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Periodical volume Nr. 238, 10.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den Mdenauer Grtsteil von 5chöneberg nnd den Vezirksverein Süd-West. 
Unparteiische Zeitung für Kommunale 
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siratze 15,1,20 M. vierteljährlich; durch Boten 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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Leo Schultz in Friedenau. 
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in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Nr. 238 
Aepeschen. 
Prag. Heute findet hier die große Wahlrechts- 
demonstration der Sozialdemokraten statt. Man glaubt, 
daß 6000 Personen daran teilnehmen werden und erwartet, 
daß die Umzüge ruhig verlaufen. 
Pilsen. Der verantwortliche Redakteur des hiesigen 
tschechisch-sozialistischen Blattes, Franz Kail, wurde wegen 
Majestätsbeleidigung, begangen durch den Abdruck eines 
Feuilletons, verhaftet. 
Budapest. Die in der gestrigen Konferenz der 
oppositionellen Parteien angenommene Erklärung An- 
draffys zerfällt in drei Teile. Im ersten Teil wird es als 
verfassungswidrig erklärt, daß die Mehrheit nicht mit der 
Kabinettsbildung betraut wurde; im zweiten Teil wird 
die Tätigkeit des Kabinetts Fejervary, das ohne Mehr 
heit regiere und die Gesetze mehrfach verletzte, als eine 
Verletzung der Verfaffung bezeichnet und im dritten Teile 
wird gegen die fortwährenden Vertagungen des Reichs 
tages. durch die sich das Kabinett der politischen und 
juristischen Verantwortlichkeit entziehe, für ungesetzlich 
erklärt. 
Budapest. Um Mitternacht überfuhr ein Schlepp 
dampfer ein Boot, in welchem sich 18 Obsthändler be 
fanden. Das Boot wurde zertrümmert, alle Insassen 
stürzten in die Donau. Bis jetzt wurden 9 Personen 
herausgefischt, von denen drei tot, die übrigen schwer 
verletzt sind. 
Sofia. Gestern Nachmittag Y 2 2 Uhr wurde hier ein 
ziemlich heftiges Erdbeben verspürt, in Belgrad und in 
mehreren umliegenden Ortschaften wurde gleichfalls um 
obige Zeit ein heftiger Erdstoß verspürt. 
Odessa. Infolge energischer Reklamationen seitens 
der Professoren wurden die Privatdozenten Orzensky und 
Tarasiewitsch wieder zu den Vorlesungen an der Universität 
zugelassen. Das Professorenkollegium beschloß, die wegen 
der letzten Demonstrationen ausgeschlossenen Studenten 
wieder aufzunehmen. Infolge teilweiser Aufhebung des 
Ukases betreffend die Beschränkung der Zulassung von 
Juden zu den Vorlesungen haben sich 260 Juden ein 
schreiben lassen. 
Paris. Der Millionendieb Galley und seine 
Komplizin sind gestern einem Verhör unterzogen worden. 
Galley bekundete auf das entschiedenste die Unschuld der 
beiden ihn begleitenden Frauen und versichert, daß sie 
von der Herkunft seiner Gelder absolut keine Kenntnis 
hatten. Galley versichert, falsche Briefe angefertigt zu 
haben, welche ihn gestattet hätten, die betreffenden 
Summen zu unterschlagen. Seine Geliebte Merelli 
beklagte sich darüber, daß die Polizei ihr eine Geldsumme 
abgenommen habe, welche sie von den Einwohnern Bahias 
erhalten hätte. 
Schevcningen. Der Hafen ist infolge der jüngsten 
Stürme völlig versandet, sodaß Schiffe weder aus- noch 
einlaufen können. Leider ist auch das Baggerschiff be 
schädigt und seine Reparatur wird mehrere Tage in 
Anspruch nehmen. Die Gerüchte, daß das Schiff 
Friedenau, Dienstag den 10. Oktober 1905. 
„Gneisenau" des Norddeutschen Lloyd auf Grund gelaufen 
sei, beruht auf einem Irrtum. Der Dampfer war in der 
Nähe der Küste vor Anker gegangen, woraus man schloß, 
daß er gestrandet sei. 
