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Volume Nr. 305, 31.12.1900

Full text : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 7.1900 (Public Domain)

f  ®le  fUBertte  Hochzeit  feiern  am  7.  Januar  die
Restaurateur  Hegert'scheu  Eheleute,  Ecke  Handjerystraße  und
Roennebergstraße.  Herr  Hegert  ist  Mitglied  des  hiesigen  Gastwkrthsvereins
  und  Friedenauer  Kriegsveteranen-Dereins.
-j-  Kirchliches.  Im  Befinden  des  Herrn  Pfarrer
Görnandt  ist  »Übet  ein  Rückschlag  eingetreten,  er  hat  des«
halb  seine  Absicht,  die  NeujahrSvredigt  zu  halten,  wieder  aufgeben ­
  müssen.  An  seiner  Stelle  wird  Herr  Pastor  Becker
eintreten.
i  Hohenzollern-Theater.  Eine  überraschende  Nachricht ­
  kommt  uns  noch  in  letzter  Stunde  zu.  Der  vorjährige
Streit  zwischen  unserm  Direktor,  Herrn  Hock,  und  dem  Hofschauspieler ­
  Herrn  Emil  Richard  ist  in  Güte  beigelegt  worden.
Zum  Zeichen  der  Versöhnung  tritt  Herr  Hofschauspieler  Richard
bereits  am  Freitag  in  seiner  viel  bewunderten  Glanzrolle  als
»Inspektor  Brästg"  auf.  Nachdem  das  Stück  in  der  vorigen
Saison  einen  so  kollossalen  Lacherfolg  errungen,  ist  nicht  daran
iu  zweifeln,  daß  auch  in  diesem  Jahre  der  Erfolg  ein  gleicher
fein  wird.  Jedenfalls  sehe  man  sich  diesmal  wirklich  bei  Zeiten
mit  Billets  vor,  da  der  Andrang  in  der  vorigen  Saison  ein
ganz  gewaltiger  war.
-j-Grundstücksverkauf.  Die  Grundstücke  Fregestr.  65-66,
jjroi  Herrn  Steinberg  gehörig,  sind  für  den  Preis  von  225  000
Mark  in  den  Besitz  des  Bankprokuristen  Herrn  Benedickt,  Hierselbst ­
  wohnhaft,  übergegangen.
ch  Der  Sylvesterkarpfen  ist  im  Verhältniß  zu  den
Fleischpreisen  in  diesem  Jahre  billig.  Die  Zufuhr  war  m  den
letzten  Tagen  eine  sehr  starke.  Im  Engrosverkehr  stellte  sich
der  Preis  für  50  Kilogramm  auf  68—72  M..  während  im
Detailverkehr  die  Karpfen  mit  0,80—1,10  M.  pro  Pfund  abgegeben ­
  werden.
'  f  Zum  Jahreswechsel  sandte  eine  Freundin  unseres
Blattes  folgendes  Gedicht:
'  Die  Stunde  naht!  Wir  müssen  scheiden,
Aahr  wohl,  du  liebes,  altes  Jahr,
Du  gabst  in  Glück  und  Leid  in  Beiden
Mir  reichen  Segen  immerdar.
Die  Stunde  naht!  Wir  müssen  wandern
Ins  dunkle  neue  Jahr  hinein,
G  Herr,  von  einem  Tag  zum  andern
Laß  leuchten  mir  die  Gnade  dein.
Erhalte  mir  im  Areuz  den  Glauben
Daß  Leiden  kommt  aus  deiner  Hand:
Soll  bitt'rer  Tod  mein  Liebstes  rauben
So  tröste  mich  am  Grabesrand.
Willst  du  mich  führen  lichte  Pfade
Mir  senden  Glück  und  Sonnenschein,
So  laß  mich  preisen  deine  Gnade
Und  lehre  mich  recht  dankbar  sein.
Die  Stunde  macht!  Gin  dankbar  Schauen
Zurück  in  die  Vergangenheit,
Gin  Wunsch!  In  gläubigem  Vertrauen
Gott  du  mein  Hort  in  Ewigkeit.

