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Periodical volume Nr. 258, 02.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

sich in einem Erlaffe damit einverstanden erklärt, daß auch 
für die Schlaf- und Speisewagen grüne Fahnen eingeführt 
und beim Rangieren des Zuges verwendet werden. Wegen 
Beschaffung der Fahnen als Jnventarstück der Wagen, bei 
im Privatbesttze befindlichen Wagen auf Kosten der Eigen 
tümer. soll das Erforderliche nunmehr veranlaßt werden. 
Die Vorschriften für den Rangierdienst sind dementsprechend 
ergänzt worden. 
Lokales. 
f Ordensverleihung. Dem hier wohnhaften Post 
direktor a. D. Herrn Zürner, früher zu Menden (Bezirk 
Arnsberg), ist der rote Adlerorden 4. Klaffe verliehen 
worden. 
t Ehrung. Der Rektor und Senat der Technischen 
Hochschule zu Charlottenburg hat unseren hochgeachteten, 
langjährigen Mitbürger Herrn Geheimen Oberbaurat Otto 
Sarrazin, die Würde eines Doktor-Ingenieurs verliehen. 
Herr Geheimer Oberbaurat Sarrazin ist Vortragender Rat 
im Arbeitsministerium und Chefredakteur der in Berlin er 
scheinende „Baugewerkszeitung". Seit einer Reihe von 
Jahren Vorsitzender des in ganz Deutschland verbreiteten 
Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, hat auch hier Herr 
Geheimrat Sarrazin mit großen Erfolgen gewirkt. Von 
ihm find mehrere Werke für Verbesserung der deutschen 
Sprache wie „Wörterbuch für eine deutsche Einheits 
schreibung" und andere Schriften herausgegeben worden. 
Möge es dem, über 25 000 Mitglieder zählenden Deutschen 
Sprachverein vergönnt sein, den mit so hervorragender 
Ehrung bedachten, unermüdlich tätigen Leiter noch lange 
an seiner Spitze zu haben. 
-s- Neubau des VolksschulgebäudeS. Von der 
Baukommission wurde am Dienstag dem Architekten Herrn 
Haustein der Zuschlag für den Bau des neuen Volks 
schulgebäudes erteilt. Jedenfalls gelangt 'diese Sache in 
der heutigen Gemeindevertreter-Sitzung noch zur Sprache. 
t Zum Amts- und Gemeinde-Diener ist der 
Militäranwärter Broski in unserer Gemeinde neu an 
gestellt worden. 
-j- DaS ehemalige Sportparkgeläude hat nun 
bald vollständig eine Umwandlung erfahren. Die letzten 
Überreste der Rennbahn find gestern entfernt worden und 
ist das Gelände numehr völlig baureif. Sämtliche Straßen 
find betoniert und die Asphaltierungsarbeiten überall in 
Angriff genommen. 
f Gemeinschaftliche Kanalisation. Die große 
Kanalisationsanlage, bestimmt zur Aufnahme der Ab» 
wäffer aus den Gemeinden Schöneberg, Friedenau, 
Tempelhof und Britz ist nunmehr nach jahrelanger Arbeit 
fertiggestellt. Zurzeit find nur noch kleinere Röhrendefekte 
auszubessern. Bekanntlich sollte bereits am 1. April die 
Kanalisation in Betrieb genommen werden und da dies 
nicht der Fall, muß Schöneberg und Friedenau für jeden 
Tag seit dem 1. April an Charlottenburg 1500 M. 
zahlen. Bor dem 1. Dezember wird der offizielle Betrieb 
wohl nicht beginnen. Das großartig angelegte Pumpwerk 
ist in der Hohenstaufenstraße in Schöneberg errichtet. Das 
Druckrohr läuft durch die Martin Luther-, Mühlen- 
Tempelhoferstraße nach Tempelhof, Britz, Bukow, Zielen, 
Waßmannsdorf, Selchow, Brusendorf zum nördlichen Teile 
deö Rieselgutes. 
