Path:
Periodical volume Nr. 236, 07.10.1905

Full text: Friedenauer Lokal-Anzeiger Issue 12.1905

Gleichzeitig Organ für den ßriedenauer Grtrteil von ZchSneberg nnd den Bezirksverein 5üd - West. 
UnpackW Zeitung für Kommunale 
Bezugspreis 
bei Abholung aus der Expedition, Rhein- 
stratze 15,1,20 M. vierteljährlich; durch Boten 
inS Haus gebracht oder durch die Post be- 
zogen I.M. 50 Pf., monatlich 50 Pf. 
Bestellungen '' ■ 
tn der Expedition, bei sämtlichen Zeitungs. 
fpediteuren und Postanstalten. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Erscheint täglich abends 
Besondere 
Jeden Mittwoch: 
W.ihbkatt „Seifenblasen". 
Druck und Verlag von 
Leo Schultz in Friedenau. 
und burgerlilhe Angklegknllkiten. 
Erscheint täglich abends 
Beilagen 
Jeden Sonnabend: 
Mkätter für deutsche Arcruen. 
Verantwort!. Redakteur: 
Leo Schultz in Friedenau. 
Anzeigen 
werden bis 1 Uhr mittags angenommen. 
Preis der 5 gespaltenen Zeile oder deren 
Raum 25 Pf. 
Die Reklamezeile kostet 60 Pf. 
Anzeigenannahme 
in der Expedition, Rheinstraße 15, sowie 
in allen Annoncenexpeditionen. 
Fernsprecher: Nr. 129. 
Kr. 236 
Friedenau, Sonnabend den 7. Oktober 1905. 
12. Iahrg. 
,> Depeschen. 
Frankfurt o. M. Der Metallarbeiteroerband 
Frankfurt a. M. hatte gestern Abend drei Versammlungen 
einberufen, um Stellung zu dem Berliner Riesenstreik zu 
nehmen. Eine der Versammlungen fand gestern in 
Bockenheim statt, die von etwa 600 Personen besucht war. 
Es wurde eine Resolution angenommen, in der der 
Metallarbeiterverband sich bereit erklärt, die Berliner 
Kollegen moralisch und finanziell kräftig zu unterstützen, 
jeden Zuzug fernzuhalten und Streikarbeit nicht zu ver 
fertigen. 
Pilsen. Über Neuern im Böhmerwalde ging trotz 
der kalten Witterung ein heftiges Gewitter nieder. Der 
Blitz schlug in die dortige altberühmte Wallfahrtskirche 
und äscherte sie vollständig ein. 
Krakau. Ein österreichischer Schmuggler wurde in 
der Nähe der Grenze bei Gieboltow von einem russischen 
Soldaten erschossen. 
Budapest. Dem „Magyar Orzag" zufolge soll die 
zwangsweise Durchführung der Rekrutierung sowie die 
Maßregelung der renitenten Komitatsbeamten angeordnet 
werden. Zu diesem Zwecke wird den Truppenkommandos 
befohlen, Detachements zur Unterstützung der Gendarmerie 
bereitzuhallen und jedem der betreffenden Mannschaften 
120 scharfe Patronen zu geben. 
Petersburg. In Riga und in der Provinz 
Livonien dauern die Ausstände, Plünderungen und Morde 
fort. Die Zentralverwaltung beschloß, den jetzigen 
Gouverneur dieser Provinz durch einen Generalgouverneur 
zu ersetzen. Die Zahl der bei den jüngsten Unruhen in 
Moskau getöteten oder verwundeten Personen beläuft sich 
auf 8, darunter 2 Tote. 
London. Die Meldung von einem Gegenbesuch 
Togos in England ist verfrüht. Der Besuch ist zwar im 
Prinzip beschlossen, dürfte aber erst in der zweiten Hälfte 
des nächsten Jahres erfolgen. 
Oberst Harrison wird demnächst eine Expedition gegen 
einen aufrührerischen Stamm an der Nordostseite des 
Viktoriasees unternehmen. Die unter dem Befehl eng 
lischer Offiziere stehenden Truppen belaufen sich auf 1500 
Mann mit einem Maximgeschütz und zwei Panzerzügen. 
— In Marinekreisen wird versichert, daß Rußland ein 
auf der Barrowwerft fertiggestelltes Panzerschiff zu er 
werben beabsichtige. Die genannte Werft hat zwei 
Panzerschiffe für Japan im Bau, welche im Sommer 
nächsten Jahres fertiggestellt und nach Japan abgehen 
werden. Außerdem sind noch mehrere andere Schiffe im 
Bau begriffen, welche jedenfalls von der englischen Re 
gierung erworben werden dürften. 
