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Periodical volume Nr. 251, 25.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Unter anderem sollen mehr Leute eingestellt und die' 
Reinigungen während der Nacht stattfinden. 
| Eine Kalamität hat der neue Güterbahnhof 
für die Beckerstraße gebracht, indem die Steinwagen, die 
auf dem Bahnhöfe Steine aufladen, wegen der Steigung 
der Rembrandstraße die Neapel- und Beckerstraße benutzen. 
Aber auch hier bleiben die meisten Wagen stecken und 
verursachen kürzere und längere Vekehrsstörungen. DaS 
Fuhrgefchäft in der Lauterstraße könnte hier ruhig Vorspann 
stellen, um die Mißstände abzustellen. Außerdem wäre 
es erwünscht, wenn die Kutscher die Tierquälereien ein wenig 
einschränkten und den Peitschenschaft den Tieren nicht um 
die Ohren schlügen. Wie wir hören, beabsichtigt man 
nötigenfalls die Polizei aufmerksam zu machen. 
-s- Abends um l j?ß Nhr auf dem Friedeuauer 
Postamt. Die Klagen über unser Postamt, so schreibt 
uns unser ^.-Korrespondent, wollen im Publikum nicht 
verstummen. Es sind allerdings Klagen, die man auch 
sonst überall hört, aber Friedenau als Mustergemeinde 
soll auch ein Musterpostamt haben. Leider ist dem nicht 
so. Kommt man Abends um 7 Uhr 30 Minuten auf 
unser Postamt, so kann man dort manchmal 20—25 Mit 
bürger antreffen, die vor zwei Schaltern Posto gefaßt 
haben, vier der Schalter sind geschloffen, zwei offiziell, 
zwei inoffiziell, d. h. der eine Beamte quält sich schon mit 
seiner Abend-Abrechnung ab, der zweite zählt Geld in 
Mengen. Das Publikum steht also zu 11 — 12 vor jedem 
Schalter. Klopft jemand an einem der inoffiziell 
geschloffenen Schalter, so wird nicht nur nicht geöffnet, der 
arme Sünder erhält noch einen bösen Blick und schämt 
sich furchtbar über seine Unverfrorenheit, einen kaiserlich 
preußischen Beamten beim Addieren zu stören. Er stellt 
sich also als 13. an eins der geöffneten Guckfensterlein. 
Es gehört ein wenig Geduld dazu, 12 Personen vor sich 
abgefertigt zu sehen, kommt noch der eine oder andere 
Telegrammaufgeber dazwischen, so werden es 15. Wenn 
man herankommt, ist es bereits 8 Uhr vorbei, vom 
Beamten hängt es also ab, ob er noch abfertigen will 
oder nicht. Da schriftliche Klagen nichts helfen, die beim 
Postamt eingehen, so bitten wir an dieser Stelle, daß 
jeden Abend vor 8 Uhr Bürodienst am Schalter nicht 
ausgeführt wird, daß alle vier Schalter dem Publikum 
zugänglich sind, auch haben wir nichts dagegen, daß das 
Postamt um 8 Uhr geschlossen wird, wer aber vor 8 Uhr 
im Vorraum ist, muß auch abgefertigt werden und nicht 
nach halbstündiger Wartezeit heimwärts gesandt werden. 
Vor uns liegt eine Verfügung des Staatssekretärs des 
Reichspostamtes, in der die Beamten angewiesen werden, 
ihre sonstigen Arbeiten nicht auszuführen unter Be 
einträchtigung des Publikums, und eine zweite, die darauf 
hinweist, daß die Beamten dem Publikum höflich ent 
gegenkommen. Wir sind bereit, beide Verordnungen dem 
Kaiserlichen Postamt zur Verfügung zu stellen. 
f Bibel stünde. Freitag, den 27. d. M., Abends 
6 Uhr, findet Bibelstunde statt. Geleitet wird dieselbe 
von Herrn Pastor Görnandt. 
