Path:
Periodical volume Nr. 249, 23.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

«r oft, wenn am Mittwoch und Sonnabend der Himmel kein freund- 
liches Gesicht zeigte. Auch den Turnfahrten widmete sich Retzdorff 
mit steter Teilnahme, und die von ihm veranstalteten und geleiteten, 
darunter auch mehrtägige, bereiteten nicht nur allen Teilnehmer», son 
dern ihm selbst die größte Freude. Geradezu volkstümlich wurde 
seine Tätigkeit bei der Abhaltung der Sedanfeiein, die für ganz 
Friedenau den Charakter einer Volksfestes trugen und oft im Bei 
sein von vielen Tausenden von Menschen glänzend verliefen. Endlich 
wird sein Andenken in dankbarer Erinnerung hier fortleben bei allen 
Freunden der Mädchen und Frauenturnens, daS er nicht nur in Friede- 
nau eingeführt, sondern, solange eS feine Kräfte irgend zuließen, selbst 
geleitet und eifrig gefördert hat. 
In seinen Turnerkrei'en weilte mtter Retzdorff 'tn liebsten und 
besonders meisterhaft verstand er mit Kindern umz.g.hen und bei 
diesen Lust und Liebe für das Turnen und insbesondere für die Spiele 
im Freien zu erwecken. War ihm selbst das Glück des Kinder- 
befitzeS versagt geblieben, in der Jugend auf dem Turn- und Spiel- 
platz fand er seine Kinder, die er gem hatte und die ihm herzlich zu- 
getan waren. 
Am Schluß des Jahres 1904 zwang ihn sein Gesundheitszustand, 
insbesondere lein mangelhaftes Gehör, das Amt des Vorsitzenden im 
Friedenauer Männerturnve:ein niederzulegen. Aber die Fühlung durfte 
er mit seinem Verein nicht veilieren, drum emannte ihn dieser im 
Januar 1905 zu seinem Ehrenmitgliede. Diese Ehrung empfand 
Retzdorff als besondere Freude, und gern, aber auch mit stiller Weh- 
mul erinnern wir uns der kleinen Feier — cs war wohl sein letztes 
festliches Zusammensein in Turnerkreijen — bei welcher er sein Dank- 
gesühl für diese Auszeichnung in seiner schlichten Weise zum Ausdruck 
brachte. 
Auch der Täiigkeit Retzdorffs im Kr 'e HI d. und im Havel- 
ländischen Gaue will ich hier dankbar geben, n, obgleich ich weiß, daß 
ich keinem von euch, liebe Tulngenofsen, damit '«was neues sage. Ihr 
wißt alle, was wir unserm entschlafenem Freund zu verdanken haben, 
wie ser mit unermüdlicher Arbeitskraft und mu bestem Erfolge sich 
den verschiedenen Aemtern widmete, zu denen ihn das Vertrauen der 
Turngenoffen berufen, wie er im Havelgau eifrig als Gauturnwart 
in fruhren Jahren und biS zu seinem Ableben als Gauschriftwart 
gewiffenhaft seine Arbeit ausführte, wie er dem Kreise HI d. ein 
treuer Haushalter wurde, als er den schwierigen und arbeitsreichen 
Posten eines Geschäftsführers übernahm, den er, wie man daS von 
ihm gamicht anders gewöhnt war, mit der größten Sorgfalt vcr- 
waltete. 
Endlich muß auch Retzdorffs Tätigkeit als Kampfrichter bei un 
seren Turnfesten, bei Kreis- und Deutschen Turnfesten rühmend er- 
wähnt werden. 
Aber das Bild seiner turnerischen Tätigkeit würde kein vollständiges 
sein, w.nn wir nicht auch seiner schriftstellerischen Arbeiten gedenken 
würden. Abgesehen von vielen Artikeln, die er in der .Deutschen Turn- 
zeitung' oder im Kreisblatt des TumkreiscS III b veröffentlichte, 
verdienten und fanden besonders seine Aufsätze über die turnerischen 
Lerhältniffe in Italien allgemeine Beachtung. Wenn man in der 
.Deutschen Turnzeitung" in den letzten Jahren einen Artikel fand, 
der vom italienischen Turnen handelte, dann konnte man sicher sein, 
daß der Name Gustav Retzdorff als Derfaffer darunter zu finken war. 
