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Periodical volume Nr. 239, 11.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Entrüstet erhebt die Dame ein Geschrei von Frechheit, 
Vocdrängeln, Unhöflichkeit. Der Herr eilt hinauf und 
kommt noch mit, die Dame, die auch noch ein Hündchen 
bei sich hat, bleibt zurück. Man wird auch diesen Fall 
nicht glauben und doch ist er wahr. Während unserer 
langen Praxis im Eisenbahnfähren haben wir folgende 
Erfahrungen gemacht: Die befferen Damen verlangen vom 
H" r jede Aufmerksamkeit, tritt eine Dame ins Abteil, so 
erwartet sie, daß einer der Herren die Tür schließt, ist 
kein Platz mehl vorhanden, so hat einer her Herren auf 
zustehen, will sie aussteigen, so hat ein Herr die Tür zu 
öffnen. Gewiß wird jeder Herr diese kleinen Dienste gern 
erweisen, heutzutage hört man aber in den seltensten 
Fällen auch nur ein kurzes „danke" von der Dame. Im 
Zeitalter der modernen Frauenbewegung, bei der Gleich 
berechtigung der Frau mit dem Manne ist diese Galanterie 
für die Frau — die selten logisch denken kann — selbst 
verständlich. Am besten fährt der Herr, wenn er sich 
reserviert verhält, kommt es doch manchmal vor, daß man 
sich noch Unannehmlichkeiten aussetzt, wenn man z. B. 
einer Dame beim Aussteigen — natürlich in dezenter 
Weise — behilflich ist. Man kann dann das Wort 
Belästigu»g und einen feindlichen Blick als Lohn einstecken. 
Wir sprw en von den befferen Damen, gewiß, die weib 
lichen P ffonen der unteren Stände werden Galanterie 
niemals -als selbstverständlich verlangen und ist man 
galant, o wird man auch meistens ein „Danke"'hören. 
Wir für unsere Person haben uns eine Lehre gekauft und 
sind nur noch älteren Damen behilflich. Es macht einen 
guten Eindruck, wenn ein älterer Herr einem Backfisch 
Platz macht und die junge Dame setzt sich ohne Dank 
ganz selbstverständlich hin und eben so lehrreich ist es für 
die junge Dame, wenn sie hören muß, wie der alte Herr 
zu seinem Begleiter sagt: Vor 20 Jahren sagte man 
mindestens „Ich danke". 
Lokales. 
f Die Asphaltierungs-Arbeiten in der Kaiserallee 
sind nunmehr beendet, so daß diese zweite Prachtstraße 
unseres Ortes vollständig dem freien Verkehr übergeben 
werden kann. 
-j- Hundebestands - Aufnahme. Die Listen be 
treffend Aufnahme des Hundebestandes in Friedenau sind 
den Hausbesitzern bereits zugestellt worden. Dieselben 
werden ersucht die Listen sofort auszufüllen, da deren Ab 
holung jetzt erfolgen soll. 
t Der neue Friedenaner Güterbahnhof ist 
gestern zum ersten Male benutzt worden. Einige Waggons 
mit Preßkohlen für die in der Rembrandtstraße gelegenen 
Kohlenplätze waren aus dem Rheinland eingetroffen und 
wurden entladen. — Der Ausbau der noch unfertigen 
Anlagen schreitet rüstig fort. 
t Neuer Kolonnenarzt. Unsere freiwillige Sanitäts 
kolonne hat sich zu ihrem Kolonnenarzt Herrn Dr. Töpfer, 
Friedrich Wilhelmplatz 16, gewählt. Herr Dr. Töpfer ist 
auch als Regierungskommiffar nach Stolpe an der Nord 
bahn entsandt worden um Erhebungen und Untersuchungen 
über den dort ausgebrochenen Cholerafall, über den wir 
gestern berichteten, anzustellen. 
