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Periodical volume Nr. 255, 30.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gemeindesteuern allein zahlt Berlin an die Gemeinde 
Boxhagen-Rummelsburg jährlich über 33 000 M., an 
Schmargendorf 24 837 M., an Frjedrichshagen 23 818 M. 
(dazu 19 497 M. Grundmertsteuer), an Tegel 18 754 M. 
(dazu 14 034 M. Grundwertsteuer), an Lichtenberg 12 843 
Mark (und 5683 M. Grundwertsteuer) rc. Verschiedene 
Gemeinden überbieten sich aber von jeher in der „Hoch 
schätzung" des Berliner Grundbesitzes und so schweben 
alljährlich Klagen, die meist zu Gunsten der Stadt Berlin 
entschieden werden. In Dalldorf war die letztere z. B. 
zum Normalsatze von 3200 M. veranlagt, der Betrag 
wurde vom Gericht auf — 810 M. ermäßigt. Ebenso 
erging es den Gemeinden Hohen-Schönhausen, Bernau, 
Stralau, Treptow, Friedrichsfelde rc. Selbst aus dem 
Müll-Abladeplatz in Spreenhagen sollte die Stadt ein 
Einkommen (20 000 MI) versteuern, die Veranlagung ist 
aber infolge Einspruches aufgehoben worden. Gegen die 
Gemeinden Friedrichshagen, Schönerlinde, Rummelsburg rc. 
schweben die Klagen noch. Obgesiegt hat nur Friedenau, 
wo es sich um den gemeinen Wert des Sportpark- 
Grundstückes (1 254 600 M. nach d r alten, 2 122 000 M. 
nach der neuen Bauordnung) handelte. Der Kreisausschuß 
Hut den höheren Betrag für richtig gehalten; die Steuern, 
4668 M., hat der Mieter des (inzwischen für 2 875 000 
Mark verkauften) Grundstücks bezahlt. 
f Schuleinweihung. Sonnabend erfolgte die 
Einweihung der Steglitzer Oberrealschule. Vertreten war 
Friedenau durch die Herren Bürgermeister Schnackenburg 
und Direktor Dr. Busch. Es erhielten Orden: die Herren 
Bürgermeister Buhrow, Direktor Dr. Lüdeke und Gemeinde- 
verordneter Bankdirektor Steinthal den Roten Adlerorden 
4. Klaffe und der Herr Polier Grahl-Steglitz die Kronen 
ordenmedaille. 
f Abgewiesen wurde in der letzten Kreisausschuß- 
sttzung die Frau Alwine Raupach geborene Noske-Friedenau 
wider den Ortsärmenverband Dt.-Wilmersdorf. Die Witwe 
Alwine Raupach ist am 20. Oktober v. I. mit 5 Kindern 
im Alter von 13 bis 7 Jahren von Friedenau, woselbst sie 
Unterstützungswohnsitz hat, nach Wilmersdorf verzogen. 
Am 22. desselben Monats beantragie sie laufende Geld- 
zuschüsse. Es wurden ihr 20 M. vom 1. November ab 
bewilligt. Da dauernde Unterstützung vorlag, beantragte 
der Ortsarmenverband Friedenau die Übernahme der Rau 
pach in eigene Fürsorge. Mit dieser Maßnahme war die 
R. im allgemeinen einverstanden, bat aber, bis 1. April 1905 
in Wilmersdorf verbleiben zu dürfen, da sie bis dahin 
Mietskontrakt habe. Dies wurde ihr bewilligt; da sie 
jedoch zur festgesetzten Zeit nicht fortzog, wurde ihr die 
Unterstützung entzogen und die Ausweisungsverfügung 
eingehändigt. Auf ihr Gesuch wurde ihr noch eine Frist 
gewährt. Schließlich mußte sie aber „abgeschoben" werden. 