<£.  Lehnerdt-Friedenau.
-J-  Den  Zehnpfennigtarif  will  die  Große  Berliner
Straßenbahn  vom  1.  Januar  allgemein  einführen.  Da  die
Straßenbahnen,  die  durch  Friedenau  gehen,  den  Titel  »Westliche ­
  Vorortbahn"  führen,  aber  von  der  Großen  Berliner
Straßenbahn  verwaltet  werden  und  auch  gehören,  so  wäre  es
nun  recht  und  billig,  daß  der  10  Pfcnnigtarif  auch  für  diese
Strecken  vom  1.  Januar  eingeführt  würde.  Für  die  Vororte
soll  aber  der  alte  Satz  noch  bestehen  bleiben.
-j-  Briefaufschriften.  Wer  nach  Berlin  schreibt,  vergesie
  nicht,  in  der  Aufschrift  den  Postbezirk  und  die  Nummer
deö  Postamts  anzugeben,  von  dem  die  Sendung  bestellt  oder
abgeholt  wird.  Sebstverständlich  ist  außerdem  auch  die  Angabe ­
  der  Straße,  der  Hausnummer,  des  Gebäudetheils  und  des
Stockwerks  erforderlich.  Man  muß  also  beispielsweise  schreiben:
»An  Herrn  Kaufmann  Karl  Müller  in  Berlin  NW.  6,
Albrechtstraße  Nr.  7,  Hinterhaus  III  Tr.  links."
-s  Der  ermäßigte  Posttarif  hat  auf  den  Absatz  von
Neujahrskarten  einen  ganz  bedeutenden  Einfluß  ausgeübt,  denn
noch  niemals  sind  diese  Karten  in  solchen  Massen  vom  Publikum ­
  gekauft  worden  wie  in  diesem  Jahre.  In  den  Papiergeschäften ­
  herrschte  besonders  am  gestrigen  Sonntag  und  auch
am  heutigen  Tage  ein  ganz  kolossaler  Andrang,  so  daß  die
Käufer  nur  langsam  bedient  werden  konnten.  Denn  viele  Per-{
 onen,  die  in  früheren  Jahren  manchen  ihrer  Bekannten  bei  der
christlichen  Neujahrs-Gratulation  übergangen  hatten,  schicken  in
Folge  des  billigen  Portos  diesmal  bedeutend  mehr  Briefe  und
Karten  ab  als  sonst.  Besonders  beliebt  sind  Neujahrs-Postkarten, ­
  die  in  diesem  Jahre  in  ganz  gewaltigen  Massen  und
in  vielen  originellen  neuen  Mustern  auf  den  Markt  gebracht
worden  sind  und  die,  mit  einer  2-Pfennigmarke  frankirt,  ein
( ehr  bequemes  und  billiges  Gratulationsmittel  bilden.  Auch  die
chönen  mit  Golddruck  versehenen  Glückwunschkarten,  die  ebenfalls ­
  für  2  Pfennige  als  Drucksache  befördert  werden  und  außer
der  vorgedruckten  Inschrift  noch  fünf  von  der  Hand  des  Absenders ­
  geschriebene  Wörter  erhalten  dürfen,  erfreuen  sich  einer
großen  Beliebtheit.  Natürlich  macht  die  Reichspost  trotz  des
billigeren  Portotarifs  bei  dieser  Massenabsendung  recht  gute
Geschäfte,  wozu  noch  kommt,  daß  bei  verschlossenen  Neujahrsbriefen, ­
  auch  wenn  dieselben  von  einer  Person  in  größeren
Mengen  am  Schalter  abgegeben  werden,  eine  Preisermäßigung,
wie  dies  vor  Einführung  des  neuen  Posttariss  der  Fall  war,
nicht  mehr  eintritt.
ii  -,  f  Die  Ursachen  von  Ofen-Explofionen  infolge
Verbrennens  von  Weihnachtsbäumen  wurden  dieser  Tage  in
einer  Sitzung  der  Polytechnischen  Gesellschaft  erklärt.  Tanne
und  Fichte  sind  im  Stamm,  Zweigen  und  Nadeln  sehr  harzreich. ­
  Das  Harz  enthält  Kohlenwasserstoff.  Wird  der  Baum
verbrannt,  so  entströmt  der  Kohlenwasserstoff  in  großer  Menge.
