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Volume Nr. 1, 02.01.1900

Full text : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 7.1900 (Public Domain)

Kcht  lange  dauern,  so  wird  Herr  von  Stubenrauch^  aanr
hervorragende  Kraft  man  an  maßgebender  Stelle'  „  schöllen
veiß,  bald  weiter  befördert  wird.  Die  Thatsache,
Regierungsbezirk  Charlottenburg  wohl  bald  gegründet
wird  wohl  auch  Herrn  von  Stubenrauch  die  Rcmgechchunä
dringen.  "

ch  Sylvester  und  Neujahr  verlief  in  unserem  Ort
;m  allgemeinen  in  großer  Ruhe.  Die  Feierlichkeiten  waren
rnd  blieben  mehr  auf  das  Innere  der  Häuser  beschränkt,  nach
rußen  hin  machte  sich  in  der  Neujahrsnacht  wenig  geltend.
Wan  hatte  die  Empfindung,  daß  ein  so  bedeutungsvoller  Abschnitt ­
  nicht  mit  lauter  Fröhlichkeit  gefeiert  werden  müsse,
ondern  daß  man  mehr  ins  eigene  Herz  den  Blick  wenden
olle  und  im  Reich  der  Familie  das  Fest  begehe.  Dieser
»ehr  innerliche  Zug  machte  sich  auch  schon  in  der  Abendkirche
rm  Sylvester  geltend,  die  stark  besetzt  war  und  zwar  nicht
rur  von  Frauen,  die  ja  weit  mehr  Zug  nach  dem  Gotteshaus
)swen,  sondern  auch  von  Männern.  Herr  Pastor  Görnandt
fielt  eine  tiefe  gedankenvolle  Predigt,  in  der  er  darauf  hinvies,
  daß  der  Ruf  der  Glocken  jetzt  allgemein  überhört  werde,
ind  dennoch  gäbe  es  eine  Christenheit.  Freilich  das  Geräusch
rnd  der  Trubel  des  schnellen,  täglichen  Lebens  übertäubt  leider
etzt  zu  sehr  den  Ruf  der  Glocken.  Aber  doch  für  den  Nachtlottesdienst, ­
  der  um  2/412  Uhr  begann,  hatte  der  eherne
Rund  der  Glocken  nicht  vergeblich  gerufen.  Fast  unser  ganzer
2rt  und  das  benachbarte  Wilmersdorf  und  Schöneberg  sandten
loch  eine  große  Zahl  ihrer  Bewohner.  Die  Kirche  erwies  sich
ntschieden  als  nicht  ausreichend  für  eine  so  exceptionelle
Zeier.  Viele  Andächtige  mußten  vor  der  Kirchenthür  umehren, ­
  tüetl  kein  Platz  mehr  zu  finden  war.  Herr  Pastor
Äörnandt  hielt  eine  Andacht  von  großer  Feierlichkeit,  jeder
ühlte  die  Nähe  des  Höchsten  in  dieser  weihevollen  Stunde,
oo  sich  zwei  Jahrhunderte  schieden.  Bezeichnend  ist,  daß
elbst  von  Maskenfesten  und  anderen  Vergnügungen  die  Leute
ich  lösrissen,  um  zur  Andacht  zu  gehen.  Das  mag  vielleicht
mch  der  Grund  gewesen  sein,  daß  die  sonst  so  laute  Sylvestertacht
  in  Ruhe  verlief  und  daß  die  Schutzmanns-  und
Sensdarmeriepatrouillen  keine  Arbeit  fanden.
Das  alte  Jahrhundert  ist  dahin,  es  lebe  das  Neue!

.  Das  Jahr  1900  ist  ein  gemeines  Jahr  zu  365  Tagen.
Das  letzte  Schaltjahr  war  1896,  das  nächste  wird  1904  sein,
ja  die  Jahre  1700,  1800,  1900  keine  Schaltjahre  sind,
nährend  das  Jahr  2000  wieder  ein  Schaltjahr  sein  wird.