Bei diesem „Abschube" wurde sie aufgefordert, etwaige 
Wertsachen an sich zu nehmen und ihre Sachen, die auf 
einen Wagen geladen wurden, zu beaufsichtigen. Dem ist 
die Raupach nicht nachgekommen. Es sollen ihr bei dem 
„Abschube" Sachen beschädigt, 10M. Bargeld und eine silberne 
Taschenuhr abhanden gekommen sein. Die Raupach ver 
langte nun von der Gemeinde Dt.-Wilmersdorf Nach 
zahlung von Armenunterstützung für 3 Monate und Ersatz 
des Schadens beim Abschube. 
1- Wegen ungenügender Räumlichkeiten wurde 
die Schankkonzession dem Schankwirt Wilhelm Sadlowski, 
Ringbahnstr. 4, vom Kreisausschuß nicht erteilt. 
-j- In einer Konferenz von Vertretern des 
Magistrats und der beteiligten Vororte von Groß-Berlin 
wurde Sonnabend unter dem Vorsitze des Oberbürger 
meisters Kirschner folgender Beschluß gefaßt: In der heutigen 
Versammlung der Vororte von Groß-Berlin, die auf An 
regung des Magistrats von Rixdorf und des Magistrats 
von Berlin im hiesigen Rathause einberufen war,- wurde 
von allen Anwesenden mitgeteilt, daß in den Körperschaften 
der betreffenden Gemeinden keine Nngung sei, den Antrag 
der Großen Berliner Straßenbahn und den mit ihr ver 
bündeten Gesellschaften auf Verlängerung des Vertrages 
auf 90 Jahre zu bewilligen. Es wurde einmütig beschlossen 
einen Gesamtausschuß zu berufen, der dem Vorgehen der 
Großen Berliner Straßenbahn entgegen Schritte zu tun 
hat. Die Zustimmung der Gemeinden zu diesem Beschluß 
erfolgte einstimmig. Der Vorort Steglitz war nicht ver 
treten, aber man hofft, daß auch er seine Zustimmung 
geben wird, da sein Vertreter nur krankheitshalber nicht 
anwesend war. Oberbürgermeister Schustehrus-Charlotten- 
burg und Voigt-Rixdorf waren auch anwesend. 
„Stimmt. Taniit ist er aber noch nicht Regierungsrat." 
„Welch ein Glück für Rudolf, welch ein Glück! Aber 
das 5viub hat recht, wohin soll das führen, wenn er hier als 
Freiherr von Falkenhain umhergeht und Versteckeus mit 
uns spielt." 
„Wie willst Du es denn anders machen?" 
Sie schwieg. 
„Als ich für nieinen Jungen den alten Familiennamen 
hervorsuchte, wußte ich wohl, daß er sich äußerlich von mir 
trennen müßte. Das muß mit in Kauf genomnien werden." 
„Aber Du könntest doch auch den Namen —" 
„Wieder annehmen? Ne Minchen, ich bin ein alter 
Gamaschenknopf, geht nicht mehr. Ich könnte ja meine 
Pension nehmen und Rudolf das Feld hier freimachen, aber 
sie reicht für uns beide doch nicht." 
„Ja, aber was soll denn geschehen?" 
„Er kommt hierher und wird Regierungsrat." 
„Und er sollte -?* 
„Mich nicht kennen, versteht sich." 
Auf das betrübte Gesicht, das sie ihm zeigte, erwiderte er: 
„Es wird ja die Zeit kommen, wo er sich offen zu uns 
bekennen kann, Minchen, laß ihn nur hier erst festen Fuß 
fasjrn. Als der Sohn des Subalternen und ehemaligen 
Uiu,uüfi,iur§ wäre cr hier in der Gesellschaft unmöglich, das 
weis;: 'i n so gut als ieb." 
„Aber der Oberpraswcnt?" 