Geschieht  das  Verbrennen  in  einem  Ofen  oder  Herd  mit
starkem  Zuge,  so  verbindet  sich  der  Kohlenwasserstoff  mit  dem
Sauerstoff  der  atmosphärischen  Luft  und  es  entstehen  Gase  sehr
explosibler  Art,  denen  der  Kachelofen  nicht  Stand  hält.  Wie
bedeutend  der  in  den  Nadeln  des  Baumes  enthaltene  Kohlenwafferstoff
  ist  und  wie  kräftig  er  unter  der  Einwirkung  der

Hitze  ausströmt,  läßt  sich  erkennen,  wenn  man  einen  mit
Nadeln  besetzten  Zweig  einer  Kerzenflamme  nähert.  Die  Ausströmung ­
  des  Kohlenwafferstoffes  aus  den  Nadeln,  die  mnen
eine  Röhre  besitzen,  ist  so  stark,.  daß  die  Flamme  der  Kerze
meist  auslöscht  oder  ausgeblasen  wird.  c
+  Die  Ziehung  der  ersten  Klaffe  der  204.»Preuß.
Lotterie  beginnt  am  Dienstag,  den  8.  Januar.  Dietzbestellten
und  noch  nicht  abgeholten  Loose  müssen  bis  spätestens  ^Sonnabend, ­
  den  5.  Januar,  Abends  8  Uhr.  abgehoben  werden.
f  Die  Wagen  der  Westlichen  Vorortbahn  verkehren ­
  in  der  heutigen  Sylvesternacht  wie  folgt:  Letzter  Wagen
von  der  Linkstraße  Nachts  3  Uhr.  Von  12  Uhr  ab  halbstündlich. ­
  Zwischen  Bahnhof  Zoologischer  Garten—Steglltz
dauert  der  Verkehr  bis  2  Uhr  Nachts.
—  Neujahrö-Wohnungsfuchcr,  d.  h.  Leute,  die
am  2.  Januar  1901  ausziehen  müssen,  aber  noch  keine  passende
Wohnung  gefunden  haben,  find  auf  eine  eigenartige  Idee  gekommen,
  sich  ein  geeignetes  Quartier  zu  beschaffen.  Sie  haben
sich  nämlich  im  Gebäude  des  Amtsgerichts  I  nach  den  in
Exmissionsklagen  anstehenden  Terminen  erkundigt,  deren  leider
beim  jetzigen  Quartalsschlüsse  nicht  wenige  abgehalten  werden.
Aus  diese  Weise  bekommen  sie  heraus,  wo  noch  Wohnungen
leer  werden  und  bestürmen  nun  die  Wirthe,  ihnen  nun  die
Wohnungen  zu  vermiethen.  Ja,  es  tteten  sogar  Agenten  auf,
welche  diese  Art  der  Ermittelung  leer  werdender  Wohnungen
geschäftsmäßig  betreiben.
-j-  Franenharmonie.  Unter  dieser  Spitzmarke  schreibt
uns  ein  Freund  unseres  Blattes  und  Bewohner  unseres  Ortes:
Zu  meinem  mehrjährigen  allgemeinen  Kranksein  gesellte  sich
noch  ein  Spezialleiden,  das  mich  veranlaßte,  ein  Krankenhaus
unseres  Kreises  aufzusuchen.  Auf  der  einen  Hälfte  des  Gebäudes ­
  befinden  sich  vier  Zimmer  zur  Aufnahme  von  Kranken
1.  und  2.  Klasse.  In  einer  dieser  Stuben  lagen  zwei  recht
schwer  Kranke,  eine  Frau  etwa  45  Jahr  und  ein  Fräulein,
77  Jahre  alt.  Die  gegenseitigen  Klagen  spitzten  sich  immer
mehr  zu,  und  führten  am  zweiten  Feiertag  zur  vollständigen
Trennung.  Und  die  Ursache  war  —  der  Weihnachtsbaum.
