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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Medenaner Ortsteil von 5chöneberg nnd den Bezirksverein 5üd - West. 
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Friedenau, Montag den 30. Oktober 1905. 
12. Iahrg. 
Depeschen. 
Jena. Die Studentenschaft hat an den Prorektor 
und Senat eine Eingabe gerichtet, wonach den Ausländern, 
insbesondere den Russen, geringere Studienrechte einge 
räumt werden sollen, wie den Deutschen. 
Budapest. Die sozialdemokratische Partei hielt 
gestern hier eine Volksversammlung ab, in welcher eine 
Resolution angenommen wurde, in der es u. a. heißt: 
Mit Rücksicht auf den Umstand, daß die im Programm 
der Regierung versprochene Wahlreform den Forderungen 
der sozialdemokratischen Partei viel näher kommt, als jene, 
welche die heutige Majorität des Parlaments aus purer 
Volksbetrügerei und Mandatsjägerei angekündigt hat, 
fordert die Versammlung die Parlanientsparteien auf, das 
Programm der Regierung bezüglich der Wahlreform an 
zunehmen und im Parlament zu unterstützen. 
Budapest. Dienstag wird sich eine neue 
Regierungspartei unter dem Namen „Fortschrittspartei" 
bilden. 
Pola. Der Abteilungschef des hydrographischen 
Marineamtes Korvettenkapitän Normann hat sich aus un 
bekannter Ursache in selbstmörderischer Absicht aus dem 
Fenster seiner Wohnung auf die Straße gestürzt und 
wurde tödlich verletzt ins Marinespital überführt. 
Warschau. Aus Lodz wird gemeldet, daß daselbst 
100 Soldaten verhaftet und entwaffnet worden seien, 
weil dieselben sich geweigert hatten, auf Verlangen der 
Polizei auf das Volk zu schießen. — Die Post nach 
Moskau ist gestern mittels Wagen befördert worden. Der 
telegraphische Dienst ist noch unterbrochen. 
Petersburg. Hier sind keinerlei Nachrichten ein 
getroffen, daß der russischen Schwarz-Meerflotte, welche 
sich auf dem Wege nach Trapezund befindet, ein Unglück 
zugestoßen sei. 
Petersburg. Die reaktionären Blätter, insbesondere 
die „Wjedomvsti" verkünden neuerdings Aufrufe, in 
welchen alle wirklichen Russen aufgefordert werden, sich 
in den Kirchen zu versammeln, gegen die Aufständischen 
mit bewaffneter Hand vorzugehen. — Das Revolutions 
komitee der Hauptstadt hält permanente Sitzungen im 
polytechnischen Institut ab. Das Komitee hat Mauer- 
anschläge veröffentlicht, in welchen der Sturz der Regierung 
angekündigt wird und wird heute einen Aufruf erlassen, 
welcher die Republik proklamiert. — Den letzten Meldungen 
aus Kiew zufolge, haben sich dort sehr ernste Unruhen 
ereignet. Die Truppen machten von ihren Waffen 
Gebrauch und es heißt, sie würden gegebenenfalls nicht 
davor zurückschrecken, Artillerie zu verwenden. — Die 
Minister waren auch in der letzten Nacht wiederum in 
Peterhof zu einer mehrstündigen Konferenz versammelt. — 
Zuverlässigen Informationen zufolge ist der Zar weder 
nervös, noch niedergeschlagen und hat keineswegs die 
Absicht, Rußland zu verlassen. 
Lebastopol. Nachdeal die Rädelsführer der vor 
gestrigen- Slraßendemonstrationeu verhaftet wurden, herrscht 
hier wieder Ruhe. Die Verhafteten gaben die Zusicherung, 
30t“ erster (Batte. 
Roman von Franz Treller. 
<Nachdruck verboten ) j 
1. Kapitel. 
„Ja, der Freiherr von Falkenhain soll hierherkommen, 
er soll kommen und wenn es mich Amt und Würden kostet," 
sagte der Registrator Weber vergnügt vor sich hin, ivährend 
er einen Brief in die Brusttasche steckte: „Er soll kommen." 
