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Periodical volume Nr. 263, 08.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Hriedenauer Ortsteil von 5choneberg nnd den Vezirksverein 5üd - West. 
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Kr. 263 
Friedenau, Mittwoch den 8. November 1905 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Hannover. Im hiesigen Residenztheater errang 
gestern Abend William Schirmers Schauspiel „Die 
Agrarier" einen von Akt zu Akt sich steigernden großen 
Erfolg. Die spannende Handlung, das eigenartige, lebens 
echte Millieu und die durchaus originellen Charaktere 
fesselten das Publikums bis zum Schluß. Der Verfasser 
wurde sehr oft und stürmisch gerufen. Die Darstellung 
war unter Steffers Regie ganz vorzüglich. 
Karlsruhe. Der Kaiser wird, der „Bad. Presse" 
zufolge am 16 November in Donaueschingen zur Fuchs 
jagd bei dem Fürsten zu Fürstenberg eintreffen. 
Luxemburg. In der gestrigen Eröffnungssitzung 
der Kammer wurde der liberale Lava! gegen den klerikalen 
Agrarier Brincour zum Präsidenten gewählt. Die 
Stimmen waren gleich, aber nach dem Reglement ist 
Laval als der ältere gewählt. 
Prag. In einer gestern Abend abgehaltenen Ver 
sammlung der Tramway Bediensteten wurde beschlossen, 
mit den Polizisten jeden privaten Verkehr abzubrechen und 
nicht zu dulden, daß mehr als ein Wachmann zu gleicher 
Zeit sich auf einem Tramway befinde. Die Lokomotiv 
führer sowie die tschechischen Eisenbahner beschlossen, sich 
der passiven Resistenz anzuschließen. 
Wien. In der Provinz dauern die Wahlrechts- 
demonstrationen fort. In Krakau nehmen sie tumulta 
rischen Charakter an. Dabei wurden zwei Pölizeibeamte 
durch Schläge aus den Kopf ziemlich erheblich verletzt. 
In Eisenbahnerkreisen besieht die Absicht, die passive 
Resistenz in der nächsten Woche auch auf alle österreichischen 
Privatbahnen auszudehnen. 
Bukarest. Nach hierher gelangten Nachrichten, 
wurde versucht, in Reni und Ungeni Judenmassakres zu 
inszenieren. Die Versuche wurden aber von dem dortigen 
energischen Platzkommandanten im Keime erstickt. Die 
Zahl der in Bessarabien ermordeten Juden soll sich auf 
Tausende belaufen. Die Städte Jsmalila und Calaraschi 
stehen noch immer in Flammen. In letzterer Stadt kamen 
zahlreiche Judcnfamilien in den Flammen um. 
Fiume« DaS deutsche Schulschiff, die Korvette 
„Stein", ist im hiesigen Hafen eingelaufen und wird bis 
Sonntag hier verweilen. 
Riga. Der gestrige Tag ist ziemlich ruhig ver 
laufen, nur in den Vorstädten kam es zu einigen Zu 
sammenstößen zwischen den verschiedenen Parteien. Während 
der vorgestrigen Judenkrawalle wurde der Dr- med. Saal- 
kind auf der Straße erheblich verwundet. 
Paris. Nach der gestrigen Kammersitzung ver 
breitete sich in den Kammer-Couloirs das Gerücht, daß 
die der äußersten Linken ungehörigen Mitglieder der Re 
gierung eine besondere Beratung abhielten und daß die 
Demission Bienoenue, Martins und Dubiefs bevorstehe. 
Unterdessen sichtete jedoch das Büro der Kammer die 
Stimmzettel, die bei der Abstimmung über die Tages 
ordnung Puech abgegeben wurden und stellte fest, daß die 
Minderheit nur einen Bruchteil der Radikalen und daneben 
auch Stimmen der äußeren Rechten umfaßte, sodaß für 
das Kabinett immerhin noch eine republikanische Mehrheit 
verbleibt. Das Ministerium verbleibt infolgedessen insge 
samt und es wird von der weiteren Haltung Rouviers 
abhängen, ob sich der republikanische Block wieder kon 
solidieren wird. 