Livorno. Ein furchtbares Unwetter ist über die 
Stadt und den Hafen niedergegangen. Eine Badeanstalt 
wurde fortgeschwemmt. Im Hafen kenterte ein Boot, ein 
anderes auf offener See. 
Nenyork. In der Nähe eines Schieferbruches in 
Whitehill fand ein Erdrutsch statt; 1000 Tonnen Fels- 
geröll stürzte in den Bruch und begrub die dort be-- 
schäftigten Arbeiter unter sich. Arbeiter eines benach 
barten Steinbruches leisteten den Verunglückten die erste 
Hilfe. Bisher wurden 17 Leichen geborgen. Man nimmt 
jedoch an, daß noch mehr Tote sich unter den Trümmern 
befinden. 
Port Said. Die Trümmer des „Chatham" sind 
bereits völlig beseitigt. Der Hafen ist von Schiffen über- 
füllt, von denen 43 freie Passage erwarten und 30 morgen 
in den Kanal einlaufen. 
Die Mötchenfrage. 
Seit kurzer Zeit ist eine Bewegung im Gange, welche 
die Aufmerksamkeit des Publikums im hohen Grade be 
schäftigt. Es handelt sich um die wichtige Magenfrage, 
ob in den Lokalen Berlins und der Vororte das Brot 
und Gebäck wie bisher so auch fernerhin als freie Zugabe 
zum Essen gelten, oder ob in Zukunft dafür Bezahlung 
erhoben werden soll. Bekanntlich haben die Gastwirte der 
Friedrichstadt sich für das letzte entschieden, und wenn die 
Kollegen anderer Stadtteile, sowie der Vororte, sich ihnen 
anschließen, so wäre die Sache für die Wirte erledigt. 
Nun aber entsteht die Frage, wie sich das Publikum 
zu dieser Maßregel verhalten wird. Besonders ist es der 
gutsituierte Mittelstand, der hier in Betracht kommt. Nun 
besitzt gerade Friedenau als auch der Schöneberger 
Ortsteil vorwiegend solche Lokale, deren Gäste sich aus 
dem besseren Bürgerstande rekrutieren. Es ist daher nicht 
erstaunlich, wenn jetzt überall, an unseren Stammtischen, 
auf unseren Vereinssitzungen."to, die „Brötchenfrage" den 
Gesprächsstoff bildet. 
Eines darf man t ingt zugeben: an 
dem Essen wird wenig verdient, selbst in normalen Zeiten. 
In der gegenwärtigen aber, wo die Fleischpreise ganz 
unverhältnismäßig in die Höhe gegangen find und die 
vorjährige Gemüseteuerung noch nachwirkt, ist es um den 
Verdienst äußerst kümmerlich bestellt. Es war daher den 
Wirten nicht zu verdenken, wenn sie auf ein Mittel 
sannen, um der Notlage abzuhelfen. Der „Kampf um 
Brötchen" ist entfesselt. Mit dem Gebäck-Zoll, dessen Ein 
führung schon in jüngeren Jahren einmal an dem Wider 
stände des Publikums scheitexte, soll nunmehr bitterer 
Ernst gemacht werden. 
An der Entfernung des Brotkorbs von den Tischen 
unserer Restaurants wird ein Billigdenkender kaum etwas 
einzuwenden haben. Sie ist schon aus sanitären Gründen 
wünschenswert. Allein für jedes einzelne Brötchen Be 
zahlung zu verlangen, erscheint zum mindesten bedenklich. 
Wir haben bei uns keine Pfennigrechnung wie in Süd 
deutschland. Die Wirte werden also 5 Pfennige für den 
Knüppel oder die Scheibe Schwarzbrot erheben und ; — 
kolossal dabei verdienen. Das Publikum wird aber 
begreiflicherweise auf der Lieferung von wenigstens einem 
Gratisbrötchen bestehen. 
Warum findet man denn auf dem Mittagstisch der 
bürgerlichen Familien nur selten Gebäck? Deswegen, 
weil man einen viel billigeren Ersatz hat — die Kartoffel. 
Jeder weiß aber, daß man in unseren Restaurants häufig 
nur eine, manchmal sogar nur eine halbe Kartoffel als 
Beigabe erhält. In diesem Fall ist das Brötchen einfach 
unentbehrlich; es wäre schlechterdings nicht in der 
Ordnung, eine Bezahlung dafür zu nehmen. Gewiß find 
die Wirte Geschäftsleute und haben als solche keine 
Veranlassung, ihren Gästen etwas zu schenken. Aber 
andrerseits können die Gäste verlangen, daß auch ihr 
Standpunkt von den Wirten respektiert wird und keine 
einseitige Regelung der Frage erfolgt. Würden mehr 
Kartoffeln als Beigabe geliefert, so würde auch das Be 
dürfnis nach dem Gratis-Brötchen schwinden. 
