist ja allein an allem Schuld! — 
Aber ich will dazwischen fahren!" 
„Um Gotteswillen, bewahre Deine Ruhe, das Glück 
unseres Kindes hängt, davon ab." 
„Der arme Junge! — Wie ihr wohl zu Mute gewesen 
sein mag, als sie in ihm meine Züge wiedersah? Ob die herz 
lose Kanaille wohl fühlte, daß ste ihren Sohn vor sich hatte?" 
12* * Irchrg. 
Lokales. 
t Zum Schulhausbau in der Goßlerstraße. 
Mit dem Anfahren der Steine für den neuen Schulhaus 
bau ist begonnen worden. Nach einer Zusammenstellung 
der Kosten für den Neubau des Volksschulgebäudes werden 
betragen die Erdarbeiten 1352,50 M. ' Maurerarbeiten 
79 625,40 M., Maurermaterialien 50 995 M., Asphalt 
arbeiten 464 M., Werksteinarbeitcn 6728 M., Zimmerer 
arbeiten 11 883 M„ Staakerarbeiten 160 M., Schmiede- 
und Eisenarbeiten 22 983 M„ Dachdeckerarbeiten 6632,90 
Mark, Klempnerarbeiten 2717 M., Tischlerarbeiten 21789 
Mark, Schlosserarbeiten 4899,10 M., Glaserarbeiten 3147 
Mark, Maler-, Anstreicher- und Tapeziererarbeiten 9419,26 
Mark, Linoleumarbeiten 9535,80 M., Stückarbeiten (fällt 
fort), Heizungsanlage und Ofenarbeiten 31 970 M., Be- 
und Entwässerung, elektrisches Licht, KochgaS- und Brause 
badanlage 11 820 M., Bauführungskosten 4850 M., Ins 
gemein 9029,84 M.; im Ganzen 290 000 M. Neben 
anlagen 10 000 M. Nach erfolgter Prüfung und Er 
gänzung des Kostenanschlages werden sich die Kosten 
zusammen auf 325 000 M. In dieser Summe sind nicht 
enthalten: die für Vorarbeiten usw. aufgewendeten Kosten 
in Höhe von 7122 M., die Kosten der Turnhalle (etwa 
60 000 M.) und der inneren Einrichtung (etwa 40 000 M), 
100 000 M., zusammen 432 122 M. Hierzu tritt noch 
die Ausstattung der Klaffenräume, sodaß das Schulgebäude 
rund 500 000 M. ohne Bauland kosten wird. Wenn 
unsere Volksschule nun einmal ein wirklich modernes 
Schulgebäude werden soll, so sind mindestens die Brause 
bäder vergessen worden, ohne welche man sich ein modernes 
Schulgebäude nicht mehr denken kann. 
f Mit dem Aufstellen der Masten für die 
elektrische Straßenbeleuchtung ist man jetzt auch in der 
Rheinstraße beschäftigt und man hofft, mit den Arbeiten 
für die Straßenbeleuchtung bis Anfang Dezember fertig 
zu werden. Bis dahin wird auch der zweite Dieselmotor 
in Betrieb sein, sodaß eine Stromkalamität nicht eintreten 
kann. Bis jetzt hat das Elektrizitätswerk tadellos 
gearbeitet und ist auch keine Betriebsstörung eingetreten. 
f Der Friedrich Wilhelmplatz, der schönste Platz 
Friedenaus, der Tummelplatz unserer Jugend, der Er 
holungsaufenthalt von Kranken und Schwachen, erfährt 
immer weitere Verbesserungen, um so den Aufenthalt auf 
ihm noch angenehmer zu gestalten. Das zweite „kleine 
Rathaus" ist auch bereits im Fachwerk fertiggestellt und 
wird gleich seinem Vorgänger am Marktplatz auch ein 
„Schmuckkästchen" für den Friedrich Wilhelmplatz bilden. 
Die Finsternis wird dort nun ebenfalls bald durch elektrisches 
Licht durchbrochen werden, vielleicht zum Verdruß so 
manchen „Liebespärchens", daß in den Anlagen gern lust 
wandelte. Die Kandelaber zu der Beleuchtung sind auf 
dem Platz schon errichtet, auch mit Lampen versehen, sodaß 
die Beleuchtung wohl bald in Kraft treten wird. So 
verschönert sich der Friedrich Wilhelmplatz immer mehr und 
wenn nach des Winters Schnee und Eis wieder ein zartes 
Grün aus den dort befindlichen Bäumen und Sträuchern 
Finster starrte er vor sich hin, aber die leidenschaftliche 
Erregung hatte sich doch gemindert. 
Sie stand auf, legte die Hand auf seine Schulter und 
sagte: „Wir haben so Manches im Leben miteinander getragen, 
Heinrich, wir werden auch dieses noch überwinden. Wenn 
auch in den Mühsalen dieses Lebens aufgewachsen, sind wir 
doch Falkcnhains und müssen denken und handeln wie die 
Kinder eines edlen Vaters. Fährst Du unbesonnen und rauh 
dazwischen, so triffst Du nicht nur Rudolf, sondern auch den 
Präsidenten. Laß uns das Geschick nicht herausfordern. Gott 
wird uns schon einen Weg aus der Bedrängnis zeigen." 
„Gut — — ich will warten. Das Unheil wirb früh genug 
komnien, gebe Gott, daß es Rudolf nicht zu schwer trifft 
O, dieses Weib!" 
* * 
♦ 
Frau von Manrod saß im eleganten Morgenkleide, das 
ihre noch jugendlich vollen Formen zur Geltung kommen lies!, 
in ihrem Zimmer, bereits mit aller Kunst von ihrer Kammer 
jungfer frisiert. Ein Kenner von Tvileltengeheimnissen hätte 
gewahrt, daß alle die kleinen Hilfsmittel, die zur Verschönerung 
des Teints dienen, mit Geschick in Anwendung gekonunen waren. 
Die Dame, deren Aeußeres der Zeit wunderbar Wider 
stand geleistet hatte, faß da mit einem Ansdruck, der ihr 
Gesicht kaun: verschönte. 
Die Braue» waren finster zusammengezogen und ein 
Gemisch von Zorn und Sorge prägte sich in den sprechenden 
Zügen aus. 
„Wie lange mich dieser Dummkopf von Schneider warten 
läßt. Der Herr Wachtmeister muß doch lebend oder tot aus 
findig zu machen sein. Hoffentlich hat er das Zeitliche gesegnet." 
„Dieser blonde germanische Jüngling, dieser Herr von 
altem Adel? Was kümmert er uiidj, selbst im schlimmsten
        
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