t Die Lampe erhält nunmehr da die Finsternis 
merklich an Boden gewinnt, wieder ihre rechte Bedeutung; 
wenn sich am Abend die Familienmitglieder, die des Tages 
über durch ihre verschiedenen Beschäftigungen getrennt 
waren, im Wohnzimmer zusammenfinden, um auszuruhen 
und die Geselligkeit zu pflegen, dann beherrscht sie die 
Situation und schafft erst die Vorbedingung zu wahrer, 
freundlicher Stimmung, indem sie den Raum mit ihrem 
traulichen Licht erfüllt. Nach langem Sommerschlaf ist sie 
zu neuem Leben erstanden, nachdem man mit bläulich 
schimmernden Steinöl ihren ausgetrockneten Leib wieder 
gefüllt hat. Blitzblank abgerieben und mit sauber 
gebürstetem Zylinder steht sie auf dem großen Tisch und 
durchleuchtet lustig das Familienzimmer. Um sie herum 
herrscht stiller Frieden. Vater und Mutter sitzen am Tisch 
und mit ihnen die Kinder. Vater kehrt dem Lichtspender 
meist den Rücken zu, lehnt mit einer Schulter an der 
Tischkante, um das Licht voll auf das Buch oder die 
Zeitung fließen zu lassen. Gibt er aus dem Inhalt des 
Leiborgans seinem Familienkreise etwas zum Besten, da 
hört denn manchmal die lauschende Lampe Geschichten, die 
sie mit unendlichem Weh erfüllen, Geschichten über pflicht- 
vergeffene Lampen, die mit lautem Knall explodierten. 
Schmerzhaft schneiden in ihre Seele die Blicke der 
Familienangehörigen, die stumm und mißtrauend fragen: 
„Na. alter Freund, du wirst doch am- Ende nicht auch 
Unheil in unserem trauten Wohnstübchen anrichten?" 
-j- Hoherrzollern-Theater. Ausverkauft! — hieß 
es gestern im Hohenzollern-Theater und wem daran ge 
legen war, dennoch das 3 aktige Lustspiel Gustav Kadel- 
burg's „Der Familientag" zu sehen, der mußte mit einem 
Stehplatz, irgend in einem Winkel des Saales fürlieb 
nehmen. Unstreitig hat Kadelburg mit seinem „Familien 
tag" ein Zug- und Kassenstück ersten Ranges geschaffen, 
welches immer sein Publikum finden wird. Der so tief 
in den oberen Kreisen eingewurzelte Kastengeist, der jeden 
armen Menschen, der nicht das Wörtchen „von" vor seinem 
Namen stehen hat, als eine Kreatur unterer Ordnung be 
trachtet, wird in humor-satyrischer Weise treffend gegeißelt. 
— Freiherr Egon v. Wollien-Wollien ist Majoratsherr 
geworden, die Familie seines Oheims Ludolf, welch letzterer 
die „Dummheit" begangen hatte, 5 Minuten später, denn 
sein Zwillingsbruder das Licht der Welt zu erblicken, 
möchte nun gern in den Besitz des Majorats gelangen. 
Gerd, der Sohn Ludolfs, ein seine eigene Familie wegen 
ihrer freimütigeren Gesinnung mißachtender Streber, sucht 
nun aus den Familienakten einen Codex wieder aufzu 
frischen, wonach der Majoratsherr sich verpflichten muß, 
keine unebenbürtige Ehe einzugehen. Er, weiß, daß Egon 
in ein bürgerliches Mädchen verliebt ist, darauf baut er 
seinen Plan. Auf dem Familientag wird dieser Paragraph 
nun zum Dortrag gebracht. Egon gesteht, denselben vor 
der Hand nicht zu, unterzeichnen. Auf einem anderen 
Familientag soll dann durch Abstimmung über Aufhebung 
oder Bestehenlaffen dieses Paragraphen beschlossen werden. 
Gerd .bearbeitet" nun seine Verwandten und ist 
schließlich die Stimme seines Vaters die ausschlaggebende. 