„Erfährt zunächst nichts, denn das könnte Rudolfs An 
stellung hintertreiben. Wollen wir dem Glück des Jungen 
rm Wege stehen? Nein Minchen, wir müssen zunächst noch 
etwas Komödie spielen. Rudolf ist cur echter Falkenhain, 
denn — seine", er hüstelte etwas und sein sonst so gutmütiges 
Gesicht nahn, einen so finsteren Ausdruck an, daß man einen 
anderen Menschen zu sehen glaubte — „denn seine Mutter 
-j- Allgemeine Betriebsruhe im Väckergcwerbe 
an den drei hohen Festen soll nach einem Schreiben des 
Berliner Polizeipräsidenten in einem Schreiben an die 
Bäckerinnung „Germania" nicht eingeführt werden. Das 
Schreiben lautet: 
„Rach Abschloß der eingeleiteten Erhebungen über die Wirkungen 
der durch Verordnung vom 12. November v. I. eingeiühiten Feier 
tagsruhe iür die Gehilfen und Lehrlinge in Bäck.reien und nach 
Prüfung ihrer Er ebniffe eröffne ich Ihnen hiermit ergebenst, daß ich 
oem erneuten Antrage auf Einführung einer allgemeinen 36 ständigen 
Betriebsruhe in den Bäckereien an den drei hohen christlichen Festen 
auch jetzt weitere Folge nicht zu geben vermag. Ich habe mich nicht 
überzeugen können, daß die aus der Feiertagsruhe der Gehil'en und 
Lehrlinge erwachsenden Unzuträglichkeiten und Mißslände unvermeid 
bar und so schwer und allgemein sind um das b antragte Verbot der 
eigenen Tätigkeit der selbständigen Bäckereiinhaber an den Feiertagen 
zu rechtfertigen. Die an der Eingabe beteiligte t-äck.rinnung „Kon- 
kordia" bitte ich von Vorstehendem gefälligst in Kenntnis zu setzen." 
-j- Zur 5. Klaffe der 213. Preußischen Klassenlotterie 
sind die Erneuerungslose bis 3. November einzulösen. Die 
infolge der Vermehrung der Gewinne um 10000 Stück, 
jetzt 21 Tage dauernde Hauptziehung fünfter Klaffe beginnt 
am 7. November; gezogen werden 82000 Gewinne im 
Gesamtbeträge von 32 302320 M., darunter der erste Haupt- 
gewinn zu 500000 M. und die Prämie zu 300000 M. 
t Feuchte Wohnungen. Man hört oft die Mieter 
neuer Wohnungen bange Zweifel äußern, ob das betr. 
Logis, das vielleicht etwas feucht erscheint, nicht doch ge 
sundheitsschädlich für seine Bewohner ist. Es gibt nun 
ein sehr einfaches Mittel, um zu erfahren, ob eine an 
scheinend feuchte Wohnung für den Menschen ohne Nach 
teil für die Gesundheit bewohnbar ist, es besteht darin, 
daß das betreffende Zimmer fest verschossen wird, worauf 
man in demselben eine ganz genau abgewogene Menge 
frisch gebrannten und fein gestoßenen Kalk aufstellt. Nach 
24 Stunden wiegt man den Kalk wieder ab und stellt 
den Gewichtsunterschied fest. Beträgt die Gewichtszunahme 
mehr als 1 pCt., so sind die Zimmer wegen der großen 
Feuchtigkeit der Luft für die Gesundheit der Menschen 
nachteilig und sollten nicht bewohnt werden. Es müssen 
vielmehr Vorrichtungen getroffen werden, um in solchen 
Wohnungen den Feuchtigkeitsgehalt der Luft zunächst zu 
vermindern, was sich durch Verwendung von offenen Koks 
öfen am besten erreichen läßt. 
f Das 23. Stiftungsfest feierte am Sonnabend 
unsere Freiwillige Feuerwehr bei voll besetztem Hause. Es 
waren außer dem Herrn Bürgermeister Schnackenburg die 
Herren Direktor Dr. Busch, Schöffe Lichtheim sowie eine 
ganze Anzahl Gemeindevertreter erschienen. Von aus 
wärtigen Wehren waren Vertreter der Schöneberger BerufS- 
wehr und der Steglitzer Wehr erschienen. Vertreten waren 
folgende Vereine: Turnverein, Schützengilde, Kriegerverein, 
Veteranenverein, Grundbesitzerverein, Friedenauer Männer- 
Gesangverein und die Sanitätskolonne. Nach Begrüßung 
der Gäste seitens des Oberführers, Herrn Steinmetz, 
erfolgte die Festrede des Vorsitzenden, Herrn Lehrer Golitz, 
der seine Freude ausdrückte, daß in diesem Jahre so viele 
Herren als Gäste erschienen seien. Er gedachte sodann des 
Gründers der Wehr, des im Frühjahr verstorbenen Rentiers 
Eggers, und der aufopfernden Tätigkeit des jetzigen Ober 
führers Herrn Steinmetz. Ferner dankte er dem Gemeinde 
vorstand und die Gemeindevertretung für die Bewilligung 
von reichen Mitteln, wodurch die Geräte der Wehr stets 
in gutem Zustande gehalten werden könnten. Nachdem er 
noch der Opferwilligkeit der Mannschaften lobend gedachte, 
endete seine Rede mit einem Hoch auf unsern Kaiser. 
