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Periodical volume Nr. 258, 02.11.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

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Fernsprecher: Nr. 139. 
Ur. 258. 
Friedenau, Donnerstag den 2. November 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Frankfurt a. Mt. Auf den Wiesen bei Niederrad 
fand man gestern hinter einem Weidengebüsch die Leichen 
eines jungen Mädchens und eines jungen Mannes. Beide 
hatten Schußwunden in der rechten Schläfe. Im Munde 
des Mädchens steckte ein zusammengeballtes Taschentuch. 
Der junge Mann ist der 22jährige Schlossergeselle Dießner 
aus -Bäh- en, das Mädchen die 15jährige Tochter des 
Frankfurter Wirtes Burghard. Wahrscheinlich hat Dießner 
das Mädchen zuerst mit dessen Einverständnis und dann 
sich selbst erschossen. 
Wien. Der sozialdemokratische Parteitag beschloß 
nach einem Referat Dr. Adlers, daß nötigenfalls zur Er 
reichung des allgemeinen Wahlrechts der Generalstreik 
durchzuführen sei, doch wurde die endgiltige Entscheidung 
den Vertrauensmännern der Gewerkschaften überlassen. — 
Die sozialdemokratische Eisenbahner-Organisation in Wien 
beschloß in ihrer gestrigen Versammlung, Delegierte nach 
dem böhmischen Streikgebiet zu entsenden, um darüber 
zu entscheiden, ob behufs Durchführung der Forderungen 
der streikenden Eisenbahner es notwendig sei, die passive 
Resistenz auf allen österreichischen Bahnen durchzuführen. 
Warschau. In Lodz tritt die Cholera auf und 
fordert in den volksreichen Stadtvierteln viele Opfer. — 
Aus Sosnovize werden neue regierungsfeindliche Kund 
gebungen gemeldet. 
HelffagforS. Die Lage ist andauernd sehr ernst. 
Der allgemeine Ausstand dehnt sich sogar auf die Polizei 
aus. Der gesamte Ordnungsdienst wird durch eine Miliz, 
bestehend aus Studenten und Arbeitern, aufrecht erhalten. 
Die Kaffeehäuser sind in Verbandsplätze umgewandelt. 
Gestern haben der Gouverneur und der Senat in 
Gegenwart einer großen Volksmenge offiziell ihre Ämter 
niedergelegt. Auf allen öffentlichen Gebäuden ist die 
russische Flagge durch die finnische ersetzt worden. 
Riga. Das gestrige große Meeting, welchem mit 
so großer Besorgnis entgegengesehen wurde, war von etwa 
50 000 Personen besucht; es verlief ruhig. Es wurde be- 
schloffen, den Generalstreik mit Ausnahme des Lebens 
mittelhandels bis zur erfolgten Garantierung der durch 
das Manifest angekündigten Zugeständnisse fortzusetzen. — 
Gestern lief der erste Eisenbahnzug aus Petersburg ein. 
Petersburg. Hier ist abgesehen von fortdauernden 
Versammlungen und Straßennmzügen verhältnismäßig 
alles ruhig verlaufen. Blutige Zusammenstöße fanden 
nicht statt. Wie es heißt, hat Witte den Hanptführer der 
hiesigen Streikbewegung, den Kunsthandwerker Uschakow, 
aufgefordert, nunmehr seine agitatorische Tätigkeit einzu 
stellen, da die Regierung fest entschlossen sei, der Anarchie 
ein Ende zu bereiten. Abends haben mehrere monarchistische 
Demonstrationen gegen die Sozialdemokraten stattgefunden. 
Die hauptstädtischen Redakteure beschlossen in einer gestrigen 
Besprechung, die Blätter nunmehr unter Außerachtlassung 
des Preßgesetzes erscheinen zu lassen. 
Odessa. Bei einem Boinbenattentat auf offener 
Straße wurden 15 Personen getötet und 40 verwundet. 
4. 
5ßr erster Gatte. 
Roman von Franz Stellet. 
lMuhdru« »ttioltm.) 
Er nahm Hut und Stock und ging, um in starker kör 
perlicher Bewegung Linderung der Scetenpein zu suchen. 
„Armer Alter! Doch auch diese Stunde wird vorübergehen." 
Wie seltsam spielt das Leben mit uns. 
Sie setzte sich nieder und griff zu ihrer Arbeit — ließ sie 
aber bald wieder sinken nnd schaute in traurigem Sinnen 
vür sich hin. , . 