f Maßnahmen über die Bestimmungen be 
treffend die Restdenzpflicht beabsichtigt Berlin schärfer zu 
handhaben. Der Verein der Vororte will hiergegen 
Stellung nehmen. Im städtischen Parlament ist bekanntlich 
die Maßnahmen empfohlen worden, die Erlaubnis für städtische 
Beamte und Lehrer zum Wohnen außerhalb der Stadt Berlin 
wieder aufzuheben, weil die Stadt Berlin durch die außer 
ordentlich große Inanspruchnahme dieser Erlaubnis eine 
Schädigung ihrer Interessen erblickt. Es ist nachge 
wiesen, daß von den Gymnasiallehrern 38 Prozent in den 
Vororten wohnen. Der Verein will nun Schritte tun, 
damit das Verbot nicht in Kraft tritt. Daß Berlin auch 
Maßnahmen gegen die sie schröpfenden Vorortgemeinden 
nimmt, ist doch nicht so ungeheuer: „Haust du meinen 
Juden, hau ich deinen Juden", sagen eben der Berliner. 
- 's Im Wege der Zwangsvollstreckung soll das 
in Friedenau, an der Stubenrauchstraße 70, Ecke Oden- 
waldstraße, belegene, im Grundbuche von Friedenau, zur 
Zeit der Eintragung des Versteigerungsvermerkes auf 
den Namen des Schloffermeisters Paul Klakow zu 
Friedenau eingetragene Grundstück am 19. Dezember 1905, 
Mittags 12 * 1 / 2 Uhr, versteigert werden. Das Eckwohn 
haus ist bei einer Fläche von 12 Ar 13 Quadratmeter mit 
10 800 Mark Nutzungswert zur Gebäudesteuer veranlagt. 
-j- Der Verein der Vororte Berlins hat jetzt 
auch zur Angelegenheit der Konzesstonsverlängerung der 
Großen Berliner Stellung genommen. In der Konferenz, 
die kürzlich zwischen, der Stadt Berlin und den an 
grenzenden Vorortgemeinden in Sachen der Konzesstons 
verlängerung abgehalten worden war, hatten stch ja be 
kanntlich die erschienenen Vertreter der einzelnen Nachbarorte 
gegen eine Verlängerung der Konzession ausgesprochen. 
Die Große Berliner Straßenbahngesellschaft, die ihr 
Verkehrsnetz auch bereits auf weiter abgelegene Vororte 
ausgedehnt hat und jedenfalls auch noch auszudehnen 
versuchen wird, hat auch in dem Verein der Vororte 
keinen Begünstiger für ihre Pläne gefunden. Es wird 
auch gleichzeitig angestrebt werden, die Gemeinden selbst 
für den Bau von Straßenbahnen, die dann in eigene 
Regie zu nehmen sind, zu gewinnen. 
-j- Die neuen Ladegleise in Friedenau, so schreibt 
uns der Vorstand der Königlichen Eisenbahn-Verkehrs- 
Jnspektion 4. werden zur Zeit noch so wenig benutzt, daß 
man annehmen muß, es sei die am 1. d. Mts. erfolgte 
Eröffnung der Station Friedenan für den Güterverkehr in 
Wagenladungen bei der dortigen Geschäftswelt noch nicht 
genügend bekannt. Das interessierte Publikum machen 
wir auf die Neueinrichtung und die besonders günstige 
Lage der neuen Ladestelle für das Ortsgebiet östlich der 
Potsdamer Eisenbahn nochmals aufmerksam. 
-j- Orchester Gesellschaft des Westens! Die erst 
seit kurzem bestehende Gesellschaft hat es schon zu einer 
ansehnlichen Mitgliederzahl gebracht. Dank der vorzüg 
lichen Leitung des Herrn Kapellmeister Max Lönge macht 
das Orchester gute Fortschritte, sodaß schon das erste 
Konzert für Anfang Januar in Aussicht steht. Es ist das 
Bestreben der Gesellschaft, später für die Wohltätigkeit zu 
wirken und kann daher nur jedem Mustktreibenden em 
pfohlen werden stch dem Orchester bald anzuschließen. 
