weiß der Steql. Anz." zu berichten. Ein achtjähriger Knabe,
Sohn rechtlicher Eltern, der von seinen Mitschülern „Eich
hörnchen" genannt wird, weil er mit kaum glaublicher Geschwindig
keit die höchsten Bäume erklettert, ohne bisher erheblichen
Schaden genommen zu haben, liebt es, öfters das Elternhaus
zu verlassen. Er kommt oft mit total zerrissenen Hosen nach
Hause und bekommt allerdings jedesmal dafür recht gut ge
salzene Prügelsuppen zu schmecken. Der Junge zählt mit zu
den besten Schülern, man kann ihn in der Kaiserallee zu
weilen mitten auf einem der hohen Bäume, eifrig lesend, be
obachten. Die Eltern beabsichtigen, den Knaben wegen seines
vorzüglichen Klettertalentes einem Schornsteinfeaermeistcr in die
Lehre zu geben.
f Mit genauer Noth der Gefahr des Neber-
fahrenwerdcns entgangen, ist am Sonnabend Mittag vor
dem Hause Schloßstraße Nr. 13 der Kutscher eines Wagens
der Fnedenauer Waschanstalt „Neptun". Er hielt mit seinem
Gefährt vor dem betreffenden Hause und überschritt mit einem
Korb auf dc.r Schulter das Geleise, um Wäsche abzuliefern,
als ein elektrischer Wagen der Linie Zoologischer Garten durch
die Kaiserallee herangesaust kam und ihn umwarf. Dem
Führer war es nicht möglich, auf so kurze Distanz den Wagen
zum Halten zu bringen. Die in der Nähe befindlichen
Passanten schrieen laut auf vor Schreck und Entsetzen, , denn
der Fall sah sehr gefährlich aus. Zum Glück war der Korb
so gefallen, daß er zwischen dem Gestürzten und dem Wagen
lag, auch besaß jener die Geistesgegenwart, fich mit einer
blitzschnellen Bewegung von den Schienen zu rollen, so daß er
mit dem Schrecken und einigen Hautabschürfungen davonkam.
-J-— Von einer Leiter fiel am Sonnabend Nach
mittag der Staker Junghans auf dem Neubau Ecke Bismarck-
und Handjerystraße herab. Der Verunglückte zersplitterte sich
den rechten Ellbogen und zwar so unglücklich, daß die Knochen
durch das Fleisch gingen. Nachdem ihm auf der Friedcnauer
Sanitätswache der erste Verband angelegt worden war, wurde
er nach einem Krankenhaus gebracht. 'Junghans wohnt in
Schöneberg, Hauptstraße 105.
— Das Ortsstatut der Veamtenbesoldung ist
vom Bezirksausschuß mit einigen kleinen redaktionellen
Aenderungen genehmigt worden.
— Der Bebauungsplan sowie die diesbezüglichen
Straßen- und Baufluchtlinien für das Westgelände der Stadt
Schöueberg . ist der Stadtverordnetenversammlung zur Geneh
migung vorgelegt.
— Thermophor. Der Vortrag des Herrn Wawroneck
im Haus- und Grundbesitzer - Verein war sehr lehr
reich. Während es sich sonst nicht verlohnt, mit den an
Säulen oder in Inseraten ausgerufenen Fragen sich zu be
schäftigen, weil gewöhnlich ein an sich werthloser Reklame-
artikel die Lösung ist, der für alle die Losung werden, dem
Unternehmen aber die größte Losung bringen soll, so zeigt der
Thermophor uns, daß es doch nicht angebracht ist, schablonen
haft zu urtheilen. Mit dem Thermophor ist der Welt ein un
geheurer Dienst erwiesen, er füllt in Wahrheit eine Lücke aus,
die uns heute, wo er da ist, riesengroß erscheint. Man denke
sich heute das wirthschaftliche Leben ohne Eis. Genau dasselbe
umgekehrt bedeutet der Thermophor. Der Hauptbestandtheil des
letzteren ist essigsaures Natron. Das essigsaure Natron, in
Wasser erwärmt, löst sich auf und bindet dadurch Wärme,
welche bei Ausscheidung der Krystalle frei wird. Die Ver
wendung dieser Eigenschaft ermöglicht es, Gefäße und Apparate,
welche das essigsaure Natron in Wasser in ihrer Wandung ent
halten, stundenlang warm zu halten. Die Zuhörer waren
geradezu überrascht über die Höhe der Wärme, welche die vor
gezeigten — Vormittag um 11 Uhr in Hitze gebrachten Ge
fäße noch aufwiesen. Für Hotels, Restaurants, Militär vor
allem aber für Aerzte und Krankenhäuser dürften die Ther
mophore bald unentbehrlich sein. Unser Reichskanzler bedient
sich im Reichstage zum Warmhalten der ihm unentbehrlichen
Bouillon eines Thermophors, ja selbst unsere Kaiserin, welche
an kalten Füßen leidet, befindet sich im Besitz eines solchen.
