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Periodical volume Nr. 241, 13.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

bejahende Antwort, klagt sie: „ach wie schade!" Rückfrage: 
„wieso schade?" Antwort: „nun, ich hätte sie so gern ge 
nommen." — Schluß. — Andern Tages zieht das neue 
Mädchen an. Befragt, was die Anfrage der Frau Re 
gierungsrätin L. zu bedeuten gehabt, antwortet sie ehr 
lich: „Ja, die Dame wollte mich durchaus mieten. Sie 
sagte, ich sollte doch bei Ihnen nicht zuziehen, ich möchte 
den .Vvetstaler zurückgeben und das Dienstbuch zurückver 
langen — binnen 24 Stunden könne der Vertrag rück 
gängig gemacht werden." — Ob die Dame, deren Gemahl 
Rechtsverstctüdiger ist. wirklich an dies Märchen glaubt? 
Die §8 45, 46 der Gesindeordnung lassen darüber keinen 
Zweifel, daß „nach einmal gegebenem und angenommenen 
Mietstaler" der Vertrag perfekt und unwiderruflich ist. 
Wenn in diesem Falle das Mädchen dasselbe RechtsgSfühl 
besessen hätte, wie die Frau Regierungsrätin, so wäre 
auch der Vertragsbruch „perfekt" gewesen. Kann man es 
da weniger gebildeten Damen verargen, wenn sie sich bei 
der Verleitung zum Kontraktbruche nichts, rein garnicht? 
denken? Man sollte doch mehr Respekt zeigen vor dem 
Grundsätze: „Treue und Glauben", auf dem gerade der 
Gesindevertrag basiert,- man sollte sich vergegenwärtigen, 
daß man die Folgen einer solchen Begünstigung der 
Korruption auch einmal am eigenen Leibe verspüren 
könnte! 
Allgemeines. 
[] Für die bevorstehende Volkszählung am 
1. Dezember sind von der Regierung folgende allgemeine 
Bestimmungen erlaffen worden. Die Zählungskommissionen 
müffen bis zum 1. November, die Zähler bis zum 16. No 
vember bestimmt sein. Das gesamte Zählmaterial muß 
bis spätestens zum 6. Dezember sich in den Händen der 
Ortsverwaltung befinden und nach erfolgter Sichtung und 
vorläufiger Feststellung bis zum 2. Januar bei der Zentral 
stelle eingeliefert werden. Da zu dem Zählerdienst in 
vielen Ortschaften die Lehrer herangezogen werden, wird 
am 1. Dezember der Schulunterricht ausfallen. 
Lokales. 
-j- Wie viel kostet unser Gymnasial-Gebäude? 
Es sind öfters dieserhalb bei uns Anfragen eingegangen. 
Da aber die Gymnasialrechnung bisher nicht abgeschlossen 
war, konnte diese Frage nicht beantwortet werden. Nach 
dem jetzt vorliegenden Abschluß kostet der Bau des Gebäudes 
ohne die Klaffenausstattung usw. rund 598 000 Mk. und 
der Grund und Boden 130 000 Mk.; mithin zusammen 
728 000 Mk. 
-j- Gesuchte Friedenauer Bürger. Die Schöne 
berger Genoffenschaflsbank, welche vor 10 Jahren auch 
von mehreren Friedenauer Bürgern gegründet wurde (bei 
der ersten konstituierenden Versammlung waren 13 Mit 
glieder vorhanden, darunter 6 Friedenauer) hat auch jetzt 
noch mehrere Mitglieder im Aufsichtsrat und sogar der 
Vorsitzende ist ein Friedenauer Bürger, Herr Architekt 
Draeger. Das älteste Vorstandsmitglied seit Gründung 
der Bank ist unser Mitbürger und Gemeindevertreter Herr 
Hertzer. Aber auch der oberste Bauleitende des neuen 
Bankgebäudes in der Hauptstraße ist ein Friedenauer und 
zwar Herr Baumeister Duntz, der Bauleiter unseres Friede 
nauer Gymnasiums. Nur bei Diskontierung von Wechseln 
kommen die Friedenauer schlecht weg und müssen mehr 
als die Schöneberger zahlen, weil Friedenau nicht zum 
Bankkreis der Rcichsbank gehört. Es wird nun von 
mehreren Friedenauer Bürgern angeregt, daß die Bank 
in eigenem Interesse daran geht, diese Gepflogenheit fallen 
zu lassen und ferner bei Prolongationen von Wechseln 
von weiterem 1 Proz. absieht. Vor mehreren Wochen, als 
die Reichsbank ihren Bankdiskont noch nicht erhöht hatte, 
mußte ein Friedenau bei 700 M. Prolongation fast 20 M. 