Beerdigung. Unter großer Beteiligung von 
Leidtragenden fand am Montag Nachmittag die Beerdigung 
des Sohnes Richard des Maurermeisters Herrn Coloffer 
statt. Mehrere Schöneberger Stadträte, eine große Zahl 
von Stadtverordneten, Gewerbetreibenden des Baufachs, 
sowie viele Bürger vom Friedeuauer Ortsteil von Schöne- 
berg und Friedenau waren zur Trauerfeier erschienen und 
bezeugten hierdurch die Teilnahme an dem herben Miß 
geschick von dem die Mitglieder der Hinterbliebenen Familie 
betroffen worden sind. Prediger Mirbt hielt eine erhebende 
Trauerrede. Von Heidelberg waren Deputationen studen 
tischer Verbindungen, aber auch zahlreiche Berliner studen 
tische Korporationen mit ihren Bannern zur Trauerfeier 
ihres Kommilitonen erschienen. An der Gruft des Dahin 
geschiedenen sprach ein Vertreter der Universität Heidelberg 
und ein Vertreter des Korps „Zaringia", dessen Mitglied 
der Verstorbene gewesen. 
+ Mehr Brötchen. Wie der „Stegl. Anz." hört, 
hat die Steglitzer Bäckerzwangsinnung in der letzten 
Quartalsversammlung beschlossen, von Sonnabend, den 
28. d. M., eine Bäckereifiliale im Hause Albrechtstr. 126 
zu errichten. In dieser werden 6 Brötchen für 10 Pfg. 
verkauft, damit das Publikum sich überzeugen kann, daß 
es nicht nötig hat, für gutes Geld von auswärts nach 
Steglitz transportierte Ware zu genießen. Solche Maß 
nähme hat bei einer anderen Innung wohl noch nicht 
stattgefunden. 
-s Immer mehr Konsumenten erhält unser 
Elektrizitätswerk und ist die Stromabgabe schon eine ganz 
bedeutende. Zahlreiche Ladeninhaber, Hauswirte, Gewerbe 
treibende und einige Lokalbesitzer haben sich Elektrizität 
für Beleuchtung und Kraft angeschafft, und bereits die 
damit gebotenen Annehmlichkeiten empfunden. Gestern 
erstrahlte auch der große Saal des „Hohenzollern" im 
elektrischen Licht, das auf die zahlreichen Theaterbesucher 
einen besonders vornehmen Eindruck machte. Die Neben 
räume werden natürlich auch noch mit dem modernen 
Licht versehen, so daß dann überall im genannten Lokal 
die Elektrizität ihre hellen Strahlen aussendet. Die Aus 
führung der Beleuchtungsanlage liegt in den Händen des 
Herrn Ingenieur Wolgien, Handjerrystraße 53, dem nur 
nachgesagt werden kann, daß er seine Arbeit dort vor 
trefflich gemacht hat. 
-s Unsere SauitätSkolouue gibt nunmehr auch 
Damen Gelegenheit, sich dem Sanitätsdienst zu widmen, 
und wird in kurzer Zeit ein Kursus zur Ausbildung in 
allen Zweigen der ersten Hilfeleistungen bei Unfällen usw. 
eröffnet werden. An der Spitze dieser Abteilung steht 
unsere hochverehrte Frau Bürgermeister Schnackenburg 
und haben auch mehrere hochgestellte Damen ihren Bei 
tritt erklärt. 
-s Freie Hochschule. Am nächsten Freitag, den 
27. d. M. (Abends 9!/ 2 Uhr), beginnt Herr Simon 
Katzenstein in der Freien Hochschule (Aula des Köln. 
Gymnasiums) seinen Zyklus über: „Das Strafrecht und 
seine Reform". Am Sonnabend, den 28. d. M. (Abends 
8 X U Uhr), findet der erste Einzelvortrag dieses Quartals 
im Bürgersaal des Rathauses statt. Herr Dr. Bruno 
Wille wird aus seinem noch ungedruckten Roman: „Die 
Abendburg" (Roman eines Buschpredigers), vorlesen. Zur 
Vorlesung gelangt der Abschnitt: Die magdeburgische 
Bluthochzeit. Für diesen Vortrag sind Karten zu 50 Pf. 
in den bekannten Verkaufsstellen zu haben. Für Mit 
glieder dcS Zentralvereins für Freie Hochschulen ist dieser 
Bortrag gegen Vorzeigung der Mitgliedskarte gänzlich 
frei. In den Büros der im Programm genannten 
Vereinigungen Karten zu ermäßigten Preisen. 