Während des Hochs hob sich der Vorhang der Bühne, 
zwei Feuerwehrleute standen Wache vor der Büste des 
Kaisers, die mit den deutschen Farben geschmückt in einer 
großartigen Pflanzendekoration stand. Die Versammlung 
stimmte dann stehend das „Heil Dir im Siegerkranz" an. 
Herr Oberführer Steinmetz ließ dann fünf Kameraden zur 
Empfangnahme der Dienstauszeichnungen antreten. Herr 
Meerganz erhielt die Auszeichnung für 20jährige Dienst 
zeit, gleichzeitig vom Brandenburgischen Provinzialverein 
das Dienstauszeichnungsdiplom; Herr Oberfeuerwehrmann 
Klemmt erhielt die Auszeichnung für 15jährige, Ober 
feuerwehraspirant Herr Giese für 10jährige, und die 
Feuerwehrleute Herren Billab eck und Rafke für drei 
jährige Dienstzeit. Herr Bürgermeister Schnackenburg 
feierte in sehr herzlichen Worten unsere Wehr, bedauerte, 
daß die längst bestellte Alarmeinrichtung von der in 
Auftrag gegebenen Berliner Firma Siemens & Halske 
noch nicht angefertigt und daß beim letzten Aufruf zum 
Beitritt zu den aktiven Mitgliedern nur 4 Herren diesem 
Ruf gefolgt seien. Seine Rede klang in einem Hoch auf 
war auch von Adel, er täuscht also niemand. Für uns 
bleibt er das Herzenskind, dessen wir uns im stillen freuen. 
Laß ihn nur emporkommen, ich will gern unten bleiben. Laß 
Deine Bedenken fahren, Minchen. Wenn Rudolf erst hier ist, 
macht sich alles von selbst; er hat die Gabe, sich überall 
Liebe zu erwerben, laß ihn nur erst hier Boden fassen. Ich 
werde ihm sofort schreiben, die Stelle anzunehmen, punktum!" 
Freudig bewegt von der Aussicht, den Liebling ihres 
Herzens wieder zu sehen, ihn sogar in ihrer nächsten Nähe zu 
wissen und doch nicht ohne Besorgnis für die Zukunft, sah 
sie vor sich hin. 
Endlich sagte sie: „Wie Du willst, Heinrich, Gott wird 
ja alles zmn Guten führen." 
„Amen." 
Sie erhob sich, um zu gehen. 
„Kommst Du mit, Heinrich?" 
„Nein. Unser neuer Regierungspräsident könnte die 
Schrulle haben, hier herein zu blicken, auch will ich noch dem 
Rudolf schreiben." 
Frau Sleinniüller entfernte sich. 
Mit ernstsreundlichem Blicke schaute der alte Soldat vor 
sich hin. 
„Wird sich alles machen. Mem Goldjunge wird den 
alten Namen wieder zu Ehren bringen, und mein alter Vater 
sich noch im Himmel darüber freuen. Er soll kommen." 
