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Periodical volume Nr. 259, 03.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Nr. 269 
Friedenau, Freitag den 3. November 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Hannover. Gestern Nachmittag fand unter großer 
Beteiligung der Bevölkerung die Beerdigung der fünf 
Opfer der Eisenbahnkatastrophe von Langenhagen statt. 
Trier. Bei einem Zimmerbrande ist ein kjähriger 
Knabe verbrannt, der zusammen mit seinen Geschwistern 
von den Eltern eingesperrt war. 
Wien. Es verlautet bestimmt, daß Gautsch vom 
Kaiser die Zustimmung zu einer Vorlage bezüglich des 
allgemeinen Stimmrechts erhalten habe. 
Blättermeldungen zufolge, sind bei dem heule Nacht 
stattgefundenen Zusammenstößen zwischen Polizei und 
sozialdemokratischen Wahlrechtsdemonstranten 12 Personen 
schwer und über 60 leicht verletzt worden. Die „Arbeiter 
zeitung" fordert zu weiteren Demonstrationen auf. Die 
ebenfalls gestern in Prag, Graz und Lemberg statt 
gefundenen Wahlrechtsdemonstrationen sind ziemlich ruhig 
verlaufen. 
Warschau. Die Straßendemonstrationen dauerten 
bis in die späte Nacht. Beim Sächsischen Garten wurde 
das dort postierte Militär mit Revolverschüffen angegriffen, 
worauf dasselbe mit einer Salve antwortete. Mehrere 
Tumultuanten wurden getötet. 
Petersburg. Der Wortlaut des Dekretes, welches 
die Preßfreiheit gewährt, liegt in der Redaktion der 
„Nowoje Wremja" zur Einsicht aus. Graf Witte hat die 
Chefredakteure der Petersburger Blätter ersucht, von dem 
Inhalte Kenntnis zu nehmen und ihm eventl. Ab 
änderungsvorschläge zu machen. Die Chefredakteure 
werden insolgedeffen heute Abend mit dem Grafen Witte 
eine Unterredung haben. — Aus Nikolajew wird gemeldet, 
in der Stadt herrsche offener Aufruhr. Auf allen Straßen 
vernimmt man Gewehrfeuer. Zahlreiche Tote und Ver 
wundete liegen herum. Über 200 Bomben wurden 
geworfen, wodurch ebenfalls zahlreiche Personen ums 
Leben kamen oder gräßlich verstümmelt wurden. Der 
Anblick der Stadt ist ein trostloser. Die Mehrzahl der 
Läden wurde zerstört, nachdem sie vorher vollständig aus 
geplündert worden waren. 
Odessa. Mit der Verhängung des Belagerungs 
zustandes wird bestimmt, daß nach 7 Uhr Abends sich 
niemand mehr auf den Straßen sehen laffen darf und daß 
auf jede Person, die nach dieser Zeit am Fenster oder auf 
dem Balkon erscheint, geschoffen wird. Um 9 Uhr ist das 
Licht in den Häusern zu löschen. Gestern Nachmittag 
entwaffnete die Polizei und Truppen über 5000 Personen, 
welche Revolver bei sich trugen. 
Tiflis. Die Nachricht der Gewährung einer Ver- 
faffung veranlaßte mehrere 100 Personen, eine Kund 
gebung in den Straßen zu organisieren. Sie trugen rote 
Fahnen und sangen die Marseilaise. Der allgemeine 
Ausstand ist im Abnehmen begriffen. 
3§v erster Satte. 
Roman von Franz Trellcr. 
5. (Nachdruck »erböte») 
„Wenigstens haben die letzten der Generation als 
Soldaten die Schlackten des Vaterlandes mitgcfochlen, nur 
ich bin aus der Art geschlagen und habe zur Juristerei 
gegriffen." 
„Ihre Eltern leben noch?" 
Die Frage war so einfach und natürlich, daß üe ihn: 
gar nicht aufgefallen sein würde, wenn nicht der eigentüm- 
liche Ausdruck ihrer Augen stärker noch als vorher dabei 
hervorgetreten wäre. So fiel sie ihm auf und um so mehr 
seiner besonderen Familienverhäitnisse wegen. 
„Mein Vater ja, doch meine Mutter starb bald nach 
meiner Geburt." 