Jeder  Krankensaal  erhielt  einen  Weihnachtsbaum  und  die
Patienten  der  2.  Klasse  wurden  gefragt,  ob  sie  auch  in  ihrem
Zimmer  einen  Baum  wünschten.  Die  beiden  Damen  lagen  in
einem  ziemlich  großen  Zimmer  und  auch  an  sie  wurde  die
Frage  wegen  des  Baumes  gerichtet.  Die  Frau  stimmte  freudig
zu,  während  das  alte  Fräulein  sich  mit  Händen  und  Füßen
dagegen  sträubte;  sie  sagte,  es  wäre  ihr  Tod,  wenn  ein  Baum
in  das  Zimmer  gebracht  würde;  natürlich,  wenn  sie  so  wenig
krank  wäre,  wie  ihre  Leidensgenossin,  dann  hätte  sie  nichts  dagegen. ­
  Diese  Aeußerung  konnte  sich  die  Frau  nicht  gefallen
lassen,  und  cs  entspann  sich  ein  heftiger  Kampf  um  das  Mehrkranksein, ­
  der  bis  zu  Thätlichkeiten  ausartere,  indem  sie  sich
gegenseitig  von  ihrem  Lager  aus  mit  Gläsern,  Büchern  usw.
bombardirten.  Das  Fräulein  bat  nun  himmelhoch  den  dirigirenden
  Arzt,  sie  in  ein  anderes  Zimmer  zu  bringen,  wenn  er
nicht  will,  daß  sie  schleunigst  das  Zeitliche  segnen  soll.  Dem
Direktor  blieb  nichts  anders  übrig,  als  eine  Trennung  der
beiden  Unversöhnlichen  zu  veranlassen.
ch  Einen  traurige«  Anblick  boten  am  Sonnabend
drei  von  einer  Frau  L.  ausgesetzte  Kinder.  Die  Frau,  deren
Mann  eine  längere  Freiheitsstrafe  absitzt,  war  wegen  ihrer
Unverträglichkeit  aus  der  Cholerabaracke  gewiesen,  sie  nahm  nun
ihre  drei  kleinsten  Kinder  im  Alter  von  2—5  Jahren  und
setzte  sie  vor  das  hiesige  Amtsgebäude,  wo  sie  die  Kinder  verließ, ­
  trotzdem  der  Regen  in  Strömen  goß.  Von  der  Verwaltung ­
  wurde  nun  ein  Gemeindediener  beauftragt,  die  hilflosen ­
  Wesen  in  die  Cholerabaracke  zurückzubringen,  welchem
Aufträge  der  Beamte  mit  Hilfe  einer  liebevollen  Frau  nachkam.

Kchöneberg.
