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Periodical volume Nr. 248, 21.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Mdenaner Grtsteil von 5chöneberg «nd den Bezirksverein Süd-West.. 
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Nr. 248. 
Friedenau, Sonnabend den 21. Oktober 1905. 
12. Iahrg. 
Schuldfrage verneinten, vom hiesigen Schwurgericht frei 
gesprochen. 
Wien. Der König von Spanien trifft am 13. No 
vember hier ein und wird bis zum 17. November hier 
bleiben. 
Bukarest. Infolge Eingreifens der Mächte dürften 
die Differenzen zwischen Rumänien und Griechenland dem 
nächst in friedlicher Weise beigelegt werden. Sollten 
einige strittige Fragen übrigbleiben, so werden dieselben 
dem Haager Schiedsgericht unterbreitet werden. 
Bozen. Der belgische Schriftsteller Blueße stürzte 
bei der Besteigung der Rotwandspitze ab und blieb schwer 
verletzt liegen. 
Wilna. Der Gutsbesitzer, Graf Brzostowsky, welcher 
als Kandidat für die Reichsduma aufgestellt war, wurde 
plötzlich ohne jeden Grund aus dem Gouvernement 
Witebsk ausgewiesen und auf 3 Jahre ihm als Wohnort 
Tula angewiesen. 
Moskau. Auch in Kasan ist der Ausstand der 
Eisenbahnbeamten, Maschinisten und Arbeiter allgemein, 
der Eisenbahnverkehr ist vollständig unterbrochen. 
Christiania. Die nachträglich fortgesetzte Opposition 
der republikanischen Majorität des Storthing vermag keine 
Wirren hervorzubringen, obschon eine gewisse Nervosität 
sich in den letzten kritischen Tagen bemerkbar machte. Die 
Situation wurde gestern und vorgestern Abend im 
Storthing in geschlossener Sitzung diskutiert, wo die 
Regierung ihre Gründe für eine sofortige Königswahl 
bekannt gab. Gestern Abend hatte die radikale Gruppe 
eine separate Zusammenkunft;' wahrscheinlich wird die 
Opposition im letzten Augenblick ihren Vorschlag auf Ein 
führung der Republik aufgeben, indem sie alle Anstrengungen 
darauf konzentriert, eine Volksabstimmung vor der Königs 
wahl durchzupressen, was der Fraktion jedenfalls eine 
erschütternde Niederlage bereiten dürfte. Das Land will 
den inneren Frieden, was nur mit der bestehenden Ver 
fassung und einer liberalen Monarchie möglich ist. Die 
Regierung legte gestern dem Parlament das revidierte 
Grundgesetz vor, worin nur die Bestimmungen rücksichtlich 
der Union ausgeschieden sind. Die Regierung schlägt vor, 
das neue Budget durch eine Zündhölzersteuer, die 
Errichtung einer Staatslotterie und eine Erhöhung der 
Stempelabgaben auf Wertpapiere zu ergänzen; indem sie 
wegen einer Reduktion des Rechnungsbetrages protestiert. 
Paris. „Journal de Döbats" zufolge ist es nicht 
unwahrscheinlich, daß der Prozeß der Prinzessin Luise von 
Koburg vor dem Budapester Gerichtshöfe nicht stattfinden 
werde, weil die Prinzessin vorher volle Genugtuung 
erhalten werde. 
London. Nach einer Meldung aus Tanger ist das 
englische Kriegsschiff „Pathfinder" von Ceuta zurück 
gekehrt. Es gelang, mit dem Bandenführer Valliente in 
Verbindung zu treten. Dieser verlangt nur die Frei 
lassung seines Bruders und stellt keinerlei Forderungen 
hinsichtlich politischer Konzessionen oder Lösegeld. Man 
erwartet, daß noch heute der Austausch der Gefangenen 
stattfindet und somit der Zwischenfall zur Erledigung gelangt. 
London. Die „Central News" melden aus Peters 
burg, die Firma Krupp in Essen stehe augenblicklich in 
Unterhandlungen mit der russischen Regierung zwecks der 
Erwerbung der Puttilow-Werke. Die russischen Arbeiter 
würden im Falle der Übernahme der Werke durch 
deutsche ersetzt. 
Washington. Takahire erklärte in einem Interview, 
daß Japan gewissenhaft die offene Tür in China und 
Korea beachten werde. Er fügte hinzu, er habe die volle 
Überzeugung, daß keinerlei Beunruhigung wegen der 
finanziellen Lage Japans berechtigt sei. 
