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Periodical volume Nr. 249, 23.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Aiedenauer Grtsteil von Schöneberg nnd 
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Nr. 249. 
Trauerfeier für Hustav WeHdorff. 
Am 15. Oktober, dem Todestage seines großen Vor 
bildes Jahn, verschied in Friedenau nach langem, schwerem 
Leiden Herr Gustav Retzdorff, Geschäftsführer des Turn 
kreises Illb, Schriftführer im Vorstand des Havelländischen 
Gaues, Ehrenmitglied des Friedenauer und des Bernauer 
Männer-Turnvereins. Zu Ehren des Verstorbenen fand 
am 19. Oktober in der Turnhalle des Friedenauer Gym 
nasiums eine Trauerfeier statt, die sich zu einer groß 
artigen turnerischen Kundgebung gestaltete. Die geräumige 
Halle reichte bei weitem nicht aus, die große Zahl der zur 
Trauerfeier Erschienenen zu fassen. Von nah und fern, 
auS allen Teilen des großen Havelländischen Gaues waren 
Abordnungen der Turnvereine herbeigeeilt, um an der 
Ehrung des Verstorbenen teilzunehmen. Auch Vertreter 
der beiden großen Berliner Vereine „Turnrat" und 
„Turnerschaft", letzterer mit der Fahne, waren zu der 
Feier erschienen. Als Vertreter des Kreisausschuffes waren 
zugegen die Herren Kanzleirat O. Atzrott-Steglitz, Ober 
turnlehrer F. Kirbis-Potsdam, Turnlehrer R. Thiede- 
Berlin und Rechnungsrat G. Kormann - Berlin, als 
Vertreter des Gauvorstandes Schriftsteller P Kunzendorf- 
Zehlendorf und Optiker B. Halle - Steglitz. Außerdem 
waren zahlreiche, in Turnerkreisen bekannte Persönlich 
keiten aus Berlin anwesend, unter andern Dr. Brendicke, 
die städtischen Turnwarte Pape, Goldacker, Amend und 
Otto.. Daß der Verstorbene auch in den Kreisen der 
Nichtturner .sehr beliebt und angesehen war, bewies die 
zahlreiche Beteiligung der Bürgerschaft Friedenaus. Die 
Gemeindevertretung mit ihrem Oberhaupt, Herrn Bürger 
meister Schnackenburg, die Leiter des Gymnasiums und 
der Gemeindeschule, Herr Dr. Busch und Herr Rektor 
Hannemann, ein Teil der Lehrerkollegien, ferner viele 
Mitglieder der Vereine des Orts waren erschienen. Die 
Diskontogesellschaft, der der Verstorbene lange Jahre als 
Beamter angehört hatte, war durch den Direktor Herrn 
Böckh und mehrere Beamte vertreten. 
Um 41/2 Uhr Nachmittags nahm die Trauerfeier 
ihren Anfang. An der einen Schmalseite der großen 
Halle, inmitten einer herrlichen Pflanzendekoration, war 
der über und über mit kostbaren Kränzen bedeckte Sarg 
aufgebahrt. Zu beiden Seiten des Sarges hatten die 
Fahnendeputationen Aufstellung genommen. Diesen schloffen 
sich die Jugendabteilungen des Friedenauer Männer-Turn 
vereins an, denen Retzdorffs Wirken vornehmlich gegolten. 
Der eigentliche Trauerakt wurde eingeleitet mit dem Liede 
„Harre, meine Seele", das von einem Teil des von 
Retzdorff gegründeten Sängerchors der Berliner Turner 
schaft gesungen wurde, demselben Chor, der schon vor 
23 Jahren bei der Hochzeitsfeier des Verewigten mit 
gewirkt hatte. Als die letzten Töne des Liedes verklungen 
Gesagtes Spiel. 
Roman von H. von Schreibershosen. 
46 (Nachdruck »titsttm.) 
Er suchte sein Schlafzimmer spat auf, die Gedanken 
wollten sich nicht so schnell ordnen und zur Ruhe bringen 
lassen. Aber nach und nach ward er sich klar und sah wieder 
hoffnungsvoller in die Zukunft. 