Sein häufiger und längerer Aufenthalt in Italien hatte ihm eine 
genaue Kenntnis der dortigen Turnverhältniffe verschafft mitj allen 
bekannten Fördern der Turneret in Italien stand Retzdorff in 
regem schriftlichen und persönlichen Verkehr, und auch für Halte- 
Nische Turnzeitungen pflegte er in der wohlklingenden Sprache 
des klassisch-schönen Landes Artikel zu schreiben So wird man auch 
in dem uns befreundete Italien in turnerischen Kreisen des Heim 
ganges des trefflichen Mannes gedenken, dem unsere heutige Er 
innerungsfeier gilt. 
Im Buchhandelerschienenvon GustavRetzdorffdie.Uebungstafeln für 
das Geräte-Turnen der Frauen und Mädchen' und daS Buch.Spiel- 
lust' eine Sammlung wenig bekannter Spiele für das Freie und 
den Turnsaal. Für den Havelländifchen Gau gab er im Jahre 1900 
die Geschichte des Gaues während der ersten 25 Jahre heraus, und 
bei seiner letzten schweren Erkrankung batte er die Zusammenstellung 
für die Jahresstatistik des Turnkreises 1115. gerade druckfertig beendet. 
Lasten Sie mich schließlich noch ein Wort über die letzten Lebens- 
tage unseres Freundes sagen, die von schwerer Krankheit heimgesucht 
wa-.en, und in denen er eine treue Helse.in und T österin in seiner 
Gattin besaß. Zu seinem langwierigen ucurasthenischen Leiden trat 
im Mörz d. Js. unvermutet eine neue schwere Erkrankung hinzu, 
die ihn zwang, den größten Teil der ihm noch beschiedcnen Tage im 
Bett zuzubringen. 
Fast bis zur letzten Woche war er immer noch voller Hoffnung 
auf «in Befferwerden, er schrieb an die Freunde, daß er sich freue 
bald wieder seine Arbeit übernehmen zu können. Seine Augen 
leuchteten, seine Stimme wurde lebhafter, wenn er sich auf seinem 
Krankenlager über turnerische Dinge unterhalten konnte. Aber 
schmerzlich empfand er es, als in den letzten Tagen seine Körper- 
krätte so abnahmen, daß sie eine Arbeit am Schreibtisch nicht zulassen 
wollten. Noch ein großer seelischer Schmerz sollte ihm in seiner 
Krankheit zugefügt werden durch den am 25. August erfolgten, uner 
warteten Tod seiner von ihm hochverehrten Schwägerin, die die 
Gattin seines Bruders und die Schwester seiner Gattin war. — 
Blicken wir zurück auf daS arbeitsreiche Leben unseres Freundes, 
daS jetzt abgeschloffen vor unS liegt, so können wir uns wohl sagen, 
daß es ein «chtes Turnerleben war, von den Tagen frisch-fröhlicher 
Jugend bis zum Abnehmen der Kräfte. Ja, unser Gustav Retzdorff 
war ein echter Jünger Jahns, mit allen Tugenden ausgestattet, die 
unser Altermeister von einem Turner verlangt. Was uns an dem 
Entschlafenen immer so besonders sympathisch berührte, das war sein 
schlichtes, natürliches Wesen, die Wahrheit und Treue, die auS seinen 
Augen sprach, die Gewiffenhaftigkeir, mit die er alle Arbeiten in die 
Hand nahm und erledigte. R-tzdorff war ein Feind der Halbheit, 
wo er mitwirtte, machte er ganze ArbUt. Viele Aemter hat er im 
turnerischen Leben verwaltet, oft kam er in die Versuchung, weitere 
anzunehmen, aber niemals hätte er ein Amt übernommen, wenn er 
sich nicht vorher reiflich überlegt hätte, ob er auch imstande sei, daS 
Amt biS in alle Einzelheiten getreu und gewiffenhaft zum Dohle d:r 
Allgemeinheit zu verwalt.n. 