Allgemeines. 
[] „Dank für die gute Aufnahme der Truppen 
im Manövergelände", unter dieser Überschrift ver 
öffentlicht der Ober-Präsident der Provinz Brandenburg 
folgenden Erlaß: 
.Nach einer Mitteilung des General-Kommandos des Gardekorps 
haben die Behörden und Truppenteile des Gardekorps auch in diesem 
Jahre bei den Arbeiten für die Manöver unv Übungen das weit- 
gehendste Entgegenkommen der König!. Behörden und Gemeinde- 
Verwaltungen erfahren. Die Aufnahme der Truppen ist überall eine 
sehr gute gewesen. Das General-Kommando hat hierfür im Namen 
der Behörden und Truppen dcS Gardekorps seinen verbindlichsten 
Dank ausgesprochen. Es gereicht mir zur besonderen Freude, diesen 
Dank zur öffentlichen Kenntnis bringen zu können." 
sj Auf der Eisenbahnstrecke Treuenbrietzen- 
Nauen wird, wie der Regierungspräsident soeben bekannt 
gibt, zwischen den Stationen Beelitz (Stadt bezw. Heil 
stätten) und Caputh voraussichtlich schon am 23. d. M. 
der Arbeitszug-Betrieb eröffnet werden. Zur Verhütung 
von Unfällen werden die Wegeübergänge mit Warnungs 
tafeln ausgerüstet und durch Läutepfähle in vorschrifts 
mäßiger Weise gesichert werden. Das Betreten der Bahn 
anlagen rc. ist danach verboten, an den Übergängen muß 
bei Annäherung eines Arbeitszuges gehalten werden. 
Lokales. 
j- Ein Diplom für die Familie Lefövre hat die 
Gemeindeverwaltung aus Anlaß des Andenkens für den 
verstorbenen Gemeindeschöffen Lefövre anfertigen lassen. 
Bekanntlich hatte eine Straße im südlichen Teil Friedenaus 
den Namen Leftzvrestraße erhallen. Der Zeichner hat 
———BBi 
WoMelied. 
weise: Ich schieß' den im wilden Forst. 
Von Schleswig stolz im Siegerkranz 
Just kam der Preuße her; 
Schon geht in Böhmen los der Tanz, 
Des Königs Herz ist schwer. 
„Mein lieber Moltke, sagt, wie steht's?" 
„Gut, Eure Majestät!" 
Gewonnen wurde Aöniggrätz, 
Der Fritz kam nicht zu spät. 
Als Siebzig die Trompete blies 
Zur Macht am deutschen Rhein, 
Ging's über Sedan nach Paris; 
Wie führte Moltke fein! 
Grst wägend kühl gleich Wellington, 
Wagt er wie Blücher dann: 
Gefangen ward Napoleon 
Mit hunderttausend Mann. 
Im Glanz des Ruhmes wandelt er 
So still, so wahr, so schlicht! 
Wer solche Schlachten schlug wie der, 
Liebt Wortgefechte nicht. 
Doch wenn von ihm ein Wort erklang, 
Hört lauschend jeder zu — 
Bis auch der große Schweiger sank 
In ewig stumme Ruh. 
Singt, Brüder! Groß war unsre Not, 
Doch größer unser Held; 
Denkt sein, wenn deutsches Morgenrot 
Tuch grüßt in ferner Welt! 
Ihr jungen Deutschen, hört das Lied, 
Seid treu wie dieser Mann 
Und schwört ihm nach in Reih und Glied: 
Fürs Vaterland voran! 
Georg Thouret. 
Depeschen. 
Eisenach. Wegen fahrlässiger Gefährdung eines 
Eisenbahntransportes wurde gestern vom hiesigen Land 
gericht der Zugführer des Zuges Nr. 6351, Bucheneu, nur 
zu 50 M. Geldstrafe und den Kosten des Verfahrens ver 
urteilt, weil das Gericht von der Voraussetzung ausging, 
daß bei diesem Eisenbahnunfall wieder einmal eine Un 
glückselige Verkettung von Umständen die Hauptschuld 
mittrage. 
Lylk. Die des Gattenmordes angeklagte Witwe 
des Kaufmanns Manco wurde, da die Geschworenen die 
Gesagtes 6pie'». 