Bei einem allzuscharfen Vorgehen der Wirte könnte 
es daher leicht zu einem heißen Kampf kommen, was mit 
Rücksicht auf das gute Einvernehmen zwischen Gästen und 
Wirten sehr bedauerlich wäre. So behauptet sich in 
Friedenau seit kurzer Zeit das Gerücht, daß die Gäste 
unter Umständen ein gemeinsames Vorgehen beabsichtigten. 
Es darf nicht verkannt werden, daß das Publikum eine 
scharfe Waffe besitzt: das Trinkgeld. Man sagt sich: 
wenn unsere Wirte am Gebäck verdienen wollen, warum 
kassieren wir nicht das Trinkgeld. Immerhin könnte eine 
solche Maßnahme, geschlossen durchgeführt, verhängnisvoll 
werden. 
Wie gesagt, es wäre bedauerlich, wenn es zu einer 
Störung der Harmonie zwischen unseren Wirten und 
Gästen käme. Die Interessen beider Parteien sind so sehr 
auf einander angewiesen, daß eine Trübung des guten 
Einvernehmens auf jeden Fall vermieden werden müßte. 
Eine friedliche Lösung der brennende Frage kann nur auf 
Grund gegenseitigen Entgegenkommens erreicht werden. 
Auf welchem Wege-«ine solche Lösung erfolgen könnte, ist 
oben angedeutet worden. 
Allgemeines. 
0 Zur Ausbildung von Turnlehrerinueu soll 
auch im nächsten Jahre ein Vierteljahrs-Kursus in der 
König!. Turnlehrer-Bildungsanstalt zu Berlin abgehalten 
werden. Termin zur Eröffnung derselben ist auf Dienstag, 
den 3. April k. I. anberaumt worden. Meldungen sind 
bis zum 15. Januar k. I. einzureichen und zwar von 
Bewerberinnen, die in einem Lehramte stehen, bei der vor 
gesetzten Dienstbehörde, anderer Bewerberinnen bei der 
Regierung ihres Wohnortes (für Berlin beim Polizei- 
Präsidium). — Die nächste Turnlehrer-Prüfung findet am 
Montag, den 26. Februar k. I. und folgende Tage in 
Berlin statt. Meldungen sind (an die oben bezeichneten 
Behörden) bis zum 1. Januar k. I. anzubringen. Von 
den Bewerbern wird eine genaue Kenntnis der ersten Hilfe 
leistungen bei Unglücksfällen unbedingt verlangt. 
Lokales. 
ch In der Gemeindeschule findet die Aufnahme 
der schulpflichtigen Knaben Montag um 9 Uhr, die der 
schulpflichtigen Mädchen um 10 Uhr in der Turnhalle statt. 
Gewagtes Lpie'i. 
Roman von H. von Schreib er shofen. 
gZ (?!-4d:uiI »,rb»:ciu) 
Die Königin Margherita saß in ihrem kleinen Empfangs 
zimmer auf einem der niedrigen Sessel, die sie besonders 
liebte, vor ihr auf einem Tabonret die Marchesa di Crocc. 
E» war durchaus nicht auffallend, die Marchesa zu dieser 
ungewöhnlichen Zeit — es war kein Empfangstag der 
Königin — hier zu sehen, die Königin befahl die junge Frau 
häufig zu sich, aber diesmal hatte die Marchesa selbst um eine 
Audienz gebeten. Und sie hatte ihre Toilette dazu mit be 
sonderer Sorgfalt gewählt. Sic wußte, welchen Wert Margherita 
darauf legte und wollte alles vermeiden, die Königin un 
günstig zu stimmen. So hatte sie denn ein blaues Brokat 
kleid gewählt, eine kleine blaue Federtoque schmückte ihr dunkles 
Laar und einzelne schöne Brillanten glänzten an Hals und 
^Wohlgefällig ruhte Margheritas Mick auf ihr, doch kaum 
hatte die Marchesa angefangen zu sprechen- Kfmtb bcr 
Königin Blick ernst, und indes die Marchesa mit bttichen 
Wangen, immer erregter werdend, redete, lagerten sich sch , 
Sorge und bange Erwartung auf Margheritas Antlitz. „ 
muß ein Irrtum sein, ich kann cs nicht glauben," rief sie 
mdlich aus^ Die Marchesa hob bittend die Hände. -Nem, 
nein, nicht Sie sind schuld, man hat auch Sie getaucht, 
liebe Marchesa. Ich kann ja «nt ^eund n verleitet 
greisen, wie Sie durch die Liebe zu Ihrer F Könia 
werden'©fc schw?!lich"^überzcugm können. Ich ersparte ihm 
denen unser herrliches Land leidet. Aber sie stammen aus 
längst vergangener Zeit." Margherita richtete sich stolzer 
auf und ihre Augen blitzten. „Hätte stets eine wirklich 
väterlich-gütige Hand über Sizilien und Süditalicn gewaltet, 
das arme Volk wäre nicht in den Fehler der Selbsthilfe ge 
fallen. Falsche Behandlung und schlechte Erziehung —!" Die 
Königin schwieg, sic ließ sich selten so offen gehen. Und dann 
eilten ihre Gedanken zurück zu der, wie der König später sie 
bezeichnete, romantischen und märchenhaft-abenteuerlichen Ge 
schichte der Marchesa. 