Natürlich hat die Industrie bereits für alle möglichen Gebrauchs
arten vorgesorgt. Allerlei Töpfe. Teller. Schüsseln, Kannen,
Menagen, Milchthermophore, Couveusen, Brutapparate, Kom-
pressen, Kissen rc. Der Vorsitzende dankte dem Vortragenden
und ersuchte ihn, denselben zu günstigerer Zeit im Herbst zu
wiederholen.
— Zu den Pflasterkosten der Martin Lutherstraße
zwischen der Grunewald- und Apostel Paulusstraße beantragt
der Magistrat die Kosten für den laufenden Meter auf
106,0672705 M. festzusetzen, welche die Bauintereflenten
zu zahlen haben werden.
— Die Große Berliner Straßenbahn beab
sichtigt jetzt, an Stelle der von der Südlichen Vorortbahn
herzustellenden ganz neuen Linie Eichhorn-Linkstraße—Flottwell-,
Bülow-, Manstcin-, Bahnstraße—Colonnenstraße—General
Papestraße am Tempelhofer Felde ihre alte Pferdebahnlinie
Weddingplatz—Moabit — Brandenburger Thor — Potsdamer- ,
straße—Groß-Görschenstraße von der Potsdamerstraße aus durch
die Bülow-, Manstein-, Bahn- und Colonnenstraße bis zu den
Kaserncments der Eiscnbahntruppe und den Bezirkskommandos
an der General Papcstraße zu führen und zu verlängern. Der
Antrag auf Genehmigung dieser Linien-Vcränderung bczw.
Verzichtleistung auf die'kontraktmäßig zu schaffende neue Linie
Eichhorn-Linkstraßc—General Papestraße ist nach vorher ein
geholter Zustimmung der städtischen Verkehrsdeputation Berlins
vom Schöncberger Magistrat bereits angenommen und auch
schon der Stadtverordnetenversammlung zur Beschlußfassung
zugegangen. Die Ausführung dieser Veränderung und Ver
längerung der Wedding-Linie, die für Alt-Schöneberg wieder
eine wesentliche Verkehrsverbesserung bedeutet, soll noch in
diesem Sommer erfolgen. Daß jedoch auf der Linie dann auch
der Pferdcbctrieb endlich durch elektrischen Betrieb ersetzt werden
soll, ist von der Straßenbahnverwaltung in ihrem Antrage an
den' Schöneberger Magistrat wieder noch nicht in Aussicht ge
stellt worden.
— Gruppe Schöneberg des I. Bezirks des
Deutschen Krieger-Bundes. In der im Beisein des
ersten Verbands-Vorsitzenden Kam. -Wolkewitz am 23. d. M.
im Lindenpark abgehaltenen Sitzung der hiesigen Krieger-
vereins-Vorstände wurde einstimmig die Bildung einer Gruppe
Schöneberg beschlossen. Dieselbe hat den Zweck, die gemein
samen Interessen wahrzunehmen und die Vereine nach außen
hin zu vertreten. In den provisorischen Vorstand wurden
Kamerad Beutel als Vorsitzender und von jedem Verein zwei
Vorstandsmitglieder einstimmig gewählt. Das erste Hoch aut
die neue Gruppe Schöneberg brachte der Verbands-Vorsitzende
Kamerad Wolkewitz aus.
— Zum heutigen Städtetag nach Spremberg ist
Herr Stadtverordnetenvorsteher Gustav Müller als Vertreter
unserer Stadt gereist.
— Der Magistrat beschloß: Beschaffung eines
Desinfektions-Apparates für die Desinfektion der Schulen, und
sollen mit demselben während der Ferien die Schulräume des
infiziert werden. — Von der Erhebung eines Lesegeldes soll
versuchsweise an den Schülcrbibliotheken für dieses Jahr Ab
stand genommen werden, um dadurch die Werke den Kindern
leichter zugänglich zu machen. — Dem Beschluß der Stadt-
verordneten-Versammlung, die Gewährung einer Entschädigung
für Besorgung der staatlichen Veranlagungs-Geschäfte bei zu
ständiger Stelle bald zu veranlassen, ist der Magistrat bei-
getreteu.