Roman von H. von Schreibershofen. 
45. t«ach>r»ck »erbot«».) 
Gras di Boyn hatte in der Tat seine eigenen Zimmer 
wieder bezogen. Die Anschauung, es sei nur eine Familien 
angelegenheit, schien Anhänger gefunden zu haben. Dian 
stieß nur bei der Gegenpartei auf hartnäckigen Widerstand, 
öffentliche Verhandlung ward verlangt, aber die Andeutungen 
von sensationellen, schweriviegenden Enthüllungen drängten auf 
der andern Seite zum möglichst schnellen Abschluß. Solche 
Enthüllungen zu vermeiden war für di Boyn und seine 
Freunde durchaus wünschenswert. 
Herr Rivoli hatte sich bei dem Grafen eingefunden, um 
mit ihm das Nötige zu beratschlagen, derselbe Herr, den die 
Marchesa hinter den Fenstervorhäugen her im Quirinal be 
obachtet hatte. Damals war di Boyn Herzog von Leonforte 
gewesen, wie er sich nur zu gut erinnerte. 
Breit und ungeniert saß Herr Rivoli in einem Sessel und 
trommelte mit seinen kurzen dicken Fingern auf dem Tische, 
indes seine kleinen, stechenden Augen den Grafen musterten. 
^Allerdings ein Versehen, zweifellos —" 
„Eine unverzeihliche Nachlässigkeit, ein grobes Versehen," 
sagte di Boyn zornig. Ein spöttisches Lächeln glitt über 
Rivolis breites Gesicht. „Ganz recht, ein Versehen, aber 
Ihrerseits, Herr Graf, leider kann ich nicht mehr Herr 
Herzog sagen." di Boyn schleuderte Rivoli einen zorn 
erfüllten Blick zu, seine Brauen senkten sich, seine Nasenflügel 
zitterten, indes Rivoli fortfuhr: „Halbes Vertrauen ist 
schlimmer, als offenes Mißtrauen. Ihre Besorgnis, uns die 
Sache ruhig zu überlassen, Ihr Hereinreden, Ihre romantische 
Torheit mit dem Aussetzen der Dame —" 
„Wer konnte ahnen, daß man sie so schnell finden würde, 
ehe das Gift gewirkt." 
Rivoli zuckte die Achseln. „Man muß in solchem Falle 
sicher gehen und Ihr Mißtrauen, Ihr —" 
,Höchst überflüssig, davon jetzt zu reden," unterbrach ihn 
der Graf finster. „Ich bin mir klar, gegen jemand, der die 
öffentliche Aufmerksamkeit in solchem Grade auf sich gelenkt 
hat, wie dieser schöne Baron Ercolc, ist augenblicklich nichts 
zu machen. Dagegen möchte ich seinen Freund und Mit 
helfer, den jungen Arzt —" 
„Ein so obskurer Mensch ist unserer besonderen Aufmerk 
samkeit kaum würdig," lächelte Rivoli. „Was Baron Ercole 
betrifft,^ so wird er, verliebt wie er ist, stets um das Leben 
seiner Gattin besorgt sein, wir fürchten ihn nicht. Wir müssen 
ihn einschüchtern, Villano ist der geeignete Mann dazu." 
In ausbrcchender Leidenfchaft schlug di Boyn mit der 
Faust auf den Tisch. „Dieser obskure Doktor war schuld 
an dem ganzen elenden Verhaftungsspiele! Ich säße jetzt un 
behelligt und geborgen in Sizilien ohne ihn." 
„Wäre auch das Beste für Sie. Wie kam es, was hatte 
der Doktor damit zu tun?" di Boyn beschrieb den Vorgang, 
leidenschaftlich gehässig. „Wieder etwas für Villano," sagte 
Rivoli nach kurzem Nachdenken. „Sie haben wohl Nachricht 
von ihn,? Nicht! Das ist seltsam: doch wäre etwas miß 
glückt oder zu befürchten, er hätte von sich hören lassen. Das 
ist einzig von ihm, er arbeitet stets allein mit Werkzeugen, die 
nicht wissen, um was es sich handelt, er kompromittiert uns 
nie. Im Nebrigen möchte ich den Herrn Grafen noch darauf 
aufmerksam machen," Rivoli beugte sich vor und tippte den 
Grafen leicht mit dem Finger auf die Brust, „daß sich unsere 
Macht nicht auf Sizilien beschränkt. Säßen Sie sonst jetzt 
hier? Aber wir sind dort noch mächtiger. Sie wären dort 
noch sicherer aufgehoben." 