Die alte Wanduhr aber, die noch aus dem Vaterhause 
stammte, ließ ihr eintöniges gemessenes Ticktack vernehmen, 
pe war in langen Jahren manches Leides, mancher Freude 
Zeuge geweseü. 
Ein rascher Schritt draußen, das Gesicht Frau Stem- 
müllers verklärte sich — sie kannte den Schritt. Ein Klopfen 
und ohne ihr „Herein" trat ein junger hochgewachsener Mann 
von selten gewinnendem Aeußern ins Zimmer. 
Nicht das ehel geformte Gesicht, mcht die schlanke eben 
mäßige Gestalt mit der ungezwungenen anmutigen Haltung, 
e nicht der Hauch echter Vornehmheit, der über dem ganzen 
scheu lag, waren es, die anziehend wirkten, ob sie gleich 
nirgends ihren Eindruck verfehlt habeii würden, das Ge 
winnende lag in den freundlichen blauen Augen, dem Charakter 
von Mannhaftigkeit und Ehrlichkeit, der den schönen Zügen 
aufgeprägt war. _ .. . 
Rudolf von Falkenhain war ein echtes Germanenkmd 
von edlem Blute. . . 
Der rasch Eintretende nahm Frau Stemmuller m den 
Arm und diückte einen Kuß auf ihre Wange. 
An derselben Stelle kam es 10 Minuten später infolge 
der Ansammlung der Menschen zu einem Rekontre mit 
den Truppen, wobei 8 Personen durch Gewehrschüsse seitens 
der Soldaten getötet wurden. Die Schwarze Meer-Flotte 
trifft am Montag Abend wieder im hiesigen Hafen ein. 
Paris. Der Petersburger Korrespondent des „Eclair" 
meldet, eine umfaflende politische Amnestie werde innerhalb 
der nächsten 48 Stunden bestimmt erfolgen. Die Be 
völkerung von Petersburg beklagt sich über das brutale 
Vorgehen der Polizei und die Peitschenhiebe der Kosaken. 
Der Ausstand dauert noch fort, dürfte jedoch morgen 
beendet sein. — Der „Petit Pausten" meldet aus Odessa: 
Seit gestern Vormittag 9 Uhr werden ununterbrochen 
Schüsse gewechselt. Die Zahl der Toten beträgt bereits 
über 100. In vielen Straßen wird ans den Fenstern 
auf die Demonstranten geschossen. — Aus Petersburg 
meldet der „Petit Paristen", es habe den Anschein, als 
ob der Einfluß Wittes beim Zaren bereits wieder im 
Sinken begriffen sei und die Reaktionäre erneut die Ober 
hand gewinnen. Graf Witte ließe in einem Interview 
durchblicken, daß an eine sofortige Einführung der 
Reformen nicht gedacht werden könne. 
Paris. Der sozialistische Parteitag in Chalons be 
schloß, entsprechend den Vorschlägen der eingesetzten Kom 
mission in Bezug auf die Wahltaktik der Partei, daß beim 
ersten Wahlgang überall Kandidaten aufgestellt werden 
sollen, wo nicht der Mangel an Geldmitteln und Agitatoren 
eine solche Aufstellung unmöglich machen. Die Wahl der 
Kandidaten steht den lokalen oder provinzialen Verbänden 
zu. Rur da, wo keine solchen Organisationen der Partei 
bestehen, wird der Kanditat von dem Zentralrat bestimmt. 
Bezüglich der Stichwahlen überläßt der Parteitag den 
einzelnen Verbänden, sich für diejenige Haltung zu ent 
scheiden, die den Jntereffen des Proletariats und der 
sozialen Republik am besten entspricht. Auf Antrag 
Herves ladet der Parteitag schließlich das internationale 
Büro ein, darüber zu wachen, daß die Sozialdemokraten 
in ihren Ländern die Regierungen an einer bewaffnetest 
Intervention in der von den russischen Genossen einge 
leiteten Revolutionsbewegung behindern. 
Rom. Dem „Citatino" zufolge soll der Marine 
minister beschloffen haben, das adriatische Reservegeschwader 
zu verstärken. 
Allgemeines. 