Paris, Auch in Brest beschlossen 300 Arbeiter deS 
Zeughauses, welche gestern Abend in der Arbeitsbörse ver 
sammelt waren, einstimmig den Generalausstand. Der 
Generalverband der Zeughausarbeiter wird abwarten, bis 
sämtliche Zeughausarbeiter der verschiedenen Kriegshäfen 
sich über die Angelegenheit ausgesprochen haben, um als 
dann das Zeichen znm allgemeinen Ausstand zu geben. 
Der Abgeordnete Martin hat einen Gesetzentwurf ein 
gebracht betreffs Einführung der Ehescheidung bei gegen 
seitigem Einverständnisse. 
London. Die letzten Nachrichten aus Halifax 
besagen, daß die Lage des Dampfers Bavaria, der am 
Sonntag auf einen Felsen aufgelaufen ist, hoffnungslos 
erscheint. Ein Teil der Maschinenräume ist bereits unter 
Wasser. Alle Passagiere wurden gelandet, die Ladung 
wird an Bord von Leichtern gebracht. Man hegt die 
Befürchtung, daß das Schiff in der Mitte durchbrochen wird. 
Neuyork Nach den bisherigen Ergebnissen der 
Bürgermeisterwahl stehen sich Mc. Clallan und Hoarst 
gleich, sodaß das Ergebnis noch ungewiß ist. 
Neuyork. Ein Telegramm aus Holbrooke berichtet, 
daß eine Anzahl Personen den Plan ausgearbeitet habe, 
einen ungeheuren Meteorstein, der in der Nähe der Stadt 
cingegraben liegt, zu heben. Dieser Stein soll angeblich 
große Mengen Goldes enthalten und einen Wert von 
13 Millionen Dollar besitzen. 
Mgemeines. 
ff Eifenbahu-Verkehr mit Rußland. Die Kgl. 
Eisenbahndirektion Berlin macht bekannt: Güter nach Eidt- 
kühnen, truvsito für Rußland, werden nur für die Strecke 
Wirballen—St. Petersburg angenommen. — Der Re 
gierungsrat aus Berlin, welcher, wie gemeldet, infolge der 
Verkehrssperre in Rußland, in Moskau, woselbst er seinen 
Urlaub verbrachte, festgehalten worden war, ist durch den 
deutschen Generalkonsul daselbst ermittelt worden. Er ist 
dort allen Gefahren glücklich entgangen, konnte indeß, da 
Moskau wochenlang von allem Verkehr abgeschnitten war, 
seine Angehörigen weder brieflich noch telegraphisch benach 
richtigen. Inzwischen hat er St. Petersburg erreicht und 
von dort seiner vorgesetzten Behörde gemeldet, daß er auf 
dem Seewege zurückzukehren gedenke. Seit gestern ist 
übrigens, wie bereits mitgeteilt, auch der Eisenbahnweg 
über Wirballen nach Deutschland wieder frei, sodaß der 
„Vermißte" möglicherweise schon heute hier wieder ein 
treffen kann. 
Lokales. 
t Der Handel mit Blumen und Kränzen ist 
am Totensonntag auf die Dauer von 10 Stunden ge 
stattet und zwar in der Zeit von 7—10 Uhr Vormittags 
und 12—7 Uhr Nachmittags. 
f Anderer Leichenbeschauer. An Stelle des 
nach Hannover verzogenen Arztes Herrn vr. Seer ist dem 
praktischen Arzt Herrn Dr- med. Erich Schramm, 
Roennebergstraße 17, das Amt des Leichenbeschauers für 
den hiesigen Gemeindebezirk übertragen worden. 
f 8 neue Nachtwächter. Die Arbeiter Ferdinand 
Wollschläger und Johann Puhle sind als Nachtwächter 
unserer Gemeinde angestellt, vereidigt und bestätigt worden. 
f Bei der gestrigen Stadtverordnetenwahl der 
1. Wählerabteilung im 9. Bezirk (Friedenauer Ortsteil) 
wurde Stadtrat a. D. Leidig einstimmig gewählt. 
ch Veigetreteu. Der Gemeinde-Vorstand von 
Steglitz, der auf der kürzlich abgehaltenen Konferenz, die 
auf Einladung von Rixdorf im Berliner Rathause in 
Sachen der Beratung gemeinsamer Schritte gegenüber den 
Anträgen der Großen Berliner Straßenbahn-Gesellschaft 
stattgefunden hat, nicht vertreten war beschloß sich dem gemein 
samen Vorgehen des Berliner Magistrats und sämtlicher 
Vorort-Gemeinden in allen Punkten vorbehaltlos anzu 
schließen. Es haben sich nunmehr alle Vororte mit dem 
Berliner Magistrat in dieser Frage vereinigt zu einem 
gemeisamen festen Zusammenschluß in der Frage der Ab 
lehnung der Kouzessionsverlängerung. 
