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Periodical volume Nr. 261, 06.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

f Zur Beurteilung der Fleischpreise von 
Wichtigkeit ist eine amtliche Statistik, betr. die Ergebnisie 
der Schlachtvieh- und Fleischbeschau, sowie der Trichinen 
schau für den preußischen Staat. Die bisherigen. Er» 
Hebungen nach ' dieser Richtung hin bezogen sich immer 
nur auf die öffentlichen Schlachthäuser, während die jetzt 
zum ersten Male für das Vierteljahr 1. Juli bis 
30. September d. I. herausgegebene Statistik eine 
allgemeine ist. In Verbindung mit den Resultaten der 
amtlichen Viehzählungen wird sie später für die Be 
urteilung der Preissteigerungen auf dem Gebiete des 
Fleischmarktes eine sehr wertvolle Grundlage abgeben 
können. Die jetzt zum ersten Male vorliegenden Gesamt- 
Ergebniffe bieten immerhin schon einiges Interesse. In 
dem bezeichneten Vierteljahr wurden in der Monarchie 
nicht weniger als 1 825 532 Schweine untersucht und 
davon 120 trichinös und 721 mit Finnen behaftet 
befunden. Auf den Stadtkreis Berlin entfallen davon 
225 736 Stück, wovon 15 trichinös und 39 finnig. 
Pferde und andere Einhufer wurden 19 373 geschlachtet 
(in Berlin 3138), Hunde 318, davon die meisten (171) 
im Reg.-Bezirk Breslau (in Schlesien überhaupt 263). 
st 70. Geburtstag. Morgen begeht der Gemeinde 
diener Friedrich Stuhr, Albestraße 22. seinen 70. Ge 
burtstag. Das Geburtstagskind wohnt schon 22 Jahre 
im Ort und ist seit 15 Jahren bei unserer Gemeinde tätig. 
Herr Stuhr ist ein fleißiger, gewissenhafter Arbeiter, der 
trotz des hohen Alters seinem Posten mit großem Pflicht 
eifer vorsteht. Hoffentlich wird es dem Alten, zufolge 
der gesunden frischen Friedenauer Luft, vergönnt sein, 
noch viele Geburtstage hier erleben zu können. 
f Drei ernste dem Andenken tapferer Sol 
daten gewidmete Gedenkfeiern haben am gestrigen Sonn 
tag stattgefunden. Die erste galt dem Gedächtnis der mit 
der Kriegskorvette „Amazone" in den Novemberstürinen 
des Jahres 1861 untergegangenen Seeleute und war vom 
„Kriegerverein ehemaliger Matrosen der kaiserlichen Marine 
(Berlin)" am Amazone-Denkmal im Jnvalidenpark ver 
anstaltet worden. Unterstaatssekretär von Tirpitz und der 
Chef des Admiralsstabs der Marine Büchse! hatten mit 
ihrer Vertretung den Fregatten-Kapitän Voit, sowie die 
Kapitänleutnants von Alvensleben, Tayert und Zenker 
beauftragt. Außerdem bemerkte man den Kapitänleutnant 
Kunschmann und den Korvetten-Kapitän z. D. v. Haller- 
stein-Rohr. Das Marinekorps der Königl. Oberfeuer 
werkerschule hatte eine Abordnung unter dem Befehl des 
Oberleutnants Kiesel mit einer Kranzspende entsandt, 
ferner waren vertreten die Abkommandierten-Abteilungen 
des Admiralstabs und des Reichs-Marine-Amts, sowie 
der Marine-Abteilung der Jugendwehr. Um 4 Uhr rückte 