„Das ist ein harter Verlust", sagte sie langsam und 
starrte vor sich hin. „Und Ihr Vater ist noch im 
Dienst?" 
„Er hat bald nach dem Kriege die Uniform ausgezogen 
und ist in Civildienst übergetreten." , 
Die Frau Präsidentin scheint ja sehr wißbegierig zu sein, 
dachte er. , . . 
Weitere Fragen schnitt der Eintritt des Präsidenten ab. 
Er erhob sich, seinen Chef zu begrüßen,. der mit dem 
stereotyp freundlichen Lächeln auf dem mageren, etwas ab 
gelebten, aber nicht unsympathischen Gesicht, das von dünnem, 
mühsam geordnetem, gefärbtem Haar eingerahmt war, :hm 
zurief: . . 
„Behalten Sie Platz, Herr von Falkenhain, behalten Sw 
Platz, ich freue mich, daß Sie so rasch meiner Bitte nach 
gekommen sind, meine Frau brannte darauf. Ihnen Dank zu 
füQcn ** 
,!a®ic befindest Du Dick, meine Liebe? Doch ich sehe, 
daß die Frage überflüssig isr. Du siehst an Herrn von Falkcn- 
hain, daß unsFe flogen nicht allein aus v: Herren ve- 
Paris. Man erwartet für heute in der Kammer 
eine erregte Stimmung. Es wird heute die Interpellation 
über den Ausstand in Longwy beraten, wobei ein belgischer 
Arbeiter durch den Lanzenstich eines Ulanen getötet worden 
war. Der Kriegsminister wird die Interpellation beant 
worten. Wie verlautet, wird Rouvier ihm nicht zu Hilfe 
kommen, falls die Debatte für den Minister einen unbe 
friedigenden Ausgang nehmen sollte. 
London. „Central News" melden aus Petersburg, 
die einzige Person der kaiserlichen Familie, welche das 
Anerbieten des deutschen Kaisers, an Bord des Kreuzers 
„Lübeck" Rußland zu verlaffen, annehmen wird, ist die 
Zarin und zwar wegen ihres unbefriedigenden Gesundheits 
zustandes. 
Sitzung der Gemeindevertretung 
vom 2. November 1905. 
Herr Bürgermeister Schnackenburg macht vor Ein 
tritt in die Tagesordnung nachfolgende Mitteilungen: Von 
Herrn Major Roenneberg, dem früheren Amts- und Ge 
meindevorsteher, ist dem Gemeindevorstand ein Schreiben 
zugegangen, in welchem in herzlichen Worten gedankt 
wird, für die vom Gemeindevorstand übersandten Glück 
wünsche und der prächtigen Blumenspende zur silbernen 
Hochzeitsfeier. Aus dem Brief spricht ein freudiger Lokal 
patriotismus und schreibt Herr Major Roenneberg, daß er 
auch ferner gern bereit sei, für Friedenau in jeder Weise 
zu wirken. — Herr Regierungsbaumeister Kriesmann teilt 
in einem Schreiben mit, daß er die Stelle als sachver 
ständiger Beirat der Gemeinde niederlege Und begründet 
dieses darin, daß Friedenau durch den koloffalen Auf 
schwung an Bautätigkeit zugenommen habe und seine 
Arbeitskraft und seine Zeit nicht mehr ausreiche, um alles 
zu bewältigen. Der Herr Bürgermeister bemerkt zu 
dieser Sache, er möchte aussprechen, daß Herr Kriesmann 
sein Amt in seltener Pflichttreue und mit unermüdlichem 
Eifer jederzeit zum Besten der Gemeinde erfüllt habe. 
Er (der Herr Redner) habe in den Städten, wo er tätig 
war, nicht eine solche tüchtige Kraft angetroffen, wie sie 
Herr Kriesmann ist. In Friedenau sind in letzter Zeit 
sehr viele Neubauten entstanden, wenn sich da nun 
Schwierigkeiten ergeben haben, alles gewiffenhaft zu er 
ledigen, so läßt sich dies ja denken. Er bittet die Ge 
meindevertretung um ihre Zustimmung, daß er Herrn 
Kriesmann im Namen der Gemeinde den besten Dank für 
seine Tätigkeit ausspreche. 
