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Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Beilage zu Nr. 254 des „Friedenauer 
Sonnabend, den 28. Oktober 1905. 
Sormtagsptauderei. 
„Ihr seid Gottes Kinder!" Das predigt uns des 
Sonntags Freundesstimme und predigt es uns wieder 
und wieder, Woche für Woche — unermüdlich. Gottes 
Kinder! Wie tröstlich das ist, denn es bedeutet Schutz, 
Geborgensein! Doch es bedeutet auch noch etwas anderes, 
nämlich, daß wir Geist sind von seinem Geist, Kinder von 
der Art des Vaters. Aber wie wenig gleichen wir oft 
diesem Vater! Gott ist die Liebe! Sind wir das auch, 
wenigstens annähernd? Haben wir die Liebe, die alles 
trägt, die sich nicht erbittern läßt? O nein — wir sind 
weit davon entfernt! Wir möchten wohl, daß wir sie 
hätten und eigentlich ist sie auch in uns, aber tief im 
Herzen liegt das köstliche Erbteil des Vaters begraben, 
der Alltag mit seiner Qual und Not, mit all dem Klein 
lichen und Nichtigen, hat Schutt und Asche darauf gehäuft. 
Und darunter glimmt und glüht nun freilich das Liebes- 
flämmchen noch, aber es kann nicht emporlodern, kann 
nicht zu dem Feuer werden, das alles Dunkel verzehrt, 
das Licht bringt in unsere Seelen. Wenn einmal etwas 
Großes, Gewaltiges über uns kommt, dann kann es ja 
sein, daß das Schicksal wie ein Sturm in die Asche fährt, 
sie aufwühlt und fortbläst — es kann sein, daß es so ist, 
aber immer kaum. Denn auch das Große geht an vielen 
Menschen spurlos vorüber. Und auf das Große dürfen 
wir nicht warten, sonst könnte es leicht sein, daß wir ver 
gebens warteten. Oft besteht unser ganzes Leben ja nur 
aus Kleinem. Kleine Pflichten, kleine Opfer sind es, die 
der Alltag fordert — und gerade sie sind oft so entsetzlich 
schwer und stellen mehr Anforderungen an unsere Kraft, 
als das Große. Und deshalb brauchen wir just da die 
Liebe am nötigsten. Mitten in all dem Kleinlichen sollte 
man es uns anmerken, daß wir Kinder sind von des 
Vaters Art, weil wir fröhlich und unverdrossen das Kreuz 
zu tragen wiffen und nicht klagen, wenn es 'drückt, und 
nicht mürrisch werden, wenn die winzigen Dornen uns 
das Herz verwunden. Die Liebe überwindet alles! Und 
darum fort mit der Asche, welche die Liebesflamme deckt, 
kräftig hineinblasen wollen wir, damit das Fünkchen hell 
auflodere und zum Feuer werde, das unser Haus und 
unser Herz erwärmt. Und nicht den Mut gleich sinken 
lassen, wenn es nicht mit einem Male gelingt, nicht müde 
werden. Der Sonntag wird ja auch nicht müde, uns zu 
mahnen: „Du bist ein Gotteskind. So sei es nicht nur 
dem Namen nach, sondern beweise es durch die Tat!" 
Leicht ist es nicht, besonders denen gegenüber, die uns 
zum mindesten unsympathisch sind. Aber denken wir an 
die Sonne, machen wir es wie sie. Sie gießt ihre Lichtes 
sülle aus über alle, scheint über Gerechte und Ungerechte. 
Und Jesus! Duldete er nicht auch einen Judas Jschariot 
unter den Seinen und war liebreich zu ihm, wie zu den 
anderen. Und gehen wir noch weiter zurück — ins 
Heidentum — auch da klingt uns dieselbe Mahnung ent 
gegen, getragen von christlichem Geist, wenn auch gesprochen 
von heidnischem Mund, das einzigschöne Wort, das 
Sophokles für seine Antigone prägte: „Nicht mit zu hassen, 
mit zu lieben bin ich da!" 
Der Herr Graf. 
Humoreske von Reinhold Ort mann. 