— Schulpersonalien. Die Schuldeputation hat die
zum 1. Oktober neu zu besetzenden Lehrerkräfte gewählt und
zwar die Herren Häse aus Stettin. Brauer aus Frankfurt a. O.,
Worms aus Breslau. Zu Lehrerinnen: Frl. Reiche aus Zossen
und die Lehrerinnen Frl. Behrend, Keydert und Wieprecht von
Schöneberg.
— Das Schöneberger Tageblatt sucht sich heute
gegen die Angriffe, welche im Haus- und Grundbesitzerverein
erhoben worden sind, damit zu vertheidigen, daß es den ganzen
Konflikt zwischen Magistrat und Tiefbau-Deputation auf das
persönliche Gebiet hinüberspielt und es von sich weist: „Den
kleinlichen Kommunalklatsch bis in seine feinsten Verästelungen
zu verfolgen und jede Stänkerei (!), die, aus verärgertem
Gemüth entsprungen, in irgend einem Verein vorübergehendes
Aufsehen erregt, getreulich zu registriren." Aus diesen Zeilen,
die wir hier wörtlich anführen, spricht doch gar zu sehr der Aerger,
welcher ja auch ganz erklärlich ist. Die Prinzipienreiterei des
Magistrats und ihre Bekämpfung durch die Stadtverordneten
als eine persönliche Sache aufzufassen, beweist am besten,
daß das amtliche Ortsorgan heute durch die Magistratsbrille
sieht. — Der schönen Mahnung des Blattes schließen wir uns
auch au: „nicht durch Streit, Zank und Hader, sondern durch
friedliches Zusammenwirken der dazu berufenen kommunalen
Faktoren kann unser Schöneberg groß und angesehen werden";
sie ist ein reuiger Ausspruch zu einer Zeit, wo gerade die Frei
sprechung des Lehrers Richard wie ein schwerer Alp ihm auf
die Brust gefallen sein wird.
— Zwangsversteigerung. Morgen, 10 llhr:
Kyffhäuserstraße 16 in Schöneberg, Friedrich Bredow, Berlin,
gehörig. Fläche 8,74 Ar. Nutzungswerth 11 600 M.
— Gegen Einbruchsdiebstahl will der Magistrat
die städtischen Kassen versichern. Das Versicherungsobjekt be
trägt 1 Million Mark und für die Schränke k. 4000 M.
Die Prämie incl. Police soll 200 M. kosten.
P. Aus dem Weibergefängniß in der Barnim-
straße wurde gestern in Begleitung eines Schutzmanns die
18 jährige Dienstmagd Martha Würzbach der 1. Strafkammer
des Berliner Landgerichts II vorgeführt. Am 3. April d. I.
verließ die W. heimlich ihren Dienst bei Fräulein Rosenthal
in Schöneberg und zwar unter Mitnahme von 30 M., welche
aus einem Wäschespind gestohlen waren. Vor der Strafkammer
war die angeklagte Diebin geständig, jedoch behauptete sie, es'
läge nicht schwerer sondern nur einfacher Diebstahl vor, weil,
das Wäschespind unverschlossen gewesen sei, als sie das Geld z
entwendete. Da die Zeugin Rosenthal die Möglichkeit zugab,
daß das Spinde einmal unverschlossen gewesen sein könnte, so <
nahm der Gerichtshof nur einfachen Diebstahl als erwiesen an.
Das Urtheil dicserhalb lautete auf 2 Monate Gefängniß ju*|
sätzlich. zu einer anderweitig am 17. Mai d. I. der Auge-
klagten vom Landgericht zu Rendsburg wegen Diebstahls zu
erkannten Freiheitsstrafe von 8 Monaten Gefängniß. _
P. Der nicht weniger als 30 Mal verschiedentlich wegen
Bettelns, Diebstahls u. s. w. vorbestrafte Arbeiter Karl'
Pospicch wurde in Schöneberg abgefaßt, als er beim Betteln |
einen Gelegenheits-Diebstahl verübte. Er hatte einen Reise-:
korb, enthaltend Wäsche, gestohlen. Vor der ersten Straff
kammer behauptete der Angeklagte, er habe den Diebstahl aus
Verzweiflung begangen, weil er völlig mittellos und hungrig
gewesen war. — Der Staatsanwalt beantragte 1 Jahr
6 Monate Zuchthaus. Der Gerichtshof bewilligte mildernde
Umstände und demgemäß lautete das Urtheil auf 2 Jahre
Gefängniß und Ehrverlust auf die Dauer von 4 Jahren.