-s Hoheuzollern'Theater. Die Direktion Adolf 
Behle, die ja immer bemüht ist, uns mit wirklich anerkannt 
vorzüglichen dramatischen Werken zu dienen, brachte 
gestern Abend nach den Schwänken und Lustspielen der 
letzten Zeit auch wieder einnial ein Schauspiel. Gerhard 
Haupimanns „Fuhrmann Henschel", der wohl immer seine 
Anziehungskraft ausüben wird, hatte auch gestern ein 
volles Haus erzielt. Von unsern neuzeitigen Dichtenr 
versteht es wohl keiner so trefflich, denn Gerhard Haupt 
mann, uns die Tiefen des Volkes so in ungeschminkter 
Wahrheit wiederzugeben. Vollständig führt er uns in den 
Volkschaiakter seiner schlesischen Heimat hinein, nicht das 
Leben der Großstadt ist es, das uns vor Augen geführt 
wird, nein, die Sünden und Fehler, die auch in den ab 
geschlossensten Winkeln der Erde ihr Heim finden. Lug 
und Trug. Klatschsucht und Mißgunst und deren Folge 
erscheinungen werden vor uns enthüllt. Starke Nerven 
fordert Hauptmann von seinen Zuhörern, rücksichtslos 
zeigt er uns die im Menschen schlummernde Begierde und 
stellt uns im Gegensatz hierzu den lauteren Charakter dar. 
— Fuhrmann Henschel, ein rechtschaffener Mann, muß 
seinem Weibe auf ihrem Totenbette das Versprechen geben, 
nicht seine Magd zu heiraten. Nach dem Tode seiner 
Frau fehlt Henschel aber die Gattin in jedem Teile und 
so läßt er sich bereden, wieder zu heiraten und da ihm 
keine als geeigneter erscheint, bricht er sein Versprechen 
und heiratet seine Magd, Hanne. Hiermit ist er in die 
Schlinge, aus der er nicht mehr herauskommen sollte, 
geraten. Hanne besitzt einen niedrigen Charakter und ist 
ihrem unehelichen Kinde eine Rabenmutter. Sie hinter 
geht ihrem Manne und als Henschel alles erfährt, da 
erinnert er sich des seinem ersten Weibe auf dem Toten 
bett gegebenen Versprechens und dieser Bruch erdrückt ihn 
vollends, sodaß er keine Ruhe mehr findet und seinem 
Leben durch den Strick ein Ziel setzt. — Zur Darstellung 
selbst: Sehen wir ab von der allerdings sehr schwierigen 
Wiedergabe des Dialektes, so können wir die Darstellung 
als sehr gut gelungen bezeichnen. Herr Siegemann 
hatte die Titelrolle inne; vermochte er auch Anfangs 
vielleicht nicht so recht zu befriedigen, so lebte er sich 
später immer mehr in die Rolle ein und war in den 
beiden letzten Akten vollkommen auf der Höhe. Mit 
wirklich tiefem Empfinden gab er den schuldbeladenen 
gebrochenen Mann wieder. Nicht so befriedigte das Spiel 
seiner Partnerin, des Frl. Gertrud Treda (Hanne). Der 
Wiedergabe dieses unlauteren Frauencharakters fehlte das 
natürliche Empfinden und war sie in der Extase besonders 
zu sehr gekünstelt, dennoch versetzt^ ihr Spiel uns voll 
kommen in die gegebenen Situationen. Vorzüglich war 
aber auch das Spiel der Frau Suhr, die in Vertretung 
zwei Rollen übernommen hatte (Frau Henschel und Frau 
Wermeltzkirch), ferner des Frl. 'Mia Werner (Franziska), 
der Herren Passarge (Wermelskirch), Carl Hermann 
(Siebenhaar), Paul Knaak (Walter), Robert Günther 
(Meister Hildebrant), Alwin Cordes (George), Aidoin 
Unger (Hauffe). Auch alle übrigen Mitwirkenden leisteten 
das Beste und wollen wir nur noch besonders die beiden 
Kinder (vor allem die Darstellerin der Bertha) lobend 
erwähnen. 