Nachdruck verboten. 
UR. Nur ihrer achtzehnjährigen Nichte Lizzie zuliebe, 
an der sie seit zwei Jahren Mutterstelle vertrat, hatte 
sich das Freifräulein Ade von Gersfeld entschlossen, die 
Einladung einer befreundeten Familie zum gemeinsamen 
Besuch des Presseballes anzunehmen. Sie hatte sich's an 
fangs durchaus nicht vorstellen können, daß auf einer von 
Zeitungsleuten veranstalteten Festlichkeit auch die allerbeste 
Gesellscbaft der Hauptstadt vertreten sein sollte, und erst 
als man ihr die Namen verschiedener sehr hochstehender 
Persönlichkeiten genannt hatte, die bestimmt auf dem Balle 
erscheinen würden, waren ihre Bedenken geschwunden. Ein 
vielleicht etwas zu stark ausgeprägtes Standesbewußtsein 
galt nämlich in den Augen ihrer Freunde als die einzige 
Schwäche des sonst sehr verständigen und liebenswürdigen 
Dame, die von aller Welt geschäht und von ihrer anmutigen 
Nichte geradezu vergöttert wurde. Je weniger ihre sehr be 
scheidenen Vermögensverhältuisse ihr gestatteten, nach außen 
hin zu repräsentieren, desto ängstlicher war das dreißig 
jährige Fräulein daraus bedache, in der Wahl ihres Um 
ganges wie in all ihrem Tun und Lassen jenen Rücksichten 
Rechnung zu tragen, die ihr nach ihrer unumstößlichen 
Ueberzeugung durch die Abstammung von einem alten 
Adelsgeschlecht auferlegt wurden. Und die arme kleine 
Lizzie hatte erst vor wenigen Tagen zu ihrem bitteren 
Schmerze erfahren müssen, daß die in allen anderen Dingen 
so liebevoll nachgiebige Tante von geradezu steinerner Un 
erbittlichkeit sein konnte, wenn es galt, die „Familien 
tradition" hochzuhalten. In kindlichem Vertrauen hatte das 
junge Mädchen der mütterlichen Beschützerin das erste süße 
Geheimnis ihres Herzens gebeichtet und sic zur Mitwisserin 
des unschuldigen Liebesbundes gemacht, der zwischen ihr 
und dem Bruder einer ehemaligen Pensionsfreundin, einem 
Assessor, geschlossen worden war. Sie hatte kaum eiuen 
ernstlichen Widerstand befürchtet, denn der junge Mann 
gehörte einer wohlhabenden, geachteten Familie an, und die 
Tante hatte sich schon wiederholt mit warmer Anerkennung 
über seine schätzenswerten persönlichen Eigenschaften aus 
gesprochen. Um so größer war Lizzics Bestürzung ge 
wesen, als Fräulein Ade mit größter Bestimmtheit erklärt 
hatte, daß sie einer solchen Verbindung, einer Verbindung 
der letzten Gersfeld mit einem Herrn, der den Namen Fritz 
Lehmann führte, nie und nimmer ihre Zustiminung geben 
würde. _ 
„So lange Du unter meiner Obhut stehst, kann davon 
nicht" die Rede sein," sagte sie. „Später magst Du ja 
tun oder lassen, was Dir gefällt." 
Seitdem hatte es in der bescheidenen Gartenwohnung 
viel heimliche Tränen gegeben. Und es war Fränlein 
Ade manchmal recht weh ums Herz geworden, wenn sic den 
Ausdruck dieser Betrübnis auf Lizzies blassem Gesichtchen 
sah. Aber die Rücksicht auf ihren alten Namen ging ihr 
nun einmal über alles. Sie selbst hatte einst dieser Rück 
sicht eine Jugendneigung zum Opfer bringen müssen, und 
sie hatte, nachdem der erste Schmerz überwunden war, 
ihrem strengen Vater Dank dafür gewußt, daß er sie von 
einem verhängnisvollen Bruch mit der Familientradition 
bewahrt hatte. 