♦ * 
♦ 
Seit acht Tagen hat Rudolf von Falkenhain sein Amt 
als Assessor der Provinzialregierung in K. angetreten. Der 
Registrator und seine Schivester sind unendlich glücklich, den 
in ihrer Nähe zu wissen, den sie beide so von Herzen lieben, 
trotzdem eine Kluft sie von ihm trennt, die nur abseits vom 
aroßen Strome des Lebens zu überschreiten ist. 
unsere Freiwillige Feuerwehr aus. Der Vertreter der 
Steglitzer Feuerwehr hielt eine kernige Ansprache und 
forderte zum Schluß seine Kameraden auf, einen kräftigen 
Schluck auf gute Kameradschaft mit den Friedenauern zu 
tun. Gerr Geh. Rat Hendrich sprach im Namen des 
Kriegervereins und forderte die erschienenen Kameraden 
auf, ihr Glas auf den Vorstand der Wehr zu leeren. 
Herr Rechnungsrat Evers, Vorsitzender des hiesigen 
Männer-Turnvereins, endete seine Ansprache mit einem 
„Gut Heil!" auf die Wehr. Den Schluß der Ansprachen 
machte Herr Lehment, Vorsitzender des Grundbesitzer- 
vereins. Sein Toast endete mit dem Wunsche auf 
weiteres Blühen und Gedeihen der Wehr. Hierauf trat 
dann der Tanz in fein Recht, der um 2 Uhr nur durch 
die Kaffeepause unterbrochen wurde. Während derselben 
wurden recht hübsch gestellte lebende Bilder vorgeführt 
und zwar: Des Fleißes Segen; Der Ruf der Pflicht; 
Vom Tode bedroht; Die Rettung und Des WehimannS 
schönster Lohn. Als Berichterstatter um 3 Uhr nach Hause 
ging, wurde noch recht flott getanzt. 
t Reformationsfest feiert heute Abend im „Hohen- 
zollern" der hiesige Parochialverein, was wir hiermit 
nochmals in empfehlende Erinnerung bringen. 
-j- Hoheuzollern-Theater. Mit der Aufführung 
der altberühmten Posse „Kyntz-Pyritz" von Wilkens, welche 
am Dienstag, den 31. Oktober in den hochoriginellen 
Biedermeierkostümen in vollständig neuer Ausstattung in 
Szene geht, dürfte Herr Dir. Behle einen äußerst glücklichen 
Griff getan haben. Die Unverwüstlichkeit dieser alten 
Posse, die allen neuen an Witz, Liebenswürdigkeit, köstlichem 
Humor und gefälliger Musik überlegen ist, hat sich erst 
wieder kürzlich im Berliner Lustspielhaus aufs Glänzendste 
bewährt und ist diese Posse in letzter Zeit ein Repertoiv- 
stück der Hoftheater in Stuttgart und Mannheim, sowie 
des Schauspielhauses in Frankfurt a. M. gewesen. In 
Berlin strömte alles zu „Kyritz-Pyritz" und das feinste 
Publikum von Berlin W. füllte allabendlich das Theater 
bis auf den letzten Platz und amüsierten sich aufs Köstlichste 
über den unvergänglichen Humor dieser Posse und als 
dann die Frauen in der originellen Krinolinentracht auf 
der Bühne erschienen, wollte der Jubel überhaupt kein 
Ende nehmen. Neben den bekannten Kräften, den Herren 
Hermann, Cordes und Passarge, wird der hier so beliebte 
Komiker Hermann Norden wieder in einer Hauptrolle auf 
treten und die famose Soubrette Frl. Elise Gebhardt. 
Wir können den Besuch nur nochmals aufs Beste empfehlen, 
denn „Kyritz-Pyritz" ist unstreitig die beste Posse, die je 
geschrieben wurde. 
f Die Tanzstunde« haben überall begonnen. Überall 
liest man in den Zeitungen und an den Plakatsäulen An 
kündigungen von Kursen für Einzel- und gemeinsamen 
Unterricht. Den Eltern wird da oft die Wahl schwer. 