[] Die rechtliche Stellung der technischen 
Angestellten, so wird uns geschrieben, die heute in einer 
Anzahl von mindestens 250 000 Personen als Ingenieure, 
Architekten, Maschinen- und Bautechniker, Chemiker, 
Zeichner, Konstrukteure, Werkmeister usw. in Deutschland 
beschäftigt werden, ist seit jeher ein Stiefkind unserer 
Gesetzgebung gewesen. Sie hat wohl in den letzten Jahr 
zehnten zu verschiedenen Malen einen Ausbau erfahren, 
nnd zwar dann, wenn die wohlorganisterte Handlungs 
gehilfenschaft Erfolge für die Rechte ihres Standes erreicht 
hatte^^ibe^^er^esetz^ebe^^^^iesen^^orbild^^nlr 
„So Tantchen, da hast Dst mich, ich konnte nicht stüher 
kommen." 
„Sei willkommen Kind, sei willkommen." Ihr Gesicht 
zeigte die ganze Herzenssteude, die ihr die Anwesenheit ihres 
Lieblings bereitete. 
„Wo ist denn der Alte?" 
„Er macht einen Spaziergang und wird es bedauern» 
Dich nicht gesehen zu haben?" 
„Willst Du Tee haben, Rudolf?" 
„Nein, danke." 
„Wie geht es, Kind, wie lebst Du?" 
„Gut Tantchen, gut. Ich sitze in Arbeit bis über die 
Ohren, aber ich habe auch Anerkennung dafür. Ich habe 
einen Bericht über das Anerbenrecht der Provinz ausarbeiten 
müssen und der Oberpräsident hat mir sehr Schmeichelhaftes 
darüber gesagt und mir zugleich angedeutet, daß man im 
Ministerium erfahren soll, von wem die Arbeit stamme." 
Mit leuchtenden Augen hörte Frau Steinmüller zu. 
„Das ftent mich, freut mich! Ja Kind, Du wirst eS 
weit bringen." 
„Nur so weit, daß ich Euch all' Eure Liebe vergelten 
kann, dann bin ich zufrieden." 
„Wird kommen, wird kommen. Nun mußt Du noch eine 
Heirat schließen mit einem hübschen reichen Mädchen, und 
wenn sie aus uns Alte auch heruntersieht, schadet nichts." 
Sehr ernst erwiderte der junge Mann: .Meine Frau, 
liebste Tante, wird nie auf Euch herunter sehen.* * 
Er schaute einen Augenblick vor sich hin und seltsamer 
Weise sah er Fräulein von Manrod vor sich. 
Er schüttelte den Kopf, wie um das Bild zu verjagen 
und sagte: »Ein Assessor, der nur auf sein Einkommen an 
gewiesen ist, kann nicht an Heirat denken, und ich denke auch 
nicht daran. Arbeit ist meine Freude." 
zögernd gefolgt und hat den technischen Angestellten 
niemals diejenige rechtliche Stellung ganz einräumen zu 
können geglaubt, welche die Handlungsgehilfen seit langer 
Zeit besitzen. Der rührige Deutsche Techniker-Verband, 
der sich nicht allein die technische Weiterbildung, sondern 
auch die Vertretung der sozialen Interessen seiner Mit 
glieder zur Aufgabe stellt, hat daher eine umfangreiche 
Petition an den Reichstag ausgearbeitet, in der jene 
rechtliche Gleichstellung beantragt wird und besonders 
folgende Forderungen geltend gemacht werden: Be 
schränkung der Konkurrenzklausel für technische Angestellte 
auf die Dauer von drei Jahren; Ungiltigkeit der Kon- 
kurreiizklausel, wenn der Arbeitgeber den Angestellten 
entläßt oder diesem durch vertragswidriges Verhalten 
Grund zur Lösung des Dienstverhältnisses gibt; Aus 
stellung eines Zeugniffes bei der Kündigung (jetzt bei 
Beendigung des Dienstoertrages); Anrecht des Angestellten 
auf die Bezüge aus der Kranken- und Unfallversicherung 
neben dem Gehaltsbezuge bei unverschuldetem Unglück auf 
die Dauer von sechs Wochen. 
Q Die Schnellzüge Berlin—Schaffhansen— 
Zürich werden im nächsten Jahre voraussichtlich ver 
kehren. Sie waren von der Württembergischen Regierung 
bereit? für den letzten Sommerfahrplan beantragt, von 
den schweizerischen Bundesbahnen aber abgelehnt worden. 