Auch Herren die nicht musizieren aber dennoch stch für die 
Sache begeistern, können als passive Mitglieder beitreten. 
Die übungsstunden finden jeden Freitag, Abends 9 Uhr, 
im Restaurant „Hohenzollern" statt und sind Jntereffenten 
jederzeit willkommen. 
-j- Ein Abeudtisch findet am Sonnabend, den 
4. November, bei Herrn Restaurateur Sabecki, Wiesbadener 
straße 8, statt. Für beste Speisen und Getränke wird 
gesorgt sein und auch die angenehmste Unterhaltung nicht 
fehlen. Es steht somit zu hoffen, daß der Witt recht 
viele Gäste an diesem Tage in seinem Lokal versammelt steht. 
-j- Unglücksfall. Auf dem Neubau Holsteinifchestraße 
verunglückte gestern Nachmittag der Arbeiter Löfchker, 
Schöneberg, Gutzkowstraße, wohnhaft. Er lehnte stch an 
den Fahrstuhl an, verlor den Halt und stürzte eine Etage 
ttef hinunter, wobei ihm der rechte Fuß brach. Man 
brachte den Verletzten zunächst zur hiesigen Sanitätswache, 
wo ihm ein Notverband angelegt wurde und dann mittels 
Droschke nach seiner Wohnung. 
-j- Zu de« Diebstahl de? Ölgemäldes von dem 
wir s. Zt. berichteten, wird uns noch mitgeteilt: Das 
Gemälde ist von Prof. O. Frenzel gemalt und stellt eine 
weidende Kuh dar, es mißt 50 cm in der Länge und 35 
cm in der Höhe. Demjenigen, der Angaben über den Ver 
bleib des Gemäldes machen kann, sind 30 M. Belohnung 
zugebilligt. Meldungen sind im hiesigen Kriminal-Polizei- 
büro zu erstatten. 
Schöneöerg. 
— Verliehe« worden ist dem hier wohnhaften 
Telegraphendirektor a. D. Herrn Glimmert der Kronen- 
Orden 3. Klaffe. 
— ReformatiouSfeier. Sonntag, den 5. Mts., 
Abends 6 Uhr, dem Reformationsfest der Evangelischen 
Kirche, findet in der Apostel Paulus-Kirche (Grunemald- 
straße, Ecke Goltzstraße) ein liturgischer Festgottesdienst 
statt. Die Chorgesänge werden von der Kaiser Wilhelm- 
Gedächtniskirche unter Leitung des Musikdirektors Kießlich 
ausgeführt; die Orgel spielt Profeffor Egidi. Die Fest 
predigt hält Pfarrer Mirbt. 
— Der Sängerchor des Schöneberger Männer- 
Turnvereins veranstaltet am 4. November d. I. in den 
Festräumen im „Wilhelmshof". Ebersstraße 80. ein Vokal- 
und Instrumental-Konzert, dessen Beginn auf 8\ a Uhr 
festgesetzt ist. Nach dem Konzert findet Tanz statt. 
Merlin und Mororle. 
§ Vom „Schvell-OmnibuS". Bezüglich deL 
„Selbstfahrerbetriebes" bei der Allgemeinen Berliner 
Omnibusgesellschaft heißt es in dem der Generalversamm 
lung vorzulegenden Direklionsberichte: „Wir werden auf 
Linie 4. Hallesches Tor—Chaufleestraße, vorläufig bis zu 
10 solcher Kraftwagen im Verkehr setzen." Diese geplante 
Erweiterung des Omnibus-Betriebes ist vielfach so ver 
standen worden, als wolle die Gesellschaft alsbald eine 
neue Linie mit Kraftbetrieb einrichten. Dies ist ein Irr 
tum; die Gesellschaft hat vor der Hand nur die Ge 
nehmigung erhallen, einen Automobil-Omnibus versuchs 
weise auf einer Strecke verkehren lassen zu dürfen; erst 
wenn sich dieser Probebelrieb längere Zeit bewährt hat, 
wobei verschiedene Gesichtspunkte zu berücksichttgen sind, 
soll die Zulassung noch weiterer Automobil-Omvibuse in 
Erwägung gezogen werden. Die Kraft-Omnibuse in 
London, auf welche sich die Gesellschaft bezieht, lassen noch 
viel zu wünschen übrig. Auch die vor Jahr und Tag in 
Berlin mit einem elektrischen Omnibus gemachten Versuchs- 
fahrten (zwischen Anhalter und Stettiner Bahnhof) be 
friedigten bekanntlich so wenig, daß man bald gänzlich 
von ihnen Abstand nahm. Bei dem jetzt geplanten Ver 
suche handelt es sich, wie die Leser wissen, um Benzin- 
bezw. Spiritusbetrieb, der sich hoffentlich beffer be 
währen wird. 
