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Volume Nr. 45, 16.04.1898

Full text : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 5.1898 (Public Domain)

ganze  erst  die  abgegebenen  Stimmzettel  durchgezählt  unv
danninst  wieder  die  Namen  auf  den  Stimmzetteln  verlesen
und  gezählt  werden.  Und  so  dauerte  denn  der  erste  Wahlgang, ­
  «n  welchem  409  Wähler  theilnahmen,  fast  zwei
Stunden,  während  die  heiteren  Mahlgänge,  /mit  deren  jedem
dis  Zahl  der  anwesendes  Wähler  um  20  bis  30,  ja  selbst
50  zusammenschmolz,^-noch  1  Va  bis  zu  1  Stunde  beanspruchten. ­
  Infolgedessen  waren  um  12  Uhr  Nachts,  also
nach  15  Sttmde»,  erst  genau  hie  Hälfte  (11)  der  Wahlgänge ­
  erledigt.'  Um  12  Uhr  5  Minuten  reichten  dann  16
Wähler  der  Vorortpartei,  von  der  die  größte  Zahl  schon
längst  wieder  wegen  ihrer  Berufspflichten  dem  endlosen
Wahlgefchäft  im  Kreishause  den  Rücken  hatte  wenden  müßen,
gegen  die  Fortsetzung  der  Wahl  einen  Protest  ein,  weil  sie
.körperlich  nicht  mehr  in  der  Lage  seien,  ihr  Wahlrecht  noch
weiter  ausüben  zu  können/  Der  Landrath  ließ  jedoch  den
Protest  unberückfichttgt,  worauf  die  16  Wähler  den  Saal
verließen.  Nunmehr  erhoben  einige  60  weitere  Wähler  der
Vorortpartei  gegen  die  Fortführung  der  Wahl  mit  der  Begründung ­
  Einspruch,  daß  der  amtlich  festgesetzte  Wahltag
vorüber  sei.  Doch  auch  jetzt  erklärte  der  Landrath,  er  werde
trotzdem  welterwählen  laßen,  was  dann  die  sämmtlichen
übrigen  Wähler  der  Vorortpartei  gleichfalls  zum  Verlaßen
des  Saales  bestimmte.  Nachdem  sie  aber  gegangen  waren,
wurde  über  die  noch  zu  wählenden  11  Abgeordneten  insgesammt ­
  in  —  keine  40  Minuten  entschieden,  indem  der  Landrath,
  das  Wahiverfahren  ohne  Weiteres  abkürzend,  die  842
Wählernamen  noch  einmal  verlesen  und  dann  von  den  kaum
noch  50  zurückgebliebenen  Wählern  alle  11  übrigen  Abgeordneten ­
  zusammen  in  einem  einzige»  Wahlgange  wählen
ließ,  was  nunmehr  —  einstimmig  geschah.  Auch  dieses
»abgekürzte  Verfahren'  wird  von  der  Vorortpartei  als  ungesetzlich ­
  erklärt  und  soll  deshalb  angefochten  werden.  Außerdem ­
  wird  behauptet,  daß  eine  Anzahl  von  Wählern  der
Gutsbesitzerpartei  die  mit  den  Namen  ihrer  Kandidaten
beschriebenen  Stimmzettel  nicht  zusammengefaltet,  sondern
vorschriftswidrig  ganz  offen  und  derart  der  vollen  Länge  nach
in  die  Wahlurne  gesteckt  haben,  daß  der  Landrath  die
Namen  der  Kandidaten  deutlich  lesen  konnte.  Endlich  sollen
einige  der  auf  diese  Weise  gewählten  Abgeordneten  gewissen
Bestimmungen  der  Wahlvorschriften  nicht  entsprechen,  also
nicht  wahlfähig  sein.  Aus  all'  diesen  Gründen  hält  die
Vorottpatter  die  ganze  am  Mittwoch  vorgenommene  Wahl
der  ländlichen  Großgrundbesitzer  für  ungiltig  und  wird  dieselbe ­
  eventl.  bis  zur  letzten  Instanz  anfechten.  >
Das  amtliche  „KreiSbl."  des  Kreises  Teltow  nennt  diese
Wahl  einen  großen  Wahlsieg  der  zum  gemeinsamen  Kampf
verbundenen  Großgrundbesitzer,  Großhauöbesitzer  und  Gewerbetreibenden! ­
  —  Die  Namen  .der  als  gewählt  Proklamirten
sind  folgende:  1.  Zimmermeister  Zuliuö  Aßmann-Groß-Lichterfelve.
