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Periodical volume Nr. 261, 06.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den ßriedenaner Ortsteil von Schöneberg und den Vezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Zeitung für lrommmle 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Kr. 261 
Friedenau, Montag den 6. November 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Dresden. Gestern erschoß sich im Schloßhof der 
Residenz der Sohn des Generalmajors Preußer. 
Stuttgart. Ein Eisenbahnunfall hat im Rosenstein- 
Tunnel bei Cannstadt stattgefunden. Die Lotomotive 
und der- Speisewagen des Orientexpreß wurden erheblich 
beschädigt. Das ausströmende Gas entzündete sich, der 
Brand wurde aber rasch gelöscht. Der Orientexpreß 
Stuttgart—Paris mußte ausfallen. Nach angestrengter 
Nachtarbeit waren beide Geleise wieder fahrbar. Der 
Materialschaden beträgt 150 000 M. Die Passagiere des 
Nachtschnellzuges Horb—Stuttgart mußten von Cannstatt 
teils zu Fuß, teils zu Wagen Stuttgart erreichen. 
Prag. Die Excesse und Gewalttätigkeiten der Wahl 
rechtsdemonstranten dauerten die ganze Nacht hindurch. 
Polizei und Militär wurden mit Revolverschüssen, Steinen 
und Biergläsern angegriffen, sodaß sie schließlich von der 
Waffe Gebrauch machen mußten. Zahlreiche Personen 
wurden verwundet, eine Person ist bereits gestorben. Die 
Zahl der Verhafteten beträgt weit über 100. Bei den 
Verhafteten, unter denen sich ein russischer Student aus 
Poltawa befand, wurden Dolche, Messer und Revolver ge 
funden. Verschiedene Stadteile bieten ein Bild der Zer 
störung. Auf dem Belvedere-Platz sind sämtliche Gas 
laternen zertrümmert. 
Wien. In der gestrigen Sitzung des Verbandes 
der Bautechniker Österreichs wurde eine Resolution an 
genommen, welche die geforderte Verschärfung der Bau 
meisterprüfung verwirft. 
Warschan. Hier eingetroffene Personen berichten, 
daß die Schreckensszenen in Kiew fortdauern. Tag und 
Nacht wird gemordet und geplündert, der Pöbel beherrscht 
die Straße, ohne daß Militär und Polizei einschreiten. — 
Gestern ist der erste Zug aus Petersburg eingetroffen, 
weitere fallen heute folgen. Gerüchtweise verlautet, daß 
den Polen sehr bedeutende Konzessionen zugestanden 
sein sollen. 
Petersburg. Die Behörden sind damit beschäftigt, 
die in die Amnestie einbezogenen politischen Gefangenen 
frei zu laffen. Gestern wurden 273 von 400 politischen 
Gefangenen in Freiheit gesetzt. Aus Don wird berichtet, 
daß bei dem Brand eines Schuppens, in welchem sich 
zahlreiche Revolutionäre versammelt hatten, 800 Personen 
umgekommen sind. 
Odessa. Ein ganzes Stadtviertel ist zerstört. Die 
Universitätsgebäude sind zu zwei Dritteln von Truppen, 
der Rest von Studenten besetzt. Die letzteren haben sich 
in den von ihnen besetzten Gebäuden verschanzt; sie 
beabsichtigen, sich mehrerer Gebirgsgeschütze zu bemächtigen, 
um diese zum Schutze der zahlreichen Frauen und Kinder, 
welche in der Universität untergebracht sind, saufzustellen. 
Paris. „Petit Parisien" meldet aus Odessa: Die 
Zahl der Toten bei den bisherigen Unruhen beläuft sich 
auf 3500 und die Zahl der Verwundeten auf über 12000. 
Alle Spitäler, ein Dutzend Schulen, sowie zahlreiche 
Privathäuser, welche in Krankenhäuser umgewandelt 
wurden, sind überfüllt. In einem Stadtviertel blieben 
über Tausend Tote in einer Nacht bis zum nächsten Mittag 
auf den Straßen liegen, bis die Behörden den Befehl 
gaben, die Leichen zu sammeln und zu beerdigen. — Der 
„Eclair" meldet aus Petersburg, gerüchtweise verlautet, 
daß Graf Jgnatiew neue Pläne gegen den Grafen Witte 
schmiede, welche dahin gingen, diesen abzusetzen. Die 
Anhänger bereiteten augenblicklich eine Petition vor, die 
dem Zaren übermittelt und worin diesem mitgeteilt 
werden soll, daß Witte sein Versprechen, die Ruhe wieder 
herzustellen, nicht gehalten habe. — Nach einer Peters 
burger Meldung des „Matin" ist in Libau ein ganzes 
Regiment Infanterie zu den Revolutionären übergegangen 
und zwang eine Abteilung Kosaken, gegen die Menge 
nicht einzuschreiten, sondern sich zurückzuziehen. 