Neben andern edlen Eigenschaften übte Retzdorff besonders die 
vier großen Tugenden d<s Turners, wie sie in unserm Wahlspruch 
vereinigt find. Frisch war er — zumal in gesunden Tagen — bei 
der Arbeit, frisch an Geist und in Ausübung gesunder Lebensregeln; 
frei in feinem ganzen Denken, in der Beurteilung von Welt und 
Menschen, frei aber auch in der Achtung vor der Gesinnung Anders 
denkender, jeder Zwang des Urteils und des Gewiffens war ihm 
zuwider; froh mit der turnenden Jugend, in der Halle, aus Tum- 
fahrten, oder nach beendeter Aibeit im geselligen Kreise, bei Lieder- 
sang und Gläseiklang, aber immer wohlwe!§Iich Maß und Ziel 
hallend, und endlich fromm, nicht in streng kirchlichem Sinn, nicht 
nach außen, sondern innerlich im Herzen, in der Betätigung des un- 
wandelbaren Lehrsatzes, dm der große Olympier aus Weimars 
Musensitz, den unser Goethe aufgestellt: .Edel sei der Mensch, hilf- 
reich und gut'. Dieies wahre und eckte Menschentum, das auch 
Christentum ist, hat unser Freund fein ganzes Leben hindurch betätigt, 
und in der Ausübung desselben war er vielleicht em besserer und 
edlerer Mensch, als manch einer, der die Frömmigkeit öffentlich zur 
Schau trägt, der sie auf dm Lippen führt, sie aber im Herzen ver- 
miffen läßt.— 
So nehmen wir Abschied von ihm, der der besten Einer unter 
uns war. Viel hast Du uns gegeben, Gustav Retzdorff, noch viel 
m hr, noch viel Gules und Schönes hätten wir von Dir erwarten 
können, wenn es Dir bejchieden gewesen wäre, deine Lebenstage in 
voller Gesundheit auszuleben, ein längeres irdisches Dasein zu führen. 
Wenig nur können wir Dir zurückgeben, dankbare Erinnerung und 
treues Gedenken, aber dies wenig: komut aus aufrichtigem Herzen. 
Das mag auch Ihnen, verehne trauernde Witwe, ui d Ihnen, 
den Geschwistern unseres entschlafenen Freundes, ein Trost sein in 
den Tagen des Schmerzes und der Trauer, daß alle diejenigen, die 
jemals mit unserm Retzdorff in persönliche Beziehungen getreten sind, 
ihm als einem treuen, aufrichtigen Freunde, als einem wahrhaft 
guten Menschen stets ein ehrenvolles Andenken bewahren werden. 
Und so laß dir denn, teurer Freund, in dieser Abschiedsstunde 
zum letzten Mal unsern treuen Gruß zurufen, in den du selbst so oft 
begeistert eingestimmt, der dir, wo es auch immer g wesen fein mag, 
stets der liebste und teuerste Gruß war; nimm unser letztes .Gut Heil' 
mit auf den Weg. 
Me heilige Flamme aber, die das, was sterblich an dir war, zu 
Asche verwandeln soll, sic sei uns ein leuchtendes Mahnzeichen, in 
deinem Sinn und Geist weiter zu wirken, deine Ideale, die auch 
unsere Ideale find, zu hüten und zu pflegen, dein Gedächtnis tn 
Ehren zu halten! 
Gustav Retzdorff, fahre wohl! 
Dieser zu Herzen gehenden Rede folgte als zweiter 
Bortrag des Sängerchors das Lied „Was Gott tut, das 
ist wohlgetan". Der nächste Redner, Herr Kanzleirat 
Atzrott-Steglitz, widmete im Austrage des Ausschusses des 
Kreises III b der deutschen Turnerschaft dem Berstorbenen 
warme Worte der Anerkennung und des Dankes für seine 
vielseitige Tätigkeit im Jntereffe des Turnkreises; mit 
besonderer Wehmut gedachte er der vielen Stunden, in 
denen er im Laufe von 30 Jahren gemeinsam mit dem 
Verblichenen für die deutsche Turnsache tätig sein konnte. 
Zum Schluß seiner Ansprache führte der Redner als 
Beweis des edlen Sinnes des Verstorbenen die Tatsache 
an, daß dieser noch im März d. I. bei Beginn der 
schweren Erkrankung dem Kreise Illb ein Kapital 
testamentarisch sichergestellt habe, deffen Zinsen bedürftigen 
Turngenoffen zugewendet werden sollten. Wie wir jetzt 
erfahren haben, beläuft sich dieses Kapital auf 6000 M. 