-f- Als technischer Direktor der Großen 
Berliner Straßenbahn ist dem Vernehmen nach der 
Kgl. Eisenbahn-Bau- und Betriebs-Inspektor Aug. Meye: 
gewonnen worden, welcher die Stelle des verstorbenen 
Bauinspektors a. D. Marhold demnächst interimistisch zu 
übernehmen gedenkt. Bauinspektor Meyer, ein geborener 
Westfale, hat an der Kgl. Teschnischen Hochschule zu 
Hannover das Bauingenieurwesen studiert und in Berlin 
die Staatsexamina abgelegt; er steht jetzt im 48. Lebens 
jahre. Er ist nach Ablegung der Baumeisterprüfung in 
den Dienst der Staatsbahnverwaltung übergetreten und 
war zunächst im Eisenbahndirektionsbezirk Erfurt und dann, 
seit 1901 in Berlin tätig. Hier unterstanden ihm 
namentlich die Neubaustrecken an der Stettiner und der 
Nordbahn. Vom 15. d. Mts. an ist Herr Meyer auf 
seinen Antrag vom Staatsdienste beurlaubt. 
f Kronprinz und Schulkinder. Als in ker 
vorigen Woche unser Kronprinz der Deutschen Landwirt 
schaftsgesellschaft, — deren Präsident er für das Jahr 
1905/06 ist, — einen Besuch abstattete, erfuhren die 
Kinder, welche an dem Tage wegen des Reformations 
festes vom Schulunterricht befreit waren, von dem Aufent 
halt des Kronprinzen. In kaum 10 Minuten war die 
ganze Straße so dicht gefüllt, von der fröhlichen Kinder 
schar, daß ein Polizeiaufgebot von 2 Leutnants und 
mehreren Schutzleuten kommandiert wurden um die Ordnung 
aufrecht zu erhalten. Fast sämtliche Kinder waren mit 
Nelken, der Lieblingsblume des Kronprinzen, versehen. 
Als sich der Kronprinz nach zirka 1*/z Stunden von der 
Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft verabschiedete, um im 
Automobil nach Potsdam zu fahren, wurde er, kaum daß 
erster <8aite. 
Roman von Franz Treller. 
9. (Nachdruck vrrbale».) 
Und nun? Jede Fiber seines Herzens bebte, als er des 
Zusammentreffens gedachte, das ein gütiges Schicksal ihn: be- 
eitet halte. Ihre liebliche Anniut, der Ton der Stimme — — 
er Hauch von Reinheit, der über ihr ganzes Wesen aus 
gebreitet war, wirkte berauschend gleich süßem Duft einer 
ölume. Mit nie gekannter Wonne überließ er sich dresem 
hm neuen Gefühle. 
Und sie? ^ 
Marie von Manrod kam zu Fuß mit geröteten Wangen 
lach Hause und sprach so lebhaft und dabei so sprunghaft 
iber verschiedene Themata, daß Fräulein Becker von dieser 
mgewohnten Weise überrascht war. Noch mehr erstaunte sie, 
ils sie Marie später auf ihrem Zimmer aufsuchte und sie m 
tränen fand. 
Auf ihre besorgte Frage antwortete sie nur: „Ich weiß 
licht, es kam so " und dann küßte sie ihre Erzieherin 
md lächelte glücklich durch Tränen hindurch. 
„Ich bin doch recht kindisch." 
In dem Häuschen, das Weber vor der Stadt bewohnte, 
herrschte seit jener so verhängnisvollen Entdeckung nicht mehr 
die sonst so behagliche und zufriedene Stimmung. 
Ein trüber Ernst beschattete die beiden alten Leute, dre 
es bewohnten. 