Wer  also  am  29.  Februar  geboren  ist,  hat  jetzt  8  Jahre
Mg  keinen  Geburtstag.  Der  Frühling  beginnt  am  21.  März,
!>er  Sommer  am  21.  Juni,  der  Herbst  am  23.  September,
>er  Winter  am  22.  Dezember.
f—  Wichtig  für  Hausbesitzer.  Die  erste  Kammer
>es  V.  Senats  des  Oberverwaltungsgerichts  hat  in  ihrer
Os*  fctDiO  ct''  s
rwril  ^jü^  |IU  vit  rttittW  2yft—
«sttzer  wichtige  Entscheidung  gefällt,  daß  die  Kanalisationslbgabe
  von  dem  Einkommen  aus  dem  Grundbesitz  für  abzugsähig
  gilt.  Nach  der  Entscheidung  des  Oberverwaltungsgcrichts
cat  die  Kanalisationsabgabe  den  Charakter  einer  für  die  Inanspruchnahme ­
  einer  städtischen  Einrichtung,  für  die  Benutzung
iner  im  öffentlichen  Interesse  unterhaltenen  Veranstaltung  erhobenen ­
  Gebühr.  Es  sei  hierbei  auf  §  4  des  Kommunalbgabengesetzes
  hingewiesen,  welcher  besagt,  daß  die  Gemeinden
die  Benutzung  der  von  ihnen  im  öffentlichen  Interesse
arterhaltenen  Veranstaltungen  besondere  Vergütungen  (Gesihren)
  erheben  können.  Besteht  eine  Verpflichtung  zur  Bcrrtzung
  einer  Veranstaltung  für  alle  Gcmeindeangchörigen
der  für  einzelne  Klassen  derselben,  oder  sind  die  Genannten
uf  die  Benutzung  der  Veranstaltung  angewiesen,  so  ist  unter
Berücksichtigung  des  öffentlichen  Interesses,  welchem  die  Veranlaltung
  dient,  und  der  den  Einzelnen  gewährteu  besonderen
.Vortheile  eine  entsprechende  Ermäßigung  der  Gebührensätze  ge-£ame

  nur  einmal,  als  ich  Dich  lies  achte,  fluchtig  aus  einem  Eurer
Ocille  kennen  gelernt  —  sie  ist  in  der  That  schon  und  aumulhig,
uid  ich  hege  nicht  den  geringsten  Zweifel,  daß  sie  in  jeder  Weise
deiner  Liebe  würdig  ist."
„O,  sie  ist  ein  Engel",  .rief  Meinhard,  „mit  allen  edlen
Eigenschaften,  die  ein  Mädchen  nur  haben  kann!"
„Ich  habe  Dir  gesagt  und  wiederhole  es",  fuhr  der  Kamiuer->err
  fort,  indem  er  die  Krnvatte  nnilegte,  „daß  man  sich  in
Leinem  Älter  oft  über  die  Eigenschaften  einer  Dame  und  auch
iber  seine  eigenen  Gefühle  täuschen  kann.  Du  hast  mir  geschworen, ­
  daß  Du  Dir  völlig  über  Dich  selbst  klar  seiest  und
licmals  eine  Andere  lieben  würdest."
„Ich  wiederhole  diesen  Schwur",  ries  Meinhard.
„Sinn  denn",  sagte  der  Kammerherr,  „da  es  so'  ist,  so
cheint  mir  an  der  Sache  nichts  mehr  zu  ändern  zu  sein.  Ich
gestehe  es  Dir  offen,  daß,  ganz  abgesehen  von  den  Vvrtresslichen
ersönlichen  Eigenschaften  der  jungen  Dame,  die  so  glücklich  war,
Lein  Herz  zu  gewinnen,  es  mir  eigentlich  lieber  wäre,  wenn
neine  künftige  Cousine  einen  nnserem  Hanse  ebenbürtigen  Namen
ährte;  aber  ich  bin  über  engherzige  Bornrtheile  in  dieser  Beiehung
  erhabeil  und  Du  darfst  gewiß  sein,  daß  fleh  Deine
Gemahlin  ebenso  herzlich  und  ebenso  ehrerbietig  begrüßen  werde,
ils  ob  sie  eine  Gräfin  vom  ältesten  Hause  lväre.  Dein  Vater,
)as  weiß  ich,  denkt  ähnlich.  Lieb  freilich  wird  ihm  die  Sache
inch  nicht  sein,  aber  er  wird  sich  dazu  bequemen  und  ich  habe
Dir  ja  schon  meine  Unterstützung  zugesagt,  wenn  er  mich,  wie
ich  glaube,  um  Rath  fragen  sollte,  da  ich  ja  doch  der  Einzige
hin,  der  außer  Euch  noch  unsern  Namen  führt."