zahlen, während ein anderer Bürger bei der Friedenauer 
Bank für 750 M. inkl. Stempel nur 16,40 Mk zahlte. 
-j- Jnnungsversammlungen. Die Baugewerks- 
Jnnung tagte gestern im Restaurant „Zum Patzenhofer" 
in Steglitz. Es wurden 31 Lehrlinge, 24 Maurer und 
7 Zimmerer, zu Gesellen gesprochen. Als Prämien 
erhielten ein Reißzeug: Bielke, Voigt, Jhsmer, Pape; eine 
Busennadel mit dem Wappen der Innung: Jahn, Lück, 
Hildebrandt, Werchner. In seiner Ansprache wies Ober 
meister Dorn auf die soziale Aufgabe des Bauhandwerks 
und die damit verbundene große Verantwortlichkeit hin. 
Es erfolgte hierauf die Einschreibung von 51 Lehrlingen, 
34 Maurern und 17 Zimmerern. Der Obermeister ersuchte, 
künftighin bei Annahme von Lehrlingen auch die körper 
liche Reife zu berücksichtigen. Es seien diesmal Lehrlinge 
so kleiner und schwächlicher Statur angenommen worden, 
daß man Bedenken tragen müsse, ihnen einen Stein itt 
die Hand zu geben. Das Bauhandwerk sei begehrenswert 
genug, um sich das passende Lehrlingsmaterial aussuchen 
zu können. — Dem Gesellenausschuß sprach die Innung 
ihren Dank für Mitwirkung bei Prüfung und Aufnahme 
der Lehrlinge aus. Den Bericht der zur Beratung über 
Abänderung der Baupolizeiordnung entsandten Delegierten 
erstattete der Obermeister. Jnnungsmeister Ruhemann- 
Friedenau faßte die Verhandlungen der Delegierten in 
Perleberg und Braunschweig in einem kurzen Überblick 
zusammen. In Perleberg sei über Lehrlingszüchterei 
geklagt worden. Vielfach verlasse der Lehrling, sobald er 
die ersten Schwierigkeiten in Erlernung seines Berufes 
überwunden habe, den Meister und gehe zum Scharwerker. 
Die hiesige Innung habe dem einen Riegel vorgeschoben, 
indem sie jedem Lehrling ein Sparkaffenbuch stifte, das er 
erst nach Beendigung der Lehrzeit erhalte. Über die 
Fachschule berichtete Jnnungsmeister Flemming. Im ver 
flossenen Semester besuchten die Schule 41 Lehrlinge, die 
einen Kostenaufwand von 2000 M. verursachten. Für 
das nächste Jahr habe man voraussichtlich mit 63 Schülern 
zu rechnen. 
Die Barbier-, Friseur- und Perückenmacher- 
Jnnung hielt am Montag im Restaurant „Zur Krone" 
zu Steglitz ihre Quartalssttzung ab. Eingeschrieben wurde 
ein Lehrling, vier wurden zu Gesellen gesprochen. Ein 
Schüler der Fachschule erhielt für vorzügliche praktische 
Leistungen den vom Bunde gestifteten Preis. In den 
Vorstand wurden wiedergewählt Paul Wilcke, Obermeister, 
Thiel, Schriftführer, Kentsch-Friedenau, Beisitzer. Die 
Jahresrechnung für 1904/5 wies in Einnahme und Aus 
gabe 744,99 M. auf. Die Fach- und Fortbildungsschule 
schloß in dem gleich.n Zeitraume in ihrer Bilanz mit 632 
Mark ab. Die Zahl der Fachschüler betrug im ersten 
Quartal 23, im zweiten Quartal 24. Die Innung erteilte 
dem Kassenführer einstimmig Entlastung. 