Um der armen Kleinen auf andere Art ihre Liebe 
zu beweisen, war sie von einem sehr tiefen Griff in ihre 
schmale Kasse nicht zurückgeschreckt, damit Lizzies Ball 
kleid so hübsch und vornehin als möglich ausfalle. Sie 
selbst hatte nur eine seit inehreren Jahren nicht mehr be 
nutzte Seidenrobe von der geschickten Hausschneiderin ein 
wenig modernisieren zu lassen brauchen, um in durchaus 
standesgemäßer Toilette auf dem Feste zu erscheinen. Und 
wie sie jetzt, als der Augenblick der Abfahrt gekommen 
war, noch einmal ihr Ebenbild im Spiegel musterte, durfte 
sie sich ohne alle törichte Eitelkeit sagen, daß sie mit ihrer 
vollen, stattlichen Gestalt und ihrem noch jugendlich frischen 
Gesicht ganz und gar nicht wie eine verblühte alte Jungfer 
aussah. 
Der große Ballsaal war bereits von einer lebhaft durch 
einander wogenden Menschenmenge erfüllt, als Tante und 
Nichte ihn in Begleitung eines befreundeten älteren Herrn 
betraten. Der Anblick der vielen Offiziere hatte sogleich 
Fräulein Ades letzte Besorgnisse zerstreut, und als man ihr 
sogar ein paar leibhaftige Minister zeigen konnte, fühlte sie 
sich hinsichtlich der Zusammensetzung der Gesellschaft voll 
kommen beruhigt. Ein paar junge Offiziere, die sich den 
beiden Fräulein von Gersfeld durch einen gemeinsamen Be 
kannten hatten vorstellen lassen, wetteiferten darin, Fräulein 
Lizzie zum Tanze aufzufordern, und die jugendliche Tante 
nrußte sich darein finden, das sonst so sorglich gehütete Küch 
lein zeitweilig ihrer Aufsicht entschwinden zu sehen. 
Ihr selbst hatte sich bisher noch niemand genähert, 
und sie wendete überrascht den Kopf, als sie sich — eben 
im Begriff, Lizzie zu suchen — von einer sehr höflich und 
verbindlich klingenden Männerstimme angeredet hörte: 
„Ich bitte um Verzeihung, aber haben nicht gnädiges 
Fräulein diesen Fächer auf dem Stuhle dort liegen lassen?" 
Es war wirklich ihr Fächer, ein liebes Erinnerungs 
stück aus der Zeit ihrer ersten Mädchcntriumphe, dessen 
Verlust sie gewiß mit großer Betrübnis erfüllt hätte. Sie 
fühlte sich dem aufmerksamen Finder zu Dank verpflichtet, 
und er nahm mit ehrerbietiger Verbeugung den Ausdruck 
ihrer Erkenntlichkeit in Empfang. 
„Wollen gnädiges Fräulein mir gestatten, mich vor 
zustellen: Arthur Graf von Rhema und Hochstetten. Mein 
Haus ist dem gnädigen Fräulein vielleicht nicht ganz un 
bekannt." 
Ade erinnerte sich zwar nicht, den Namen schon ge 
hört zu haben; aber sein feudaler Klang reichte hin, sie 
zu überzeugen, daß sein Träger einem sehr alten und edlen 
Geschlecht angehören müsse. Und sie neigte darum bejahend 
den Kopf. Hatte doch auch scholl der erste Blick sie darüber 
belehrt, daß sie einen Mann von Distinktion vor sich habe. 
Mit seiner hohen, schlanken Gestalt, seinem scharf ge 
schnittenen, bartlosen Gesicht, seinen schmalen, aristokra 
tischen Füßen und seiner lässig vornehmen Haltung, er 
schien ihr dieser etwa sechsunddrcißigjährige Herr als der 
vollkommenste Typus des altadligen Kavaliers. Und es 
war ihr durchaus nicht unangenehm, daß er die durch seinen 
kleinen Ritterdienst gebotene Gelegenheit benutzte, eine 
Unterhaltung zu beginnen. 