Paris. Nach einer Meldung aus Tanger hat Raisuli 
einen französischen Schutzbefohlenen verhaften lassen. — 
In Bordeaux traf gestern der Dampfer „Chili" ein, an 
Bord dessen sich ein Teil der von dem Millionendieb 
Galley entwendeten Summe, sowie die Juwelen seiner 
Geliebten befinden. — An dem gestrigen Festessen der 
Mutualisten in der Maschinengalerie nahmen 53 000 
Personen teil. 
London, Der „Standard" meldet aus Odessa, der 
in den Tagen angerichtete Schaden belaufe sich auf über 
eine Million Pfund Sterling. 
Montreal. Die Beschädigung des vorgestern bei 
Wycrock unterhalb Quebeck gestrandeten Passagierdampfers 
„Bavarian" ist bedeutend schlimmer, als anfangs geglaubt 
wurde. Der Totalverlust ist wahrscheinlich. Die Passagiere 
wurden unverletzt in Quebeck gelandet. 
Allgemeines. 
0 Der Paketverkehr nach Deutsch-Sndwest- 
afrika ist nach einer Bekanntmachung des Reichspost 
amtes wieder eröffnet worden. Die im Tarif angegebenen 
Taxen werden aber nur für die Beförderung bis Lüderitz- 
bucht bezw. Windhuk gerechnet; die Weiterbeförderungs 
kosten bis Keetmanshoop bezw. Gibeon werden vom 
Empfänger eingezogen. Für die Lieferung der Pakete 
nach Bethanien (ab Lüderitzbucht), nach Nasuus (ab Keet 
manshoop) rc. haben die Empfänger selbst zu sorgen. Privat- 
Pakete an Militärpersonen werden durch die Kaiserliche 
Schutztruppe bis Keetmanshoop bezw. Gibeon kostenlos 
weiterbefördert. 
Lokales. 
t Inbetriebsetzung der Schöneberger Puuip- 
statio». Wie der Magistrat in Schöneberg unserm Ge 
meindevorstand heute mitgeteilt hat, ist die dortige Kana 
lisationsanlage am Donnerstag, den 2. d. Mts., in Be 
trieb genommen worden. Seit diesem Zeitpunkte sind 
auch die Friedenauer Abwässer nicht mehr in die Char 
lottenburger Kanäle abgeführt worden. 
t Eine Revision der Feuerlöschgeräte wurde 
gestern hier abgehalten und alles in bester Ordnung be 
funden. Nach dieser fand dann auch eine Revision der 
Spreng- und Waschwagen statt und wurden auch hier zu 
friedenstellende Resultate erzielt. 
f Ein Heister Wahlkampf fand am Sonnabend 
in der 2. Wählerklasse des Friedenauer Ortsteils von 
Schöneberg statt. Mit 77 Stimmen wurde Brunnenbau 
meister Treugebrodt zum Stadtverordneten wieder 
gewählt. Der Gegenkandidat, Hausbesitzer Stahl, erhielt 
49 Stimmen. 
f Eine „Ansprache an die Bevölkerung" ver 
öffentlicht aus Anlaß der am 1. k. Mts. stattfindenden 
Volkszählung das Kgl. Preuß. Statistische Landesamt. 