London. Im Ostende Londons kam es gestern an 
läßlich des Versöhnungstages trotz eines starken Polizei 
aufgebots zu Zusammenstößen zwischen orthodoxen und 
sozialistischen Juden. Die letzteren haben einen dicht neben 
der Synagoge befindlichen Klub, in dem gegessen, ge 
trunken und Abends konverstert wird. Jeder, der hinaus 
kam, wurde von den Orthodoxen verfolgt und auch ge 
schlagen. Ein alter Mann soll in den Magen gestochen 
sein. Die genaue Zahl der Unfälle ist noch nicht be 
kannt geworden. 
Mgemeines. 
fj Die Eisenbahnstation „Südende" bleibt 
nach einer Bekanntmachung der Kgl. Eisenbahndirektion 
Berlin vom 15. Oktober d. I. ab für den Privat- 
Depeschenverkehr an den Sonntagen und gesetzlichen Feier 
tagen geschlossen. 
Lokales. 
f Znr Einstellung der Re-ruteu. In langen 
Reihen haben sich nunmehr die künftigen Vaterlandsver 
teidiger, nach der Schulzeit zum ersten Mal wieder öffent 
lich geführt, in die Kasernen begeben. Das große lang 
gewohnte Tor hat sich hinter ihnen geschlossen, um nicht 
so bald wieder freien, ungehinderten Ausgang zu ge 
währen, da Ausgänge der Rekruten bekanntlich in den 
ersten Monaten ebenfalls unter mütterlicher Fürsorge der 
Herren Unteroffiziere geschehen. Es ist ein eigenes Gefühl 
für den Neuling, zum ersten Mal deS Kaisers Rock an 
gepaßt, zu erhalten, er spürt dadurch etwas davon, daß er 
sich nun selbst nicht mehr angehört. Seine Kraft, sein 
Körper, sein Wille, selbst seine Gesinnung gehört von nun 
an dem Vaterland. Der Herr Feldwebel hält an die 
Neuangekommenen eine „schneidige" Rede über Disziplin, 
daß manchem gruselig dabei wird, und der ungewohnte 
Dienst beginnt. Ja, der militärische Dienst, manchem 
wird er leicht, manchem ist er eine ständige Qual und seinem 
Vorgesetzten ein fortgesetzter Ärger. Der Dienst verbittert 
manchem seine ganze Militärzeit und einem andern ist er 
eine Leichtigkeit. Von selbst tritt hier die Frage heran: 
Kann man sich denselben nicht im Allgemeinen erleichtern? 
