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Periodical volume Nr. 263, 08.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

er das Portal verließ, mit weithin schallenden HurraS und 
plötzlichem Nelkenregen empfangen. Sichtlich erfreut über 
diese Ehrung, ließ er sein Automobil halten, rief die 
Kinder zu sich und nahm ihnen die noch vorhandenen 
Nelken ab, um alsdann seine Fahrt unter brausenden Hoch 
rufen fortzusetzen. — Im nächsten Jahre haben auch wir 
die Ehre die große hochinteressante landwirtschaftliche Aus 
stellung der in der ganzen Welt bekannten erstklassigen 
„Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in unseren Mauern 
zu haßen. 
t Die Zustände au der Wauuseebah», am 
Ausgang nach dem Dürerplatz. Wir haben schon so oft 
über die schlechte Beleuchtung und unhaltbaren Zustände 
am Friedenauer Wannseebahnhof geschrieben, ohne daß 
bisher eine Besserung eingetreten wäre. Es gehen »ns 
daher immer weitere Klagen aus der Bürgerschaft zu, so 
heute wieder folgendes Schreiben: 
Ich empfehle Ihnen sich die Zustände an der Wannscebahn »lus 
gang Dürr,platz anzusehen, ein Laternenpfahl mit dann und wann 
eine Peirs.eumlanipe, die dann und wann mal brennt; wahrscheinlich 
wenn der hohe könizl. Eisenbahnbetriebs - Beamte es für nöl g 
hält. Die Steine >nd der Asphalt zerschlagen von de» Bauarbeiien 
mit tiefen Löchern, wo bei Regen das Wasser Tagelang steht und wo 
man sich die Knoche! Eicht. Eine Rücksichtslosigk it die süncsgleich n 
sucht — • 
Wir haben fragliche Stelle besichtigt, und können dem 
Herrn Einsender nur Recht geben. In einer ehemaligen 
Gaslaterne, steht eine alte Petroleumfunzel,“mit berußtem, 
abgebrochenen Zylinder, ungefähr so, wie sie sich Gorki 
in seinem „Nachtasyl" gedacht hat. Viel Licht ist also 
von solcher Lampe, selbst wenn sie wirklich brennt, nicht 
zu erwarten. Das Pflaster weist tiefe Löcher auf, die bei 
Regenwetter, z. B. heute, genügend Wasser aufnehmen 
können. Bei trockenem Wetter dagegen, kann man leicht 
zu Fall kommen. Unmittelbar hinter dem Tunnel sieht's 
ebenfalls böse aus. Da liegen Mauersteine und Eisen- 
platten mitten im Wege herum. Seitwäris sind alte 
Pfähle, Holzzäune und Eisengitter aufgestapelt, als ob 
dort täglich eine Baumaterialien-Auktion stattfindet. Man 
ist gespannt, wnn diese Zustände endlich beseitigt werden, 
oft genug haben wir die Kgl. Eisenbahn-Direktion durch 
unsere Notizen darauf aufmerksam gemachtI 
t Zur Hochbahnfrage. Von unserm Rhc.-Bericht- 
erstatter geht uns folgender Versammlungsbericht zu: 
Die Verbreiterung der Niederwall-Straße wurde in d:r ange- 
kündigt.'n Velsammlung der Geschäftsinhaber des Zentums gefordert, 
welche gestern Abend unter Vorsitz des Bezirlsvorsteh:rs Otto in 
Kühnes Festsälen stattfand. Rechtsanwalt Sandau belcuch.eie die 
frühere und jetzt geplante Linienführung der Untergrundbahn und kam 
zu dem Schluss?, daß das letzterwähnt- Projekt nur bei gleich;ciiiger 
Verbreiterung der Niederwnll-Siraße ausführbar erscheine. Eine 
solche sei unabweisbar, denn in d r engen Slraße befinden sich drei 
Schulen mit 1709 Schülern, zwei große Vereinslokale, ein Kranken- 
Haus, 50 Läden rc. Wird man die Verbreiterung beim Einbau des 
Üntcrgrungbahntunnels nicht vornehmen, so müsse sie später, wenn 