der Matrosen-Verein mit der Flagge an und legte einen 
Kranz nieder mit der Inschrift: „Der verschollenen Be 
satzung S. M „Amazone" — In aufrichtiger, treuer 
Kameradschaft." Der erste Vorsitzender Herr Willybald 
Weber hielt eine Ansprache, in der er die Verblichenen 
als Vorbilder von Gottesfurcht, Königstreue und Vater 
landsliebe pries, die ihrem Fahneneide bis zum letzten 
Atemzuge treu geblieben sind. Redner schloß mit einem 
Hoch auf den Kaiser. Hierauf fand eine Bekränzung des 
Denkmals statt. Daran schloß sich in Miethes Festsälen, 
Jnvalidenstraße 84/85, eine Feier des Seegefechts bei 
Havanna, das am 9. November 1870 zwischen den beiden 
Schiffen „Meteor" und „Bouvet" stattgehabt hat. — Um 
3 Uhr nachmittags hatten sich die in unserer Stadt lebenden 
Franzosen auf dem alten Garnisonskirchhof in der Hasen 
heide eingefunden, um das Andenken der hier ruhenden, 
während der Jahre 1870/71 in Berlin gestorbenen fran 
zösischen Soldaten zu ehren. Das Denkmal, das dem 
Gedächtnis der Entschlafenen gilt, ist erneuert worden und 
hatte aus Anlaß der Feier zu beiden Seiten einen reichen 
Schmuck von immergrünen Blattpflanzen erhalten. Von 
der. französischen Botschaft waren der Militär-Attachö 
Marquis de la Guiche und der Marine-Attache Conte de 
Sugny, sowie Konsul Bourguois mit einer prachtvollen 
Kranzspende erschienen. Auch die Soci4t6 philanthropique 
de Berlin legte einen großen Lorbeerkranz mit blau-weiß- 
roter Schleife am Denkmal nieder. Conte de Sugny 
richtete herzliche Worte des Dankes an die Anwesenden, 
weil sie durch ihr Erscheinen das Andenken der braven 
Soldaten, die hier fern-von der Heimat zur letzten Ruhe 
gebettet worden sind, geehrt haben. Am Vormittag hatte 
eine Abordnung der Sici6t6 philanthropique auf dem 
alten Garnison-Kirchhofe in der Müllerstraße die Gräber 
der hier ruhenden, französischen Krieger aus den Jahren 
1813, 14, 15 und 1870/71 würdig geschmückt. 
mit der er einen zweiten Ehebund eingeg .»gen war. 
Mariens Mutter starb bald nach der Tochter Geburt. Ihr 
Vater sah die verwitwete Marquise de Fleury in Tronville 
und faßte für die verführerische Frau eine so leidenschaft- 
liche Neigung, daß er ganz deren Sklave wurde. Es zeigte 
sich, daß Äiad mie de Fleury, deren Gatte der Armee angehört 
halte, aus dem edlen tschechischen Geschlechte Pacek stammte. 
All: Bedenken, die gegen diese Heirat des bereits be 
jahrten Herr,! mit einer Dame, die niemand eigentlich kannte, 
über deren Galten und über dessen Tätigkeit am Spieltische 
wunderliche Gerüchte umliefen, geltend gemacht ivurdcn, 
zerstäubten in nichts vor der gewinnenden Anmut der 
Marquise. 
Fleury gehörte tatsächlich einer alten vornehmen Fa- 
niilie an. nach der Schilderung seiner Frau ein' vollendeter 
Kavalier, der seine bescheidene Existenz als pensionierter Mili 
tär mit unvergleichlicher Würde trug. 