„Gnädige schienen willens, jemanden zu suchen. Aber 
es ist für eine Dame zn schwer, sich einen Weg durch das 
Gedränge zu bahnen. Wenn ich Ihnen vielleicht ineine 
Hilfe anbieten dürfte " 
„Sie sind sehr freundlich, Herr Graf! Und ich nehme 
Ihre Gefälligkeit gern an. Hoffentlich werde ich meine 
Nichte bald gefunden haben." 
Diese Hoffnung konnte sich allerdings schon deshalb 
nicht erfüllen, weil Fräulein Lizzie gar nicht mehr im 
Saale war, sondern am Arme eines hübschen jungen 
Mannes, des Herrn Assessors Fritz Lehmann, in einem der 
Nebenräume auf- und abspazierte. Aber die Tante empfand 
das Vergebliche ihres Suchens gar nicht als ein so großes 
Mißgeschick, da der distinguierte Herr, der getreulich au 
ihrer Seite blieb, sich als ein recht unterhaltender Gesell 
schafter erwies. 
Es unterlag für Ade sehr bald keinem Zweifel mehr, 
daß er eine sehr angesehene Stellung in der Gesellschaft 
einnehmen mußte; denn er schien jedermann und namentlich 
jede Frau zu kennen und von allen gekannt zu sein. 
Sobald eine besonders Prächtig und geschmackvoll ge 
kleidete Dame in ihrer Nähe auftauchte, flüsterte er dem 
Freifräulein diskret ihren Namen zu. Und es geschah 
sehr häufig, daß seine ritterlichen Verbeugungen von den 
vornehmen Trägerinnen dieser kostbaren Kostüme mit 
schmeichelhaft vertraulicher Begrüßung erwidert wurde; 
keine einzige redete ihn anders an als mit „mein lieber 
Herr Gras". Und wenn hier und da in dem Ausruf: 
„Ach, Sie sind auch da?" etwas wie ein leiser Klang von 
Erstaunen war, so sah Fränlein Ade darin nur einen wei 
teren Beweis sür die hohe Position ihres Kavaliers, den 
man auf dem Ballfest der bürgerlichen Leute von der Feder 
nicht zu finden erwartet hatte. 
Die Grüße, die er mit den Herren austauschte, waren 
allerdings zumeist viel steifer und förmlicher. Aber das 
Freifräulein kannte die Welt gut genug, um auch dafür 
eine Erklärung zu haben. 
„Er ist offenbar ein verwöhnter Liebling der Frauen," 
dachte sie, „da ist es wohl begreiflich, wenn ihre Gatten 
und Brüder ihn nicht eben mit den freundlichsten Augen 
ansehen." 
Und am Ende hätte sie doch kein Weib sein müssen, 
wenn er durch solche Erkenntnis nicht noch um ein Be 
trächtliches in ihren Augen gelvachsen wäre. 
Nach und nach nahm ihre Unterhaltung einen ver 
traulicheren Charakter an. Da Fräulein Ade einige Er- 
rnüdung spürte, hatten sie sich auf zwei etwas abseits 
stehende Stühle niedergelassen, und es hatte sich gleich 
sam ganz Von selbst ergeben, daß ihr Gespräch sich vom 
Allgemeinen auf das Persönliche gewendet hatte. Der Raine 
des Freifräuleins war ihrein Kavalier jetzt kein Geheimnis 
mehr, und Ade hatte dagegen von ihm erfahren, daß er noch 
Unverheiratet aber des Junggesellenlebens herzlich über 
drüssig sei. 
„An Gelegenheit, ein Weib zu nehmen, hätte mir's ja 
nicht gefehlt," sagte er, „aber in meinen Jahren ist man 
nicht mehr so rasch in seinen Entschlüssen. Gerade weil ich 
auf Vermögen nicht zu sehen brauche, fühle ich mich be 
rechtigt, etwas wählerisch zu sein. Eine ganz junge möchte 
ich nicht haben, weil das selten eine ruhig glückliche Ehe 
gibt, so wie ich sie mir wünsche. Andererseits aber möchte 
Lokal-Anzeiger". 
ich doch auf äußere Schönheit ebensowenig verzichten als 
auf Herkunft aus guter Familie. Und ich habe bis heute —" 
er legte einen ganz besonderen Nachdruck auf diese beiden 
Worte — „vergebens nach dem weiblichen Ideal gesucht, 
das all meinen Anforderungen entsprochen hätte." 