der Verkehr durch die geplante Bahn noch mehr angewachsen sei, 
mit viel höheren Opfern ausgeführt werden und die L.deninhaher 
h'tten dann den doppelten Schaden. Für eine Schnellbahn seien 
übrigens drei Bahnhöfe auf der kurzen Strecke Gensdarmen— 
Spittelmarkt zuviel; an ihrer Stelle genüge tiu Bahnhof, der mitten 
in der Niederwallstraße, etwa auf dem städtischen Schnlgrundstück, 
liegen könnte. (!) Redner verlas das Schreiben der HoLbakngcsell- 
schaft und meinte, daß dies den Umfang der Verkehrsstörungen und 
Geschästsschädigungen >twas optimistisch auffasse. Stadiv Kreitling 
widerlegte einzelne Irrtümer des Vorrerrers und empfahl den An 
wesenden, den Wunsch bezüglich der Verbreiterung der N ederwall- 
slraße, der ihm übrigens neu sei (?) noch schleunigst anzubringen, 
denn am Montag schon w rd die städtische Verkehrsdevutation über 
den Vertrag mit der Hochbahngesellschack zu beschließen Haben. Die 
Beschleunigung dieser Beratungen sei dringend erwünscht, da sonst die 
„Groxe Berliner Straßenbahn" den Projekten der Stadt- und Hoch- 
bahngcsellschaft zuvorkommen könne. Zu dem Einwände eines 
Redners, daß das Tunnelprojekt der .Großen Berliner" 
nicht zu S'.ande k mmen werde, bemerkte Stadtverordneter 
Kreiilng: .Verlassen Sie sich darauf, es wird kommen; wir 
haben dabei nicht mitzureden — da liegt ein höherer 
Wille vor!" ' Zu dieser Angelegenheit teilte ein anderer Redner 
mi>, die Straßenbahn-Gesellschaft gehe heimlich mit dem Plan um, 
der Hechbahn-Gesellschaft den Epittelmarkl streitig zu machen (!) 
Stadtverordneter Giese trat ebenfalls für die Verbreitung der Nieder- 
wallstraße ein; es sei erstaunlich, wie man m t dieser engen Straße 
noch heute auskommen könne. An die beteiligten Grundbesitzer richtete 
er die Mahnung, diesen Plan zu fördern und richt durch übertriebene 
Preise zu durchkreuzen. Die Verrammlung nahm schließlich die 
folgende Resolution an: „Die heute sehr zahlreich versammelten 
Berliner Bürger des Centrums bitten die Stadtverordneten, bet der 
Gelegenheit des Baues der projektierten Untergrundbahn eine Ver- 
breiterung der Niederwallstraße inS Auge zu faffen, um den zweifellos 
noch wachsenden, ungeheuren Verkehr in dieser Straße bewältigen zu 
können." Femer wurde eine fünfgliedrige Kommission (bestehend aus 
den Herren: Kom.-Rat Röseler, Rechtsanwalt Landau, Bezirksoorsteher 
Otto, Hoflieferant Hensel und Schlächtermeister Dischlatis) beauftragt, 
in Verbindung mit den Stadtverordneten des Bezirks die Angelegen 
heit weiter zu betreiben. 
-s- Entdeckte- Fischbrutaustalt. Es wird unsern 
Lesern jedenfalls von Interesse sein, zu erfahren, daß 
Weber stieß einen Husarenfluch aus. 
„Was hast Du?" 
„O, nichts, das verivttnschte Reißen. Nichts, bekümmert 
Euch nicht darum." 
Er harte sich abgewendet, so daß Rudolf sein finsteres 
Gesicht nicht sehen konnte. Frau Stcinmüller erschrak, als 
ihr Bruder fluchte, denn er tat es in. Ganzen nur selten, 
sie fürchtete einen Ausbruch seines Griinines und sagte besorgt: 
„Leg Dich ein wenig hin, Heinrich, so wirst Du Ruhe 
fiilden." 
„Nein, es ist schon vorbei ein alter Krippenbeißer 
wird man es ist vorüber. Kleine Nacherinneruuq von 
70. Macht nichts." 
Er hatte die Kraft gefunden, sich zu beherrschen. „Laß 
Dichs nicht genieren. Junge, ist wieder alles in Ordnung." 