* Gegen die Einführung der Krinoline, die dem.
nächst in Berlin ihren Einzug halten soll, macht einZTHeil
der Frauen mobil. Es zirkulirt hier zur Zeit ein Aufruf „An
die gebildeten Frauen Deutschlands", in dem die Gründe
gegen die Auferstehung des Reifrockes kurz zusammengefaßt werden.
Der Aufruf schließt mit folgenden Sätzen: „Von einer Pompadour
und ihren Kreaturen erdacht und eingeführt, von einer französischen
Kaiserin wieder angelegt vor der Geburt eines Thronerben,
hat der Reifrock einen Ursprung, der mit unsern jetzigen An
schauungen von Sittlichkeit im grellsten Gegensatze steht. Seit
fast 100 Jahren ist Deutschland befreit von der Fremdherrschaft
und schon lange selbstständig geworden im nationalen Kunst-
gewerbe — sollten da die Frauen nicht auch in Bezug auf ihre
Kleidung deutsch zu denken versuchen? Sind wir aber dazu
noch zu unselbständig, so schließen wir uns doch lieber den
Engländerinnen an, die aus praktischen Gründen schon unent
wegt gesundes Schuhwerk und sußfrcic Röcke tragen und für
die auch das Korsett, schon aus Rücksicht auf Spiel und Sport,
großcntheils ein überwundener Standpunkt ist. Der Geschmack,
der sich dem Ungeheuerlichen anzupassen vermochte, die Frauen-
gcstalt in einem Drahtgesteü verhüllt wandeln zu sehen, würde sich
sicher noch rascher an die fußfreien Röcke gewöhnen. Wer die
ständige Berührung mit dem Staub scheut und der Schleppe,
als Vergrößerung und Stütze des Ich-Gefühls, nicht entrathen
mag, der beschränke sie wenigstens auf das wohlgcpflcgte Parkett
des Gesellschaftssaales oder des eigenen Heims."
Paris. Der Marineminister hat Befehl gegeben, in
Cherbourg und Brest den Bau von 2 neuen Kreuzern von je
12 416 Tonnen mit einer Geschwindigkeit von 21 Knoten in
Angriff zu nehmen. Die betreffenden Kreuzer sollen je 29
Millionen Frcs. kosten und die Namen „Jules Ferry" und
„Leon Gambetta" erhalten. — Gestern Morgen fand zum An
denken an den verstorbenen Grafen Murawiew ein Trauer
gottesdienst in der hiesigen russischen Kirche statt. Der Minister
des Auswärtigen, Delcasse, sowie sämmtliche Direktoren dieses
Ministeriums wohnten demselben bei. Präsident Loubet und
der Kabinetschef Waldeck-Rousseau hatten sich vertreten lassen.
Paris. Wie der „Figaro" meldet, hat sich der Groß
fürst Alexis, welcher sich in Paris zur Ausstellung befindet,
nach China eingeschifft, wo er den Oberbefehl über die
russische Flotte in Porte Arthur übernehmen wird.
Newyork. Eine Bestätigung der Meldung des
„Journal", wonach 50 amerikanische Soldaten, unter dem
Befehl des Leutnants Wrigth in Tientsin getödtct und ver
wundet worden seien, ist noch nicht hier eingetroffen, weswegen
die Nachricht stark angezweifelt wird.
Wetterbericht.
24. Juni Nachm. 7 Uhr: Barom. 759 mm; Thermom. 4-15 • g
25. „ Vorm. 8 „ „ 758 , 4- 15 » g.
25. , Nachm. 1 „ „ 756 . Z- 21 « (ä.
I
Allen Verwandten, Freunden und Bekannten die traurige Mittheilung,
daß am Sonnabend Abend 10 Uhr nach kurzem, aber schweren Leiden unser
einziger, inniggeliebter Sohn
Herbert
im 7. Lebensjahre verschieden ist.
Dies zeigen tiefbetrübt an
Paul Naumann und Frau.
Friseur.
Friedenau, den 24. Juni 1900. ■
Die Beerdigung findet Mittwoch, den 27. Juni, Nachmittags 4 Uhr,
von der Leichenhalle des Schöneberger Kirchhofes in der Maxstraße aus statt.
Getragene Herren- und Damen-, " «wronww jauyi uu
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