„Das  habe  ich  auch  geglaubt",  sagte  Meinhard,  „doch  so--
  i>c  meine  Hoffnung  erschüttert."
warum",  fragte  der  Kammerherr  aufhorchend,
andere  Pläne  mit  Dir?"  •
,  Pläne",  erwiderte  Meinhard,  „aber  er
*  reiche  und  zugleich  vornehme  Heirath
Kd,  da  ja  unsere  Linie  aus  ztvei  Augen
1  der  Residenz  versetzen  lassen,  um  mir
n,.  und  auch  mit  Dir  darüber  sprechen,
.vßes  Vermögen  nöthig  sei,  unl  unsere
.em  alten  Glanz  zu  erheben  und  es  mir
m  königlichen  Dienst  emporzusteigen,  statt

stattet;  es  kann  sogar  in  Fällen  dieser  Art  die  Erhebung  von
Gebühren  unterbleiben.  In  der  Kommissian  des  Abgeordnetenhauses ­
  bei  Berathung  des  K.  A.  G.  wurden  vom  Finanzminister ­
  als  Beispiel  für  Anstalten  im  Sinne  dieses  Paragraphen ­
  ausdrücklich  die  Kanalisationen  angeführt,  sbei  denen
man  den  Hausbesitzern  nicht  alle  Lasten  aufbürden  könne.
-j-—  Das  Rieselgut  Ragow,  über  dessen  geplanten
Ankauf  wir  bereits  berichteten,  ist  nunmehr  von  unserer  Stadt
erkauft  worden.  Der  Kaufvertrag  ist  abgeschlossen  worden.
Der  Morgen  kostet,  wie  schon  berichtet,  320  Mark,  was  bei
enem  Terrain,  wie  das  erworbene,  das  2700  Morgen  umfaßt,
ein-n  Kaufpreis  von  891  000  Mark  beträgt.  Das  Druckrohr
nach  dem  Schöneberger  Nieselfelde  wird  22  Kilometer  lang,
und  H  man  100  000  Mark  Kosten  pro  Kilometer  berechnet,
was  in  Summa  2  200  000  Mzxk  beträgt,  so  kostet  zunächst
die  auße-halb  der  Stadt  liegende  Kanalisationsanlage  3091000
Mark  ohn-  die  Kosten  für  Anlegung  der  Rieselfelder  selbst.
-j--^  Tie  Miethssteigerungcn  in  unserem  Ort  haben
zu  Januar  nicht  so  zahlreich  stattgefunden,  wie  im  Juli,  infolgedessen ­
  wi-d  der  Umzug  zu  Ostern  wesentlich  geringer  sein
wie  Michaeli  v-ugen  Jahres.  In  Charlottenburg  müssen  die
Wohnungen  niüt  allein  knapp  sein,  sondern  auch  theuer.
Zahlreiche_  Charlottenburger  waren  infolge  dessen  während  der
Neujahrsfeiertage  auf  die  Wohnungssuche  gegangen.  Aber
man  hörte  die  Wohnungssuchenden  klagen,  daß  auch  in
Schöneberg,  Friedenau  und  Wilmersdorf  keine  Auswahl  an
Wohnungen  zu  haben  fei.