Und aufstehend, zündete er sich seine Pfeife an, um dann 
wieder Platz zu nehmen und sein Gesicht so gut. als 'möglich 
in den Schatten der Lampe zu bringen. 
Frau Steinmüller, die rasch von dem so gefährlichen Thema 
ablenken wollte, wurde jäh von ihrem Bruder mit der an 
Rudolf gerichteten Frage unterbrochen: 
.Hat sie Kinder?" 
„Wer?" fragte Rudolf, dessen Gedanken bei jener Licht- 
erscheiiiung weilten, die seinen Lebenspfad beriihrt hatte, 
überrascht durch de» Ton, in dem die Frage gestellt wurde. 
„Sie." 
„Die Präsidentin? Sie hat einen Sohn erster Ehe —* 
„Was?" — schrie Weber förmlich auf. 
»Ja*, sagte ganz erstaunt über diesen Ausruf Rudolf, 
während sein Vater erschreckt, daß er sich so hatte hinreißen 
lassen, sein Bein rieb. 
»Entschuldige,* brummte er, — „es riß —* 
Friedenau auch ein Gewässerchen hat, in dem Fische und 
zwar die edelsten ihres Stammes, nämlich Goldfische, für 
ihre Nachkommenschaft in reichstem Maße Sorge tragen. 
In dem Wasserbecken am Friedrich Wilhelmplatz, hatte 
einHerr mit Erlaubnis der Behörde, zu den dort schon schwim 
menden Goldfischen noch einige andere gesetzt. Er ver 
säumte nicht, den Tierchen täglich Nahrung zuzuführen. 
Wie erstaunte man aber, als beim Ablassen des Wassers 
aus diesem Becken sich zeigte, daß außer den alten 15 
Fischen noch tausende Junge hinzugekommen waren. 
Während des Winters hat man nun die Fische in der 
Gemeinde-Gärtnerei untergebracht, uln sie im kommenden 
Frühjahr wieder in das Wasserbecken auf dem Friedrich 
Wilhelmplatz, sowie auch in das anzulegende Becken auf 
dem alten Sportplatz zu setzen. 
-j- Die neuen künstlerische» Wege, welche die 
Berliner Gesellschaft für Plastische Malerei, Oranienburger- 
straße 13/14, für die Innendekorationen der Häuser durch 
ihr geniales Verfahren eingeschlagen hat, dürften ihre 
sicherste Förderung durch das große Preisausschreiben 
finden, durch welches alle Künstler- und Architektenkreise 
zur Mitwirkung aufgerufen worden sind Die Gesellschaft 
hat 5000 M. für Preise ausgesetzt, darunter einen ersten, 
von 2000 M. für die besten Entwürfe zu geschmackvollen 
modernen Decken-, Wand- und Vestibüldekorationen. Was 
die Gesellschaft in ihren neuen Verfahren bis jetzt schon 
ausgeführt hat, das ist geradezu überraschend in seiner 
Wirkung und beginnt immer mehr, die Aufmerksamkeit 
weiter Kreise auf sich zu ziehen. Darum ist das 
Bestreben besonders löblich, das keine Opfer scheut, um 
die Sache durch Gewinnung der maßgebenden künstlerischen 
Kräfte zur höchsten Vollendung zu führen. Der letzte 
Termin zur Einreichung der Konkurrenz-Entwürfe ist, wie 
wir hören, der 15. November 1905. 
-j- Schuhrnacherureifttr - Versammlung. Am 
Montag den 6. November waren die Schuhmachermeister 
aus Steglitz, Friedenau, Wilmersdorf Tempelhof und 
Lichterfelde in Steglitz (Restaurant zur Krone) zu einer 
öffentlichen Versammlung eingeladen um zu der fort 
währenden Steigerung der Preise für Rohmaterialien 
Stellung zu nehmen. Nach einem Vortrag des Ober 
meister Seeger, welcher nachwies, daß es unmöglich sei, 
für die bisher gezahlten Preise reelle Arbeiten liefern zu 
können wurde beschlossen eine Kommission zu wählen, 
welche Tarife für erstklassige und zweitklassige Arbeiten 
aufstellt. Diese Tarife sollen einer in kurzen statt 
findenden öffentlichen Versammlung zur Genehmigung 
vorgelegt werden und alsdann dem Publikum bekannt ge 
macht werden. 