Strammen Schrittes, jeder Zoll der wohlgeschulte 
Soldat, ging er dann tu seinem Aktenzimmer auf und nieder, 
den Ausdruck hohen Glückes auf dem martialischen, sehr 
sympathischen Gesicht. . t , 
„Er soll kommen, unser Baron," wiederholte er noch ein 
mal. „Was wohl die verivitwete Frau Steinmüller dazu 
sagen wird? Bin neugierig." 
Es klopfte an die Tür. 
Auf sein „Herein" erschien ,n deren Rahmen eine altere, 
einfach aber gut gekleidete Frau, deren Gesichtszüge Aehn- 
lichkeit mit denen des Registrators hatten. 
Sie sehen und in ein herzliches Lachen ausbrechen, war 
bei dem Registrator eins. Die Eintretende war durch diese 
Art Begrüßung nicht wenig verblüfft. 
„Nimm's nicht krumin, Minchen, aber Du kommst wie 
aufs Stichwort. Haha!" „ .. 
.Du scheinst ja absonderlicher Laune- zu fern." 
Bin ich auch. Aber was ver,chafft mir denn die so 
unerwartete Ehre, Dich in meinem Amtslokal zu sehen?" 
„Der Briefträger sagte mir, als ich ,hm eben begegnete, 
daß er Dir einen Brief gegeben-habe." 
„So? Ich werde die alte Klatschbase wegen Verrats von 
sich in Zukunft ruhig zu verhalten und wurden infolge 
dessen wieder freigelassen. 
London. Der „Standard" meldet aus Petersburg: 
Die Nachrichten über die bevorstehenden Maßnahmen der 
Regierung lauten widersprechend. Vielfach gilt es wieder 
als zweifelhaft, ob Witte zum Vorsitzenden des Minister 
rates ernannt wird. Witte zeigt sich übrigens keineswegs 
bereit, der jetzigen Lage zu steuern, er scheine vielmehr j 
abwarten zu wollen, bis ein günstiger Augenblick ge- ! 
kommen sei, sich an die Spitze der Geschäfte zu stellen. j 
Paris. Der „Malin" meldet aus Petersburg, der l 
Hof sei in offenem Aufruhr gegen den Zaren, welcher > 
zögere, zwischen den Vorschlag des Ministerrates und den- ; 
jenigen der Reaktion zu wählen. Die Minister sowie | 
General Trepow treten für Einführung eines konstitionellen | 
Regimes und eines Ministerkabinetts unter Witte als | 
Vorsitzenden ein. Die Reaktion dagegen fordert die Ein- | 
setzung einer Diktatur unter dem Oberbefehle Jgantiewe. ! 
— Der Petersburger Korrespondent des „Echo de Paris" j 
meldet in später Nachtstunde, der Zar habe soeben das 
liberale Programm angenommen. An der Spitze des 
Ministerium werde Witte stehen; der Zar werde der 
Nationalversammlung legislative Vollmachten erteilen und 
sämtliche Volksklaffen würden Vertreter entsenden können. 
Der Kriegszustand solle überall aufgehoben werden. Es 
heißt, der Zar werde morgen ein Manifest in diesem Sinne 
veröffentlichen. 
Brüffel. Eine Riesenpetition zugunsten der Ein 
führung des obligatorischen Schulunterrichtes wurde von 
der Liga für Unterricht eingeleitet. Die Petition soll im 
ganzen Lande ausgelegt werden. 
Stockholm. Die russische Postverwaltung erbittet ! 
die Hilfe Schwedens zur Versendung der Petersburger 
Post nach dem Kontinent. 60 Säcke Post sind gestern 
mit einem Extradampfer hier eingetroffen nnd wurden 
Abends weiterbefördert. 
Madrid. Differenzen zwischen dem Lehrkörper und ; 
den Studenten haben bis auf weiteres die Schließung der j 
Universität zu. Folge. i 
Konstantinopel Die Lage gilt durch die Ab- j 
lehnung der Kollektivaudienz beim Sultan als sehr zu- j 
gespitzt. I 
Allgemeines. 