-j-  Volksbibliothek.  In  ihrer  letzten  Sitzung  hat  die
Bibliothekskommission  auch  beschlossen,  die  Bücherausgabe  auf
2  Tage  in  der  Woche  auszudehnen.  Fortan  werden  die
Bücher  am  Sonntag  von  11'/ 2  bis  12 1 / 2  Uhr  und  Mittwoch
von  12 1 / 2  bis  iVa  Uhr  im  Lehrerzimmer  der  Gcmeindeschule
ausgegeben.  Die  nächsten  Ausleihtage  sind  also  Mittwoch,  den
3.  und  Sonntag  den  6.  Januar.  Da  der  Bücherbestand  auf
592  Bände  angewachsen  ist,  so  verniögen  wir  auch  die  Anforderungen. ­
  eines  größeren  Leserkreises  zu  erfüllen.  Die
langen  Winterabende  sind  ganz  besonders  zum  Lesen  guter
Lektüre  geeignet.  Wir  hoffen,  daß  auch  im  neuen  Jahre  die
Zahl  unserer  Leser  eine  größere  und  die  Benutzung  der  Volksbibliothek ­
  eine  regere  werden  wird.  Geeignete  Werke  für  die
Bibliothek  .werden  jederzeit  mit  Dank  von  uns  angenommen.
-j-  Die  silberne  Hochzeit  unseres  Amtsrendanten
Herrn  R.  Schulze  verlief  in  der  besten  Stimmung.  Der  beliebte ­
  Jubilar  erhielt  zahlreiche  Glückwünsche,  Blumenspenden
und  Geschenke.  Besonders  hervorgehoben  zu  werden  verdient
ein  Silberkranz  auf  silbernem  Untergrund  der  Gemeindebeamten. ­
  Herr  Amtsvorsteher  Roenneberg  und  zahlreiche  Gemeindevertreter
  und  Schöffen  gratulirten  persönlich  und  bis
gegen  Mitternacht  blieben  die  Gäste  mit  dem  Jubelpaar  zusammen, ­
  und  ein  großer  Theil  ging  alsdann  zum  Nachtgottesdienst ­
  in  die  Kirche.
f  Eine  reizende  kleine  Feier  fand  vor  einigen
Tagen  in  dem  Hoffer'schen  Pensionate  in  der  Fregestraße  statt.
Das  auch  von  Ausländern  vielbesuchte  Institut  ging  kürzlich
in  die  Hände  zweier  Damen  über,  die  zur  Einführung  eine
kleine  Festlichkeit  veranstalteten,  an  der  etwa  fünfzig  geladene
Personen,  Die  Accn.cNi^t-„  hkcftg.ic  ~cyellnahmen.
  Die  gestellten  lebenden  Bilder:  öte  ^>cpuhprobe  aus;
Aschenbrödel,  die  heilige  Cäcilie,  Aennchen  und  Agathe  aus
dem  Freischütz,  die  drei  Pagen  und  die  als  Charade  gedachte
Gruppe:  der  Sommernachtslraum  ernteten  großen  Beifall.  Zur
Belohnung  der  Zöglinge,  bie  nahezu  sämmtlich  an  den  lebenathmenden,
  herrlichen  Gruppen  mitgewirkt  hatten,  fand  dann
ein  kleiner  Ball  statt,  der  das  gute  Einvernehmen  zwischen
Lehrerinnen  und  Schülerinnen  und  das  unschuldige  Glück  der
lebenslustigen  Jugend  so  recht  zum  Ausdruck  brachte.  Ein
wohl  besetztes  Büffet  füllte  die  Pausen  aus.  Den  Theilnehmern
  wird  der  schöne  Abend  für  immer  in  der  Erinnerung
bleiben.
-j-  Hohen,zollcrn-Tlicater.  Umständehalber  kann  das
Gastspiel  des  Reuter  -  Interpreten  Herrn  Emil  Richard,  der
Onkel  Bräsig  nach  Fritz  Reuters  „Ut  mine  Stronitib*  vortragen ­
  wollte,  nicht  stattfinden.
's  Die  Liedertafel  ist  zu  einem  Sänger-Wettstreit  nach
hier  »Hierein  ziqammeiigenHliivlzencii  Gruuvvcni.r  eine  vescheidene
Existenz  abzugewinnen.  Er  hat  vielleicht  Recht,  er  weiß  jn
nicht,  daß  mein  Herz  nicht  mehr  frei  ist,  aber  ich  kann  und
werde  niemals  dem  Ehrgeiz  nieine  Liebe  opfern.  Was  soll  ich
thun,  darf  ich  aus  seinen  Plan  auch  nur  siiUpIgvcigenb  eingehen
und  ihm  später  die  Täuschung  um  so  schmerzlicher  machen?  Ich
war  im  Begriff,  ihm  Alles  zu  gestehen  und  ihn  zu  beschwören,
mich  in  »reiner  Weise  mein  Lebensglück  finden  zu  lassen,  als  Tu
mit  Marianne  kamst  und  unser  Gespräch  abbrachst."