Auf dem Tisch am Bette lag ein Brief. Auf gewöhnlichstem 
Papier, von ungeübter Hand, nur die kurze Mitteilung, die 
schöne Gismonda sei wieder in Sorrent und vielleicht jetzt 
zugänglicher. Ohne Unterschrift, doch di Boyn bezweifelte die 
Richtigkeit der Nachricht keine Sekunde. Daß ihm das Mädchen 
widerstanden, ihn, den Grasen di Boyn mit Verachtung be 
handelt, machte ihm ihre Eroberung fast zu einer Ehrensache. 
Und mit dem unausrottbaren Leichtsinne des Lebemannes, 
der einer genußreichen Stunde halber alles aufs Spiel setzt, 
verdrängte der Gedanke au Gismonda alle Bedenken, alle 
sonstigen Schwierigkeiten. Die Worte Rivolis, er sei besser in 
Sizilien aufgehoben, fielen ihm nur ein, um die Reise nach 
Sorrent in den Bereich der Möglichkeit zu rücken. Und 
erhöbe Rivoli Schwierigkeiten — er hatte ihn in der Hand —! 
Im Traume umgaukelte ihn das Bild der schönen Tänzerin, 
sie lag in seinen Armen und Rivoli drohte aus der Ferne herüber. 
Schon am frühen Morgen ließ der Graf Herrn Rivoli 
abermals um einen Besuch bitten nnd teilte ihm mit, er habe 
es sich überlegt, er wolle nach Sizilien zurückkehren/ Er 
hatte Rivoli keinen Stuhl angeboten, er hielt es nicht für nötig. 
Doch Rivoli zog ganz ruhig einen Sessel herbei und 
setzte sich, indem er sein Einverständnis damit aussprach. 
„Ich will hoffen, daß es mir gelingt. Ihnen die Abreise zu 
ermöglichen. Wir bedürfen Ihrer dort, die Verhältnisse 
spitzen sich unangenehm zu, auch ist es besser. Sie wirken 
dort in unserm Interesse als untätig hier zu sitzen. Wir 
brauchen noch Leute, die unsere Pläne kennen." — Rivoli 
lehnte sich zurück. 
„Sie scheinen angegriffen zu sein," unterbrach ihn der 
Graf hochmütig. 
Friedenau, Montag den 23. Oktober 1905. 
waren, bestieg der Vertreter des Havelländischen Gaues, 
Herr Schriftsteller Kunzendorf, die hinter dem Sarge auf 
gebaute Rednertribüne und hielt eine tiefergreifende 
Gedächtnisrede, die ein anschauliches Bild von dem Leben 
und Wirken des Geschiedenen gab und darum wörtlich 
wiedergegeben sei. 
Hochansetznliche Trauerversammlung! Liebe Turngenoffen! 
Es war an einem sonnigen Frühlingstage — eine Reihe von 
Jahren ist schon darüber hingegangen — als ich mit unserm jetzt 
verstorbenen Freunde in seinem hiesigen trauten Heim zusamnien war, 
um über turnerische Angelegenheiten mit ihm zu reden Als wir sie 
beendet hatten und ich mich zum Abschied rüstete, nahm er mich noch 
einmal beiseit, ergriff meine Hand und sagte zu mir, ich möchte ihm 
doch schon heute eine Bitte erfüllen. Wenn einmal die Stunde seines 
Abscheidens gekommen sei, möchte ich an seinem Sarge ihm einige 
Worte der Erinnerung widmen. Ich war bestürzt über diesen plötz 
lichen Wandel in der Unterhaltung. Draußen der lachende Sonnen 
schein, und vor mir ein Mann, der noch soeben durch sein ganzes 
Wesen, durch seine eifrige Unterhaltung bewiesen hatte, daß er mitten 
im Leben stand, daß er mit regsten Jntereffe teilnahm an allem, was 
das Leben schön und gut und edel gestaltet — und jetzt plötzlich 
diese düsteren Todesahnungen, die sich mit Allgewalt aus dem Innersten 
s incs Herzens emporrangen. Ich suchte sie ihm zu zerstreuen, ihn 
auf andere Gedanken zu bringen, ich erklärte ihm, daß es ja garnicht 
in unsrer Macht liege, eine so ernste Frage im Augenblick zu ent- 
scheiden, da doch niemand wissen könnte, wer von uns beiden zuerst 
vom Schicksal ausersehen sei, dem Irdischen seinen Tribut zu zollen. 
Er aber wiederholte seine Bitte, jetzt düngender als zuvor, und es 
blieb mir nichts andres übrig, als ihm mit einem stillen Händedruck 
das Versprechen zu geben, daß. wenn es das Geschick so fügen sollte, 
ich seinen Wunsch erfüllen würde. 