8 DaS große vierte städtische Kraukeuhau» 
im Norden hat jetzt seine Inschrift erhalten, über dem 
Haupteingangsportal, das an der Ostserte nach - dem 
Augustenburger Platze zu liegt, liest man die Worte: 
„Rudolf Virchow-Krankenhaus". Darüber befindet stch ein 
Medaillon, in dessen Mitte später das Bild des großen 
Gelehrten angebracht werden wird. Außerdem wird zur 
Zeit an der Westseite der riesigen Anlage, nach der Sylter- 
straße zu, die letzte große Baulichkeit des Krankenhauses 
errichtet. Es ist eine mit einer Leichenhalle verbundene 
monumentale Kapelle, die bereits ihrer äußeren Vollendung 
entgegengeht. 
§ DaS Grab Gustav Berudal'S auf dem alten 
Jerusalemer Kirchhof an der Bellealliancestraße war heute 
aus Anlaß des 75. Gebuttstages dieses unvergeßliche« 
Mitgliedes unserer Hofbühne mit Kränzen geschmückt 
worden. Gustav Berndal ist gleich Friedrich Haase, mit 
dem er oft zusammen gewirtt hat, geborener Berliner, 
doch ist es ihm nicht vergönnt gewesen, ein hohes Alter 
zu erreichen, da er bereits am 81. Juli 1885 im Alter 
von 55 Jahren zu Gastein gestorben ist. 
8 Mit der Ausschmückung deS Pariser Platzes 
aus Anlaß des Besuches des Königs von Spanien ist 
gestern begonnen worden. Es werden zunächst zu beides 
Seiten je 3 Paare pylonenattiger Aufbauten errichtet, 
zwischen denen ssich hohe Flaggenmasten erheben. 
8 Auf dem Platze vor de« Brandenburger 
Tor sind" zu beiden Seiten der 4 Märmorbalustraden, die 
stch vor den Denkmälern des Kaisers und der Kaisett« 
Friedrich hinziehen, anstatt der Lorbeerbäume acht beson 
ders große Toxusbäume eingesetzt worden. 
vermischtes. 
• guttt 2. November. Ein dorniger LkbenSpfad, reich au 
Leiden und Kränkung-n war eS, den Marie Sntoniette, die unglück 
liche französische Königin, wandeln mutzte, ehe der Tod durch da» Fall- 
beil ihrem qualvollen Dasein ein Ziel setzte. Der heutige 2 No 
vember sei der Erinnerung an jene Dulderin aus dem Throne ge 
widmet, denn zum »50. Male jährt fich damit der Tag, an dem die 
Schwergeprüfte als Tochter Kaiser Franz I. uud der Maria Theresia 
zu Men das Licht der Welt erblickte Anmutig und voll sprühenden 
Geistes wurde die Prinzessin mit 15 Jahren dem damaligen Dauphin 
und König Ludwig XVI. angetraut und zahlreiche Unglücksfälle, dir 
fich an ihre Vermihlungsfeier knüpften, schienen vorbedeutend auf da» 
Unheils hinweisen zu well n, das ihrer an der Seite ihres schwachen 
Gemahls harrte. Jnt-igue», die man von allen Seiten gegen sie 
spann, vor allem aber der übertriebene Etikettezwang verleideten ihr 
gar bald das zudem völlig verdorbene französische Hssleben und alS 
Ludwig XVI. am 10. Mai 1774 den Thron bestieg, suchte sie au» 
ihrer Macht als Königin insofern Nutzen zu ziehen, als sie die klein- 
lich eng gezogenen höfischen Schranke» lebeusdurstig duchbrach und 
Ihre anfängliche Haltung hervorrief, mochte nun die Ursache 
sein, welche sie wollte, überwunden zu haben, sie sprach mit 
aller Sicherheit der vornehmen Dame liebenswürdig und in 
einem gut klingenden Deutsch, dessen Tonfall an Oesterreich 
ettnnette. 