f Hohenzollerntheater. Auch die klassische Muse 
kam gestern wieder einmal zur Geltung. Shakespeares 
immer gern gesehenes Lustspiel „Die bezähmte Wider 
spenstige" übte auch hier seine alte Anziehungskraft aus 
und hatte ein zahlreiches Publikum herbeigelockt. Catharina, 
die Tochter eines Edelmanns zu Pedua, will von einer 
Heirat nichts wissen, sie widerstrebt allen Bemühungen, 
sich „an den Mann" bringen zu lassen und schlägt alle 
um ihre Hand anhaltenden Freier aus. Peiruchio, einem 
Edelmanne aus Verona, gelingt es aber, im Herzen der 
stolzen Edeldame doch den Funken der Liebe zu legen und 
zur nicht zu zähmenden Flamme anzufachen. So bricht 
er die Widerspenstigkeit in ihrem Herzen und steht sie als 
liebende Braut an seiner Seite. Wir sind es vom 
Ensemble Behle ja stets gewöhnt, nur mit besten 
Leistungen aufgewartet zu werden, so war auch das 
gestrige Spiel wieder ein nur Lob verdienendes. Fräulein 
Else Römer (Bianca), Frl. Trude Mangelsdorff 
(Catharina) leisteten das vorzüglichste, ebenfalls die Herren 
Rob. Günther (Baptista), Ernst Stegemann (Petruchio), 
Alwin Cordes (Lucentio), Carl Hermann (Grumio), 
Herm. Norden (Tranio), Aldoin Unger (Vincentiv) wie 
auch alle übrigen Mitkwirkenden boten uns das Beste 
dar, so daß ein wirklich flottes Gesamtspiel erzielt wurde, 
welches das Publikum zu stürmischem Beifall hinriß. Auch 
der Kostümierung wollen wir gedenken, die wirklich zeigte, 
daß auch hierin das Behle'sche Ensemble alles aufwendet, 
um Anerkennung beim Publikum zu erhalten. 
f Bezirksverein Südwest. Die nächste Mit- 
glieder-Bersammlung findet am Freitag, den 10. d. M, 
Abends 9 Uhr, im „Reichskanzler" statt. Der Besuch 
wird wieder zufolge der stattgehabten Stadtverordneten 
wahlen ein guter sein. 
-j- Drittes Sttftungsfest. Die ' „Friedenauer 
Sanitätskolonne" begeht am Sonnabend, den 11. d. Mts. 
„Sie ivar, ehe sie Frau von Manrov wurde, wie nur 
ein Kollege erzählte, au einen französische» Offizier verheiratet, 
und von diesem ist ein Sohn, ein Marquis de Fleury, 
vorhanden, der augenblicklich vier zu Besuch weilt, gesehen 
habe ich den iunaen Alaun noch nicht." 
„Ah", stöhnte Weber und beugte den Kopf tiefer, „Halle 
niir's zu gut! Weiter, Rudolf — es ist schlimm, geht aber 
schon vorüber." 
„Und üan — dann hat sie eine Tochter — doch die 
kennst Du ja." 
„Ich kenne sie?" fuhr er auf. „Ach so", er versuchte 
sich das Aeußere des jungen Mädchens, das bei ihm Hilfe 
heischend eingetreten war, zurückzurufen, denn die darauf 
folgende Erregung hatte ihr Bild verwischt. — „Dann — war 
— es —?" 
„Die Dame, die in der' Präsidentin Gesellschaft war." 
„Ja, richtig — Mutter und Tochter — sah auch der 
genau ähnlich, glaube ich." 
Er wußte, daß sie ihr nicht ähnlich sah, nicht ähnlich 
sein konnte, denn sonst iväre es ihm ausgefallen, als er sie zu 
erst erblickte, aber er wollte von der Tochter hören, die seines 
Sohnes Halbschivester ivar. 