Und nun ist diese Stunde gekommen, in der ich das dem Freunde 
gegebene Wort einzulösen habe, wahrlich eine ernste Stunde, viel zu 
früh für uns alle, viel früher zumal, als ich damals gedacht habe. 
Zwar habe ich mich in den letzten Mona'en oft mit banger Wehmut 
meines Versprechens erinnert, da ich sah, daß diese Stunde immer 
näher und näher kam. Denn wenn wir auch, «re bet jedem Menschen 
leben, das von schwerer Krankheit und ernsten Gefahren bedroht ist, 
bis zum letzten Augenblick hoffen und harren, daß vielleicht doch noch 
eine Wendung zum Bcfferen eintreten, daß das Leben des Schwer 
kranken uns doch wohl erhalten bleiben würde, so haben sich doch 
auch in diesem Falle wieder, wie so oft im menschlichen Leben, alle 
Hoffnungen und Wünsche, jr auch alle ärztlichen Künste als trügerisch 
erwiesen. Zu tief ruhte der Keim des Todes in seinem Herzen, und 
was an jenem Frühlingstage wie eine fast unberechtigte Todesahnung 
erschien, ist an dem letzten Herbstsonntag zur erschütternden Trauer 
botschaft geworden. 
So stehe ich denn heute vor Ihnen, gewissermaßen als ein 
Beauftragter unseres verstorbenen Freundes, um von seinem Wirken 
und Schaffen, von seinen Erfolgen ein kurzes Lebensbild zu ent 
werfen, ihm, wie es sein Wunsch war, einige Worte der Erinnerung 
zu widmen. Das ist ja doch das einzige, was uns Überlebenden in 
solcher Stunde übrig bleibt, uns noch einmal in dankbarer Erinnerung 
und in treuem Gedenken das Bild des Entschlafenen vor Auge und 
Seele zu führen. — 
Unser Gustav Retzdorff wurde am 29. August 1850 zu Berlin 
geboren, hat also vor wenigen Monaten sein 55. Lebensjahr voll- 
endet. Er besuchte die Friedrich Werdersche Gewerbeschule, die jetzige 
Oberrealschule in der Niederwallstraße, und wandte sich nach Ab 
solvierung derselben dem Bankfach zu. 
Hatte er sich schon als Schüler mit lebhafter Anteilnahme dem 
Turnen gewidmet, so betätigte er sich sogleich nach Derlaffen der 
Anstalt als ein eifriger Förderer der Turnerei, indem er in Gemein- 
Rivoli rieb sich die Hände. „Hm! Ja, etwas ermüdet von 
allerlei." Er lächelte zweideutig, wobei sich sein Mund ab 
schreckend verzerrte. „Sie werden in Palermo Instruktionen 
von uns vorfinden — oder wollten Sre auf Ihren Landsitz? 
Ich rate doch, zuerst nach Palermo zu gehen." 
di Boyn sah mit spöttischem Lächeln herab auf den 
kurzen, breiten, plumpen Menschen. „Mein Plan steht noch 
nicht fest, ich werde mich nicht binden. Ich wollte Ihnen 
nur meine Absicht, abzureisen, mitteilen." 
„Ich bin ganz damit einverstanden, Herr Graf," ver 
setzte Rivoli langsam und blickte ihn fest an, „doch müssen 
Sie sich genau erklären, wohin Sie Ihre Schritte lenken 
wollen und — sich an diese Reiseroute streng halten." 
Sein Ton hatte sich kaum verändert und doch lag eine 
drohende Bedeutung in seinen letzten Worten, die auf di 
Boyn wie die Berührung einer offenen Wunde wirkten. 
Seine Brauen senkten sich, sein Gefühl erhielt einen 
höhnischen Ausdruck, seine Augen schossen Blitze. „Ich hätte 
gedacht, meine Entfernung aus Rom wäre Ihnen unter 
allen Umständen wünschenswert. Sie haben nichts für mich 
erreicht, ich kann deshalb keine Verpflichtungen gegen Ihre 
Gesellschaft anerkennen und — nun man weiß dock, auch so 
mancherlei. Es kostete mich vielleicht nur ein Wort, ich 
könnte schnell wieder persona Aratissima sein, vertrüge mich 
dadurch auch vielleicht mit meinem Herrn Neffen Ercole, der 
dieses Wort gegen meine" — er lachte auf — „meiue sonstigen 
Missetaten in die Wage legen würde. Was denken Sie dazu, 
Herr Rivoli?" 