Der junge Mann hatte, während sie sprach und er 
achtungsvoll lauschte, unauffällig dieses nicht gewöhnliche Gesicht 
gemustert. Er war von neuem erstaunt, wie jugendlich die 
jeder Starrheit jetzt entledigten ausdrucksvollen Züge waren, 
wie reich das aschblonde, leicht gewellte Haar, wie lebendig 
das dunkle glänzende Auge. Dennoch vermochte er die Emp 
findung nicht los zu werden, daß in diesen Augen etwas 
Forschendes, Mißttauisches lauere, sonst wäre ihm das Gesicht 
noch viel sympathischer gewesen. 
„Ich bin zwar erst kurze Zeit in der Regierungs Haupt 
stadt, aber ich darf hoffen, daß nach dem, waS ich von der 
Gesellschaft hur gesehen habe, Ihre Hoffnung nicht getäuscht 
werden wird." 
„So sind Sie hier fremd?" 
.Ja, gnädige Frau, nur ein besonderer Zufall hat mich 
hierher geführt, ich bin in Westfalen heimisch/ 
„In Westfalen? Sie müssen meinen Mangel an geo- 
S raphischen Kenntnissen entschuldigen, Deutschland ist mir 
:emd, dieses Westfalen liegt am Rhein, wenn rch nicht irre?- 
„Wenigstens in dessen Nähe, eS grenzt an die Rhein, 
provinz," erwidette er höflich. 
„Mein Mann sagte mir, daß in diesen Gegenden noch 
viele alte und begüterte Geschlechter Hausen und daß auch 
Ihr Name sehr alt ist." 
„Meine Familie ist in der Tat ziemlich alt, gnädige Fra«, 
doch gehött sie schon lange nicht mehr zu den begüterten.* 
„Den Vorzug der Gebutt kann dies nicht beeinträchtigen« 
1 sagte sie höflich. .Ihre Vorfahren haben gleich wie Sie dem 
; Staate in hervorragenden Stellungen .gedient?" 
>, ' „Ja, gnädige Frau, doch vorzugsweise mit dem Schwert.* 
io entstammen Sie einer Mititärfamilie?" 
(Fortieyung folgt.» 
schnitt. Ein Diener in einfacher Livree, aber Kniehosen und 
Strümpfen führte ihn hinauf, nahm ihm den Ueberrock ab, 
ließ ihn in ein Zimmer eintreten, klopfte an eine Tür, ver 
schwand hinter dieser, um gleich daraus mit einem .Gnädige 
Frau lassen bitten" ihm die Tür in das Nebenzimmer zu öffnen. 
Den zusammengeklappten Hut in der Hand, trat der junge 
Regierungsassessor in der ihm eigenen sicheren anmutigen 
Haltung ein. Vor ihm, die Rechte auf den Tisch gelehnt, 
stand die Präsidentin. 