—  Der  Kricgerverein  zu  Schönebcrg  hielt  am
29.  Dezember  sein  Weihnachtsfest  mit  Bescheerung  ab.  Das
Fest  war  sehr  gut  besucht,  es  wurden  86  Kinder  bescheert  und
13  Kameraden  mit  je  20  M.  unterstützt.  Die  Musik  war
von  der  Kapelle  des  Eisenbahn-Regiments  (Kapellmeister  Lebede)
gestellt.  Nach  einem  Klaviervortrag  von  Geschwister  Schley
fand  die  Ansprache  des  Vorsitzenden  Herrn  Müller  statt,  welche
in  einem  begeistert  aufgenommen  Hoch  auf  Se.  Majestät  den
Kaiser  ausklang.  Hierauf  wurde  die  Nationalhymne  und
»Deutschland,  Deutschland  über  alles"  gesungen.  Den  Prolog
sprach  Frl.  Elöbeth  Henze.  Die  Festrede  hielt  Herr  Pastor
Rodatz,  derselbe  ließ  die  sämmtlichen  Kinder  vonreten  und  ermahnte ­
  sie,  gut  und  brav  zu  ihren  Eltern  zu  sein.  Unteranderem
  erzählte  er,  wie  unser  Kaiser  jeden  Heiligabend
spazieren  geht  und  verschiedene  Personen,  denen  er  begegnet,
mit  Geldspenden  beschenkt,  so  unter  anderen  die  beiden  Wachposten ­
  in  Sanssouci  mit  je  20  M.  Das  Geld  wird,  da  der
Posten  unterm  Gewehr  kein  Geld  nehmen  darf,  im  Schilderhaus ­
  niedergelegt.  Ferner  beschenkte  der  Kaiser  einen  Bierfahrer ­
  und  einen  Knaben,  der  einen  Handwagen  zog,  in
welchen  der  Kaiser  ein  Geldstück  warf.  Als  der  Junge  darauf
aufmerksam  gemacht  wurde,  suchte  er  das  Geldstück  und  als  er
es  gefunden  hatte,  lief  er  dem  Kaiser  nach  und  ries:  »Herr
Kaiser,  Herr  Kaiser".  Als  der  Kaiser  stehen  blieb  und  den
Jungen  frug,  was  er  wolle,  sagte  dieser:  »Ich  danke,  mein
lieber  Herr  Kaiser,  für  das  schöne  Geschenk."  Nach  der  Rede
folgte  das  Chorlied  »Stille  Nacht,  heilige  Nacht"  und  ein
Musikstück.  Herr  Kamerad  Haase  trug  unter  Klavierbegleitung
seines  Sohnes,  der  bei  den  Gardeschützen  steht,  ein  mit  vielem
Beifall  aufgenommenes  Weihnachtsgedicht  .Freud  und  Leid"
vor.  Bei  der  Bescheerung  mußten  die  Knaben  und  Mädchen
zu  je  sechs  antreten  und  ihr  Weihnachtsgeschenk  in  Empfang
nehmen,  inzwischen  verkauften  Töchter  der  Kameraden  die  Loose
zur  Tombola,  wozu  jeder  Kamerad  ein  Geschenk  gestiftet  hatte.
Den  Schluß  bildete  ein  Tanzkränzchen  mit  Kaffeepause,  in
welcher  deklamatorische  und  Gesangsvotträge  von  Kindern  der
Kameraden  abwechselten.
—  Kriegsveteranenverein  Schöneberg.  Die
nächste  Versammlung  findet  am  Donnerstag,  den  3.  Januar
1901  im  Wilhelmshos  statt.

—  Der  Alarmruf  »Feuer  in  der  Mai8on.de  santd*
rief  am  gestrigen  Sonntag  Nachmittag  nicht  nur  die  gesammte
Schöneberger,  sondern  auch  einen  Theil  der  Berliner  Feuerwehr
nach  der  bekannten  in  der  Hauptstraße  17/18  gelegenen  Heilanstalt. ­
  Es  waren  ein  Zug  von  der  Apostel-Kirche  und  der
Dampffpritzenzug  vom  Schöneberger  Ufer  zur  Stelle,  die  jedoch
sofort  wieder  abrücken  konnte,  da  nur  in  einer  Zelle  ein
Strohsack  in  Brand  gerathen  war  und  das  dadurch  entstandene
Feuer  von  der  Schöneberger  Wehr  sofort  gelöscht  wurde.

Kerlin  nnd  N*r»rte.
Wannsee.  Eine  neue  Villenkolonie  ist  auf  der  sogen.