  2.  Molkereibesitzer  Beiß  zn  Rixdorf  (der
einzige  gewählte  Kandidat  der  Vorortpartei).  3.  Gartenbaudlrektor
  Buntzel  zu  Niedcr-Schönweide.  4.  Direktor
Eichmann-Dt.-Wilmersdorf.'  5.  Maurer-  und  Zimmermstr.
Hanuschke-Dt.-Wilmersdorf-,  6-ForstmeistexGraf  d'Haussonville
zu  Grunewald.  7/Kaufmann  Hoddick-Dt.-Wilmersdorf.
8.  Gärtnereibesitzer  Martin  Hoffmann-Treptow.  9.  Fabrikbesitzer ­
  Johannes.  Kahlbaum-Adlershof.  10.  Fabrikbesitzer
Kretzer-Nicder-Schönweide.  11.  Maurermeister  Kuhligk-Steglitz.
  12.  Architekt  Leist-Friedenau.  13.  Gutsbesitzer
Lehne-Tempelhof.  14.  Geh.  Sanitätsrath  Dr.  Lachr-Zehlendorf.
  15.  Stadtrath  Marggraff  -  Gr.-Lichterfelde.
16.  Baumeister  Mensching-Gr.-Lichterfeldc.  17.  Ingenieur
Reumann  -  Dt.  -  Wilmersdorf.  18.  Prof.  Dr.  Petersilie-Feiedenau.
  -9.  Rittergutsbesitzer,  Rittmeister  Richter-Mahlow.
  20.  Kgl.  Baurath  Techow-Steglitz.  21.  Reg.-Baumeister
  Walther-Kolonie  Grunewald.  22.  Rittergutsbesitzer ­
  Wrede-Diepensee.
Wie  unser  ^-Korrespondent  meldet,  ist  diese  Entscheidung^ ­
  durch  eine  Reihe  von  Vororten  selbst  herbeigeführt
worden  ist,  damit  _—  Schöneberg  und  Rixdorf  in  dem
neuen  Kreistage  kein  Uebergewicht  erhalten  sollen.  Denn
da  ersteres  für  sich  als  Stadt  11  Abgeordnete  selbst  zu
wählen  hat  und  viele  Besitzer  des  Ortes  außerdem  noch  im
Verbände  der  Groß-Gruodbesitzer  mitwählen  konnten,  so
wurde  namentlich  in  Wilmersdorf,  Tempelhof,  Treptow,
Niederschönwaide  rc.  befürchtet,  daß  die  Schöneberger  und
Rixdorfer  Vertreter  nebst  ihren  Freunden  aus  anderen  VorortcrP
  die  Mehrheit  erhalten  würden,  und  daß  dann,  beim
Ausscheiden  Schönebergs  aus  dem  Kreise,  die  vom  Kreistag
festzusetzende  Abfindung  nicht  hoch  genug  normirt  werden
könnte,  infolgedessen  die  von  den  übrigen  großen  Vororten
dann  allein  zu  tragenden  Kreissteuerlasten,  zumal,  wenn
etwa  auch  Rixdorf  noch  ebenfalls  Stadt  werden  und  ausscheiden ­
  sollte,  noch  wieder  mehr,  als  ohnehin  schon  besorgt
wird,  anschwellen  würden.  Aus  diesem  Grunde  haben  die
Wilmersdorfer,  Treptower,  Tempelhofer  rc.  Besitzer  gegen  die
Kandidaten  der  Schöneberger,  Rixdorfer,  Steglitzer  usw.  gestimmt ­
  und  so  den  -ländlichen  Großgrundbesitzern  zum  Siege
verhelfen.  Man  darf  aber  nach  alledem  gespannt  darauf
sein,  ob  auch  nach  dem  erfolgten  Ausscheiden  Schönebergs
aus  dem  Kreise  die  erstgenannten  Vororte  dann  weiterhin
mit  den  ländlichen  Besitzern,  zusammengehen,  oder  ob  sie
dann  wieder  wie  in  den  letztverflossenen  zwei  Jahren  sich
den  übrigen  Vororten  im  Kampfe  gegen  den  ländlichen
Großgrundbesitz  anschließen  werden.  -
f  Der  Rheinstraßen-Vertrag,  welcher  mit  den
von  der  Gemeinde-Vertretung  beschlossenen  Abänderungen
(Vergl.  obigen  Sitzungsbericht)  dem  Vertreter  des  Konsortiums ­
  Herrn  Bachstein  gestern  zugestellt  wurde,,  ist,  wie
wir  hören,  vom  letzteren  acceptirt  worden  und  bereits  der
Provinzial-Behörde  überreicht  worden.  Die  Einigung  zwischen
den  drei  Konttahenten  ist  somit  endgiltig  zu  Stande  gekommen. ­

ch  Anmeldung  zum  Konfirmaudenunterricht.