f Dameukouzert. Im Gasthaus „Zur grünen 
Linde", Kaiserallee, Ecke Stubenrauchstraße, gibt die 
italienische Damenkapelle „Jtalia Sirena" heute und 
Sonnabend Abend wieder ein Konzert. Der Beifall, den 
diese feschen Italienerinnen am letzten Sonnabend ge 
funden hatten, hoffen wir, wird ihnen auch diesmal nicht 
erspart bleiben. 
-s Endlich gefaßt. Den unausgesetzten Be 
mühungen der Steglitzer Polizei ist e§ gelungen, endlich 
die Burschen ausfindig zu machen, welche im Sommer 
wiederholt Reisende der Wannseebahn durch Stein 
würfe belästigten. 11. a. trug s. Zt. ein Kaufmann 
ernstere Verletzungen am Kopf davon. Als geständige 
Täter sind jetzt mehrere Lichterfelder Arbeitsburschen, sowie 
Schüler der dortigen höheren wie der anderen Lehran 
stalten festgestellt worden, die nunmehr ihrer verdienten 
Bestrafung nicht entgehen werden. Diese Dummenjungen- 
streiche erregten damals große Beunruhigung. 
Schöneöerg. 
— Der Zweigverein des evangelischen Bundes 
zu Schöneberg feiert am Sonntag, den 29. Oktober 1905 
sein Jahresfest. Die kirchliche Feier findet vormittags 
10 Uhr in der Nathanaelkirche (Rubenstraße) statt und 
wird Herr Pfarrer Lic. Dr. Becker die Festpredigt halten. 
Alle evangelischen Männer und Frauen von Schöneberg 
und Umgegend werden zu dieser Feier eingeladen. 
^Sersin und Wororte. 
§ Die Verlängerung der Hochbahn vom Pots 
damer Platz bis zum Nordring^(Schönhauser-Allee), welche 
die Verkehrsdeputation grundsätzlich genehmigt hat, wird 
nach summarischem Anschlage rund 55 Millionen Mark 
kosten. Die neue Linie ist nahezu 7 Kilometer lang und 
und würde demnach, den Kilometer zu 6 Millionen Mark 
gerechnet, in freier Strecke 42 Millionen Mark Baukosten 
verursachen. Es sind dabei aber noch 12 zum Teil 
schwierige Haltestellen und einige kostspielige Kreuzungen 
bezw. Unterfahrungen zu berücksichtigen, sodaß 55 Mill. 
nicht zu niedrig bemessen - sind. Die Tunnelbauten bei 
Aschinger, Wertheim und Rähmel haben bereits über eine 
Million verschlungen, die Kreuzung mit der städtischen 
Nord-Südlinie in der Markgrafenstraße (woselbst verlangt 
wird, daß die Firma Siemens & Halske das unter ihrer 
Bahn belegcne TunnelstUck gleich ,mit ausführen läßt), 
dürfte ca. 300 000 M. kosten und die Unterfahrung der 
Spree an der Waisen - Brücke dürfte sich niedrig veran 
schlagt, auf 4 Mill. Mark stellen. Dieser zweite Spree- 
tunnel soll nicht in der Weise ausgeführt werden, wie 
sein Vorgänger zwischen Stralau und Treptow (durch 
Vortriebschild von der Seite her), sondern ähnlich, wie eS 
jetzt beim Bau der Pariser Stadtbahn g^chieht, durch 
Einbringung von Caiffons, großer eiserner Senkkasten von 
oben, indem man den Jnnenrraum durch Luftdruck wasser 
frei hält und den eingeschlosienen Boden allmählich aus 
hebt. sodaß der schwere Kasten nach und nach bis zu der 
gewünschten Tiefe einsinkt. In dem dadurch gewonnenen, 
wasserdichten Hohlraum kann dann der Tunnel fundiert 
und ausgebaut werden. In den Straßen wird sich der 
Tunnelbau auf die bekannte Art vollziehen; eS wird der 
Tagebau gewählt und die offene Baugrube überbrückt 
werden, um den Straßenverkehr nicht völlig zu unter 
binden. Einige sehr enge Straßen, wie die Niederwall- 
straße, wird man freilich blockweise gänzlich sperren, 
immerhin aber Vorsorge treffen müssen, daß die Wagen 
der Feuerwehr usw. passieren können. Von den 12 Halte 
stellen, die wir früher schon aufgezählt haben, liegen einige 
sehr nahe beisammen; so beträgt die Entfernung zwischen 
Gendarmenmarkt und Hausvoigteiplatz nur 375 Meter, 
zwischen Wall- und Klosterstraße nur 400 Meter, es sind 
dies aber sehr wichtige Verkehrsknotenpunkte, an denen 
eine Schnellbahn nicht vorübergehen darf. Die Ent 
fernungen zwischen den übrigen Haltestellen schwanken 
zwischen 550 und 900 Meter. 