Erna. ;bic Tochter Ludolfs, ist ebenfalls in einen Bürger- 
lichen verliebt, weil er aber „Geld" hat, erkennt die 
Frau Ludolfs, Marie, diesen als ihren Schwiegersohn an. 
Hierauf baut denn auch Ludolf die Begründung zu-seiner 
Entscheidung, und erklärt sich für Aufhebung des betr. 
Paragraphen. Dadurch ist der Fall entschieden. Egon 
bleibt Majoratsherr und darf seine Hilde heimführen. — 
Die Aufführung selbst müffen wir mit „sehr gut" be 
zeichnen. Das Behlesche Ensemble leistete wirklich vor 
zügliches. sodaß wir nur loben und fast nichts tadeln 
können. Unerwähnt dürfen wir aber doch nicht die Dar 
steller der Hauptrollen laffen. Frau Johanna Suhr 
(Marie) zeigte sich, wie immer, wieder von der vorteil- 
Haftesten Seite, aber auch Frl. Grete Hoffmann (Clotilde), 
Frl. Gertrud Treda (Irmgard), Frl. Else Römer (Hilde) 
und die Darstellerin der Frau Ruschke gaben ihr bestes 
Können her. Ganz allerliebst entledigtesich auch Fräulein 
Mia Werner (Erna) ihrer Rolle. Als erster der 
Herren-Darsteller gebührt dem Regiffeur, Herrn Carl Her 
mann (Ludolf) vollwertige Anerkennung. Herr Albert 
Klinker gab den neu ernannten Hofmarschall, dem 
besonders der Schlag zu rühren schien, als er vernahm, 
daß der Schwiegerpapa seines Neffen „Bursche" war, 
meisterhaft wieder. Die HerrenRob. Günther (Richard), 
Alwin Cordes (Gerd) und Ernst Stegemann (Egon) 
blieben ebenfalls in ihren Leistungen auf der Höhe. Ganz 
besonders aber müffen wir noch Herrn Passarge (Ruschke) 
erwähnen, der den ehemaligen Barschen, der für seinen 
Herrn Rittmeister durchs Feuer geht, und jetzigen Schwärmer 
für Landwirtschaft usw. mustergiltig zur Darstellung brachte. 
— Das Publikum nahm das Stück gut auf und geizte 
nicht mit Beifallskundgebungen, die die Darsteller immer 
und immer wieder hervorriefen! 
f Steidl's Hamburger Säuger traten gestern 
im „Kaiser Wilhelm-Garten auf; leider jedoch vor schwach 
besetztem Hause. Das vortreffliche Ensemble hätte wirklich 
besseren Besuch verdient, aber die Freunde der Theater- 
Kunst, die Anhänger unseres Steidl's waren eben alle im 
„Hohenzollern". Dessenungeachtet spielte die wackere 
Sängergesellschaft flott und munter ihr Programm herunter, 
gab sogar Einlagen zum Besten. Die Quartettgesänge 
klappten wie immer tadellos, nur vermißten wir leider den 
guten 2. Baß, Herrn Schräder, für den ein Ersatz gestern nicht 
vorhanden war. Die Sologesänge erfreuten durchweg 
Herz und Gemüt der aufmerksamen Zuhörer, und daß 
deren Lachmuskeln flott in Bewegung kamen dafür wurde 
durch humoristische Vorträge, ein Terzett „Die drei 
Schwärmer" und eine Posse „Haberstroh & Comp.", bestens 
gesorgt? Nicht minder belustigte auch das Publikum die 
Vorführung der zwei „Schweizerkäselochbohrmaschinen". 