Nachdem darin auf die Bedeutung der diesjährigen Auf 
nahme für die Wissenschaft und Praxis hingewiesen worden, 
wird betont, daß, obwohl etwa eine Viertel Million Zähler 
bei den einzelnen Haushaltungen im ganzen Staate vor 
sprechen werden, der Bevölkerung selbst verhältnismäßig 
wenig Arbeit aus dem Zählgeschäft erwächst. Die Haus- 
haltungsvorstände (Familienhäupter) haben nur die Zähl 
papiere in Empfang zu nehmen, sie gemäß der Anleitung 
auszufüllen und sie am 1. Dezember Mittags zur Ab 
holung durch den Zähler bereit zu halten. Die Fragen 
der Zählpapiere, so wird hervorgehoben, sind nicht zahl 
reich, durchweg einfach und völlig unverfänglich: „niemals 
werden die durch die Zählung gewonnenen Nachrichten 
über einzelne Personen veröffentlicht oder für andere als 
statistische, besonders auch nicht für steuerliche Zwecke be 
nutzt. Die aus den Zählpapieren gewonnenen Ergebnisse 
gehen in allgemeine Tabellen über, in welchen der 
einzelne Mensch nicht mehr erkennbar ist. Die Zähl 
papiere selbst werden nach beendigter Arbeit eingestampft; 
jedermann darf danach sicher sein, daß die Angaben seiner 
Zählkarte über Alter, Religion, Staatsangehörigkeit, 
Militärverhältnis, Beruf und Erwerb, etwaige Mängel' 
und Gebrechen rc. nicht vor unberufenen Augen kommen 
oder an die Öffentlichkeit gelangen." Auf ein vertrauens 
volles Entgegenkommen der Haushaltungsvorstände, wie 
der ganzen Bevölkerung, auch hinsichtlich der von einzelnen 
Gemeinden gestellten Fragen dürften die Zähler hiernach 
um so eher rechnen, als diese ihre umfangreiche, mühe 
volle Arbeit fast sämtlich freiwillig übernommen hätten 
und dem Gemeinwesen dadurch wertvolle Dienste leisteten. 
Das Gelingen der Aufnahme hänge wesentlich von dem 
Zusammenwirken der Zähler mit den Haushaltungs-Vor 
ständen ab; diese würden daher ersucht, den Zählern ihr 
Amt nach Möglichkeit zu erleichtern und ihnen unnütze 
Gänge und Arbeit zu ersparen. Die Zähler genössen zwar 
in der Ausbildung ihrer Pflichten den besonderen Schutz 
der Gesetze, eS würde aber wohl kaum einer von ihnen 
diesen anzurufen brauchen, sondern alle würden ohne 
Weiteres die Rücksicht finden, die jeder für das allgemeine 
Beste arbeitende Staatsbürger beanspruchen dürfe. Das 
Kgl. Statistische Landesamt endlich werde das Seinige 
tun, um den Urstoff der Aufnahme möglichst schnell auf 
zubereiten und ihn durch ausgiebige Veröffentlichung für 
die Gesetzgebung, Verwaltung, Wissenschaft und Volks 
wohlfahrt nutzbar zu machen, 
erster Gatte. 
Roman von Franz Treller. 
7. (Nachdruck verböte») 
Als Rudolf von Falkenhain das Zimmer der Präsidentin 
hinter sich gelassen, nmßle er sich erst den Eindruck zurecht 
legen, den er dort empfangen hatte. 
Er hatte den Diener der ihn hinabgeleiten wollte, zurück 
gewiesen und schritt jetzt durch das Vestibül. 
„Schade, daß die Tochter des Hauses nicht zugegen ge 
wesen," dachte er. „Von welch rührender Schönheit sie ivar 
in ihrer Sorge unr die Stiefmutter — — eine anmutige, 
herzgewinnende Menschenblüte." 
Er nahte sich der Tür, als diese aufging und er das 
Original des Bildes in seinem Innern vor sich erblickte. Er 
sah mit staunender Freude in die sanften Augen und wohl 
mußte diese, vereint mit inniger Bewunderung, in seinen 
Blicken zu lesen sein. denn ein leichtes Rot überzog das 
jugendliche Antlitz des Mädchens und schüchtern senkte sieZdie 
JJibct. 
Rasch riß er jetzt den Hut herunter, und mit leichtem 
Kopfnicken schritt sie an ihm vorbei. Er stand draußen und 
wußte gar nicht, wie ihm geschehen war, zaubergleich hatte 
sich Traum in Wirklichkeit verwandelt, nur daß diese noch 
schöner war als das Gebilde seiner Phantasie. 
Er hatte deutlich gefühlt, daß etwas durch sein Herz 
zuckte, als sic so überraschend vor chm stand. „Welch ein 
seltenes Menschenbild." . 