Herr Professor Dr. Karl Müller, der derzeitige 
Vorsitzende des Vereins Berliner Turnerschaft, ein lang 
jähriger Freund der Familie des Verstorbenen, wies darauf 
hin, wie schon aus dem von den Vorrednern entworfenen 
Lebensbilde des Verstorbenen hervorgehe, welche segens 
reiche Tätigkeit derselbe, ehe er nach Friedenau übersiedelte, 
in jener Korporation als Vorturner, als Turnwart und 
Jugendlehrer entfaltet habe. Insbesondere hob er er 
gänzend hervor, daß die Begründung des in der Berliner 
Turnerschaft seit nun mehr als 25 Jahren bestehenden 
Sängerchores auf den Verstorbenen zurückgeführt werden 
müsse, deffen Gabe, Turngenoffen für seine Ideen zu ge 
winnen, eine so ungewöhnliche und von Erfolgen gekrönte 
allezeit gewesen sei. War er auch selbst nicht stimm 
begabt» so wußte er doch den Wert des Liedes und des 
kunstvolleren Gesanges richtig einzuschätzen. Es sei des 
halb besonders erfreulich, daß die Mehrzahl der Sänger, 
die soeben an der Bahre die weihevolle Feier eing. leitet 
haben, zu den ältesten Mitgliedern des Chores zählen, 
deffen erster Vorsitzender in Gustav Retzdorff nun dahin 
gegangen sei. Und wollte der Redner nun aus der Fülle 
der Erinnerungen aus jener Zeit schöpfen, so könnte er 
noch manche Blume in den Kranz der Erinnerungen 
flechten, welche in dem in seinen Umrißlinien so trefflich 
von dem Hauptredner gezeichneten Bilde des Verstorbenen 
ihren Platz finden könnten. Hier ist aber,nur der Ort, 
wo der Redner vorerst nur den Dank der Berliner Turner 
schaft und als derzeitiger Vorsitzender der 4 Berliner 
Turngaue den Dank auch namens dieser dem Dahin 
gegangenen zollen wolle. Er richte diesen austichtigen 
und tiefempfundenen Dank an die hier in tiefer Trauer 
anwesende Witwe. 
Soweit könnte es scheinen, als entkebige sich bet 
Redner einer unerläßlichen, wenn auch aus tiefer 
Empfindung erwachsenden Pflicht. Da aber dürfe er er 
innern an die alte Freundschaft, die ihn mit dem Ver 
storbenen und seinen Familienangehörigen verbinde, an die 
Stunden, die er im Kreise der Familie verlebte, welcher 
Gustav Retzdorff neben seiner Mutter nach dem vorzeitigen 
Tode des Vaters der treueste Schützer, Berater und Er 
zieher der unmündigen Geschwister sein durfte. Hier ein 
treuer Sohn, ein treuer Bruder — so war er auch seiner 
Gattin ein treuer Begleiter durch viele Jahre des Lebens, 
treu bis in den Tod. So spiegelt sich in dieser Treue die 
selbe Treue wieder, welche er allen hielt, den Freunden, 
die ihm oft oder täglich die Hand drücken durften, den 
zahlreichen Freunden, die ihm auf seinem Lebenswege 
bekannt wurden, dieselbe Treue, welche er der Turnsache 
und der Förderung gemeinnütziger und menschlich edler 
Bestrebung hielt. Der Dank für all das, was er geleistet 
habe, wird daher nicht vergehen, sondern fortdauern über 
das letzte Fahr wohl, mit welchem wir an dieser Stätte 
von unserem Gustav Retzdorff scheiden. Fahr wohl! 
Als letzter Redner sprach der Vorsitzende des Friede 
nauer Männer-Turnvereins, Herr Rechnungsrat Evers, 
der in warmempfundenen Worten der aufopfernden Tätig 
keit des Dahingeschiedenen für den von ihm mitbegründeten 
Verein gedachte, insbesondere der Fürsorge, die er dem 
Frauen- und Mädchenturnen, sowie den Jugendabteilungen 
stets gezeigt habe. Mit dem vom Sängerchor gesungenen 
Liede „Ich kenn' ein'n hellen Edelstein", dem Lieblings 
liede des Verstorbenen, wie es treffender in Rücksicht auf 
den Charakter desselben nicht gewählt werden konnte, fand 
die erhebende Feier in der Turnhalle ihre Abschluß. Von 
8 Turnwarten des Friedenauer Vereins wurde der Sarg 
mit der irdischen Hülle nach dem Leichenwagen getragen. 
Die Turner mit ihren Fahnen ordneten sich nun zum 
Zuge, um dem Geschiedenen das Geleit bis zur Friede 
nauer Grenze zu geben. Es dunkelte bereits, als sich 
der großartige Leichenzug in Bewegung setzte. Dem 
Leichenwagen voran schritten der Friedenauer Verein und 
die Fahnendeputationen der anderen Vereine. Hinter dem 
Wagen gingen die Knaben der I. Schülerabteilung des 
Friedenauer Vereins mit den zahlreichen Kranzspenden. 