Man bereitet sich doch auf alle ernsten Sachen vor, warum 
nicht auf den Militärdienst? Diese Aufgabe würde in 
erster Linie den Turnvereinen zufallen. Sie würden die 
Kunst mit dem Nützlichen verbinden und könnten dieser 
Forderung gerecht werden, wenn sie die jugendlichen Ab 
teilungen mit Mitgliedern, welche unter dem militär 
pflichtigen Alter stehen, rein militärisch organisierten, mit 
Chargen vertreten durch gediente Mitglieder, mit reinen 
Exerzier- und militärischen Aufmarschübungen; dem Zweck 
der körperlichen Bewegung wird dadurch ebenso gut ge- 
dient. Schon das „Stillgestanden" ist eine Turnübung, 
12. Iahrg. 
die alle Muskeln anspannt. Kommandos, Einteilung wäre 
alles militärisch. Statt der Turnfahrten gebe es Feld 
märsche. Den Kommandierenden wäre es angenehm, beim 
Turnverein höhere Chargen bekleiden zu können, als beim 
Militär. Denn unverkennbar sind die turnerischen Zwecke 
den militärischen so verwandt, daß eine größere An 
näherung überhaupt nur von Vorteil wäre. Man hat 
das schon lange erkannt, denn bereits vor Einführung der 
zweijährigen Dienstzeit ist der derzeitige Vorsitzende der 
deutschen Turnerschaft mit dem Kriegsminister in Unter 
handlung getreten behufs Erwirkung einer zweijährigen 
Dienstzeit für die Turner. Daß diese zu keinem Resultat 
kommen konnten, konnte man gleich im Voraus sagen, 
oder der Kriegsminister hätte sagen müssen: „Zeigt uns, 
wie weit ihr militärisch vorgebildet, dann können wir erst 
die Sache inbetracht ziehen." Bei der jetzigen zweijährigen 
Dienstzeit würde eine militärische Vorbildung seitens der 
Turnvereine eine umso größere allgemeinere Bedeutung 
haben. Sie würde auch den Turnvereinen zugute kommen, 
da die Berücksichtigung des Praktischen sicher die Mit 
gliederzahl und das Interesse erhöhen würde. Weiter er 
leichterte es den Vorgesetzten ihre nur zu oft mühsame 
Arbeit, deren Anspruch auf Geduld die bekannten Unzu 
träglichkeiten leicht nach sich zieht. Am meisten aber wäre 
damit dem Rekrut selbst gedient, dem die Neuheit des 
Dienstes und die Ungewohntheit der ganzen Verhältnisse 
die Anfangszeit oft so schwer erscheinen läßt. Der militä 
rische Sinn würde durch derartige Einrichtungen nur ver 
allgemeinert und militärische Disziplin kennen zu lernen, 
wäre selbst für die dienlich, die nicht in die Armee 
eintreten. 
ch Der SchiedSmann, Herr Rentier Gerken hat 
seine Wohnung von der Kirchstraße 28 nach Schmargen- 
dorferstraße 6 verlegt. 
ch Schulbeginn. Am Gymnasium begann heute 
das Michaeli-Halbjahr; gleichzeitig wurde erstmals mit der 
Einführung von Michaeliszöten der drei Vorschulklassen 
und der Sexta begonnen. 
t Mit der Anbringung der Rosetten an den 
Häusern für die Straßenbeleuchtung wurde heute Vor 
mittag in der Rheinstraße begonnen. In mehreren 
Straßen, wie die Niedstraße usw., ist die Rosetten 
anbringung beendet. Bis jetzt fehlen nur noch 12 Haus 
besitzer, die ihre Einwilligung zur Anbringung der Ro 
setten nicht gegeben haben. Herr Franz Schmidt in der 
Niedstraße hat seine Genehmigung gleichfalls erteilt. Die 
rückständigen Hausbesitzer sollen vor ihren Vorgärten 
Holzbäume erhalten. 
t Die Errichtung einer Steuerannahmestelle 
ist auf die Anregung des Schöneberger Bezirksvereins 
„Süd-West" im Friedenauer Ortsteil in Aussicht ge 
nommen. 
f JahreSjagdscheiue haben im Monat September 
folgende Friedenauer Nimrode vom Kgl. Landratsamt 
Teltow gelöst. Buchdrucker Herrmann, Bürgermeister 
Schnackenburg, Ingenieur Küster, Kunstmaler Zimmermann, 
Gesagtes Spie». 
Roman von H. von Schreibershofen. 
; (Nachdruck verbalen.) 
Das'schöne Gesicht Nicolcttas wendete sich ihm langsam 
Ich kann sterben, ich habe nichts mehr zu verlieren, 
chwöre es Ihnen zu. Er kann jetzt für das Andenken 
g Vaters und für die Rechte seiner Gemahlin kämpfen. 
Mit einem Schrei stieß sie feine Hand zuruck und sprang 
Tann ist er verloren, o dann ist aller, vorbei, Nein, 
i Sie mir nichts, ich ivill nichts roissen, dann könn ich auch 
s verraten. So können Sie mich martern, uh weiß ja 
g" Sie warf sich vor einem Marienbilde w der Ecke 
Emmers nieder. „Laß mich ihn wieder sehen, süße 
ter der Gnaden, gib mir mein Kind ;"rnck. Du ivech , 
es heißt einen Sohn haben und für sein Leben zittern, 
i Erbarmen mit mi< gib ihn mir wieder; Maria, Gottes- 
er, erbarnie Dich, höre mein flehen. ainaen 
^nnocemo zupfte Stelnmann am Rock und |te gmge« 
HÄrS fei» Schwierig,-it-nr- 
Achd-,8 «itze Nerr' Sie sah Herrn Grcole an und sagte. 
das große Tor wieder hinter sich abschloß. „So, nun müssen 
wir die nächste Nachricht abwarten," sagte er vergnügt. „Es 
scheint alles gilt zu gehen, Ercole ist ein famoser Mensch. 
Wer hätte-solche Neberlegung, solche Kühnheit in ihm gesucht! 