Rehwiese  im  Entstehen  begriffen.  Die  Rehwiese  war  bisher
den  wenigsten  Gruncwaldbesuchern  bekannt  und  diejenigen,  die
sie  kannten,  liebten  die  Gegend  wegen  ihres  ungestörten  Naturfriedens. ­
  Hier  konnte  man  in  weihevoller  Ruhe,  fern  vom
Getriebe  der  Menschen  zwischen  Wald,  Wiese  und  Wasser
wandern,  dem  Gesänge  der  Vögel  lauschen  und  das  scheue
Wild  sich  tummeln  sehen.  Die  Rehwiese  verbindet  gewissermaßen ­
  den  Schlachtensee  mit  dem  Wannsee  und  bezeichnet  so
die  letzte  Strecke  des  alten  Spreebettes,  wie  es  einstmals  mitten
im  Grunewald  lag.  Im  Bogen  zieht  es  östlich  der  unweit
Beelitzhof  sich  kreuzenden  Eisenbahnen  hin  und  endet  an  dem
hohen  Bahndamme  kurz  vor  dem  Bahnhöfe  Wannsee  mit  dem
kleinen  Nikolassee,  dessen  glitzernder  Spiegel  freundlich  zu  den
unablässig  dort  oben  hinrollenden  Bahnzügen  hinaufschaut.
Nur  eine  halbversteckte  Sägemühle  liegt  an  jenem  langgestreckten
Fenn;  sonst  stört  nichts  den  reinsten  Naturgenuß.  Seit
Kurzem  rührt  sich  nun  auch  hier  geschäftig  die  Axt,  um
Straßen  und  Wege  durch  den  Waldgürtel  der  Rehwiese  zu
bahnen,  und  bald  wird  an  Stelle  des  stillen  Forstes  sich  eine
Villenkolonie  erheben.  Schon  beginnt  man  an  der  Kreuzungsstelle ­
  der  Bahnlinien  mit  dem  Neubau  eines  Doppelbahnhofes,
der  den  Bewohnern  der  neuen  Kolonie  erlaubt,  sowohl  mit  der
Stadtbahn  wie  mit  der  Wannseebahn  Berlin  zu  erreichen.
§  Ueber  Raubfischer  an  der  Oberspree  hört  man
aus  den  betheiligten  Kreisen  wieder  lebhafte  Klagen.  Die
Fischpiraten  haben  es  trotz  der  größten  Wachsamkeit  seitens  der
zum  Fange  berechtigten  Fischer  bisher  verstanden,  ihre  Räubereien
ungehindert  auszuführen  und  zwar  geschieht  dies  besonders  zur
Nachtzeit.  Die  Fischer  finden  oft  genug  ihre  am  Rummelsburger ­
  See  und  anderen  fischreichen  Stellenausgelegten  Netze  und
Raufen  am  Morgen  geleert,  aber  sonst  in  ordnungsmäßigem
Zustande  vor.  Gerade  in  der  Weihnachts-  und  Ncujabrszeit,
der  lohnendsten  Fischverkaufszeit  des  Jahres,  macht  sich  die
Dieberei  für  die  Fischer  recht  empfindlich  bemerkbar,  da  die
Räuber  die  vielen  gestohlenen  Fische  unmöglich  selbst  verzehren
können,  so  werden  sie  jedenfalls  verschwiegene  Abnehmer  finden.
§  Ein  Mordversuch  und  Selbstmord  wird  aus
Charlottenburg  gemeldet.  Dort  betreibt  in  der  Bcrlinerstraße
Nr.  57  ein  junges  Fräulein  namens  Griebe  ein  Cravattengeschäft.
  Heute  Morgen  8  Uhr  kam  ihr  früherer  Bräutigam,  der
Kaufmann  L.  zu  ihr  mit  dem  Verlangen,  das  frühere  Verlöbniß
  wieder  herzustellen.  Auf  die  Weigerung  des  Fräulein
Griebe  gab  L.  drei  Schüsse  aus  eincni  Revolver  aus  sie  ab.
Ein  Schuß  ging  dem  Mädchen  in  den  Kopf,  einer  in  die
Brust  dicht  unter  der  Schulter  und  ein  Schuß  ging  fehl.