[] Eisenbayn-BerkehrSstörnngen. Wegen Schnee 
verwehung ist (nach einer Bekanntmachung der Staats- ! 
bahn-Verwaltung) auf der Strecke Laibach—St. Peter in | 
Krain der Gesamtverkehr eingestellt worden. Über Laibach 
südlich bcstimmte, unterwegs befindliche Güter werden an 
gehalten tmd den Versendern zur Verfügung gestellt. — 
Infolge Güter-Anhäufung tat Freigebiet Triest ist die j 
Aufnahme vou Sendungen, die an die K. K. Lagerhäuser ! 
in Triest adressiert sind, bis auf weiteres eingestellt worden. j 
[] Der Eisenbahnverkehr nach Rußland ist ^ 
nunmehr, nach einer Bekanntmachung der Kgl. Eisenbahn- \ 
direktion Berlin seit Sonnabend Nachmitlag gänzlich unter- 
Dienstgeheimnissen anzeigen. Und va möchten wir nun gern 
wissen, was darin steht?" 
„Ist er von Rudolf?" 
„Bitte, sprich vom Herrn Baron nicht so vertraulich." 
„Laß doch Deine Witze, ist er von ihm?" 
„Wir konnten also nicht warten, bis ich nach Hause kam, 
Frau Neugierde?" 
„Du weißt doch, wie ich mich ängstige, wenn er so lange 
nicht schreibt. Nun sag doch." 
„Ja er ist von ihm." 
„Was schreibt denn das Kind?" 
„Setz Dich mal da aus den Stuhl, sonst fällst Du in 
Ohnmacht." 
„So laß doch Deine Faxen." 
Dabei setzte sie sich aber doch. 
Er nahm den Brief mit gewichtiger Miene aus der Brust 
tasche, faltete ihn langsam auseinander und begann: 
„Herzlieber Vater!" 
„Weiter, das wissen wir ja."- 
„Teure Tante!" 
„Ach so spanne mich doch nicht so lange auf die Folter." 
„Also paß auf, Minchen!" 
Er las: 
„Als Ihr mich, Ihr Lieben, ausersahet, in meiner Per. 
son wiederum unser Geschlecht aufleben zu lassen, und ich 
fühle, welche herzinnige Liebe für mich Euer Handeln 
leitete, vermochte ich nicht vorauszusehen, in welch peinliche 
Lage mich die von Euch veranlaßte äußere Trennung 
bringen könne. 
Ich fügte mich in der Hoffnung, Euch bald an meinem 
eignen Herde sehen zu können, umgeben von der Liebe und 
Ehrfurcht, die ich Euch schulde. Doch jetzt bin ich vor eine > 
bunden, da auch die Strecke über Grajewo gesperrt ist. ES 
können daher Gütersendungen auch in dieser Richtung nicht 
mehr angenommen werden, rollende Güter werden den 
Versendern zur Verfügung gestellt. Wegen drohender 
Überfüllung der Bahnhofsschuppen in Eydtkuhnen und 
Prostken werden Güter, die über diese Stationen für Ruß 
land bestimmt sind, nicht angenommen und rollende Güter 
den Versendern ebenfalls zur Verfügung gestellt. Daß der 
Schnellverkehr nach Rußland glücklicherweise nicht ganz ab 
geschnitten werden kann, haben wir bereits unter Hinweis 
auf die Dampfschiffsoerbindungen von Stettin, Lübeck rc. 
erwähnt. Tatsächlich wird der Seeweg jetzt von vielen 
Reisenden gewählt, die in Rußland unaufschiebbare Ge 
schäfte haben. Bevorzugt wurde in den letzten Tagen 
namentlich die Verbindung über Schweden und Finnland, 
auf welcher man von hier aus viermal wöchentlich nach 
St. Petersburg gelangen kann. Da Eisenbahn und Dampfer 
direkten Anschluß haben, gelangt man in 60 Stunden von 
Berlin nach Petersburg. Die Schnellzüge gehen von 
Berlin, Stettiner Bahnhof, täglich um 9.45 Vorm, und 
7.36 Abends nach Saßnitz ab, woselbst sie Anschluß finden 
an die Postdampfer nach Trelleborg, um 9.45 Vorm. bezw. 