Das Gesicht der Dame, die er, während sie noch halb 
bewußtlos schien, die Treppe hinauf geleitete, hatte er nur 
flüchtig sehen können und war jetzt nicht wenig überrascht 
vor sich eine schlanke mittelgroße Gestalt von noch jugendlichen 
Formen zu finden und in Züge zu schauen die mit der 
mädchenhaften Gestalt harmonierten. Mehr noch überraschte 
ihn der starre Ausdruck dieses unzweifelhaft schön zu 
nennenden Gesichts und der auf ihn gettchtete seltsame Buck 
des dunklen Auges. Ja es schien ihm, als ob die Gestalt 
dort am Tische merklich bebte. Trotz seiner nicht geringen 
Ueberraschung über das so ganz unerwartete Bild das er vor 
sich sah und den unerklärlichen Ausdruck dieses Gesichts, eine 
Ueberraschung die er wohl nicht ganz zu verbergen wußte, 
war er doch weltgewandt genug dies Gefühl rasch zü bändigen 
und sich nach einem kaum merklichen Zögern mit ehrerbietiger 
Miene höflich zu verbeugen. Etwas wie ein Seufzer berührte 
sein Ohr oder war es nur ein tiefes Aufatmen? 
Als er das Haupt erhob, war die Starrheit aus dem 
Gesicht vor ihm geschwunden, aber das Auge war immer 
noch wie angstvoll fragend auf ihn gerichtet. Dann lud sie 
ihn mit höflicher Handbewegung zum Sitzen ein, während fie 
sich selbst niederließ. 
Mit einer Stimme, deren bebender Ton auf nervöse Auf 
regung der Redenden gedeutet werden konnte, sagte die Prä 
sidentin: 
»Es ist sehr liebenswürdig, Herr von Falkenhain, daß 
S»e mir Gelegenheit geben. Ihnen Dank für ihren freundlichen 
Beistand zu lagen." ^ 
„Gnädige Frau legen einer einfachen Höflichkeit mehr 
Wert bei, als sie verdient. Ich bin erfreut. Ihnen meine Ehr 
erbietung bezeigen zu dürfen, und wie ich mrt Vergnügen sehe, 
hat das kleine Unwohlsein keine üble Nachwirkung gehabt." 
„Wenn diese nicht noch kommen wird," sagte sie langsam 
und blickte vor stch hin, „bin ich zufrieden." 
Wiederum erhob sie die Augen zu ihm mit dem 
forschenden Ausdruck, fast als ob sie in seinen Zügen zu lesen 
suchte. Rudolf wurde durch dieses Benehmen der Dame 
frappiert, er glaubte zu erkennen, daß sie durch etwas be 
unruhigt werde, und wünschte sehr, eine andere Zeit für seinen 
Besuch gewählt zu haben. 
Mochte sie fühlen, daß ihre Haltung, die durch seelische 
Depression oder körperliches Befinden hervorgerufen sein 
mochte, den jungen Mann beftemden mußte und es geboten 
halten, diese zu ändern, sie warf mit energischer Bewegung 
den Kopf zurück und mit einem Lächeln setzte sie hinzu: 
„Jedenfalls hat er mir die Freude verschafft, einen der 
jüngeren Kollegen meines Mannes schon jetzt begrüßen zu 
können, noch ehe wir unser Haus den Freunden öffnen." 
Eine geübte Schauspielerin hätte den Ausdruck nicht ge 
schickter wechseln können. Es war ein ganz anderes, viel 
angenehmeres Gesicht, .das er jetzt vor stch sah, obgleich in dem 
Auge der ihn frappierende seltsame mißtrauische Ausdruck 
hasten blieb. 
Außer diesem Blick, der der Frau wohl eigentümlich sein 
mochte, machte deren ganze sowohl anmutige als vornehme 
I Erscheinung einen gewinnenden Eindruck. 
„Ich fürchte, gnädige Frau, Sie werden Paris bei uns 
sehr vermissen." 
Mit einem leisen Seufzer erwiderte sie: „Ich werde eS 
überall vermissen, es ist immer noch die Stadt der Städte. 
Da es indessen meinem Manne beliebte, die Stellung hier 
anzunehmen, müssen wir uns möglichst gut in das Leben hier 
zu finden suchen, und ich hoffe, daß es gelingt, einen Kreis 
sympathischer Menschen um uns zu einen, der uns hier rasch 
heimisch werden lassen wird." Die Präsidentin schien das, was
        
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