„Nein, — es ist eine andere Schönheit, die Fräulein 
von Marrrod auszeichnet — o, sie ist mehr als schön." 
Weniger als die Worte, der Ton, in dem sie gesprochen 
wurden, — der Strahl des Entzückens, der da bei aus seinen 
Augen leuchtete, machte die beiden alten Leute tief betroffen, 
und fragend sahen sie sich einander an. 
„So? Das auch noch," brummte Weber in sich hinein. 
„Was sagst Du?" 
„Ach nichts. Junge, nichts." Er ging auf und ab und 
stocherte in der Werke. die auüLKschAUstch nicht ziehen.wollte. 
ihr 3. Stiftungsfest im „Hohenzollern", Handjerystr. 64, 
durch Konzert und Theater. Nach dem offiziellen Teil ist 
Kaffeepause und Tanzkränzchen. Zu diesem Fest find an 
sämtliche hervorragende Vereine Einladungen ergangen 
und sind auch alle übrigen Freunde und Anhänger der 
Kolonne willkommen, die inaktiven Mitglieder erhalten 
keine besondere Einladung. 
-j- Friedenauer SchntzeugUde. Der Verein feiert 
am Mittwoch den 15. d. M. im „Hohenzollern* sein 3. 
Stiftungsfest. Es findet ein gemeinschaftliches Essen statt, 
dem Konzerte Vorträge und Ball folgen. Die Festrede 
hat Herr Bürgermeister Schnackenburg übernommen. Der 
Vergnügungsausschuß hat alles aufgeboten um daS Fest 
zu einem äußerst gemütlichen zu gestalten und ist daher 
auf rege Teilnahme seitens der Mitglieder, verschiedener 
auswärtiger und hiesiger Vereine, sowie Gönner der Gilde 
zu rechnen. 
ch ISiac stenographische Sensation wird Freitag. 
10. d. M-, im Restaurant „Kaiser-Eiche" geboten. Im 
Anschluß an einen Vortrag des bekannten Systemerfinders 
H. Roller wird eine freie Aussprache für die Anhänger 
der verschiedensten Stenographiesysteme stattfinden. Auch 
Nicht-Stenographen sind als Interessenten willkommen. 
ch Über einen Nufall auf dem Friedenauer 
Wannseebahnhof wird uns gemeldet: Der Tapezier N-, 
Wielandstr. 29 wohnhaft, mit Frau und Kind wollten am 
Sonntag nachmittag gegen 2 Uhr den nach Berlin fahrenden 
Zug benutzen, der beim Betreten des Bahnsteiges gerade 
eingefahren war. Die Frau, welche das Kind auf dem 
Arm trug, hatte eben einen Fuß auf das Trittbrett gesetzt, 
um in das Koupee zu gelangen, als sich der Zug in Be 
wegung setzte und Frau und Kind durch das Anrücken zu 
Boden steten, wobei die Frau noch nrit den Füßen zwischen 
das Trittbrett geriet. — Der Zug wurde schleunigst zum 
Halten gebracht, sodaß weiteres Unglück verhindert wurde. 
Wen die Schuld an diesem Unfall trifft, läßt sich schlecht 
feststellen. Die Passagiere behaupten, daß sie weder einen 
Ruf zum „Abfahren" des Zuges noch ein „Zurückbleiben" 
vernommen hatten. 
Schöneöerg. 
— Gewählt ist der hiesige Stadtrat Dr. Wölk mit 
27 Stimmen zum Gemeindevorsteher von Weißensee. Wie 
wir erfahren hat Stadtrat Dr. Wölk die Wahl angenommen. 
— Zu den Stadtverordnetenwahlen. Gestern 
fanden die Ersatzwahlen der 1. Wählerklasse statt. Für 
sechs Mandate, deren bisherige Vertreter infolge Ablaufs 
der Wahlperiode bezw. infolge Auslosung am 31. Dezember 
d. I. ausscheiden, waren Ersatzwahlen vorzunehmen. Es 
standen durchweg Mieter zur Wahl. Der einzige Bezirk» 
in dem ein Gegenkandidat aufgestellt worden, war der 
I. Bezirk. Es wurden dort Baumeister Kuznitzky und 
Rentier Knall wiedergewählt. Im 4., 6. und 7. Bezirk 
wurden die bisherigen Stadtverordneten Bezirksvorsteher 
Schüler, Baurat a. D. Lohausen und Rentier Otto 
Behrendt einstimmig wiedergewählt. 