Der  Kammerherr  hatte  voller  Ausmerlsamkeit  zugehört.
„Tann  ist  es  ja  ein  Glück  gewesen",  sagte  er  schnell,  „daß
ich  Euch  unterbrach,  Nein,  nein,  mein  lieber  Vetter,  jetzt  so
ganz  unerwartet  und  unvorbereitet  Deinem  Vater  ein  Gestäubniß
zu  machen,  »das  seinen  Plänen,  die  an  sich  ja  ganz  vernünftig
und  wohl  begründet  sind,  so  scharf  entgegen  tritt,  wäre  thöricht.
Er  könnte  sich  zu  einem  heftigen  Widerspruch  hinreißen  lassen
und  dann  würde  er,  wie  ich  ihn  kenne,  sehr  schtver  wieder  davon
abzubringen  sein."
„Aber  was  soll  ich  thun?"  fragte  Meinhard  traurig.  „Soll
ich  das  Opfer  annehmen,  das  er  für  meine  Versetzung  nach  der
Residenz  bringen  muß,  wenn  ich  doch  fest  entschlossen  bin,  seinen
Plan,  auch  wenn  sich  mir  die  Gelegenheit  dazu  böte,  nicht  auszuführen?" ­

„Xiu  sollst  warten",  sagte  der  Kammerherr.  „In  allen
schwierigen  Lagen  ist  die  Zeit  das  beste  Mittel,  Alles  ins  Gleiche
zu  bringen.  Ein  vorzeitiger  Widerspruch  würde  Alles  verderben.
Deine  Versetzung  wird  sich  ja  auch  nicht  von  heute  bis  morgen
machen  lassen  und  wir  werden  es  überlegen,  wie  wir  die  Sache
Deinem  Vater,  der  Dich  ja  liebt,  am  besten  beibringen.  Auch
ich  werde  darüber  nachdenken  uud  verspreche  Dir  nochmals
meinen  kräftigsten  Beistand."
„Dank  —  tausend  Dank,  lieber  Vetter",  rief  Meinhard,  die
Hand  des  Kammerherrn  schüttelnd.'
„Die  erste  Sorge  Deines  Vaters",  sagte  dieser  lächelnd,
„geht  doch  dahin.  Eure  Linie  von  den  verhüngnißvollen  vier
Augen  abzubringen  und  wieder  auf  eine  stärkere  Descendenz  zu
stellen.  —  Ist  diese  da,  so  kaun  ja  die  Wiederaufrichtung  des
alten  Glanzes,  den  ich  ja  auch  unserem  Namen  von  Herzen
wünsche,  einer  künftigen  Generation  überlassen  bleiben;  aber
einen  Rath  will  ich  Dir  sogleich  geben",  sagte  er  nach  kurzem

Weißensee  eingeladen.  Das  Sängerfest  wird  im  Juni  d.  I.
stattfinden.  Es  sind  zu  dem  Sängerstreit  drei  erste  Geldpreise
ausgesetzt  und  zwar  150,  100  und  50  M.,  ferner  Ehrenpreise ­
  wie  ein  Pokal,  Trinkhorn  u.  A.  Zu  dem  ersten
Stiftungsfest  des  Vereins,  am  20.  Januar,  im  Saale  des
Rheinschlosses  haben  die  Herren  Hermann  Balcke  (Pianist)
und  Theodor  Elsner  (Violinist)  ihre  Mitwirkung  zugesagt.