„Daß ich den Herrn Graf noch nicht verstehe. Vielleicht 
drücken Sie sich noch etwas deutlicher aus." Rivoli hielt die 
Hand an das Ohr, als ob er kein Wort verlieren möchte. 
di Boyn bückte sich und sagte einige leise Worte. Der 
Erfolg war nicht der von ihm erwartete. Rivoli fuhr fort, 
sich die Hände zu reiben, ohne de» geringsten Schrecken oder eine 
Ueberraschung zu verraten. „Hm, ja, wohl möglich! Aber 
da Sie abzureisen gedenken — also ohne bestimmte Reise 
route, nicht wahr?" Di Boyn nickte, ganz der herablassende 
12» Iahrg. 
schaft mehrerer gleichgesinnter Mitschüler den Turnverein „Friesen" 
gründete, der noch heute besieht und in dem Retzdorff mehrere Jahre 
hindurch eine eifrige, von reichen Erfolgen gekrönte Tätigkeit entfaltete. 
Aber bald trieb es ihn zu einer größeren Mrkstimkeit auf 
turnerischem Gebiet, und er trat in die „Berliner Turnerschaft" ein, 
in der er sich später in mannigfacher Weise betätigte, zunächst als 
Vorturner in der 1. Männer-Abteilung, und dann als Leiter einer 
Jugendabteilung, die damals in der Turnhalle in der Langestraße 
turnte und deren Leitung nach Gustav Retzdorff der jetzige Vorsitzende 
des Vereines „Berliner Turnerschaft" der in unsrer Mitte weilende 
Profcffor Carl Müller, übernahm. Später bekleidete unser Freund 
das Amt eines Turnwarts der 4. Männerabteilung. So wurde er 
ein tatkräftiges Glied in der großen Kette von Mitarbeitern an dem 
stolzen Bau dcr „Berliner Türnerschaft", und wohlverdient war die 
Ehrung, dies sie unserm Retzdorff zu teil weiden ließ, als sie ihm 
im Jahre 1895 zur Anerkennung für langjährige treue Wirksamkeit 
als Lehrer im Jugendturnen eine Urkunde überreichte. 
Inzwischen hatte es sich Retzdorff angelegen sein kaffen, in 
turnerischer Beziehung immer größere Velvollkommnung anzustreben, 
und obgleich er in seiner Stellung als Beamter der Diskonto- 
gesellschaft überaus beschäftigt war, fand er noch Zeit und Muße, fü 
die Prüfung als Turnlehrer sich vorzubereiten und sie mit Erfolg 
zu bestehen. 
Aber nicht nur auf Berlin blieb Retzdorff's turnerische Wirk 
samkeit beschränkt, auch auswärtige Turnvereine trugen Nutzen von 
seiner Tatkraft, von seiner beg.isterten Hingabe für die Turnerei.' 
Seinen vollständigen Urlaub, den andere an seiner Stelle im Gebirge 
oder an der See zugebracht hätten, benutzte er dazu, in Landsberg a. W. 
sein Quartier aufzuschlagen und donselbst einen mehrwöcheutlichen 
Vorturner-Kursus abzuhalten. Auch dem Vereinsturnen in der alten 
märkischen Hussitenstadt Bernau widmete er sich mit großer Sorgfalt 
und Opferkreudigkeit, und der Turnklub in Bernau ernannte ihn 
schon im Jahre 1878, also den damals 28 jährigen, in Anerkennung 
seiner mannigfachen Verdienste um die Förderung des Turnens da 
selbst zu seinem Ehrenmllgliede. 
Mit dem Jahre 1886 begann eine neue Aera in Retzdorff's 
turnerischer Tätigkeit; er übersiedelte im April d. I. nach Friedenau. 