Wie  uns  Hen  Pfarrer  Görnandt  mittheilt,  beginnt  der
Konfirmandenunterricht  für  die  Schüler  und  Schülerinnen
der  Gemeindeschule  am  Dienstag,  den  26.  April,  11  Uhr;
für  die  Schülerinnen  höherer  Mädchenschulen  am  Dienstag,
den  26.  April,  12  Uhr.  Die  Schüler  höherer  Lehranstalten
wollen  sich  zur  Besprechung  und  Festsetzung  der  Unterrichtszeit ­
  am  Sonnabend,  den  30.  April,  3  Uhr  Nachmittags
versammeln.  Von  den  bisher  noch  nicht  Angemeldeten  sind

die  Taußcheine  mitzubringen.  Ort  des  Unterrichts  ist  für
alle  die  hiesige  Gemeindeschule,  Albestraße  33.  Zur  "Entgegennahme ­
  von  Anmeldungen  ist  der  Herr  Pfarrer
täglich  bereit.  ■
f  Die  feierliche  Einschulung  der  kleinen  Kinder  in
die  hiesige  Gemeindeschule  hat  gestern  früh  um  8  Uhr  in
der  Turnhalle  stattbefunden.  Meistens  waren  die  Mütter
mit  ihren  kleinen  Lieblingen  erschienen,  um  sie  bei  dem  ersten
Schritt  ins  arbeitsvolle  Leben  zu  begleiten.  Die  angemeldeten ­
  Kinder  waren  fast  '  sämmtlich  erschienen.  Herr
Rektor  Hannemann  hielt  eine  kurze  Ansprache  an  die  anwesenden ­
  Eltern,  in  welcher  er  hervorhob,  daß  dieselben  nach
Kräften  an  der  Ausbildung  der  Kinder  mitwirken  möchten,
namentlich  aber  nicht  unnöthige  Bemerkungen  über  die
Lehrer  ihrer  Kinder  machen  sollten.  Den  von  dem  „Friedenauer
  Lokalanzeiger'  gebrachten  Artikel  .Schone  den  Lehrer
’  deiner  Kinder'  unterschreibe  er  vollständig.  Es  wurden  in
die  Schule  140  Kinder  aufgenommen  —  eine  Zahl,  welche,
wie  der  Herr  Rektor  erwähnte,  bisher  noch  nie  erreicht
worden  ist.  Die  zu  beantwortenden,  an  die  Eltern  vertheilten ­
  Fragebogen  sollen  dem  Lehrer  als  Richtschnur  dienen,
wie  er  das  Kind  zu  behandeln  hat.  Es  folgte  nun  die  Zutheilung
  der  Kinder  an  die  Klaßenlehrer,  womit  die  Einschulung ­
  beendet  war.  Viele  Eltern  gingen  in  die  Klassenzimmer ­
  mit  hinein,  um  zu  sehen,  wie  ihre  Lieblinge  sich  auf
der  Schulbank  verhalten  würden.