Die Fleischer-Innung tagte zum Quartal im 
Restaurant „Albrechtshof" zu Steglitz. Obermeister Hacker 
widmete den verstorbenen Kollegen Süßmann und Kaffen- 
führer Matschke-Friedenau einen ehrenden Nachruf. Ihr 
Andenken zu ehren, erhoben sich die Mitglieder von den 
Plätzen. Vier Lehrlinge erhielten den Gesellenbrief. An 
genommen wurde durch Beschluß der Versammlung die 
Bezeichnung: „Fleischer-Zwangsinnung zu Steglitz". Zu 
ihrem Bezirk gehören: Steglitz, Friedenau, Schmargendorf, 
Tempelhof, Mariendorf, Grunewald und Dahlem. — 
Hierauf schrieb die Innung zwei Lehrlinge ein. In den 
Vorstand wurden gewählt die Kollegen Kühn zum 
Kaffenführer und Fath zum Beisitzer. Die Wahl zum 
Fahnenträger fiel auf Kollegen Grothe-Friedenau. 
-j- Grundbefitzerversammlung. Auf die heute 
Abend im „Hohenzollern" stattfindende Versammlung 
wollen wir mit dem Bemerken nochmals hinweisen, daß 
auch bei dieser Versammlung wie vor einigen Wochen im 
Handel und Gewerbeverein die Errichtung einer Volks 
badeanstalt auf die Tagesordnung steht. 
-j- Turnfahrt. Schönes Wetter wünschen wir der 
Altersabteilung unseres Turnvereins am Sonntag zu der 
geplanten Turnfahrt nach Nedlitz. Die Fahrt beginnt um 
8 Uhr 9 Minuten vom hiesigen Wannseebahnhof bis 
Zehlendorf, von hier ab Fußwanderung. 
t Verein zur Förderung deutsch-evangelischer 
Volksschauspiele. Sonntag, den 15. Oktober, pünktlich 
Mittags 12 Uhr, im großen Saale der Hochschule für 
Musik, Fasanenstraße 1 Festversammlung zur Vorbereitung 
des Gustav-Adolf-Festspiels von Dr. O. Deorient, während 
des November d. I. im Neuen Kgl. Operntheater (Kroll). 
Der Zutritt ist Jedermann ohne besondere Einladung ge 
stattet. In Aussicht genommene Spieltage: 31. Oktober 
Abends, 2., 3. November Abends, 5. November Nach 
mittags, 7., 8., 10. November Abends, 12. November 
Nachmirtags, 14., 15., 16., 17. November Abends, 19. No 
vember Nachmittags, 21., 23. November Abends. Preise 
der Plätze: 5, 4, 3, 2, 1 Mark. Stehplatz 0,50 Mark. 
f Mostfeste. Mostfeste üben eine besondere 
Anziehungskraft auf alle trinklustigen und trinkfesten Leute 
Sein' Zeugnis wird späterhin von größter Wichtigkeit sein, 
S err Ercole mag ihn selbst zur Rechenschaft ziehen. Kann 
ismonda ihn bewachen und stehst Du dafür ein, Herrn 
Laveggi oder mich jederzeit von dem geringsten, was ver 
dächtig scheint, zu benachrichtigen? Ihr müßt Tag und Nacht 
über ihn wachen, dürst nichts versäumen." 
Ja, Lippone konnte und wollte das gern übernehmen, 
denn seiner Rache an dem Grafen diente er ja dadurch. 
Sein Lächeln war grausam, seine Augen funkelten. Daß er 
des Grafen Helfershelfer bei der Flucht Gisinondas, für die 
er nur oen Grafen, nicht sie verantwortlich machte, in seiner 
Gewalt hatte, war ihm eine Genugtuung, wie nichts anderes 
sie ihm hätte geben können. 