Finster und wortkarg ging Weber umher, und nur nur 
einer gewissen Scheu betrat er die Straßcir der Stadt und 
das Regierungsgebäilde, immer fürchtend, die möge ihm vor 
Augen kommen, die ihm einst so nahe gestanden hatte und 
jetzt von neuem sein einfaches Leben mit Unheil bedrohte. 
Rudolf war die seelische Verstimmung der beiden Menschen, 
die er mit so zärtlicher Liebe umfing, nicht verborgen geblieben, 
aber vergebens hatte er versucht, die Ursache zu ergründen 
und schließlich angenommen, sie auf dienstliche Unannehmlich 
keiten zurückführen zu müssen. 
Heute saß Weber bei seiner Schwester stumm und finster 
wie die Tage vorher. 
Sie nähte und richtete von Zeit zu Zeit einen Blick von 
der Arbeit auf sein männliches und setzt so gramvolles Ge 
sicht. 
Er steckte sich die Pfeife an aber sie ging bald 
wieder aus. .Der Satan fahre darein, ich halte dieses Leben 
nicht länger aus", und hastig ging er auf und ab. Besorgt 
sah seine Schwester zu ihm hin. 
Ein rascher, elastischer Schritt draußen, beide horchten 
auf, und als es klopfte, sagte Frau Steinniüller: „Es ist 
Rudolf, nimm Dich zusammen, Heinrich, und mach ein freund 
liches Gesicht, laß den Jungen nichts merken." 
„Ja, spiele Komödie, ich kann's nicht." 
„Ich hoffe, ich treffe Euch in besserer Stimmung als 
jüngst," sagte der Eintretende. 
„Ja, Junge," brummte Weber, der sich merklich Mühe 
gab, einen gutlaunigen Ausdruck zu erkünsteln, „die Stim 
mung — — wenn der Rheumatismus nicht wäre und mir 
Frau Steinmüller den Kopf nicht warm machte." 
„Ist der häusliche Friede gestört? Soll ich vermitteln?" 
„Nicht doch, Rudolf, wir sind ganz einträchtig, nur 
daß er von Zeit zu Zeit brummen muß. Setz Dich, Kind, was 
gibt es Neues in Deiner Welt? Hat sich Dein Bekannten 
kreis ausgedehnt?" 
„Nein, denn ich vermeide es, ihn zu vermehren. Die 
Frau Oberpräsident hat mich nebenher als Arrangeur 
eines großen Wohltätigkeitsbasars angestellt, und unserer Frau 
Präsidentin habe ich einen Besuch gemacht." 
Weber beschäftigte sich, das Haupt beugend, mit seiner 
Pfeife, Frau Steinmüller ließ ein leises Ah! vernehmen 
doch der junge Mann merkte weder das Eine noch das Andere 
und fuhr unbeirrt fort: „Und bin selbstverständlich eingeladen 
worden, chn zu wiederholen. Seltsame Frau, die Präsidentin !" 
Auch jetzt merkte der Redner nicht, mit welcher Spannung 
und innerer Erregung die beiden Leute aushorchten, und 
wenn er es bemerkt hätte, würde er dies nur verzeihlicher 
Neugier zugeschrieben haben, „sie hat eine beängstigende 
Art, Die Physiognomie der Leute zu studieren. Mir war das 
neu. Sonst aber war die Dame, die, nebenher bemerkt, eine 
schöne Frau ist, sehr liebenswürdig. Nun, man muß die 
Leute nehmen, wie sie sind. Auch der Präsident erschien und 
begrüßte mich." 
Er erzählte dann, was ihn: dieser von der Bekanntschaft 
und Waffenbrüderschaft seines Großvaters mit dem Urgroß 
vater, dem Oberst von Falkenhain, mitgeteilt hatte. 
Dies gewährte Weber und Frau Steinmüller Muße, ihrer 
Aufregung Herr zu werden. 
„Was für ein Mann ist denn der Präsident?" fragte Frau 
Steinmüller, deren Stinime doch etwas bebte. 
„Ein ungemein liebenswürdiger Vorgesetzter und jeden 
falls ein Mann von feinen Formen. Herr von Manrod 
macht den angenehmsten Eindruck." 
„So daß Du also gesellschaftlichen Verkehr da haben 
mußt?" 
Rudolf sah mit einem leuchtenden Blicke vor sich hin 
und sagte daun: .Ich hoffe, ja.".
        
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