Steinmann rieb sich zufrieden die Hände. 
Die beiden nächsten Abende blieb Steinmann ungewöhnlich 
lange wäch, bekümmerte sich Tags über fast gar nicht um 
seine Nonne, so daß sie sich, sichtlich gekränkt, sehr zeitig zurück 
zog, was er ganz ruhig zuließ. Bis tief in die Nacht hinein 
schritt er auf den mit Matten belegten Gängen oder auf den 
weichen Teppichen des Zimmers lautlos in augenscheinlicher 
Spannung hin und her. Endlich, am dritten Abende pochte 
es, leise, vorsichtig, in bestimmter Reihenfolge an einen Laden. 
Steinmann schob einen Fensterflügel etwas auf, lugte 
hinaus, öffnete das Fenster und herem schwang sich Lippone, 
hinter dem Fenster und Laden schnell geschlossen wurden. 
„Sie sind auf der Jacht, ich bin bis jenseits Capri niit- 
ifahren." 
.Und Herr Lavcggi?" fragte Stcinmann hastig. 
.Hat die letzten Tage immer iwAmalsi zu Inn gehabt, ist 
ich gestern bei der Großmutter gewesen, die laut über meinen 
eichtsinn geschimpft hat, ich wolle mich nur amüsieren und 
:rgäße sogar die Gisnionda. Bei ihr sei ich seit Wochen 
icht mehr gewesen, sie verhiingcre beinah. Herr Lavegg- hat 
tx etwas Geld gegeben und ihr versprochen, mich suchen 
i lassen." 
Stcinmann lachte auf. „Das ist gut, sehr gut! Aber 
int laß es Dir schmecken!" Er holte Eßwarcn herbei, denen 
ippone tüchtig zusprach. „Wie ist es mit Gismonda?" 
Bei der Frage war Lippones Eßlust zu Ende. .Sie ist 
äm Cecco in Sorrent gewesen. Hätte ich nicht gelobt, Nach- 
cht von Baron Ercole zu bringen, ich wäre sofort zu ihr ge 
gangen. Nun werde ich sie aussuchen, jetzt soll sie mir nicht 
wieder entschlüpfen." Er bat Stcinmann dann, ihn zum 
untern Pförtchen hinaus zu lassen, es sei besser, beim Koimucn 
und Gehen nicht denselben Weg zu benutzen. 
„Es gibt verschiedene Ein- und Ausgänge hier," versetzte 
Stcinmann. „Aber da Du nach Sorrent zurück willst. Freund 
Lippone, so kannst Du leicht erfahren, wann die Jacht wieder 
eintrifft. Laß es mich wissen, ich bitte Dich darum!" Damit 
führte Heinrich Steinmann den Burschen in einen tiefen Keller, 
der durch eine lange Treppe mit ciinr Fclsentcrrasse in Ver 
bindung stand, die anscheinend gar nicht mehr zum Kloster 
gehören konnte. 
Lippone sprang eine Reihe kunstloser Stufen hinab, die 
ihm Steinmann zeigte, und war schnell zwischen den Felsen 
verschwunden. 
Kapitel 14. 
Die nächsten Tage vergingen ruhig, endlich brachte Lippone 
die Nachricht von der glücklichen Rückkehr der Jacht, die eines 
Morgens an ihrem gewöhnlichen Ankerplätze gelegen hatte. 
Lippones Stimmung war eine verzweifelte gewesen, noch 
immer hatte sich Gismonda von ihm nicht finden lassen. 
Stcinmann hatte nicht versucht, ihn zu trösten oder zu be 
ruhigen, er wußte, wie vergehlich solche Versuche bei leiden 
schaftlich erregten Menschen immer sein müssen. 
Es war in der Nacht, zwischen den Felsen lagerten finstere 
Schatten, die Bäume streckten sich wie drohende Gespenster 
empor, der Nachtwind seufzte klagend zwischen den Zweigen 
und strich kalt um das Gestein. Lippone lockerte das Messer, 
das er stets bei sich trug. er meinte, Vorsicht könne nie schaden. 
Und sieh da — aus deni Dunkel eines dichten Busches löste 
sich etwas, trat ""r c;::c Gestalt —. Schon wollte sich
        
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