Während  sich  eine  Aufwärterin  um  die  Verwundete  bemühte,
schoß  sich  L.  eine  Kugel  in  die  Schläfe,  die  ihn  sofort  tödtete.
Frl.  G.  befindet  sich  jetzt  im  Krankenhause,  sollt:  sie  wieder
hergestellt  werden,  so  wird  sie  wohl  auf  einem  Auge  blind
bleiben.

Gerichtliches.
(:)  Eine  wichtige  Entscheidung  für  die  Berliner
Vororte  hat  das  Oberverwaltungsgericht  in  Betreff  der  Zahlung
zu  den  Kosten  für  die  Verwaltung  der  Kriminal-  und  Sittenpolizei ­
  gefällt.  Nach  einer  Berechnung  des  Oberpräsidenten
sollte  die  Gemeinde  Treptow  für  die  Verwaltung  der  Kriminalund
  Sittenpolizei,  die  vom  Minister  dem  Polizeipräsidenten  von
Berlin  übertragen  ist,  jährlich  2442  M.  zahlen.  Die  Gemeinde
Treptow  beschritt  jedoch  mit  Erfolg  den  Klageweg  beim  Oberverwaltungsgericht, ­
  das  erklärte,  Treptow  habe  überhaupt  nichts
zu  zahlen.  Nach  §  6  des  Polizeikostengesetzes  trete  in  denjenigen ­
  Gemeinden,  denen  gewisse  Zweige  der  Ortspolizei-Derwaltung
  zur  eigenen  Verwaltung  überwiesen  seien,  eine  der
Minderausgabe  des  Staates  entsprechende  Ermäßigung  des  Beitragssatzes ­
  ein.  Da  nach  tz  5  des  Polizeikostengesetzes  der
höchste  Satz  für  den  Kopf  in  Gemeinden  von  weniger  als
40  000  Einwohnern  sich  auf  70  Pf.  belaufe,  so  käme  von
diesem  Satze  der  Betrag  in  Abzug,  der  sich  ergebe,  wenn  man
die  Minderauszabe  des  Staates  (21  000  M.)  durch  die  Bevölkerungszahl ­
  (2829)  dividire  —  7,42  M.  Demnach  habe
Treptow  nichts  zu  zahlen,  weil  7,42  M.  von  0,70  M.  nicht
abzuziehen  sei.  Treptow  zahlt  für  seine  Polizeiverwaltung  schon
etwa  21  000  M.

Das  Kild  der  Grirmerrrng.
Eine  Skizze  zum  Jahresschluß  von  Kurt  Menzel.
(Nach  dem  Französischen).  (Nachdruck  verboten.)
Monatelang  pflegte  ich  am  frühen  Morgen  zu  arbeiten.
O,  wie  unglücklich  würde  ich  gewesen  sein,  wenn  der  frühere
Miether  gekommen  wäre,  um  sein  Bild  wegzuholen!  Ich  ließ
es  jetzt  in  einen  weißen  Rahmen  setzen  und  schmückte  es  jeden
Tag  beim  Morgengrauen  mit  einem  einzigen  Primel,  einem
Vergißmeinnicht  oder  einem  halb  entfalteten  Moosröschen.  Und
unter  dem  engelsgleichen,  kindlichen  Dufte  des  wonnigen
Weibes,  welches  mich,  schon  auf  der  Neige  meines  Lebens,  mit
ihrer  Liebe  beglückt  hatte,  belebten  sich  meine  Gedichte  mit
einem  frischen  Hauche,  dem  Anzeichen  kommender  Kälte.
Aber  allmählich  überkam  mich  ein  gewisser  Ucberdruß  an
den  von  mir  bereits  vollendeten  Werken  und  ein  Widerwille,
neue  zu  schaffen.  -  Ich  wohnte  nun  schon  lange  in  jenem  Logis,
und  das  Bild  glich  immer  weniger  dem  holden  jungen  Weibe,
das  unter  den  Todten  weilte,  bis  es  schließlich  gar  keine  Aehn-
            
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