8 Die Zuschrift am Postamente des Moltke« 
Denkmals, die bisher nur in den Marmor eingemeißelt 
war, ist gestern und vorgestern in Gold ausgeführt worden. 
Sie besteht in dem einen Worte „Moltke". Darunter 
steht man das große, ebenfalls in Gold ausgeführte Wappen 
des General-Feldmarschalls. Über die längere Inschrift, 
die sich in erhabenen Buchstaben auf einem breiten Bande 
am Fuße des Postamentes befindet, ist bereits berichtet 
worden. Sie lautet, um es noch einmal zu wiederholen: 
„Dem rechten Volk zur rechten Zeit der rechte Mann im 
rechten Streit. Gottes Würfel fallen, wie sie auch fallen, 
immer auf die rechte Seite." 
8 Eine neue Passage wird am Alexanderplatz 
entstehen. Hier werden die Häuser Alexanderstr. 39 u. 40, 
sowie die Häuser Kurzestr. 6 und 7, deren Grundstücke an 
die der Alexanderstraße stoßen, abgebrochen. Die auf dem 
freigelegten Geläude zu errichtenden Neubauten, die vor 
zugsweise für geschäftliche Zwecke bestimmt sind, werden 
eine Passage für Fußgänger erhalten, die also eine neue 
Verbindung zwischen der Alexander- und Kurzenstraße 
herstellt und den Weg von und nach der Elisabethstraße 
von Osten und Westen her ganz bedeutend abkürzt. Be 
kanntlich sollten die genannten 4 Grundstücke zu einer 
Fortführung der Elisabeth- nach der Alexanderstraße ver 
wendet und dadurch eine Entlastung der Landsbergerstraße 
herbeigeführt werden, doch scheiterte jder Plan an den zu 
hohen Preise«, die für diese Grundstücke gefordert wurden. 
8 Eine bemerkenswerte Inschrift hat der Neu 
bau der französischen Kirche auf dem Gendarmenmarkd 
erhalten. In dem Giebelfelde der nach Westen zu gelegenen 
Hauptfront liest man in großen lateinischen Buchstaben 
die Worte: „Gott zur Ehre, der Gemeinde zum Segen. 
Unter dem Schutze der Hohenzollern erbaut 1705 — 
erneut 1905." Durch das Edikt von Potsdam vom 
29. Oktober 1686, dessen 220. Jahrestag die hiesige fran 
zösische Kolonie diesmal ganz besonders feiern wird, hatte 
der Große Kurfürst den durch die vom 23. Oktober 1685 
erfolgte Aufhebung des Edikts von Nantes au§ ihrem 
Vaterlande vertriebenen Hugnotten seine Lande geöffnet. 
Mit dem Bau der Kirche für die in Berlin ansässigen 
Protestanten wurde im Jahre 1701 durch den Ingenieur 
Cayart begonnen, nach dessen Tod wurde dann daS Gottes 
haus durch den Architekten Quesnays im Jahre 1705 vol 
lendet. An dem alten Gotteshause fehlte eine Inschrift. 
8 Allgemeiner Deutscher Sprachverein. Zweig- 
verein Berlin-Charlottenburg. Am Freitag, den 27. d. 