Dann folgten die ohne Fahne erschienenen auswärtigen 
Turner, die übrigen Leidtragenden und die Wagen mit 
den Familienangehörigen. Eine große Menschenmenge 
begleitete denZug. An demMarktplatzeangekommen, bildeten 
die Teilnehmer des Zuges Spalier, durch das der Wagen 
mit dem Sarge und die Wagen der Familienangehörigen 
hindurchfuhren. Die Turner entblößten ihr Haupt und 
die Fahnen senkten sich zum letzten Gruß für die sterb 
lichen Reste des unvergeßlichen Gustav Retzdorff. Die 
irdische Hülle wurde nach dem Anhalter Bahnhof gebracht, 
von wo die Überführung nach Gotha zur Einäscherung 
erfolgen sollte. Der Trauerzug löste sich auf, die Kränze 
wurden nach dem Friedenauer Kirchhof gebracht, wo sie 
bis zur Beisetzung der Asche aufbewahrt werden. 
Wie wir erfahren, sind den Hinterbliebenen seitens 
des Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft, Herrn Dr. 
Goetz-Leipzig, des Ausschusses der Deutschen Turnerschaft 
und zahlreicher anderer, um die Turnsache verdienter 
Männer herzliche Beileidsbezeugungen zugegangen. 
Letztwillig hat der Verstorbene, nachdem er erst vor 
kurzer Zeit dem Friedenauer Männer-Turnverein eine 
Schenkung von 3000 M. zur Förderung der Turnfahrten 
der Jugendabteilungen gemacht hatte, weitere 3000 M. 
dem Vereine zu gleichem Zwecke überwiesen. 
Allgemeines. 
0 Nachstehende Zugveräuderuuge« treten nach 
einer Bekanntmachung der Kgl. Eisenbahndirektion Berlin 
am 1. November d. I. ein: Die zwischen Berlin und 
Velten verkehrenden Schülerzüge 366 und 369 werden 
über die Vorortgleise geführt, beginnen und endigen auf 
dem Stettiner Vorort-Bahnhof und fahren in folgendem 
Fahrplan: Zug 369 ab Berlin, Stettiner Bahnhof 1.25, 
an Velten 2.21 Nachm.; Zug 366, ab Belten 6.46 Vorm., 
an Berlin, Stettiner Bahnhof 7.41 Vorm. Beide Züge 
halten auf den Zwischenstationen je Vs Minute, Vorort- 
fahrkarten haben für sie auch ferner keine Giltigkeit. Der 
Vorortzug 245 verkehrt durchweg fünf Minuten später: 
ab Berlin, Stettiner Vorortbahnhof 1.30 Nachm., an 
Bernau 2.15 Nachm., ebenso der Vorortzug 319, ab 
Berlin, Stettiner Vorort-Bahnhof 1.35, an Tegel 2.07 
Nachmittags. 
Q Die BerkehrSeinnahmen deutscher Eisen» 
bahne« betrugen nach amtlicher Feststellung für September 
d. I. rund 180 546 000 Mark; davon entfallen auf den 
Personenverkehr 55,6 und auf den Güterverkehr 124,9 
Millionen Mark. Es entspricht dies eine Mehreinnahme 
von rund 12,7 Millionen. Die Gesamtlänge der Bahnen 
(48 241 Klm.) hat gegen das Vorjahr um 857 Klm. 
zugenommen. 
□ Wegen Dammrutsch ist nach einer Meldung 
der Kgl. Eisenbahndirektion Danzig die Strecke CarthauS 
(Westpreußen)—Lauenburg gesperrt. Die Züge verkehren 
daher bis auf weiteres nur zwischen CarthauS und Nikotschin 
bezw. Lauenbnrg und Kaminktza. Umsteigen an der ge- 
fährdeten Stelle findet vorläufig nicht statt. 
Lokales. 
f Steuer»Erhebu«g. Die Steuern für das Viertel 
jahr Oktober-Dezember 1905 beginnt mit dem 26. Oktober 
d. I. Das Weitere besagt die amtliche Bekanntmachung. 