Herr von Manrod hatte jahrelang in Paris den Posten 
eines Botschafters bekleidet, eine Stellung, die einer Sineclire 
glich, in der man ihn aber um so lieber ließ, als sein alter 
Name und vor allem sein großes Vermögen der Gesandtschaft 
nicht übel anstanden. Irgend welchen Einfluß besaß Manrod 
nicht und suchte ihn auch nicht. Er fühlte sich als Mit- 
glied der deutschen Botschaft, was ihm ein gewiffes Relief 
verlieh, fühlte sich in Paris, wo er ein glänzendes Haus 
machte, überaus wohl. Die Bedenken, die auch auf der Bot 
schaft gegen seine Heirat mit Frau von Fleury geltend ge 
macht wurden, wußte sie durch Beschleunigung der Heirat 
unwirksam zu machen. Ihre Zugehörigkeit zu der verbreiteten 
und augeiehenen Familie Pacek war unzweifelhaft, und 
f Gustav Adolf, Historisches Charakterbild in 5 
Aufzügen von Dr. Otto Devrient. Dieses gewaltige, er 
greifende Drama, welches gegenwärtig noch an 11 Spiel 
abenden bis zum 23. November im Neuen Kgl. Opern 
theater zur Aufführung gelangt, übt eine starke Anziehungs 
kraft auf alle evangelisch gesinnte Frauen und Männer 
Berlin- und der Umgegend aus. Ca. 500 Damen und 
Herren der besseren Stände wirken an diesem Stück mit, 
außerdem die Kgl. Schauspielerin Frau von Hochenburger 
und Herr Adolf Klein, Mitglied des Leffingtheaters. Herr 
Direktor Friedrich Moest, der die Spielleitung übernommen, 
hat wirklich alle Mühe angewandt, um ein vorzügliches 
Gesamtspiel zu bieten und hat an den Hauptrollen Kräfte 
gestellt, die den an sie gestellten Anforderungen im vollsten 
Maße gerecht werden. Das Drama selbst ist von er 
greifender Wirkung, durchzogen von dem damals bahn 
brechendem Geiste der Läuterung der unreinen Lehre, wie 
sie ein verdorbener Klerus dem Volke gegeben, durchzogen 
von dem Geiste zum Erwachen eines neuen Morgens im 
Glauben an das Wort, wie es von Anfang war. Als 
der 30jährige Krieg alles in deutschen Ländern verheerte 
und das treu an die reine Lehre Luthers hängende Volk 
geknechtet zu Boden lag und mit Hoffnungsblicken zu Gott 
den Helfer aus tiefer Not herbeisehnte, da kam wie ein 
Gesandter des Höchsten Gustav Adolf, der Schwedenköllig, 
in Deutsche Lande, um ohne Gier nach Eroberungen 
nur für die neue Lehre zu streiten, dem bedrückten Volke 
ein Retter zu sein. Vom Volke mit Freuden begrüßt, 
doch von den Fürsten mit Mißtrauen empfangen, betritt 
Gustav Adolf die pommersche Küste und bricht gegen 
Stettin auf. Von dem Pommernherzog Bogislaus, der um 
sein Land bangt, aufgehalten, schließt er einen Vertrag mit 
diesem, sodaß alsdann die Übergabe Stettins an Gustav 
Adolf erfolgt. In diesen Zeitpunkt versetzt uns der erste 
Aufzug des Stückes. Im 2. Aufzug sehen wir Gustav Adolf 
im kurfürstlichen Schlosse zu Köpenick, wie er im Geplauder 
mit dem Kurprinzen Friedrich Wilhelm, nachmaligem Großen 
Kurfürsten, auf seinen Schwager Kurfürsten Georg 
Wilhelm von Brandenburg wartet. Durch den ränke 
süchtigen katholischen Minister Schwarzenberg erhält 
Gustav hier Mitteilung von der Ablehnung Branden 
burgs und Kursachsens, sich mit ihm zu verbinden, eben 
falls von der Plünderung und Verbrennung Magdeburgs. 