Jetzt hat sich der Kreis-Eisenbahnrat mit der Einführung 
dieser internationalen Schnellzüge einverstanden erklärt. 
In Aussicht genommen sind vorläufig die folgenden Fahr 
zeiten: Berlin ab 1 Uhr 50 Min. Nachm., Stuttgart ab 
12 Uhr 45 Min. Nachts, Schaffhausen an 5 Uhr 18 Min. 
Vorm.. ab 5.23 Vorm., Bulach ab 5.55 Vorm., Zürich an 
6.25 Borm. In umgekehrter Richtung: Zürich ab 11 Uhr 
30 Min. Nachts, Bulach an 12 Uhr Mitternachts, Schaff- 
hausen an 12.30 Nachts, Stuttgart an 5.30 Vorm., 
Berlin an 4 Uhr 56 Min. Nachm. Die neuen Schnell 
züge würden, sofern die beteiligten ausländischen Bahn 
verwaltungen ihrer Einführung zustimmen, vom 1. Mai 
k. I. ab täglich verkehren. 
sj Beseitigte Verkehrsstörung. Die infolge 
Schienenvermehrung gesperrt gewesene Eisenbahnstrecke 
Laibach — St. Peter ist wieder frei; wie die Kgl. Eisen 
bahndirektion Berlin bekannt giebt, werden nach Laibach 
südlich bestimmte Frachtgüter wieder unbeschränkt ange 
nommen, ebenso Güter für die K. K. Lagerhäuser in Triest, 
welche die Annahme infolge Güteranhäufung hatten ein 
stellen müssen. 
sj Die grüne Fahne. Beim Zusammensetzen und 
Auseinandernehmen von Eisenbahnzügen wird es dem 
aufmerksanien Beobachter nicht entgangen sein, daß hier 
und da Wagen grüne Fahnen führen. Diese sollen das 
Bahnpersonal darauf aufmerksam machen, daß sie die also 
bezeichneten Wagen „vorsichtig rangieren" sollen, teils weil 
sich darin kranke Passagiere oder arbeitende Postbeamten 
befinden, teils weil sie zerbrechliche, leicht explosible rc. 
Waren enthalten. Auf einen Bericht der Kgl. Eisenbahn 
direktion Berlin hat der Minister der öffentlichen Arbeiten 
Frau Steinmüller dachte: „Für Dich ist die beste und 
schönste und reichste Frau gerade gut genug und eine Prin 
zessin könnte sich glücklich schätzen, Dich zum Manne zu be 
kommen." 
Sie plauderten weiter über verschiedene Dinge und Frau 
Steinmüller war so glücklich, daß sie das Schrecknis, das ihr 
Leben zu erschüttern drohte, ganz vergessen hatte. 
Als Rudolf gesprächsweise bemerkte: „Der Präsident hat 
mir, weil ich Gelegenheit hatte seiner Frau einen kleinen Dienst 
zu leisten, einen Besuch gemacht, und mir in liebenswürdigster 
Weise angedeutet daß seine Frau sehr erfreut sein würde, mir 
persönlich danken zu können. So werde ich wohl um eine 
Privataudienz bei der Dame nachsuchen müssen um" als er 
ziemlich unvermittelt fortfuhr: „Weißt Du. daß der Präsident 
aus seiner früheren Ehe eine erwachsene Tochter hat? — da 
stieg das Furchtbare das seinem Leben zu nahen drohte, 
wieder in ihrer Seele empor. 
Doch beugte sie sich aufmerksam zu ihrer Arbeit nieder 
und verbarg so den Schreck der sie befallen. 
Rudolf plauderte noch weiter und verabschiedete sich dann, 
da er noch arbeiten mußte und versprach bald wieder zu 
kommen, um nach seinem Vater zu sehen. 
Sie sah ihm lange nach mit traurigem Angesicht. 
„Armes Kind Du bei ihr ?* 
* * 
Wenn Rudolf von Falkenhain nicht gewußt hätte daß 
der Regierungspräsident, der seine Dienstwohnung verschmäht 
und eine Villa gemietet hatte ein sehr begüterter Mann sei, 
würde ihm dies die Ausstattung des Hauses, die wohlgeschulte 
Dienerschaft gesagt haben. 
Alles von der Einrichtung und der künftierischen Aus 
schmückung des Vorderhauses an und den kostbaren Läufern 
auf den Treppen, halte einen reichen und vornehmen Zu-
        
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