Dem Freifräulein war es ganz eigen warin ums Herz 
geworden. Sie fühlte den Blick des Grafen auf sich ruhen, 
und sie konnte nicht verhindern, daß unter diesem Blick 
ein verräterisches Rot in ihren Wangen emporstieg. 
„Es ist sehr heiß hier," sagte sie befangen. „Und ich 
möchte mich nun doch noch einmal nach meiner Nichte um 
sehen." 
Sie lehnte es nicht ab, als der Herr Graf ihr seinen 
Arm anbot, und nachdem sie zweimal vergeblich den gan 
zen Saal umwandelt hatten, fügte es der Zufall, daß 
Fräulein Ade einen Blick in jenen Nebenraum warf, darin 
Lizzie an der Seite ihres geliebten Assessors Ball und 
Tanz und Tante nachgerade vollständig vergessen hatte. 
Betroffen blieb das Freifräulein beim Anblick des jungen 
Paares stehen und eine Regung des Unmuts wallte in 
ihrem Herzen auf. Schon aber war auch Fritz Lehmann 
ihrer ansichtig geworden, und mit einem erstaunlich un 
befangenen Lächeln trat er auf sie zu: 
„Gehorsamster Diener, gnädiges Fräulein! — Guten 
Abend, Herr Graf! Sie auch da? — Na, natürlich! Es 
ist ja gewissermaßen der Schauplatz Ihrer Triumphe, 
über den Sie da Musterung halten." 
Nur die Rücksicht auf den Kavalier an ihrer Seite 
hielt Fräulein Ade ab, mit dem dreisten Assessor und 
mit ihrer ungehorsamen Nichte auf der Stelle ein sehr 
ernstes Wort zu reden. Und sie konnte sich's umso eher 
aus später verspüren, als eben jetzt ein netter kleiner Leut 
nant auf der Bildfläche erschien und Lizzie zum Tauze 
holte. Sie kehrte mit dem Grafen in den Saal zurück, 
und nach einem kleinen Schweigen fragte sie ihn: 
„Sie sind mit dem jungen Manne näher bekannt?" 
„Ja, ich habe die Ehre. Seine Mutter und seine 
Schwester stehen zu meinem Hause seit langem in den ange 
nehmsten Beziehungen. Es ist ein prächtiger Herr, der 
Assessor — und sehr talentvoll. Er wird es sicher weit 
bringen." 
Keine andere Empfehlung würde Herrn Fritz Lehmann 
bei Fräulein Ade so viel genützt haben, wie dies warme 
Lob aus solchem Munde. In ihrer gegenwärtigen Stinr- 
mung fühlte sie sich ohnedies geneigt, die Herzensirrung 
ihrer Nichte viel milder zu beurteilen, als es noch vor 
wenig Stunden der Fall gewesen !var. Und wenn der junge 
Mann wirklich so glänzende Aussichten hatte — lieber 
Gott, geradezu unglücklich wollte sic ihre liebe kleine Lizzie 
doch auch nicht machen. 
Als sie eine halbe Stunde später endlich des alten 
Herrn wieder ansichtig wurde, in dessen Begleitung sie 
auf den Ball gekommen waren und als sie sich darc>"shin 
mit einigen herzlichen Dankesworten von ihrem treuen 
Kavalier verabschiedete, hatte sie ihm bereits auf seine 
bescheidene Bitte die Erlaubnis erteilt, sich am nächsten 
Tage nach ihrem Befinden zu erkundigen, und eine Welt 
von sonnigen Hoffnungen lebte in ihren Herzen. 
„Wie kamen Sie denn zu dem Herrn?" fragte der 
Freund, der Fräulein Ades Standesvvrurteile seit Jahren 
kannte, mit einiger Verwunderung. „Lassen Sie vielleicht 
auch bei ihm arbeiten?" 