„Und weißt Du, wo der Graf ist?" fragte Steinmann 
später. 
„In Rom, und Gismonda weiß wo und wird ihn zu 
f inden wissen, wenn es an der Zeit ist." O, an dem Grafen 
ollte die Rache nicht vorbei schreiten. 
Lippones Herz schlug ruhig, der Anfang war da, das Ende 
sollte schon kommen. 
Kaprtel 15. 
Der Palast, in dem die Marchesa di San Croce zu Rom 
wohnte, war ein weitläuftiges, großes Gebäude, das zwischen 
zwei Stoßen lag. Die Hauptfront, mit schöner Bildhauerarbeit 
geschmückt, mit Wappenschildern über dem mächtigen Eingangs 
tor und breiten Steiubänken an den Seiten, zu denen einige 
-Stufen hinaufführten, bestand aus zwei Stockwerken. Die 
Fenster waren groß, den übrigen Verhältnissen des schönen 
Palastes angepaßt, der einen vornehmen, anspruchsvollen 
Eindruck machte. Ganz anders die andere Seite, die vier 
'Halbetagen zeigte mit kleinen Fenstern, schmucklos, einfach, 
durchaus nicht vornehm. Wer es nicht genau wußte, konnte 
nicht glauben, daß es ein und dasselbe Haus war. 
Vor dieser einfachen, unansehnlichen Seite des Palastes 
San Croce hielt an einem regnerischen Abende ein kleiner 
Mietwagen, dem zwei Personen entstiegen, ein Herr und eine 
Dame. Der Herr trug eine Reisetasche und beide waren der 
Kälte und des Regens wegen so verhüllt, daß man ihre Ge 
sichtszüge nicht unterschied. Der Herr lohnte den Kutscher ab 
und zugleich öffnete sich die Haustür von innen; er trat mit 
der Dame ein. Ter Liegen tropfte emsig weiter, das Rollen 
der Räder verhallte, in dem Gäßchen war alles wieder still, 
die Haustür hatte sich wieder geschlossen und niemand hatte 
daraus geachtet, denn nichts ist dem Italiener so verhaßt wie 
Regen. Dabei sind die Plätze und Straßen verödet. 
In ihren Gemächern unterhielt währenddem die Marchesa 
einige Gäste, die bei ihr gespeist hatten. Man sprach von 
Politik, von der Oper, vom Deutschen Kaiser, dessen Freund 
schaft für das italienische Königspaar ein beliebter Gesprächs 
stoff war, von der Hungersnot in Sizilien und in Indien, 
vom letzten Seesturm, kurz, von allem, was die Menschen 
oberflächlich beschäftigte und dazu diente, ihre eigentlichen Ge 
danken zu verbergen. Nur die Marchesa brachte jedem neuen 
Thema ungeteiltes Interesse entgegen — doch als die Türen 
sich hinter dem letzten Gaste schloffen, sank sie auf einen 
Sessel, ihr Lächeln schwand, sie atmete tief und bange auf. 
„Welch' eine Qual!" stöhnte sie leise. Dann drückte sie auf 
die Glocke und gleich darauf stand ihre Vertraute, eine alte 
Kammerfrau ihrer verstorbenen Mutter, vor ihr. „Maddalena, 
ich bin sehr müde, sehr erschöpft." 
„Wenn sich Frau Marchesa eine halbe Stunde ausruhen 
möchten, es ist alles bereit." 
Die Marchesa richtete sich hastig auf und sah die alte 
Kammerfrau fragend an, die nur mit den Augenlidern ein 
Zeichen machte. „Ja, komm, ich will ruhen," sagte die junge 
Frau hastig und folgte der Voraneilenden in ihr großes 
Schlafzimmer. 