f  Von  der  Ringbahn.  Die  Beleuchtungsanlage
auf  unserem  Ringbahnhof  für  Gasglühlicht  ist  heute  zu  Ende
geführt  worden.  Die  Lampen  sind  ziemlich  dicht  an  den
Ankunftsrampen  angebracht.  In  der  Mitte  der  Bahnhofshalle ­
  befinden  sich  gleichfalls  Lampen.  Der  Bahnhof  wird
durch  die  Gasglühlichtbeleuchtung  sehr  gewinnen  und  man
braucht  beim  Aus-  und  Einsteigen  in  die  Wagen  nicht  mehr
wie  früher  mit  einer  gewißen  Aengstlichkeit  auf  das  Trittbrett ­
  zu  steigen.  Mit  dem  Ziehen  des  Stacketzauns  am
Bahndamm  der  Ringbahn  ist  man  ebenfalls  ziemlich  fertig
und  der  Maler  waltet  bereits  seines  Amtes.
t  25  Jahre  ansässig  in  unserem  Orte,  dessen
offizielles  25  jähriges  Jubiläum  bekanntlich  erst  im  Herbst
nächsten  Jahres  ist,  war  Anfang  April  die  Familie  Sobeck.
Herr  Sobeck  wird  von  unserer  Gemeinde  als  Nachtwächter
beschäftigt  und  sowohl  er  wie  sein  mit  vorzüglichem  Spürsinn ­
  ausgerüsteter  Hund  .Barry"  sind  den  meisten  Friedenauern
  bekannt.
f  Gegen  die  Radfahrer  werden  noch  immer  von
vielen  Kindern  besonders  kleinerer  Orte  auf  den  Landstraßen  rc.
Ungezogenheiten  verübt,  durch  welche  schon  so  manche  Radler
und  vielfach  auch  die  betreffenden  Kinder  selbst  schweren
Schaden  erlitten  haben.  Da  ist  es  angebracht,  wenn  jetzt
im  Hinblick,  auf  den  Beginn  der  eigentlichen  .Radsaison'
in  den  Schulen  Veranlassung  zu  Belehrungen  der  Schulkinder ­
  über  die  Bedeutung  des  Fahrrades  als  neues  Verkehrsmittel ­
  genommen  werde.  Die  Schüler  werden  gewarnt,
diesem  Letzteren  Hindernisse  zu  bereiten,  und  es  werden
ihnen  zugleich  die  Gefahren  klargemacht,  welche  durch  das
Vorwerfen  von  Stöcken  rc.  vor  ein  herankonimendes  Fahrrad, ­
  namentlich  aber  durch  das  von  den  Krndern  am  meisten
ver>  bte  unvermuthete  Vorspringen  für  den  Radfahrer  wie
auch  für  die  Kinder  entstehen,  da  Letztere  beim  Sturze
des  Fahrers  mit  zu  Boden  gerissen  werden  und  hierbei  ebenfalls ­
  schwere  Verletzungen  erleiden  können.  Es  wäre  zu
wünschen,  daß  derartige  Belehrungen  der  Kinder  in  allen
Schulen  stattfänden,  da  die  Radfahrer  in  der  bezeichneten
Weise  aus  kindlichem  Unverstand  und  Ucbermuth  häufig  belästigt ­
  und  gefährdet  werden.
f  Theater  und  Konzert  findet  am  morgigen
Sonntag  im  „Rheinschloß"  statt.  Es  gastirt  hier  das
Märchen-Ensemble  Geschwister  Seitz  mit  der  Vorstellung
„Hänse!  und  Gretel".  Die  Darsteller  hatten,  wie  uns  mitgetheilt ­
  wird,  u.  A.  einen  großen  Erfolg  am  Schiller-Theater
  in  Berlin,  so  daß  die  Aufführung  Groß  und  Klein
Vergnügen  bereiten  dürste.  Während  und  nach  der  Vorstellung ­
  findet  das  beliebte  Künstler-Konzert  statt.  Wir
verweisen  im  Uebrigen  auf  das  bezügliche  Inserat  der
heutigen  Nummer.