+ Die Bildung eines Brandenburgischeu 
Pfandbriesiustitntes durch den Verband der Branden 
burgischen HauS- und Grundbesitzervereine hat jetzt die 
Genehmigung der Staatsregierung unter der Bedingung 
erhalten, daß eine Darlehnsmaffe von 100 000 M. in bar 
und ein in Zeichnungen anzusammelnder Sicherheitsfonds 
von einer halben Million Mark aufgebracht werden 
müffen. DaS Pfandbriefinstitut ist für die städtischen 
Hausgrundstücke ins Leben gerufen worden; der Verband 
hat als geringsten Betrag für jedes Mitglied festgesetzt 
100 M. zur baren Darlehnsmaffe unv 200 M. zur 
SicherheitSmaffe. 
f Einführung von Verbesserungen ans der 
Stadtbahn. Auf der Stadtbahn und den Vorortbahnen 
sollen in der nächsten Zeit einige recht nützliche Ver- 
befferungen eingeführt werden. Die Trittbretter sollen 
10 Zentimeter verbreitert werden, damit die Kanten bis 
an die Bordschwellen der Bahnsteige reichen und so ein 
Verunglücken durch Steckenbleiben mit den Füßen aus 
geschlossen wird. Auf der elektrischen Bahn in Gr.-Lichter- 
felde-Ost hat man bereis Versuche mit den neuen Tritte 
br.ttern gemacht. Bewähren sie sich, so werden sie überall 
eingeführt. — Auch die Beleuchtung in den Abteilen soll 
bester werden. Man macht jetzt Versuche mit zwei 
Flammen und mit Glühstrümpfen. 
-j- Die Straßenbahn-Tarife unterliegen bekanntlich 
der Kontrolle der Aufsichtsbehörden. 8 14 des Klein 
bahn-Gesetzes bestimmt darüber: „Die Feststellung der Be- 
förderungspreise steht innerhalb eines bei der Genehmigung 
festzusetzenden Zeitraums von mindestens 5 Jahren nach 
der Eröffnung des Bahnbetriebes dem Unternehmer frei. 
Das alsdann der Behörde zustehende Recht der Ge 
nehmigung der Beförderungspreise erstreckt sich lediglich 
auf den Höchstbetrag derselben. Hierbei ist auf die 
finanzielle Lage des Unternehmens und auf eine ange- 
meffene Verzinsung und Tilgung des Anlage-Kapitals 
Rücksicht zu nehmen." — Demgemäß heißt es in der Ge 
nehmigungsurkunde für die Große Berliner Straßenbahn 
vom 4. Mai 1900: „Die Festsetzung der Beförderungs- 
preise steht der Unternehmerin 5 Jahre hindurch — vom 
Tage der Betriebs-Eröffnung an gerechnet — frei . . . 
Bon dem 6. Jahre ab hat die unterzeichnete Aufsichts 
behörde da? Recht der Genehmigung der Beförderungs 
preise nach Maßgabe der Bestimmungen des 8 ,14 rc." 
(s. oben). Nimmt man an, daß die Betriebseröffnung 
(auf allen älteren Linien) Anfang 1901 stattgefunden hat. 
so hätten mit dem 1. Januar k. I. die Aufsichtsbehörden 
das Recht, den Höchstbetrag der Beförderungspreise festzu 
stellen. Diese Vorschrift dürfte im Geltungsbereiche des 
10 Pf.-Tarifs kaum praktische Bedeutung erlangen. Eine 
Neuerung auf diesem Gebiete hat nun der Regierungs 
präsident zu Potsdam eingeführt. In einem soeben ver 
öffentlichten Nachtrage zur Genehmigungsurkunde für die 
elektrische Straßenbahn Nieder-Schöneweide—Köpenick er 
gänzt derselbe die Vorschriften dahin, daß der Aufsichts 
behörde auch das Recht zur Genehmigung der Abonne 
ments-Preise und Fahrpreis-Ermäßigungen, Arbeiter-, 
Schülerkarten rc. vom Jahre 1907 ab zustehen soll. Unsere 
Leser erinnern sich des Streites, der sich an die Preis 
erhöhung der Berliner Straßenbahn-Abonnements im 
vorigen Jahre knüpfte und den die Aufsichtsbehörden da 
hin entschieden, daß weder das Gesetz noch die Genehmi 
gungsurkunde ihnen die Macht gebe, der Unternehmerin 
auch über die Höhe der Fahrpreis-Ermäßigungen Vor 
schriften zu machen; ihr Einfluß erstrecke sich nur auf den 
Höchstbetrag der Beförderungspreise, nicht auf die herab 
gesetzten Preise, die unterhalb dieses Betrages liegen. 
-f- Fr Neues Erholungsheim für Kinder. Die 
feierliche Grundsteinlegung zu einem neuen Erholungsheim 
des Volksheilstättenoereins vom Roten Kreuz für Kinder,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.