Er schritt weiter und iah immer noch das erratende Ge 
sicht des jungen Mädchens vor sich, als der Ausruf eines 
seiner Kollegen cs verichcnchte. 
„Nun, Herr von Falkenhain. Runde bei den lieben Klatsch 
basen gemacht?" lautete die Frage des jungen Rcgierungs- 
ratcs von Lahrbusch, eines Herrn mit dem behaglichen Aeußern 
eines Lebemannes. 
„Ich habe einen Besuch bei Frau von Manrod abgestattet." 
„Äh interessant. Habe ja gehört, haben der Dame 
Ritterdienste geleistet, Leben gerettet oder so was. Wie war's 
denn?" 
Belustigt sühtte Rudolf seinen Ritterdienst auf das ge 
bührende Maß zurück. 
„Sagen Sie, Falkenhain, ist sie wirklich noch so hübsch, 
wie man sagt?" 
„Sie steht auffallend gut aus und muß in der Tat 
schön gewesen sein." 
„Haben Sie die allerliebste Kleine auch gesehen?" 
„Wenn Sie damit Fräulein von Manrod meinen," er 
widerte Rudolf ernst, „so bin ich ihr eben begegnet." 
Der Andere überhörte den Ernst im Tone des Assessors 
und fuhr neben ihm hinschreitend fort: 
„Ist Ihnen auch der französische Bengel ausgestoßen?" 
„Ich weiß in der Tat nicht, wen Sie damit meinen." 
„Run, ihr Sohn erster Ehe, sie war ja Witwe eines fran 
zösischen Offiziers, ehe der Präsident sie zur Frau von 
Manrod machte. Dieser Marquis de Fleury, den der Herr 
Präsident hat mit in den Kauf nehnien müssen, ist das ent'ant 
terrible des Hauses. Sie werden diesen Pariser Affen noch 
kennen lernen." 
„Sie wissen, wie gering mein gesellschaftlicher Ver 
kehr ist." , , 4 
„Nun ia, hat auch etwas für sich. sind wenigstens vor 
Gefahren geschützt," — Lahrbusch machte eine Pause. 
„Nun?" 
„Nehmen Sie sich vor Witwen in acht, die sind ge 
fährlich für llnsereinen, sie werfen ihre Netze aus — na — 
aber Sie sollten mehr in Herrengesellschaft komnien, Kollege. 
Taugt doch nichts, den ganzen Tag büffeln. Lassen Sie sich 
doch im Club sehen, man muß doch die Kollegenschast kennen 
lernen. Das französische Früchtchen hat sich bei uns schon 
eingefunden, und ich glaube, ich gehe nicht irre, wenn ich an 
nehme, daß inan ihm schon angedeutet haben würde, daß 
seine Anwesenheit nicht angenehm iväre, wenn er nicht der 
Stiefsohn des Präsidenten sein würde. Also lassen Sie sich 
bald sehen. Adieu Kollege, da drüben kommt Exzellenz 
Haderslebcn, die Vorsteherin sämtlicher Kleinkiuderbewahr- 
anstalien, äußerst einflußreiche Dame. will sie im Vorüber 
gehen ehrerbietigst begrüßen. Auf Wiedersehen!" 
Und davon eilte der Regierungsrat über die Straße, um 
gleich darauf eine ältere korpulente Dame zu begrüßen und 
an ihrer Seite fortzuschreiten. 
Tie Neuheiten aus dem Präsidentenhause berührten Rudolf 
weni; Warum sollte Madame nicht die Witwe eines franzö 
sischen Offiziers sein? Eine Französin ivar sie sicher nicht, 
das hörte man an ihrem Deutsch. Und das Fräulein? 
„Allerliebste Kleine." Welch ein Ausdruck dieser so kindlich 
reinen, madonnenhaften Schönheit gegenüber! 
Lahrbusch, der ihm sonst sehr sympathisch war, hatte 
doch noch viel Burschikoses an sich. 
Langsam schritt er weiter seiner Behausung zu, die er sich 
bei einer älteren Witwe gemietet hatte. 
* * 
* 
Marie von Manrod führte im Hause ihres Vaters eine 
wenig beneidenswerte Existenz. Trotzdem er ihr mit auf 
richtiger Liebe zugetan war, stand er doch, selbst ioaS sein 
inneres Leben anlangte, ganz unter - cm Einfluß der Frau,
        
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