Wenige Minuten später schlüpften zwei dunkel gekleidete 
Gestalten über eine Gallerte, die rings um einen innern Hof 
aus. Wenn der junge Traubensast in dett Gläsern 
schäumt, dann steigen mit den Perlen auch Witzworte und 
Scherzreden empor, und eine fröhliche, ungezwungene 
Stimmung macht sich immer mehr geltend. Das ist eine 
spezielle Eigenschaft des Mostes, daß er die Geister auf 
frischt und die Herzen stürmischer schlagen lätzt. Wenn 
man mit guten Freunden in einer gemütlichen Wemkneipe 
sitzt, dann vergißt man Sorgen und Schmerzen, und es ist 
nur zu wünschen, daß am nächsten Morgen sich kein Kater 
einstellt. 
-j- DaS Werner-Konzert am Mittwoch Abend im 
„Hohenzollern" erfreute sich eines ganz guten Besuches. 
Herr Werner, Mitglied des hiesigen Kriegsveteranenvereins, 
verstand es wieder vortrefflich, dem Pianino herzerfreuende 
Töne zu entlocken, denen das Ohr mit Andacht lauscht. 
Auch die übrigen Mitwirkenden leisteten vorzügliches, 
sodaß reicher Beifall allen Vorträgen dargebracht wurde. 
Man blieb noch lange in traulichem Kreise beisammen. 
-j- Zum Einheitssystem. Die am 8. Oktober in 
Magdeburg tagenden, vom Vorstande des Stenographen- 
Verbandes Stolze-Schrey zusammenberufenen Vertreter 
dieser Kurzschriftschule erklären zur Frage einer Einigung 
zwischen den Schulen Stolze-Schrey und Gabelsberger: 
Wir würden es mit Freude begrüßen, wenn es gelingt, 
durch friedliche Verständigung mit beiden Gemeinschaften 
ein Einheitssystem zu bilden, das unserer Überzeugung 
nach einen Fortschritt gegenüber dem jetzigen Stande 
unserer stenographischen Systementwicklung bedeutet oder 
diesen Stand zum Mindesten aufrecht erhält. Unsere 
früheren Bestrebungen in dieser Richtung und die aufmerk 
same Beobachtung der Strömungen in der Gabelsbergerfchen 
Schule haben uns indes zu der Überzeugung gebracht, 
daß dieses Ziel in absehbarer Zeit nicht zu erreichen ist. 
f Paprikapflaumen. Früchteschwer hängen in 
diesem Jahre die Äste der Pflaumenbäume herab. Frucht 
an Frucht reiht sich oft in übermäßigem Segen aneinander, 
so daß die Zweige bis zur Erde sich herniedersenken. Lockend 
lugt das zarte Blau der fleischigen Frucht aus dem Blätter 
gewirr hervor, und schmunzelnd steht der glückliche Besitzer 
der reichen Ernte vor dem dankbaren Pflaumenbäumchen. 
Wohl treibt es ihn, nach der appetitlichen Frucht zu 
greifen — doch noch hält er seine Begierde zurück; er will 
erst die nötige Reife der Steinfrucht ablparten. — Da 
muß er am anderen Tage zu seinem Schrecken bemerken, 
daß auch andere Augen an den Früchten des Pflaumen 
baumes Gefallen gefunden haben, denn gerade die. auser 
lesensten Stücke der Ernte sind verschwunden. Soll er nun 
— denn am nächsten Tage wiederholt sich die Plünderung — 
seine Nachtruhe opfern, um die Diebe zu fassen? Nein, 
der Praktiker wählt ein wirksameres Mittel, um den 
Pflaumendieben die Lust nach seinen Früchten für immer 
zu vertreiben. In verschwiegener Stunde bestreicht er die 
lockendsten, größten Pflaumen ein wenig mit — Paprika 
und läßt dann den Dingen ihren Lauf. Und die Katastrophe 
ist nicht fern. In früher Morgenstunde kommen die Obst 
diebe heran, um von dem Pflaumenbaume ihren Tribut 
zu entnehmen. Nach den schönsten Früchten greifen sie 
zuerst und lassen sie behaglich zwischen ihren Zähnen ver 
schwinden, um sie aber gleich wieder prustend und spuckend 
von sich zu geben. Der Paprika hat seine Wirkung 
getan. — Und noch stundenlang nachher suchen die ange 
führten Diebe mit Unmengen Wassers und anderer Flüssig 
keiten den brennenden Geschmack aus ihrem Munde zu 
vertreiben. Von der Sorte Pflaumen haben sie genug. 
f Frische Wurst giebt's morgen wieder beim 
Restaurateur Rob. Raabe, Rheinstraße 36, worauf alle 
Feinschmecker hiermit aufmerksam gemacht werden. 