Kaum hatte er hier einen Monat festen Fuß gefaßt, da ging er schon 
in Gemeinschaft mit Otto Bauer, dem leider auch zu früh Verstorbenen, 
und Max Fehler an die Gründung des Männerturnoereins, dem er 
mehrere Jahre, in dcr Zeit da Otto Bauer den Vorsitz führte, als 
Turnwart seine ganze Kraft zur Verfügung stellte. Später wurde 
Retzoorff als Oberturnwart sämtlicher Abteilungen des Vereins ge 
wählt, und in den letzten zwei Jahren seines Lebens war er Vor- 
fitzender des Vereins, man darf wohl sagen seines Vereins, denn wie 
er mit allen Fasern seines Herzens an dem Verein hing, mit seinem 
ganzen Denken und Handeln nur ihm gewidmet war, daß habt ihr, 
liebe Turngenoffen vom Friedenauer Männer Turnverein besser er 
fahren, als ich es zu sagen vermöchte. Und Retzdorff k.nnte sich jetzt 
auch noch mehr als vordem der Tu-.nerei widmen, ihrer Förderung 
ausschließlich leben, als er bereits im Jahre 1898 seine Stellung bei 
der Diskonto-Gesellschaft aufgab, um fortan seine ganze Zeit seiner 
Jugend Idealen darzubringen. Fast zwanzig Jahre währte seine turne- 
rische Tätigkeit in Friedenau und für den Männerturnverein, ihm ist 
es mit in erster Linie zu danken, daß hier die Turnsache so feste, ich 
möchte sagen volkstümliche Wurzeln geschlagen hat, daß Friedenau 
unter allen Vororten Berlins eine Art Musterort für turnerische Be 
strebungen geworden ist. Und über die Grenzen dieses Ortes hinaus 
spricht man von unserm Heimgegangenem Freunde — wie mir erst 
gestern wieder ein Beileidsschreiben eines bekannten Berliner Turn 
genoffen bewies — als von einem „Turnvater von Friedenau". 
Vor allem hat er sich hier ein bleibendes Denkmal gestiftet, durch 
die Einführung der Jugendspiele, an denen sich auch die nicht dem 
Verein angehörigen Kinder beteiligen konnten. Wie mißgestimmt war 
vornehme Mann seinem Werkzeuge gegenüber, das er rrach 
dcr Benutzung in den Winkel werfen wird. „Ich soll also 
doch für Ihre Abreise sorgen, daß man Sie ruhig fahren 
läßt?" 
„Das erwarte ich, da ich drrrch Ihre Schuld, lediglich 
durch Ihre Schuld in diese unangenehme Lage gekommen 
bin," antwortete di Boyn beinahe verletzend in seinem Ton. 
„Aber vielleicht geben Sie zu, Herr Gras, daß Sie 
allein die Sache mit Ihrer Komtesse Nichte, jetzigen Baronin 
Ercole Roverdo, nicht ins Werk hätten setzen können?" fragte 
Rivoli fast mit einschmeichelnder, überredender Stimme. 
di Boyn zuckte die Achseln. „Wenn Ihnen daran liegt, 
meinethalben! . Der Erfolg wird dadurch nicht anders." 
Rivoli blieb noch einen Augenblick sitzen, stemmte seine 
dicken, runden Fingerspitzen gegen einander, stand dann auf, 
schob den Sessel an seinen frühern Platz und ging nach 
einem kurzen Blick auf den Grafen hinaus und drückte die Tür 
mit einem scharfen Klang fest in das Schloß. 
Betroffen starrte di Boyn ihm nach. Ein sonderbarer 
Abschied. Ein Frösteln überlief ihn — gleich darauf lachte 
er auf. „Nun ja, man muß nur zeigen, daß man sich nichts 
gefallen läßt!" Doch etwas unheimlich war ihm zu Mute. 
Ohne Schwierigkeiten zu begegnen, konnte er abreisen, 
aber in seiner Tasche lag ein neuer Revolver, den seine 
Hand häufig umspannte. Es war doch gut, für jeden Fall 
gerüstet zu sein. 
In Sorrent fand er ein Billet von Gismonda vor. Ob 
sie es selbst geschrieben, war mehr als zweifelhaft, es gibt 
aber noch heute in Italien Schreiber, die alles zu Papier 
bringen, was ein liebendes Herz wünscht. Gismonda teilte 
dem" Grafen mit, er könne sie in dem genau bezeichneten 
Häuschen Fortunatas bei Amalfi finden. Ob er sie holen 
wolle? Keine Erklärungen, keine Versprechungen, aber 
di Boyn lachte. Ein böses Lachen. „Läßt man sie laufen, 
so kommen sie allemal von selbst wieder." Aber jetzt bedurfte 
er Villanos — Wo steckte der sonst stets so zuverlässige Mann? 
(Fortsetzung folgt.)
        
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