Einlaßkarten  zu  dem  Fest  sind  zu  haben  bei  Bote  und  Bock,
Leipzigerstraße  in  Berlin,  in  den  Buchhandlungen  der  Herren
Wohlthat,  Schultz  und  Kosakowsky  in  der  Rheinstraßc,  Weinhandlung ­
  Gebr.  Habel,  Hauffstr.  8  und  Droguenhandlung  von
D.  Hermann,  Dürerplatz  5.
P  Kriegsveteranen-Verein  von  Friedenau  und
Umgegend.  Die  Monatsveisammlung  im  neuen  Jahrhundert ­
  findet  Sonntag,  den  7.  Januar,  Nachmittags  4  Uhr
im  oberen  Saale  des  Rheinschlosses  statt.  Die  Tagesordnung
wird  in  der  Sitzung  bekannt  gegeben.
f  Friedenauer  Stenographen  -  Verein  (Einigungssystem ­
  Stolze-Schrey).  Die  erste  Monats-Hauptversammlung ­
  findet  am  Freitag,  den  5.  Januar  1900,  Abends
8V2  Uhr  im  Vereinslokal  .Rheinschloß",  Rhcinstraße  60,
unterer  Saal  statt.  Tages-Ordnung:  Wahl  des  Vorstandes;  sämmtlicher ­
  Ausschüsse  und  der  Vertreter  zum  Gaubund.  2.  Lesung
der  Statuten-Aenderung.  Besprechung  über  Abhaltung  eines
Vergnügens  im  Februar  oder  März.  Einrichtung  von  Bezirken:
  1.  Abtheilung:  Steglitz;  2.  Abtheilung:  Schönebcrg
3.  Abtheilung:  Wilmersdorf.  Allgemeines.

—  Das  Rcformgymnasiurn  hat  von  den  projektirten
4  Oberlehrerstellen  bereits  zwei  besetzt.  Gewählt  wurden  die
Herren  Dr.  Pohlenz  und  Dr.  Sommer,  letzterer  aus
Bromberg.
—  Als  Vorbereitung  zur  Einweihung  des
Reformgymnasiums  erfolgt  jetzt  der  Umzug  der  Klassen
aus  der  Apostel  Paulusstraße  in  den  prächtigen  Neubau  in  der
Belzigerstraße.  Die  Knaben  betheiligen  sich  an  dem  Umzug,
indem  sie  Kleinigkeiten  tragen.  Die  größeren  Schulbedürfnisse
werden  mittels  Möbelwagen  fortgeschafft.
—  Wintcridyll  in  der  Laubenkolonie.  Eine
sonderbare  Entdeckung  machte  in  der  jetzt  verödet  dastehenden
Laubenstadt  an  der  Heinrich  Kiepertstraße  der  Laubenkolonist
M.,  der  bort  eine  feste  Bretterlaube  besitzt.  Er  war  hinaulgewandert,
  um  von  seinem  hübschen  Bestände  Grünkohl,
welcher  bekanntlich  am  besten  mundet,  wenn  er  auf  dem  Felde
tüchtig  durchgefroren  ist,  eine  Mahlzeit  zu  holen.  Zu  seinem
Leidwesen  fand  er  aber  den  größten  Theil  der  schmackhafl.n
Köpfe  abgenagt.  Die  Vermuthung,  daß  ein  dem  tödtlichen
Blei  entronnener  Langohr  auf  dem  Felde  seine  Zufluchtsstätte
gefunden,  bestätigte  sich  insofern,  als  M.  zwar  kein  Häslein,
aber  ein  stammverwandtes,  frisches  Karnickel  aufscheuchte,  das,
als  es  sich  entdeckt  sah,  durch  ein  Loch  in  die  Laube  flüchtete.
-T‘  ~ii  x-i-'sf.im  versecoen'  zeigce  ftcy  dem  eritaunten  Herr»  All
ein  köstliches  Familienidyll.  In  einer  Kiste,  wo  Hyazinthenzwiebeln ­
  in  Stroh  verpackt  lagen,  that  sich  ein  ganzes
Völkchen  junger  Kaninchen  an  einem  großen  Kopfe  Grünkohl ­
  gütlich.  Die  Familie  war  ganz  ungenirt  und  äugte  den
verdutzten  Besitzer  des  Grünkohls  an.  Herr  M.  wollte  anfänglich ­
  ein  großes  Blutbad  unter  den  Grünkohlfreunden  anrichten, ­
  überlegte  sich  jedoch  die  Sache  anders  und  wird  nun
allsonntäglich,  so  lange  der  Vorrath  reicht,  sich  von  Muttern
einen  schmackhaften  Kaninchenbraten  machen  lassen.