Die verstorbene Frau Jda Retzdorff habe der Ge 
meinde ein Vermächtnis von 25 000 M. hinterlaffen. Die 
Verwaltung dieses Vermögens steht bis zu seinem Ab 
leben, dem Gatten, Herrn Willi Retzdorff zu, doch ist 
schon jetzt dem Gemeinde-Vorstand von diesem Ver 
mächtnis Mitteilung gemacht. Man könne einem Toten 
stehen, ganz abgesehen von unsern Referendaren, deren glück 
liches Selbstbewußtsein sich mit dem jedes Attaches messen 
kann. Erobern wir ein für alle Mal Herrn von Falkenhain 
für unsere Soireen." 
„Ich hoffe, Herr von Falkenhain wird es nicht verschmähen 
unser Gast zu sein." 
Rudolf verbeugte sich leicht. 
„Sind Sie übrigens, ich wollte schon immer danach 
fragen, ein Verwandter des Obersten von Falkenhain, der bei 
Bar sur Aube mit den Husaren so schneidig attackierte?" 
„Es war mein Urgroßvater." 
„Ach, freut mich, freut mich, mein Großvater hat als 
Leutnant den Ritt mitgemacht, freut mich herzlich. Hat doch 
Reckt, der alte Goethe: „Wohl dem, der seiner Ahnen gern 
gedenkt." 
Man plauderte noch über einige Tagesereignisse, das 
heißt, wesentlich Herr von Manrod, bis Rudolf die Zeit ge 
kommen hielt, sich zu empfehlen. 
Er verabschiedete sich unter wiederholten Dankesworten 
des Paares. 
_ Als Falkenhain das Zimmer verlassen hatte, sagte der 
Präsident: „Man erkennt doch sofort den Edelmann von altem 
Hause in diesem jungen Mann, findest Du nicht auch, 
Hortense?" 
„Ja, er hat gewiß etwas Distinguirtes an sich," er 
widerte sie und blickte vor sich hin. — „Was sagtest Du, 
daß sein Vater für eine Stellung bekleide?" 
„Ich sagte nichts davon und er auch nicht, wahrscheinlich 
ein an der Majorsecke gescheiterter Offizier, der irgendwo ein 
Plätzchen bekommen hat oder bei seiner Pension hungert. 
Werden vermutlich bettelarme Leute sein, die Falkenhains, 
sonst wäre dieser kavaliermäßig aussehende Bursche schwerlick 
in den Zivildienst getreten. Soll übrigens, wie mir der 
Oberpräsident sagt, ein ungewöhnlich tüchtiger Arbeiter sein. 
Spann nur den wohlerzogenen Jüngling nicht allzu fest an 
Deinen Triumphwagen, der hat ein Gesicht wie ein un- 
beschriebenks Blatt." 
wohl keinen Dank mehr sichtbar bezeugen, und so bitte 
er, daß die Gemeindevertretung in dieser Weise das An 
denken der Entschlafenen ehrt, indem sich die hier Ver. 
sammelten von ihren Plätzen erheben. Was auch geschieht. 
Frau Ww. Anna Retzdorff sagt für die ihr beim 
Ableben ihres Gatten zuteilgewordenen Ehrungen und 
Beileidsbezeugungen dem Gemeindevorstande und der Ge 
meindevertretung herzlichen Dank. 
Die Rechnung für 1904 ist bereits gelegt und so hoffe 
er, wie er schon in letzter Sitzung bekannt gegeben habe, 
noch vor Weihnachten die Rechnung für 1904 zur Vor 
lage zu bringen. Es wäre damit nun schließlich erreicht, 
daß die Rechnungslegung jedesmal im Berichtsjahre er 
folgen könne/ 
Zur Statistik der Einwohnerzahl in unserer Ge 
meinde ist noch nachzutragen, daß wir am 20. Juli 
16 458 Einwohner hatten, die zum 21. Oktober auf 
17 762 angewachsen sind, somit also ein Zuzug von 1304 
zu verzeichnen ist. 