Besonders erwähnen wollen wir Herrn Udke, der über eine 
angenehme umfangreiche Stimme verfügt, Herrn Biegler 
mit seinem lieblichen Tenor, den mit einer urwüchsigen 
Komik ausgestatteten Herrn Otto Richter, Herrn Steidl mit 
seinen originellen Kuplets und den vortrefflichen Soubretten- 
Darsteller Herrn Willi Cortum. Lebhafter Beifall wurde 
Herrn Steidl und seinen Sängern zu teil. 
f Männer» Turn - Verein. Am Sonntag, den 
15. Oktober unternimmt die Alters-Abteilung eine Herbst 
turnfahrt. Abfahrt früh 8 Uhr 9 Min. vom Wannsee- 
Bahnhof Friedenau bis Zehlendorf. Marsch über Alte 
Fischerhütte (Frühstück) Schlachtensee, Wannsee, Stolpe, 
Sakrow nach Nedlitz (Mittagessen) zurück über Potsdam. 
f Ev. Jünglingsvereiu. Zu unserer gestrigen 
Mitteilung betreffs Jahresfest sei noch hinzugefügt, daß 
Einlaßkarten für den Familienabend am 18. Oktober zum 
Preise von 20 Pf. erhältlich sind bei dem Vorstandsmit- 
gliede Herrn Kitzler, Rheinstr. 22, sowie in den Papier 
handlungen der Herren Ebers, Rheinstr. 15 und Kossa- 
kowsky, Rheinstr. 3. 
t Der Friedenaner Stenographen - Verein 
Stolze-Schrey hielt an, Freitag, den 6. Oktober er., 
seine monatliche Hauptversammlung für Oktober im 
Vereinshause Piater, Rheinstraße 39, ab. Der Besuch 
seitens der Mitglieder war wiederum ein sehr reger, auch 
hatten sich zahlreiche Gäste eingefunden, ein Zeichen dafür, 
daß der Schule Stolze-Schrey immer größeres Interesse 
entgegengebracht wird. Unter Hinweis auf die bestehenden 
Fortbildungskurse und die neu begonnenen Anfängerkurse, 
sowie auf das diesjährige Stiftungsfest, das am 2. Dezember 
1905 im Restaurant Patzenhofer, Steglitz, Breitestrabe 
Ecke Albrechtstraße im neuerbauten Saale stattfinden wird, 
erledigte der erste Vorsitzende die Tagesordnung zur 
Freude aller Anwesenden ziemlich schnell, sodaß für den 
gemütlichen Teil der Sitzung noch längere Zeit verwandt 
werden konnte und die erschienenen Damen und Herren 
noch kräftig das Tanzbein schwingen konnten, j 
f Stenographenverein „Gabelsberger" Friede 
nau. Donnerstag, den 12. Oktober, Abends 9 Uhr 
(pünktlich) im Vereinslokal „Hohenzollern", Monatssitzung. 
Tagesordnung: Eingegangenes. Mitglieder-Bewegung. 
Vorstandswahl. Kassenübergabe. Unterrichtswesen. Ver 
schiedenes. 
f „Fliegender" Steinsetzer. Eine neue Art, den 
Hausbesitzern Geld locker zu machen, versuchte hier ein 
Mann in den mittleren Jahren. Nachdem er im Bürger 
steig einige Steine los gemacht hatte, stellte er sich dem Haus 
wirt vor, um diesen zu erzählen, daß er das vor dem Hause 
befindliche Loch doch unbedingt reparieren lassen soll. 
Der in diesem Falle angegangene Hausbesitzer fiel auf 
diesen ueuen Schwindel jedoch nicht rein, so daß der 
fliegende Steinsetzer ohne „Arbeit zu erhalten" wieder ab 
ziehen mußte. Es sei hiermit vor dem Schlauberger 
gewarnt. 
j- Geflügel - Diebstahl. In dem laubenartig 
gebauten Stall des Restaurateurs Nadge, Hertel- 
und Goßlerstraßen-Ecke in der Laubenkolonie wurde ein 
frecher Einbruch in der Nacht vom Montag zum Diens 
tag vorgenommen. Der oder die Spitzbuben stahlen dort 
25 Hühner und 4 Enten im Gesamtwerte von 74 Mark. 
Von besonderer Roheit ihrer Gesinnung zeugte noch der 
Fall, daß die Einbrecher den Tieren die Köpfe abrissen. 