-j- Jugendlicher Leichtsinn. Der 17 Jahre alte 
Kontorist Karl Bläsing, der bei einer Firma in Steglitz 
angestellt war, hatte früher schon einmal in einem andern 
Geschäft eine Veruntreuung begangen, um den großen 
Mann zu spielen. Vergestern erhob er für die Steglitzer 
Firma in Berlin aus einen Check 1200 Mark, lieferte aber 
das Geld nicht ab, sondern ging damit in eine Mädchen 
kneipe in der Auguststraße. Hier lebte er flott, gab 
Wirtin, Kellnerin und Gästen zu trinken, was sie nur 
verlangten. Das Trinkgeld, was die Kellnerin erhielt, war 
fürstlich. Nachdem er eine große Zeche gemacht hatte, 
lud der Lebemann Wirttn und Kellnerin ein, mit ihm den 
Zirkus zu besuchen. Als die beiden Damen erwiderten, 
daß ihre Garderobe wenig zu einem Zirkusbesuch in so 
lief, der die Verbindung zwischen "bem Vorder- und dem 
Hiuterhause herstellte. Sie kamen nach zivanzig Minuten 
ungefähr zurück und erreichten das Schlafgemach der Marchesa, 
ohne von irgend jemand bemerkt zu sein. Sie hatten uur 
durch eine Glastüre geblickt, lautlos, still. 
Tie Marchesa war bleich, ihre Augen glühten, ihr ganzes 
Wesen war in höchster Aufregung. „Es ist Estella, kein Zweifel 
möglich," flüsterte sie. „Du mußt sie doch auch erkannt haben, 
Maddalena!" 
Die alte Dienerin nickte: ja, sie konnte darauf schwören, es 
sei die junge Gräfin, die sie so genau gekannt, die so oft hier 
gewesen war. 
Die Marchesa verbrachte eine qualvolle Nacht. Jetzt erst 
packte sie das volle Entsetzen über die Möglichkeit eines Ver 
brechens, das sie doch von Anfang an geahnt. Nein, sie 
konnte so etwas nicht ahnen, sie hatte nur di Boyn im Ver 
dacht einer Schuld gehabt, der Schuld an Estellas Tod. Noch 
vor einem Jahre hätte sie gelacht bei der Frage, ob ettvas 
Derartiges in heutiger Zeit vorkommen könne. Aber vor einem 
Jahre wußte sie auch noch nichts von der Macht, den weit- 
. verzweigten Verbindungen und der entsetzlichen Gewalt des 
schrecklichen Geheimbuudes, der jetzt schon die Augen der Welt, 
nicht nur Italiens, auf sich gezogen hatte . . . Und nun 
kam alles auf das Gelingen von Ercoles Plan an. Mißlang 
der Versuch, auf den er rechnete, so war Estella für immer 
aus der Reihe der Lebendigen gestrichen, sie hatte kein Recht 
mehr zu leben . . . Vielleicht entlockte der Schrecken über Estellas 
Anblick dem Verbrecher ein Geständnis. — Nein, das war bei 
di Boyn nicht vorauszusetzen. Auch konnte die Reise Ercoles 
und seiner Gattin nicht lange verborgen bleiben, er war wohl 
schon gewarnt. Mit dem entscheidenden Versuche durfte nicht 
mehr gezögert werden, jeder Tag schloß eine neue Gefahr in 
S , die höchste Eile war geboten. Der Entschluß brachte der 
rrchesa endlich Ruhe. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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