-j-  Unsere  freiwillige  Feuerwehr  hält  am  Montag, ­
  den  18.  d.  M.,  Abends  8V 2  Uhr  die  Monatsversammlung ­
  des  aktiven  Korps  im  Vereinslokale,  Restaurant
.Kaiser  Wilhelm-Garten",  ab.  Die  Wichtigkeit  der  Tagesordnung ­
  erfordert,  daß  die  Kameraden  pünktlich  und  vollzählig ­
  erscheinen.
f  Verein  der  Gastwirthe.  Die  Monatssihung
des  Vereins  findet  am  nächsten  Dienstag,  Nachmittags
5  Uhr,  im  Kaiser  Wilhelmgarten  statt  mit  folgender  Tagesordnung: ­
  1.  Verlesung  des  Protokolls.  2.  Verlesung  eingegangener ­
  Schreiben.  3.  Verlesung  der  Mitglieder-Liste.
4.  Aufnahme  und  Anmeldung  neuer  Mitglieder.  5.  Die
Eisfrage.  6.  Antrag  des  Vorstandes.  7.  Besprechung  über
das  stattfindende  Stistungsfeft.  8.  Innere  Vereinsangelegenheiten. ­
  9.  Verbandsangelegenheiten.  Waaren  markt  -  Pause.
10.  Freie  Diskussion.  II.  Geschäftliche  Mittheilungen.
12,  Fragekasten.
-s  Fußball  -  Wettspiele.  Am  morgigen  Sonntag
werden  zwei  Fußball-Wettspiele  zwischen  dem  Friedenauer
Sport-Club  1895  und  dem  B.  F.  C.  Brandenburg  sowie
zwischen  dem  Friedenauer  Sport-Club  1895  und  dem  Verein
Sport-Excelsior  Berlin  in  Friedenau  zum  Austrag  koinmen.
Ersteres  findet  8V 2  Uhr  Vomirttags  auf  den,  Sportplatz
statt,  letzteres  um  3^/ 2  Uhr  jenseits  der  Wannscebahn.  Der
Eintritt  in  den  Sportpark  ist  unentgeltlich.
f  Eine  Verhaftung  im  Hause  des  Schlächtermeisters ­
  Herrn  Dudkiewicz,  Ecke  Hedwig-  und  Fregestraße,
erregte  gestern  Abend  vor  neun  Uhr  ungeheures  Aufsehen
in  unserem  Orte.  Zwei  Droschken  mit  Kriminalbeamten
aus  Berlin  und  ein  starkes  Aufgebot  von  Polizeimannschaften
waren  erschienen,  um  den  —  Mörder  der  gestern  früh  in
der  Hasenhaide  ermordeten  Luise  Günther  festzunehmen.
Wir  können  hier  jedoch  gleich  mittheilen,  daß  die  Polizei
auf  falscher  Fährte  war,  der  Verhaftete  ist  bereits  gestern
Abend  wieder  auf  freien  Fuß  gesetzt  worden.  Anlaß  zu  der
irrthümlichen  Verhaftung  des  bei  Herrn  D.  beschäftigten
Gesellen  Emil  Albrecht  gab  der  Umstand,  daß  der  muthmaßliche
  Mörder  denselben  Vor-  und  Zunamen  führt  und

zufällig  auch  ein  Jahr  später  bei  ein-  und  deststlben
Meister  in  Berlin  konditioniert  hat.  Diss«  Uckstand
brachte  in  unseren  stillen  Ort,  dessen  Name  glücklicher
Weise  noch  rein  von  einem  Morde  ist,  hie  Berliner
Kriminalpolizei.  Das  Ereigniß  wurde  gestern  Abend-  und
heute  früh  lebhaft  besprochen;  es  ist  sicher  für  gtmz
Friedenau  erfreulich,  daß  die  Verhaftung  sich  als  irrthÜWlich
herausgestellt  hat.