Man trat nun in die Tagesordnung ein. In zweiter 
Lesung wurde der Voranschlag für das Elektrizitätswerk 
durchberaten. Der Herr Bürgermeister erläuterte hierzu, 
daß der Voranschlag nicht stimme, da die Kabellegung 
bereits ihren Fortgang genommen habe. Man müffe so 
nach noch ungefähr 35 000 M. hinzutragen, doch ändere 
dieses ja an der ganzen Sache wenig und empfehle er, 
daß wir den Voranschlag en block annehmen. Herr 
G.-V. Schremmer beantragt, die einzelnen Punkte durch 
zunehmen und bei Abschnitt IV soviel einzustellen als 
nötig, damit der Voranschlag sich ausgleiche. Dies wird 
beschloffen und der Voranschlag in zweiter Lesung an 
genommen. 
Zu Punkt 2, Anstellung von Lehrkräften an der 
Gemeindevolksschule zum 1. April wird Herrn Rektor 
Hannemann das Wort erteilt, der ungefähr ausführt: 
Er wolle zu den Vorlagen (s. Nr. 256 unserer Zeitung) 
nur noch wenige Bemerkungen machen. Es mache sich die 
Schaffung neuer Klassen notwendig, so daß die vor 
handenen Lehrkräfte nicht mehr ausreichen und zum 
1. April Neueinstellungen erforderlich wären. In der 
6. Mädchenklaffe sind 68 Mädchen und ist eine derartige 
Zahl in dem Raume nicht zulässig und vor allem auch 
gesundheitsschädlich. Im Sommerhalbjahr sind in der 
ersten Mädchenklaffe gegen 50 Mädchen über 14 Jahren 
unterrichtet worden und steht zu erwarten, daß nach 
Ostern die zulässige Zahl überschritten werde und sich eine 
Teilung notwendig mache. Einige Klassen könnten 
wiederum eingezogen werden, so daß er bittet, zum 1. April 
einen Lehrer und eine Lehrerin für die 6. Klasse einzu 
stellen. — G.-V. Schultz fragt an, ob nicht für eine 
Lehrerin ein Lehrer eingestellt werden könne und weist 
an der Hand einer Statistik der Berliner Gemeindeschulen 
„Triumphwagen?" wiederholte sie achselzuckend. 
„Sicher, Du bist noch immer eine der anmutigsten und 
fesseludsteu Frauen", erwiderte er, ihr die Hand küssend. 
„Fährst Du mit mir aus?" 
„Nein, ich will einige Briefe schreiben." 
„Also auf Wiedersehen bei Tische." 
Der Präsident entfernte sich. Als er die Tür hinter sich 
geschlossen hatte, erschien in dem Gesicht der Frau ein Aus 
druck tiefer Seelenangst. 
„Nein, dies kann — sein Sohn unmöglich sein — ob er 
ihm gleich in jedem Zuge ähnlich ist. Sein Sohn? Sollte die 
so lange abgetane Vergangenheit so jäh und in solcher Gestalt 
vor mir auftauchen? Die Aehnlichkeit ist erschreckend. —" 
„Daß ich mich bereden ließ, in dieses verwünschte 
Deutschland zurückzukehren. Sollte die dunkle Ahnung, daß 
es mir nur Unheil bringen werde, so rasch in Erfüllung 
gehen?" 
„Nein, es kann nicht sein. Dieser junge Mann ist vol 
lendeter Kavalier und nimmermehr hätte der Mann einen 
solchen erzogen. Muß mir dieses Gesicht, das ich von allen 
am meisten fürchte, hier begegnen?" 
Falkenhain? Eine alte Familie, sagt Manrod. Ich 
muß über seine Abkunft Gewißheit haben, ich ivill mich nicht 
vor Schatten ängstigen." 
Sie klingelte. 
Dem eintretenden Diener befahl sie, Schneider zu rufen. 
Schneider, den Frau von Manrod von ihrem früheren Galten, 
dem weiland Capitain Marquis Fleury geerbt hatte, der 
Majordomus des Hauses, trat gleich daraus ein. Ein 
sorgfältig gekleideter und frisierter Herr, dessen mageres, glatt 
rasiertes Gesicht Aehnlichkeit mit einem Fuchse hatte. 
„Ich habe einen delikaten Auftrag für Sie, Schneider." 
„Qu’y a-t-il pour votre Service, madame?“ 
„Sprechen Sie nur deutsch, ich will hören, wie weit 
Sie noch die deutsche Sprache beherrschen." 
(Fortsetzung folgt.)
        
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