Bisher blieben die Bemühungen zur Ergreifung der Diebe 
erfolglos, doch hofft man, ihre Spur gefunden zu haben. 
-j- Bodeudiebftahl. In der Nacht vom Montag 
zum Dienstag wurde im Hause Stubenrauchstraße 19 ein 
Bodendiebstahl verübt. Die Täter find bisher nicht 
ermittelt. 
f EiubruchSdicbstahl. Jn> der Nacht vom Sonn 
tag zum Montag wurde in der Kammer der Dienstboten 
bei dem Milchhändler Herrn Gericke, Schmargendorferstr. 2, 
ein Einbruchsdiebstahl verübt.. Der Dieb gelangte mittels 
Dietrichs in die Kammer und entwendete mehrere 
Kleidungsstücke und ein Portemonnaie mit 2,60 M. In 
halt. Da man den Täter mit den Verhältniffen vollends 
vertraut wähnte, lenkte sich der Verdacht auf eine ganz 
bestimmte Person. Dieselbe wurde denn auch verhaftet 
und soll, wie wir hören, nach vorherigem Leugnen bereits 
die Tat eingestanden haben. 
Werlin und Wororte. 
8 Die Schwebebahn-Gesellschaft hat, wie jüngst 
gemeldet, der städtischen Verkehrsdeputation ein ausführ 
liches Projekt nebst Angebot für einen Berkehrsabschluß 
eingereicht, welches, wie die Deputation in ihrer letzten 
Sitzung beschloß, zunächst von einem ^Unterausschüsse ge 
prüft werden soll. Wie wir weiter erfahren, hat die Ge 
sellschaft bei der zuständigen Ausfichtsbehörde (in Gemäß 
heit des Z 2 des Kleinbahn-Gesetzes) zur Herstellung und 
zum Betriebe ihrer Schwebebahn die Genehmigung nach 
gesucht; sie scheint also entschlossen zu sein, im Falle die 
wegeunterhaltunyspflichtige Gemeinde ihre Zustimmung 
versagen sollte, einen Ergänzungsvertrag herbeizuführen. 
Da über das Schwebebahnprojekt erst seit ungefähr drei 
Wochen verhandelt wird, dürfte sich die Gesellschaft wohl 
auch noch einige Jahre gedulden. Das neue Projekt 
unterscheidet sich wesentlich von dem früheren; es ist nach 
wiederholtem Studium der Untergrund-Verhältnisse und 
der vorhandenen Bauhindernifle angefertigt worden. Die 
Hauptschwierigkeit, Überführung der Stadtbahn, ist in der 
Weise gelöst, daß die Schwebebahn, nachdem sie in der 
Dircksenstraße neben den fiskalischen Bahnkörper gelegen^ 
diesen schon in der Gegend der Schicklerstraße überschreitet, 
bekanntlich in einer Höhe, welche eine Überbauung der 
Stadtbahn durch einen zweiten Bahnkörper gestattet. Die 
Kreuzung der Spree findet demgemäß westlich der Janno- 
witzbrücke zwischen dieser und der Waisenbrücke statt, 
worauf die Bahn am Ufer entlang und, zur Vermeidung 
der Brücken- und Neanderstraße, durch den östlichen 
Häuserblock dieser Straßen bis zur Schmidstraße und die 
Prinzenstraße bis zur Bärwaldbrücke re. hinabgeführt 
werden soll. Für den Fall, daß die städtischerseitS gegen 
die Führung durch die Brücken- und Neanderstraße er 
hobenen Bedenken auch auf die Prinzenstraße ausgedehnt 
werden sollten, hat die Gesellschaft sich bereit erklärt, evtl, 
auch den Weg durch die Schmidstraße zu wählen und die 
Schwebebahn über' den Luisenstädtschen Kanal bis zum 
Nebenhafen zu legen. An der Jannowitzbrücke ist, wie in 
dem früheren Projekt, ein unmittelbarer Zugang vom 
Schwebebahn- zum Stadtbahnhose vorgesehen. Im Rat- 
hause ist, wie schon früher angedeutet, die Strömung der 
Schwebebahn nicht günstig, auch die Grundbesitzer stehen 
dem Unternehmen keineswegs freundlich gegenüber. Die 
Behörden dagegen, die dem Verkehr endlich freie Bahnen 
schaffen wollen, scheinen auf dem Standtpunkte angelangt 
zu sein: lieber eine Schwebebahn, als gar keine Schnell- 
oerbindung. 