-j-  Abfassung  einer  Diebesbande.  Ein  bei
einem  Einbruch  in  Steglitz  ertappter  17jähriger  Arbeiter
Rex  hat  gestanden,'  daß  er  der  Urheber  mehrerer  in  der
Umgegend  vorgekommener  Diebstähle  sei,  und  auch  seine
Helfershelfer  genannt.  Wie  diese,  so  verhaftete  die  Polizei
auch  die  beiden  Hehler  der  Bande.  Es  sind  dies  ein
Handelsmann  Schulz  aus  der  Sedanstraße  in  Schöneberg
und  ein  gewisser  Berger.  Bis  jetzt  haben  die  Verhafteten
ungefähr  25  Einbrüche  und  Diebstähle  zugestanden.  Eine
Spezialität  der  Bande  bildete  die  Beraubung  von  Transportwagen ­
  verschiedener  Berliner  Waschanstalten.  Der  Raub
wurde  in  der  Weise  ausgeführt,  daß  die  Diebe  in  der
Dunkelheit  von  hinten  auf  die  Wagen  sprangen,.  Wäschestücke
herunterrissen  und  sie  auf  Umwegen  nach  Berlin-schafften.
Man  vermuthet,  daß  Mitglieder  dieser  Bande  auch-mehrere
in  unserem  Ort  vorgekommene  Diebstähle,  namentlich  die
Bleirohrdiebstähle  zu  Anfang  dieses  Jahres,  ausgeführt  haben.
-j-  Ein  grausiger  Fund  wurde  heute  früh  auf
einem  unbebauten  Grundstück  in  der  Wielandstraßc  in  der
Nähe  der  Provinzial-Chaussee  gemacht:  ein  im  Nebenhause
wohnender  Arbeiter  faud  dort  die  in  einen  bunten  Unterrock
gewickelte  Leiche  eines  Kindes.  Er  meldete  den  Fund  sofort
auf  der  Schöneberger  Polizeiwache  in  der  Hedwigstraße,
woraus  sich  zwei  Beamte,  sowie  der  praktische  Arzt  Herr
Dr.  Samter  an  Ott  und  -  Stelle  begaben.  Herr  -  Dr.
Samter  konstatirte,  daß  das  Kind  schon  vor  mehreren  Tagen
gestorben  sein  müsse,  da  es  bereits  deutliche  Spuren  von
Verwesung  zeigte.  Ob  ein  Mord  vorliegt,  wird  die  gerichtliche ­
  Obduktion  ergeben.
-j-  Preußische  Klaffenlotterie.  Die  Loose  zur
IV.  Klasse  der  198.  preußischen  Klassenlotterie  sind
spätestens  bis  zum  18.  Apttl,  Abends  6  Uhr,  unter.  Vorlegung ­
  des  Vorklassenlotterielooses  bei  Verlust  des  Anrechts
einzulösen.  Bis  dahin  nicht  erneuerte  Loose  sind  am  19.
und  20.  April  als  Kaufloose,  d.  i.  gegen  Nachzahlung  der
ersten  drei  Klassen  bei  der  Königlichen  Lotterie-Einnahme  zu
haben.  Die  20tägige  Gewinnziehung  beginnt  am  22.  April
und  ,  endigt  am  14.  Mai  d.  I.  ■  /  .  !■-  -
Aus  den  Uachtrarorte».
'  Schöneberg.  Bei  der  vorgestrigen  Stadtverordnetenwahl ­
  im  5.  Bezirk  3.  Abtheilung  ist  der  Kandidat
der  sozialdemokratischen  Partei  Klempner  Masuch  gewählt
worden.  *
*  Schöneberg.  Der  Bezirksverein  I  hatte  vorgestern
Abend  nach  dem  „Schwarzen  Adler."  in  Schöneberg  eine
öffentliche  Protest-Versammlung  gegen  die  erfolgte  Abfindung
des  früheren  Gemeindevorstehers  Schmock  '  berufen.  Wie
unser  VZ.-Korrcspondent  berichtet,  war  die  Bürgerschaft  des
Ottes  äußerst  zahlreich  erschienen,  und  die  Besprechung  der
Angelegenheit,  an  welcher  auch  drei  Stadtverordnete  sich  lebhaft ­
  betheiligten,  gestaltete  sich  mehrfach  .sehr  heftig.  Es
wurde  dabei  das  ganze  Verhalten  des  Gemeindevorstehers
während  seiner  sechsjährigen  Amtsdauer  sowohl  den  Beamten