Mts., abends 8 Uhr, im Architektenhause, Wilhelmstratze 
92/93, Saal 0 Versammlung. Tagesordnung: Bericht 
über die Duisburger Hauptversammlung, Winterplan (Vor 
träge usw.), Geldverhältnisse. Kassenbericht, Neuwahl eines 
Schriftführers, Arbeitsausschuß, Vortrag des Herrn Brendicke 
über „F. L. Jahns Stellung zur deutschen Sprache'", 
Sonstige Mitteilungen. Gäste, Damen und Herren, sind 
willkommen. 
Gerichtliches. 
P Eine Radfahrrrfalle befindet sich am Fußweg der Potsdam- 
Berliner Chaufiee innerhalb der Ortschaft Dahlem. Dort wurde von 
Berliner Radfahrern am ?. Mai d. I. beobachtet, wie aus gedeckter 
Stellung ein mit Fahrrad ausgerüsteter Potizcrbeamter hervortrat. 
Ahnungslos auf dem Fußweg weiterfahrend, wurden die Rad 
fahrer angehalten uud von dem Polizeibeamten notiert. Straf- 
Mandate regnete es hinterher. — Im Auftrage deS einen mit 5 M. 
Geldstrafe bedachten Übeltäters, Dr. Grosser aus Berlin, hatte Rechts 
anwalt Dr. Klibonsky Berufung eingelegt und vor der 5. Straf 
kammer des Landgerichts den Einwand erhoben, die Polizei- 
Verordnung auf Grund deren da« vom Schöffengericht bestätigte 
Strafmandat erlassen fei, bestehe zu Unrecht. Auf der ganzen Strecke 
zwisch,n Schöneberg und Zehlendorf bestehe Wegefreiheit, nur diese 
eine Strecke in Dahlem sei ausgenommen, aber eine deutlich sichtbare 
Tafel, welche den Radfahrern die Benutzung des Fußweges verbietet, 
sei von der Ortspolizei-Behörde nicht aufnesteln, sodaß infolge 
mangelnder öffentlicher Bekanntmachung bie belr. Polizei-Verordnung 
nicht rechtsgiltig sei. Wäre eine Warnungstafel mit der Aufschrift: 
„Radfahrer absteigen! Radfahren und bergt.!' vorhanden, so würde 
jeder Radfahrer ausweichen und die breite Chaussee benutzen. Weil 
sein Klient keine Kenntnis von dem Verbot gehabt, konnte er nicht 
absteigen. — Die Strafkammer stellte durch Vernehmung des Polizei- 
beamten fest, daß an beiden Seiten der Straße Häuser angebaut 
sind und daß die kritische Strecke innerhalb der Ortschaft belegen ist. 
Die Strafkammer versagte der Berufung den Erfolg, denn es sei die 
Regel, daß in geschlossenen Ortschaften die Benutzung des Banketts 
verboten ist, auch sei eine vom Verband deutscher Radfahrer mit der 
Aufschrift: „Ende des Fahrweges' aufgestellte Tafel so weit erkennbar, 
daß Dr. G. rechtzeitig das Fahrrad hätte verlassen können. — DaS 
schöffengerichtliche Urteil wurde bestätigt 
P. Eine ungetreue Krankenpflegerin in der Person der 
Frau Luise Dräger mußte sich vor dem Schöffengericht verantworten 
wegen Diebstahls. Die Angeklagte war im Sommer d. I. bei der 
erkrankten Frau Gagligow mehrere Tage als Pflegerin tätig gewesen. 
Sie benutzte die Gelegenheit, Kleidungsstücke, .inen Topf und andere 
Kleinigkeiten wie mehrere Rollen Garn usw. zu stehlen. Vor dem 
Schöffengericht behauptete die Diebin, sie habe Erlaubnis erhalten, 
die Sachen m'tzunehmen. ■ Das Urteil des Gerichts lautete, da der 
Einwand der Angeklagten widerlegt wurde, auf 2 Tage Gefängnis. 
Der Staatsanwalt halte 2 Wochen Gefängnis beantragt.
        
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