„Ob ich bei ihm — arbeiten lasse?" gab sie zurück, 
um dann in ein übermütiges Lachen auszubrechen. „Gut, 
daß er es nicht mehr gehört hat. Für wen haben Sie 
ihn denn gehalten? — Es war ja der Herr Graf von 
Rhein« und Hochstetten." 
„Ganz recht! Herr Arthur Graf, in Firma Rhein« 
und Hochstetten, augenblicklich der beliebteste unter den 
fashionablen Damenschneidern." 
Fräulein Ade lourde es für einen Moment schwarz 
vor den Augen. Aber sie beherrschte sich tapfer und fiel 
nicht in Ohnmacht. Niemand sollte erraten, in welchem 
Irrtum sie sich befunden und welche Phantastischen Deu 
tungen sic dein Verkehr dieses Schneiders mit seinen Kun 
dinnen gegeben hatte. — 
„Ja, ich weiß," sagte sic leichthin. „Uebrigens ein 
sehr unterrichteter und liebenswürdiger Herr." 
„Gewiß — man könnte sogar beinahe sagen: ein Knnst- 
ler. Und gutem Vernehmen nach schon heute ein steinreicher 
Mann." — 
Fräulein Ade von Gersfeld war auf der Heimfahrt 
sehr schweigsam, und Lizzie wunderte sich nicht wenig, 
daß die Vorwürfe ausblieben, vor denen sie sich so sehr 
gefürchtet hatte. Aber ihr Erstaunen wurde zum schran 
kenlosen Entzücken, als ihre Tante daheim beim Gutenacht 
kuß sagte: 
„Wenn Dn Deinen bürgerlichen Assessor wirklich so 
lieb hast, Kind, daß Dn meinst, ohne ihn nicht leben zu 
können — nun, ich werde ihm nicht geradezu die Tür 
weisen, ivenn er kommt, um Dich zu werben." — — — 
Am nächsten Mittag meldete das Dienstmädchen den 
Besuch eines Herrn, aus dessen Visitenkarte zu lesen stand: 
„Arthur Gras" und nichts weiter. 
Ein paar Sekunden lang schien Fräulein Ade un 
schlüssig, ob sie sich verleugnen lassen solle; dann aber 
gab sie Auftrag, den Herrn einzuführen. Und es war ein 
sehr liebenswürdiges, verheißungsvolles Lächeln, mit dem 
sie ihn empfing. 
Briefkastens 
L. R. Lauterftratze. Sie fragen an, woher der bekannte 
Name „Maikäfer" für das Garde-Füstlier-Regiment stammt. Be- 
kanntlich ist das Regiment aus dem 1826 errichteten Garde-Reserve- 
Jnfanterie-Landwehr-Regiment hervorgegangen. Von diesem stand 
damals ein Bataillon in Spandau, das andere in Potsdam. In den 
ersten Tagen des Mai kam regelmäßig das Spandauer Bataillon zum 
Exerzieren und wurde sehr bald von der Potsdamer Straßenjugend 
mit dem Zuruf „Maikäfer" begrüßt, da sein Erscheinen immer mit 
deren Auftreten zusammenfiel. Dieser Name war zuerst ein Spott- 
name. Nachdem aber Friedrich Wilhelm IV. ihn aber bei einer Be- 
sichtigung scherzend gebraucht hatte, nahm ihn das Regiment als 
Ehrennahmen an. der es bis heute geblieben ist, sodaß er auf allen 
Ehrengeschenken, Tischkarten u. dcrgl. angebracht wird. Wenn das 
Regiment an anderen im Manöver vorübermarschiert, dann erhebt 
sich aus den Reihen der letzteren in der Regel ein starkes Gesumme, 
das das Fliegen des Maikäfers nachahmt und mit irgendwelchen 
paffenden Scherzen erwidert wird. 
Ein Abonnent. Wir haben schon wiederholt betont, daß 
anonyme Zusendungen absolut keine Aufnahme finden können. Wohin 
sollte daS wohl führen? Denken Sie einmal nach: Sie stellen z. B. 
in einem „Eingesandt" Behauptungen auf, durch welche sich ohne 
Zweifel ein Bürger beleidigt fühlen würde. Es würde uns zunächst
        
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