In seinem Schmerze wird Gustav aber die Nachricht, daß 
die Protestanten aus Furcht vor der Katholisterung 
Magdeburg selbst in Brand gesteckt haben, was ihm wieder 
zum göttlichen Vertrauen belebt. Der wirkungsvollste 
3. Aufzug zeigt uns Gustav auf der Höhe seines Glücks 
und Ruhmes in Frankfurt a. Main, wo er der Ver 
suchung die Kaiserkrone Deutschlands anzunehmen sieghaft 
widersteht und sich nur als Beschützer der protestantischen 
Welt bezeichnet, und nach langen Jahren seine Gemahlin 
wiedersieht, die ihm warnt die Deutsche Kaiserkrone anzu 
nehmen. Im 4. Aufzug sehen wir Gustav Adolf von 
Nürnberg, wo er diese Feste von Wallenstein, der sie be 
lagert, befreien will. Gustav Adolf bemerkt jetzt auch 
unlautere Elemente in seinem Heer, die er bestraft und 
ausscheidet. Auch erkennt er, daß der Deutsche niemals 
einen Fremden als Herrn anerkenne und so lebt er 
wieder auf in dem Glauben an die Reinheit seiner 
Sendung, um nur für den Frieden des protestantischen 
Glaubens zu wirken. Im ersten Teil des 5. Aufzuges, 
sehen wir Gustav Abschied nehmen von seiner teuren 
Gattin und Tochter in Erfurt zum letzten großen Strauß 
der Besiegung Wallensteins. Seinem Freunde, den großen 
Reichskanzler, gibt er Aufschluß über sein Testament, das 
für Weib und Tochter liebevollst sorgte und die Gründung 
eines mächtigen evangelischen Bundes unter Schutz und 
Leitung des Brandenburgischen Kurfürsten. Der 2. Teil 
des letzten Aufzuges führt uns nach Weißenfels, wo die 
Gemahlin Gustav die Kunde von dem Siege über Wallen 
stein erhält. Aber mit dieser Freudenkunde dringt auch 
die Trauerkunde von dem Tode des geliebten Gatten ihr 
zu Ohren. Wirklich tief ergreifend ist dann der Augen 
blick als der tieftrauernden Königin der tote Gemahl ge 
bracht wird. Aber alles lebt auf in dem Lobpreisen des 
Mannes, der das protestantische Reich, die reine Lehre 
Luthers vor schmählichen Untergange bewahrt hat. So 
übt das Stück einen gewaltigen Eindruck auf den Zu 
schauer aus und gibt ihm die Stärke zum Fest 
halten an den protestantischen Glauben zugleich aber 
auch ein Erinnern an die Tage der bittersten 
Not und seligsten Freude, die dem Protestantismus in 
seinem Entstehen bereitet waren. So steht zu hoffen, 
daß das Drama, welches von Personen, die wirklich das 
Vorzüglichste leisten, dargestellt wird, auch für die ferneren 
Maurod 'der ausgezeichnete Verbindungen am Hose hatte, 
wußte dorl leine Gemahlin in einem Lichte erscheinen zu lassen, 
das alle nachteiligen Gerüchte Lügen strafte. 
Der glückselige Dianrod nahm auch den Sprößling 
des weiland Kapitäns de Fleury mit seiner anmutigen Gattin 
mit in den Kauf und übergab ihn dem Institut von St. Cyr, 
um ihn dort für die Armee erziehen z» lassen. Von seilen 
des Hofes wurden keine Einivendungcn gegen Manrods 
Heirat erhoben, und er verblieb in der Stellung als Botschafts 
rat. Seine Gattin mußte in den ihm zugänglichen Kreisen 
empfangen werden und verstand, unterstützt von einem ge 
winnenden Aeußeren, guten geselligen Manieren und der 
ganzen Geschmeidigkeit der Slavin, sich dort Boden zu ver 
schaffen. dank ihrer Klugheit und der angesehenen Familie 
ihres Gemahls. 
Von dem Augenblicke an, wo die neue Mutter ein- 
zog. vereinsamte Marie Manrod. Ihr Vater, ganz in der 
Anbetung seiner reizenden Gattin versunken und sehr den ge 
sellschaftlichen Vergnügungen zugetan, vernachlässigte sie mehr 
und mehr. Er fand in dem gesellschaftlichen Treiben von Paris 
keine Zeit, sich um das Kind zu bekümmern, und war zu 
frieden, wenn er es dann und wann sah und wohl aus 
sehend fand. Die Stiefmutter bekümmerte sich um ihr Stief- 
töchterchen noch iveniger. 
Zum Glück besaß Marie von Manrod in Fräulein 
Becker, ihrer Gouvernante, nicht nur eine treffliche Erzieherin, 
sondern auch eine warmherzige, mütterliche Freundin, der 
man getrost das Kind überlasse» konnte. 