7.51 Abends trifft man in Stockholm ein und kann von 
hier via Abo (Montags und Freitags) oder via Hangö 
(Dienstags und Sonnabends) 8.30 Abends in 36 Stunden 
nach St. Petersburg gelangen. Dort trifft man Mittwochs 
und Sonntags bezw. Donnerstags und Montags, um 
9.40 Vorm. ein. Auf den Bahnstrecken Berlin—Saßnitz 
und Trelleborg—Stockholm, sowie Abo- bezw. Hangö— 
Petersburg verkehren Speise- und Schlafwagen. Die 
Dampfer zwischen Saßnitz—Trelleborg und Stockholm— 
Abo bezw. Hangö sind auf das Komfortabelste einge 
richtet. Die Fahrpreise stellen sich für die drei Bahnklassen 
(Schiff I. Klaffe) auf 154,55, 117,80 bezw. 91,65 M., 
für die III. Klasse Bahn (II. Klasse Schiff) auf nur 
82.95 M. 
Lokales. 
-ß Submifsions Resultate. Heute Vormittag 10 
Uhr erfolgte im Baubureau des Armenhauses, Laubacher 
straße, die Eröffnung der auf diel, öffentliche Ausschrcibungbetr. 
Vergebung der Erd- und Maurerarbeiten für den Neubau 
der 2. Gemeindeschule in der Rheingaustraße eingegangenen 
Angebote. Nachstehend lassen wir nun die Resultate folgen: „ 
Klemke, Friedenau 69 197,35, Vielecke, Schöueberg 
58 066,20, Weßel & Commitzsch 56 142,80, F. H. Wessel 
52 081,10, O. Haustein 50 863,58 und Mehl, Gr.-Lichter- 
felde 46 708,80. Diese Forderungen beziehen sich auf die 
Erdarbeiten, Bankette, Ausschachtung und Maurerarbeiten 
ohne Materiallieferung. 
f Die Begehrlichkeit der Vorortgemeinden, 
so schreibt mau uns, zeigt sich auch in der Besteuerung 
des dort belegenen Grundbesitzes der Stadl Berlin. Die 
Gesauitabgaben, welche die Reichsyauptstadt auswärts an 
Genieinde-, Grund-, Kreis- rc. Steuern jährlich zu zahlen 
hat, beziffert sich auf nicht weniger als 276 553 M. An 
Entscheidung, meine Zukunft angehend, gestellt, die mich das 
Verhältnis, in dem ich Deinem Willen nach zu Dir stehe, 
noch mehr als zuvor empfinden läßt. 
Vor einigen Tagen ivurde ich Eurem Oberpräsidenten, 
der augenblicklich hier weilt, durch seinen Sohn, mit dem ich 
als Referendar am Landgericht tätig war, vorgestellt. Nach 
einer Unterredung, in der die die Zeit bewegenden wirtschaft 
lichen Fragen erörtert wurden, machte mir Exzellenz den Vor 
schlag, den Justizdienst zu verlassen und in die Verwaltung 
einzutreten, die mir, bei meinen Fähigkeiten, weit größere Aus 
sichten zum Emporkommen biete. Er bot mir eine Stellung 
als Assessor bei der Regierung dort an, dem der Rat bald 
folgen solle. 
Das ist unter meinen Umständen ein nicht geringes Glück 
und entspricht auch meinen Neigungen. Am liebsten hätte ich 
ihm sofort gesagt, in welchem Verhältnis ich zu Dir stehe, 
wenn Tein Verbot mich nicht daran verhindert hätte. So 
bat ich um Bedenkzeit. Was soll nun werden? Dort den 
Regierungsassessor spielen und Dich nicht kennen sollen, geht 
über meine Kräfte. Du weißt ja, wie stolz ich auf Dich bin. 
Beharrst Du auf Deiner Anschauung, ist es wohl das 
Beste, ich lehne die Stellung ab. 
Und nun überlege mit Tante Minchen, Herzensalter, und 
laß mich Deinen Willen wiffen. Ich bin wie immer 
Euer treuer gehorsamer Sohn 
Rudolf." 
Mit sich steigernder Erregung hatte Frau Steinmüller 
der Verlesung des Brieses gelauscht. 
„So Minchen, nun weißt Du Alles. — Und nun sage 
mir Deine Meinung." 
„Ach, Heinrich, er ist ein gutes Kind," erwiderte sie, sich 
die feuchlgewordenen Augen wischend.
        
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