§ Die Bekrönung dcS Noland vor dem neuen 
Märkischen Provinzial-Museum mit „Donnerbart" soll, 
wie wir hören, am nächsten Donnerstage, der ja von 
Donar oder Tor, dem Gotte des Donners, seinen Namen 
hat, und zwar um 12 l j 2 Uhr Mittags stattfinden. 
Interessant ist, wie man das erforderliche Kraut, gewper 
Tivum (Donnerbart), das bekanntlich nicht wild wächst, 
zu dem feierlichen Akte gewonnen hat. Geheimrat Friedet, 
der Begründer des Märkischen Museums, hat es vor 
Jahren selbst mitgebracht und auf seinem Balkon heran 
gezogen; die Ableger des „Donnerbart" stammen vom 
Fritz Reuter-Hause in Eisenach und haben sich in dem 
Alpinum des bekannten Kiesgrubenbesitzers Körner zu 
Rixdorf zu stattlichen Pflanzen entwickelt. Von hier sollen 
sie am nächsten Tage des Donnergottes auf das Haupt 
des Brandenburger Roland verpflanzt werden. Und damit 
die feierliche Handlung ganz zunftgemäß vor sich gehe, 
vollzieht sie ein echter Brandenburger, nämlich der Gärtner 
des Herrn Körner, der zufällig auch — „Brandenburg" 
heißt. Die Roland-Feier muß danach in vollster Harmonie 
verlaufen. 
8 Die Lindenstratze in der jetzt wiederum zwei 
aus der friedericianischen Zeit stammende Häuser (Nr. 24 
und 25) abgerissen werden, verliert immer mehr ihr altes 
charakteristisches Aussehen, das ihr früher diese alten 
Häuser gaben. Von ihnen sind nur noch wenige vor 
handen, und nicht lange wird es dauern und auch sie 
schwinden dahin. Eins, das die Nr. 4 trägt, spielt in 
der Berliner Lokalgeschichte, wie wenig bekannt sein dürfte, 
eine bekannte Rolle. Das langgestreckte einstöckige Gebäude 
war ehedem das Herrenhaus eines Vorwerks, das sich bis 
zum Kammergericht hin erstreckte und sich hinterrücks bis 
in die Gegend der heutigen Alexandrinenstraße ausdehnte. 
Es bestand aus dem eigentliche Ackerhofe Nr. 2, dem 
Wohnhause Nr. 4, sowie aus Garten und Wiesen, von 
denen die sogenannte Mecklingswiese an der Husarenstraße, 
heutige Hollmannstraße, lag. Dieses Vorwerk hatte der 
Staatsminister v. Minders angelegt, von dessen Erben es 
1690 deiä Großen Kurfürsten anheimfiel, der das Haus 
und den Garten für sich einrichten ließ. Den Ackerhof 
gab der König Friedrich Wilhelm I. 1734 dem Domänen 
rat Limmers, der darauf die Häuser Nr. 2 und 3, dre 
schon seit einiger Zeit verschwunden sind, baute; das 
Herrenhaus Nr. 4 erhielt der Geh. Rat v. Börstel, im 
Anfang <» des vorigen Jahrhunderts bewohnte es der 
Minister v. Haugwitz. Heute gehört es dem Militärfiskus, 
der die Ober-Examinations-Kommission hinein verlegt hat. 
Bis auf wenige Umbauten hat sich dieses Gebäude samt
        
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