—  Der  Ecntralverein  selbständiger  Handel-  und
Gewerbetreibender  von  Schöneberg  feierte  am  29.  Dezember
vorigen  Jahres  im  „Schwarzen  Adler",  Hauptstraße  134,  sein
Weihnachtssest.  Der  Vorsitzende  Herr  Kaufmann  Petow  eröffnete ­
  um  9  Uhr  nach  kurzer  Begrüßung  der  Anwesenden  die
Feier.  Nach  Absingung  des  Liedes  „.Stille  Nacht,  heilige
Nacht"  hielt  der  Vorsitzende  eine  Ansprache,  welche  in  folgendem ­
  gipfelte.  Christ  ward  geboren,  freue  dich  0  Christenheit

Besinnen.  „Wie  stehst  Du  mit  der  Dame  Deines  Herzens  —
habt  Ihr  Euch  erklärt?"
„O,  sie  weiß  es  wohl,  daß  ich  sie  liebe,  und  ich,  ich  weiß
es  auch,  daß  sie  mich  wieder  liebt."
„Sie  tvürde  einen  schlechten  Geschmack  haben,  wenn  sie  es
nicht  thäte",  sagte  der  Kammerherr.  „Also  eine  Erklärung  hat
nicht  stattgefunden?"
„Wir  nicht  sind  dazu  gekommen",  erwiderte  Meinhard,  „ich
zögerte,  bis  ich  einmal  Gelegenheit  gefunden  haben  würde,  mit
meinem  Vater  zu  sprechen."
„Umgekehrt,  umgekehrt,  mein  Lieber",  sagte  der  Kammerherr
lebhaft,  „Du  mußt  Dich  erklären,  so  schnell  wie  möglich,  und
Tein  Wort  verpfänden,  damit  Du  Deinem  Vater  sagen  kannst,
daß  Deine  Ehre  engagirt  sei.  Das  wird  für  ihn  bestimmend
sein,  und  welche  andere  Wünsche  er  auch  hegen  möchte,  er  wird
niemals  von  Dir  verlangen,  daß  Du  Deinem  Worte  untreu
werden  sollst."
„Aber  darf  ich  das",  fragte  Meinhard  zögernd,  „da  ich
doch  weiß,  daß  mein  Vater  anders  denkt?  O,  sie  wird  niemals
dulden,  daß  meine  Liebe  zu  ihr  mich  in  eine»  Konflikt  mit
meiner  kindlichen  Pflicht  bringt."  3
„Das  wird  nicht  geschehen",  warf  der  Kammerherr  mit  zuversichtlichem ­
  Tone  ein.  „Glaube  mir,  Tein  gegebenes  Wort
wird  Tein  Vater  achten,  cs  wird  dadurch  für  ihn  eine  vollendete
Thatsache  hergestellt  und  ich  werde  scsi  Dir  zur  Seite  flehen,  ich
werde  dazu  Gelegenheit  und  vielleicht  ein  Recht  haben,  denn
auch  ich  habe  Dir  ein  Bekenntniß  zu  machen."
„Ein  Bekenntniß?"  fragte  Meinhard  verwundert.
„Ich  habe  seit  lange",  fuhr  der  Kammerherr  fort,  „eine
tiefe  Verehrung  und  warme  Neigung  für  meine  Cousine
Marianne  in  mir  getragen,  ich  bi»  überzeugt,  daß  ich  keine
bessere  Gemahlin  finden  kann  und  daß  ich  nur  mit  ihr  glücklich
sein  werde.  —  Ich  bin  über  daS  Alter  der  Jugendschwärmerei
hinaus,  um  so  fester  uud  zuverlässiger  ist  aber  meine  Neigung
—  ich  habe  heute  zum  ersten  Mal  Gelegenheit  gefunden  und
gewagt,  ihr  meine  Gefühle  anzudeuten;  aus  der  Art,  wie  sie.
das  aufnahm,  habe  ich  die  Hoffnung  geschöpft,  von  ihr  nicht  abgewiesen ­
  zu  werden,  und  ich  bin  fest  entschlossen,  Deinen  Vater
um  ihre  Hand  zu  bitten."
(Fortsetzung  folgt.)
            
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