Erwartungsvoll aber blickt die Jugend in die Zukunft, 
deren Herrlichkeit mit dem Tanzstundenunterricht für sie 
beginnt. DaS Backsifchchen träumt schon wochenlang vorher 
von den Klängen eines Strauß'schen Walzers und vor 
allem von einem hübschen Jüngling, an dessen Arm eS 
leicht und geschwind dahinfliegt. Lockende Aussichten auf 
neue Freundinnen, die selbst Bälle geben, fröhliche Stunden 
bei Scherz und Spiel eröffnen sich dem jungen Mädchen, 
das nun in den Kreis der Erwachsenen eintritt. Kann 
es erst tanzen, so hat es dadurch ein Recht auf alle Ge 
nüsse der Damenwelt erworben. Ganz anders sieht der 
heranwachsende Knabe den Tanzstunden entgegen. Er, 
der bei körperlichen Uebungen seine junge Kraft gern 
zeigte, fühlt ein leises Bangen, ob die Schritte auch 
graziös genug ausfallen werden und ängstigt sich schon im 
Voraus vor den kritischen Blicken der Mädchen. Ist aber 
die erste Unbeholfenheit glücklich überwunden, so gefällt 
ihm der Kursus immer mehr. Die Tanzstundenzeit ist 
gleichsam das Vorspiel zu der Oper des Lebens, und 
mancher Freundschaftsbuud wird dort geschlossen, der sich 
auch in ernsten Tagen bewährt, manche heimliche Neigung 
keimt empor, die später das Glück der jetzt noch jungen, 
unerfahrenen Menschenkinder ausmachen wird. 
t Der Rekordversuch von Anton Huber auf der 
Radrennbahn Steglitz war am Sonntag teilweise von Er 
folg begünstigt, denn der Münchener drückte den von Robl 
mit 0 : 21,1 gehaltenen Weltrekord über 500 Meter bei 
fliegendem Start auf 20 Sekunden, während er den von 
Bruni-Paris gehaltenen Rekord über 1000 Meter mit fliegen 
dem Start von 0 : 38,4 nicht ganz erreichte. Er ge 
brauchte für diese Distanz 40,2 Sekunden. Dann ging 
Sie sind zufrieden, die Kinder des in Armut verstorbenen 
Freiherr« Bodo von Falkenhain, mit der Situation, die sie 
sich selbst geschaffen haben. Die Falkenhains waren nicht 
begütert in dein Rheinlande und Westfalen, Lehnsmänner 
von Ehue — Köln. 
Der Tod hatte unter ihnen ausgeräumt, und die Kriege 
zu Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts, der 
öftere Wechsel der Herrschait in jenen unruhigen Zeiten die 
Ueberlebenden verarmen lassen. Der Vater des Registrator- 
Weber mußte, so redlich er gearbeitet hatte, als ein mittel 
loser Mann das Gut, das er schon verschuldet über 
nommen, verlassen. 
Der stolze Freiherr, fortan unfähig, seine gesellschaftliche 
Stellung aufrecht zu erhalten, legte Namen und Rang ab 
und ergriff unter dem Namen Weber einen bürgerlichen Beruf. 
Er heiratete ein armes adliges Fräulein, deren Eltern mit den 
seinen gleiches Schicksal geleckt hatten, um im Verein mit 
ihr den Kampf ums Dasein aufzunehmen, in der Hoffnung, 
einst wieder zur Höhe des Lebens heraufsteigen zu können. 
Heinrich und Wilhelmine wurden geboren und bald darauf 
stiegen deren Eltern kurz nacheinander ins Grab und ließen 
sie arm und schutzlos in der Welt zurück. Heinrich Weber 
fand in der Unteroffizierschule Aufnahme und Wilhelmine 
heiratete später den Tischler Steinmüller, um eine selbständige 
Stellung einzunehmen. Beide, die früh die Not des Lebens 
kennen gelernt hatten, fanden sich glücklich in ihren beschei 
denen Stellungen und erhoben keine Prälensionen. Erst al- 
der einzige Sohn des ehemaligen Wachtmeisiers und späteren 
Subalternbeamten seltene körperliche und geistige Eigen 
schaften und Vorzüge zeigte, verbunden mit einer Lebens» 
, auffassung, die ihn über »eine Umgebung weit erhoben, kam 
j den: Soldaten der Gedanke, in diesem Sohne sein Geschlecht 
I wieder aufleben zu lassen. (Fortsetzung folgt.)
        
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