So wuchs Fräulein von Manrod heran, einsam im 
elterlichen Hause. Von Zeit zu Zeit erschien ihr Stiefbruder 
Aufführungen volle Häuser erlebt. Der Vorstellung am 
10. November (der Geburtstag Martin Luthers) soll vor 
aussichtlich Ihre Majestät die Kaiserin beiwohnen. 
-j- Hohenzolleru-Theater. „Die bezähmte Wider 
spenstige", das populärste Lustspiel deS berühmten 
englischen Dramatikers Shakespeare, wird am Dienstag, 
den 7. November, in einer ganz vorzüglichen Besetzung in 
Szene gehen. Die Titelrolle spielt eine Künstlerin aller 
ersten Ranges, Frl. Trude Mangelsdorff vom Königl. 
Schauspielhaus in Berlin, welche speziell in dieser Rolle 
ganz hervorragendes leistet und die Rolle nicht nur in 
Berlin, sondern auch auf ihren Gastspielreisen an den 
vornehmsten Hoftheatern Deutschlands mit glänzendem 
Erfolge zur Darstellung gebracht hat. Schon daS Gast 
spiel dieser Künstlerin allein ist den Besuch dieser Auf 
führung wert. Den Petruchio spielt Herr Stegemann, 
eine Rolle, welche diesem vortrefflichen Künstler ganz 
besonders gut liegt. Ferner sind auch die Herren 
Günther, Unger, Cordes, Hermann, sowie Frl. Römer in 
Hauptrollen beschäftigt. Vom künstlerischen Standpunkte 
aus dürfte' also diese erste Klasstkeroorstellung in dieser 
Saison sich zu einer äußerst intereflanten und sehens 
werten gestalten. Von allen Lustspielen Shakespeare's 
ist „Die bezähmte Widerspenstige" ein ständiges Repertoir- 
stück aller guten Theater geblieben. Unseren hiesigen 
Theaterfreunden sei es ganz besonders empfohlen, diese 
Ausführung zu besuchen. Das Stück wurde wieder von 
dem neuengagierten Oberregiffeur Herrn Aldoin Unger- 
Restdenztheater in Wiesbaden in Szene gesetzt. 
t Ferienkolonien. Mittwoch den 8. d. M., 
Abends 8 l / 4 Uhr findet im Sitzungssaal des Gymnasiums 
ein Sitzung des Vorstandes und Ausschusses des „Friedenauer 
Verein für Ferienkolonien" statt. Auf der Tagesordnung 
steht u. a. die Abhaltung eines Konzerts im Januar 1906. 
f Die SanitätSkoloune hatte gestern eine Übung 
und Revision der Gesamteinrichtungen. Besonders gefiel 
die praktische und geschmackvolle Uniformierung der Kolonne 
und waren es vor allem die neuen Mäntel, deren Vor 
züge Anerkennung fanden. Es meldeten sich wieder acht 
neue Mitglieder und wird die Kolonne in kürzester Zeit 
wiederum Aufrufe zum Beitritt erlassen. 
f Mäuner-Turnverein. Zu dem am letzten 
Sonnabend im „Hohenzollern" veranstalteten Kränzchen 
hatten sich sehr viele Mitglieder und Freunde des Vereins 
eingefunden. Nach einigen Mustknummern folgten zunächst 
Gesangs-Vorträge der Sangesriege, welche reichen Beifall 
fanden. Diese Riege verfügt über gutes Stimmmaterial, 
sodaß sie sich getrost mit jedem Gesangverein messen kann. 