Einen Mann in solcher Stellung wie den Herzog von 
Leonforte beschuldigen — 
Die Marchesa erlaubte sich zu bemerken, sie beschuldige 
niemanden, sie berichte nur Tatsachen, spreche auch keine 
Meinung aus, bitte nur um die Genehmigung des Königs, 
ihren Plan zur Erforschung der Wahrheit ausführen zu dürfen. 
„Sie haben diese so wunderbar gerettete Dame noch 
nicht gesehen?" fragte der König. 
„Nein, Majestät, ich habe mich absichtlich fern gehalten, 
ich bin selbst in höchster Spannung und Aufregung darüber." 
Die Marchesa wollte noch mehr sagen, da merkte sie, der König 
hörte sie nicht mehr und auf einen Wink Margheritas trat 
sie hinter ihren Sessel. 
Umberto war an das Fenster getreten und blickte auf 
die fernen Umrisse der Berge über die immergrünen Wipfel 
einiger Eichen hinweg, doch er sah sie nicht. Auf seiner von 
weißem Haar beschatteten Stirn lagen schwere Wolken. Welch 
ein Jahr lag hinter ihm! Alle seine Versuche und Be 
mühungen, feinem Lande innerlich Frieden und Ruhe zu 
schaffen, scheiterten an Parteiwut und kleinlichen Intriguen. 
Und überall tauchte die geheinmisvolle Macht der Maffia 
auf, eine Gewalt im Staate gegen den Staat. Jeder Gerichts- 
Hof schien dagegen machtlos, offenkundige Verbrecher gingen 
frei davon, auf rätselhafte Art verschivandeu die Mäuner, 
die ihre Stimme offen und laut dagegen erhoben. Maß 
nahmen der Regierung wurden vereitelt, ohne die Möglichkeit 
eine bestimmte Hand zu bezeichnen. Der König wollte nicht 
glauben, daß die Erzählung der Marchesa auf Wahrheit 
beruhen könne, der Blick in den Abgrund menschlicher Ver 
worfenheit schien ihm zu entsetzlich. Und hingen die Fäden 
aller Umsturzparteien nicht vielleicht eng zusammen, ward nicht 
vielleicht schon das Netz gewoben, das sich auch über seinem 
Haupte zusammenziehen und ihn verderben sollte! Wie gern 
hätte er sein Land glücklich gemacht, wie innig darauf gehofft, 
ja sein Herzblut dafür hingegeben —! Er preßte die Hand 
auf seine Brust, ein scharfer, schneidender Schmerz durchzuckte 
ihn zugleich mit dem sicheren Gefühle, daß seine beste Zeit 
dahin sei. 
„Es ist nicht nur wünschenswert, auch nötig, diese Sache 
bis zur völligen Klarstellung zu untersuchen. Ob Verbrechen 
oder beabsichtigter Betrug, gleichviel, die Schuldigen müssen 
Rechenschaft gezogen werden," sagte der König endlich, 
mdem er sich den Danien wieder zuwendete. Er ließ sich 
von der Marchesa noch einnial wiederholen, worauf ffch ihre 
Hoffnung gründe, die Identität der aufgefundenen Dame zu 
beweisen, gab aber sonst keine Ansicht kund, welche eine Teil 
nahme für die Unglückliche zeigte. 
Enttäuscht verließ die Marchesa den Palast, in dem sie 
weit weniger Sympathie gefunden, als sie gehofft hatte. Ja 
sie nahm das Gefühl mit, sie werde verantwortlich gemacht für 
das grelle Licht, das so scharf die Tiefen und Abgründe in 
nächster Nähe des für unantastbar gehaltenen Hofkreises 
enthüllte.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.