— Ein langjähriges Verkehrshindernis wird 
in nächster Zeit verschwinden. Das den Hewald'schen 
Erben gehörige Grundstück an der Akazien- und Haupt- 
straßen-Ecke, die sogenannte Pietätsecke, ist an ein Bank 
geschäft zum Preise von 850 000 M. verkauft worden. 
Das Grundstück hat eine Frontlänge von 140 Meter und 
beträgt der Preis für die Quadratrute 2200 M. Die 
alten Gebäude sollen verschwinden und an deren Stelle 
moderne Prachtbauten erstehen. 
Ueber daS Vermögen des Kaufmanns und Restau 
rateurs Cäsar Moritz in Schöneberg, Hauptstraße 84, ist 
am 7. November 1905 nachm. 12^/z Uhr, das Konkurs 
verfahren eröffnet. Der Kaufmann Wilh. Schnitze in 
Berlin, Am Karlsbad 14, ist zum Konkursverwalter er 
nannt. Konkursforderungen sind bis zum 30. Dezember 
1905 bei dem Gericht anzumelden. 
Werlin und Wororte. 
8 In Sachen des Tunnelbaues durch die 
Niederwallstrahe hat die Hochbahngesellschaft, wie 
bereits bemerkt, an den Ausschuß der Geschäftsinter- 
effenten, z. H. des Kommerzienrats Wilh. Röseler, ein 
Schreiben gerichtet, dessen Wortlaut wir hier auszugsweise 
folgen lasten: 
„ . . . Daß die genannte Linie gerade für die Grundbesitzer der 
Niederwallstraße einen besonders hohen Wert haben wird, dürfte 
keinem Zweifel unterliegen, denn cr wird an beiden Enden dieser 
Straße, nämlich am Hausvoigtei-Platz und am Spittelmarkt, ein 
Untergrundbahnhof angelegt werden, tzür die Wohnungen und Ge- 
' „Was lmbt"Jhr Beide denn nur? Bei Euch ist doch 
nicht alles in Ordnung. Hast Du Aerger gehabt, Alter? 
Habt Ihr Sorgen, Schulden? Daun heraus damit, ich gehöre 
doch zu Euch." 
„Nichts, nichts. Junge. Wird sich schon alles geben. 'S 
sitzt inwendig. und da muß man Geduld haben." 
Er tlopfte an sein Bein, als ob er dieses meine. 
„Nun, das vergeht ja. Sieh mal, lieber Alter, ich wollte 
heute etwas mit Dir besprechen, das mir mehr als je am 
Herzen liegt." 
„Nun?" 
„Das Verhältnis, in dem ich nach Deinem Willen zu Dir 
stehe, wird mir mehr und mehr unerträglich, und ich ryollte 
Dir vorschlagen —* 
„Ich will Dir einmal etwas sagen, Rudolf; die Grunde, 
die mich bewogen haben. Dich öffentlich von mir abzusondern, 
sind heute gewichtiger als je. Hier bin ich Dein Vater — 
draußen bin ich der Hilfsregistrator Weber und Du der 
Assessor von Falkenhain und wir kennen unS nicht." 
„Aber es wird doch nicht verborgen bleiben, und daS 
wird vor allem auf mich kein günstiges Licht werfen, Vater." 
„Mein lieber Junge, ich habe einmal Deinetwegen und 
meines seligen Alten wegen verraten, welches Recht ich auf 
den Namen Falkenhain habe, damit ist eS genug. Ich besitze 
den gleichen Stolz wie mein Vater, der einen allen ritter 
lichen 'Namen nicht mit Armut und niedriger Stellring ver 
einigen wollte. Unteroffizier und Hilfsregistrator Weber 
machen sich sehr gut, Hilfsregistrator Freiherr von Falkenhain 
ist ein Unding." 
„Aber Du könntest doch" — warf Frau Steinmüller ein. 
(Fortsetzung folgchj
        
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