Es klang aus den letzten Worten etwas mehr als ein 
Ratschlag heraus, di Boyn nieinte etwas Befehlendes heraus 
zu hören. Hochmütig lehnte er sich zurück und zündete sich 
eine Cigarre an, ohne Rivoli eine anzubieten. „Ich werde 
das Ende der Verhandlungen hier abwarten." 
Rivolis Gesicht verdüsterte sich, prüfend und kalt lag sein 
stechender Blick auf dem Grafen. „Unser Einfluß wird Ihnen 
auch hier zur Seite stehen, sobald wir über Ihre eigentlichen 
Absichten im Klaren sind. Die Suminen, deren wir für die 
nächsten Wahlen bedürfen, könnten leicht von Ihren Gütern 
erhoben werden, wir haben bisher aber noch keine Vor 
bereitungen dazu bemerkt. Sie hätten es sofort tun sollen, 
ehe sich Schwierigkeiten über Ihren Rechtstitel erheben konnten. 
Es läßt sich aber noch nachholen und unsere Berechnungen 
sollen Ihnen zugehen. Im übrigen empfehle ich Ihnen für 
jetzt Geduld." Rivoli erhob sich, grüßte angelegentlich ■ und 
empfahl sich, noch immer der Untergebene, der sich durch 
das Vertrauen eines Hochstehenden geehrt fühlt, wenn es 
auch Opfer von ihm verlangt. 
Mit finsterm Stirnrunzeln sah ihm der Graf nach. Seine 
gesenkten Brauen verbargen fast die Augen und bei jedem 
seiner schnellen Atemzüge blähten sich die Nasenstügel wie bei 
einem Raubtiere. Was hatte er denn nun erreicht? Fesseln, 
drückende Fesseln hatte er sich angelegt, weiter nichts. Der 
Mißerfolg zeigte ihm seine Niederträchtigkeit im wahren 
Lichte: der glückliche Erfolg hatte, so lange er dauerte, sein 
Gewissen nicht beschwert und seine Ruhe nicht gestört. Stille 
sitzen, Geduld haben — bis man ihn vielleicht doch noch zur 
Rechenschaft zog und — was konnte denn noch kommen für 
ihn! Ungestraft ließ man ihn schiverlich davon .... Wohin 
er sah, Aerger, Verdruß, Deniütigungen, und an keinem konnte 
er sich dafür rächen. Sie waren ihm alle entrückt. . . Dieses 
Rivoli, eines so gemeinen Menschen, befehlender, anmaßender 
Ton klang ihm noch im Ohr und erbitterte ihn aufs äußerste. 
Für den Augenblick fühlte sich di Boyn ebenso gebrandmarkt, 
als hätte der oberste Gerichtshof seines Landes ihn schuldig 
befunden und zu der entehrendsten Strafe verurteilt. Ent 
ehrend vor der Welt —! Er hatte gehofft, sich die geheime 
Macht der Maffia untertan zu machen, durch sie zu herrschen 
und fühlte sich ihr untertan. Oder war es nicht so? ... Was 
hatte sie denn für ihn getan? Er konnte offen bekennen, 
nichts, denn er stand auf seinein früheren Platz, hatte nichts 
erlangt, nur Verachtung und ivar ärmer als vordem. Wie 
konnte Rivoli noch von ihm etwas erwarten nach diesem 
glänzenden Fiasco! ... di Boyn reckte sich, stand auf und 
ging durch das Zimmer. Er fühlte sich ohne jede Verpflichtung 
gegen den Mann, der soeben noch vor ihm gesessen und ihm 
Bedingungen vorgeschrieben hatte. Er war frei — und sollte 
Rivoli ihn noch festhalten wollen, nun, er hatte auch eine 
Waffe, die er dann benutzen wollte. Aus Villanos Worten 
hatte er mancherlei zusammengereirrt. Der Mord von Ercoles 
Vater, die emsigen Bemühungen Rivolis, einen öffentlichen 
Prozeß zu vermeiden und jene Enthüllungen Ercoles zu hinter 
treiben das gab di Boyn keine Rätsel mehr zu lösen ... 
(Fortsetzung folgt.)
        
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