Nunmehr trat der Tanz an die Reihe. Unterbrochen wurde 
dieser zunächst durch von Mitgliedern der Männerabteilung 
exakt ausgeführte Eisenstabübungen. Das Theaterstück: 
„Eine Muster-Riege" erntete ebenfalls wohlverdiente 
Beifallsbezeugungen. Ein jeder Mitwirkende suchte das 
Beste zu bieten, soweit man es eben von Dilettanten er 
warten kann. Nachdem noch 12 Turnerinnen einen im 
Walzerschritt gehaltenen Reigen mit Anmut und Grazie 
sicher aufführten und ein Contre-danze Abwechselung in 
die Rundtänze brachte, schritt man zur Kaffeetafel. Der 
Vorsitzende, Herr Rechnungsrat Evers, begrüßte nunmehr 
die erschienenen Mitglieder und Gäste und drückte seine 
Freude über die zahlreiche Teilnahme aus. Er gedachte 
in seiner Ansprache auch des herben Verlustes, welcher den 
Verein durch das Ableben seines Ehrenvorsitzenden, Herrn 
Gust. Retzdorff betroffen hatte. Zum Andenken an den 
Verstorbenen erhoben sich die Anwesenden von ihren 
Plätzen. Der Herr Vorsitzende bemerkte noch, daß man 
auch fernerhin im Geiste Retzdorffs weiterwirken wolle 
und schloß seine Ansprache mit 3 fachem „Gut Heil" auf 
das weitere Wachsen des Turnvereins. Die SangeSriege 
erfreute nun noch einmal mit ihren Vorträgen und wurde 
dann Terpstchore bis zum Erwachen deS Tages gehuldigt. 
Es schien als wäre die Nacht viel zu kurz, denn schwer 
trennte man sich von der Stätte, die so herrliche, ver 
gnügte Stunden geboten hatte. 
f Beschluß. Die am 1. November 1905 in Berlin 
versammelten Filz-, Reise-, Hausschuh- und Pantoffel- 
Fabrikanten sind von der Notwendigkeit einer PreiS- 
tehöhung für das fertige Fabrikat, entsprechend der 
Steigerung der Rohwarenpreise, überzeugt und beschließen: 
Die Preise für sämtliche Fabrikate in bisherigen Qualitäten 
sofort um mindestens 5 bis zu 15 Prozent je nach 
Teuerung der Rohprodukte zu erhöhen. 
f Für Stotterer eröffnet die Denhardt'sche Sprach- 
Heilanstalt in Loschwitz bei Dresden am 15. November 
ihre diesjährigen Freikurse, in welchen unbemittelte Sprach- 
leidende unentgeltliche Heilung ihres Übels finden. Aust 
in diesem,' und der Sprößling deS Marquis verstand es 
trefflich, sich dem jungen Mädchen durch leichtfertige LebenS- 
anschauungen und freies Benehmen widerwärtig zu machen. 
Auch die Einführung der jungen Dame in die Gesellschaft 
brachte sie den Eltern nicht näher. 
Als ihr Vater endlich, den gesellschaftliche« Anforderungen 
wohl nicht mehr gewachsen, ,eine Stelle bei der Botschaft 
aufgab, um nach Deutschland überzusiedeln, deuchte ihr dar 
als eine Erlösung. 
Herr von Manrod, der nicht ohn« weiterer in dar Privat 
leben zurücktreten wollte, verstand eS, sich durch feine einfluß- 
reichen Verbindungen nach oben hin die Stelle des Re- 
gierungspräsidenten zu verschaffen. Ein Freund der Arbeit 
war er nicht, aber er war klug genug, die bewährten Be- 
amten seines Ressorts ungestört ihre« Amtes wallen zu lassen, 
und kehrte überall den wohlwollenden Chef hervor, der dauk- 
bar die Verdienste der ihm Untergebenen anerkannte. So 
kam er ganz gut aus. 
Fräulein von Manrod lebte auch in der deutschen Pro- 
vinzialstadt einstweilen noch einsam. Seit früher Jugend 
daran, gewöhnt, fühlte sie ihre Einsamkeit nicht und war froh, 
deutsche Lust atmen zu könne» und ihre Muttersprache überall 
zu hören. Vom Leben wußte sie wenig und ein Man», der 
ihr Herz höher schlagen gemacht hätte, war ihr noch nicht 
erschienen. 
Daß die Frau Präsidentin mit dem Gedanke« umqing, 
diese reiche Erbin, die auch bedeutendes mütterlicher Vermögen 
besaß, mit ihrem Sohne erster Ehe zu vermählen, ahnte 
Marie von Manrod nicht. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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