wie  den  Einwohnern  und  auch  der  Gemeinde  als  solcher
gegenüber  in  schärfster  Weise  einer  Kritik  unterzogen.  Die
ganze  Bürgerschaft  sei  über  seine  Abfindung  geradezu  empört,
und  es  müsse  deshalb  von  derselben  gegen  den  Abfindungsbeschluß ­
  der  betreffenden  Gemeindevertreter  sowie  gegen.  die
geschehene  Mitwirkung  deö  Landraths  Stubenrauch  bei  dieser
völlig  internen  Gemeinde-Angelegenheit  aufs  enffchiedenste
öffentlich  Protest  erhoben  werden.  Die  Verfammlung  faßte
dann  nach  fast  zweistündiger  Debatte  mit  allen  gegen  eine
Stimme  folgenden  Beschluß:  „Die  heute  im  Saale  des
Schwarzen  Adler  veranstaltete  öffentliche  Versammlung  giebt
hierdurch  ihre  lebhafte  Entrüstung  kund  über  die  in  der
Sitzung  der  Gemeindevertretung  vom  28.  März  er.  gefaßten
Beschluß,  dem  Gemeindevorsteher  Schmock  70  000  M.  Abfindung ­
  zu  zahlen,  und  sie  ersucht  den  hiesigen  Magistrat
und  die  Stadtvervrdneten-Versammlung.  alle  möglichen
Rechtsmittel  zu  ergreifen,  um  diesen  gegen  den  Willen
der  Bürgers  ckaft  Schönebergs  gefaßten  Beschluß  zu  bekämpfen." ­
  —  Eine  ähnliche  Resolution  faßte  an  demselben
Abend  der  freisinnige  Volksverein  von  Schöueberg  und  Umgegend, ­
  gleichfalls  im  „Schwarzen  Adler"  tagend,  nachdem
vorher  Herr  Heinz  Krieger  unter  großem  Beifall  über  die
politische  Lage  gesprochen  hatte.
*  Steglitz.  Gegen  die  Entscheidung  des  ßKreisausschusses
  in  der  Schloßstraßen-Angelegenheit,  welche  wir  dem
Wortlaute  nach  veröffentlichten,  wird  von  den  mit  ihrem
Einspruch  Abgewiesenen  Berufung  bei  dem  Bezirksausschuß
eingelegt  werden.  -
~  Gerichtliches.
P.  Fra»  Doktor  Unbefugt.  Wegen  einer  jener  sehr
häufig  vorkommenden  Fälschungen  zwecks  Führung  des  Titels
einer  Ehefrau  oder  Wittwe  war  die  Schriftstellerin  Theresia
Horwath  aus  Charlottenburg  unter  Anklage  gestellt  worden.
Vor  der  2.  Strafkammer  des  Landgerichts  II.  mußte  sich  die  Genannte ­
  aw  Freitag  wegen  Urkundenfälschung  verantworten  auS
folgender  Veranlasiung:  Seit  25  Jahren  war  die  Angeklagte  die
Geliebte  des  Schriftstellers  vr.  August  Schmidt,  der  zuletzt  in
Friedenau  im  Hause  Handjerystraße  64  wohnte.  Dieser  hatte
einer  Berliner  Verlagsfirma  sein  Romanwerk  .Aus  sturmbewegter
Zeit"  für  ca.  350  Mark  verkauft  und  das  Honorar  an  seine  Frau
überwiesen,  nämlich  an  Fräulein  Horwath,  mit  welcher  er  einen
gemeinsamen  Haushalt  führte  und  in  wilder  Ehe  lebte,  weil  die
Familienfeindschaft  eine  Heirath  des  verlobten  Brautpaares  verhinderte.
  Allgemein  galt  Fräulein  Horwath  als  .Frau  vr.  Schmidt".
In  dieser  Eigenschaft  nahn,  sie  auch  von  dem  Verleger  Elchow
einen  Vorschuß  im  Betrage  von  250  Mark  auf  den  verkauften
Roman  in  Empfang  zufolge  Anweisung  des  vr.  Schmidt.  Am
7.  Mai  1896  verstarb  derselbe  vor  Beendigung  des  .  Abdrucks
seines  Romanes.  Die  Hinterbliebene»  Verwandten  hatten  noch
zwei  Tage  vor  seinem  Ableben  ihn  veranlaßt,  ein  zu  Gunsten
der  H.  errichtetes  Testament  umzustoßen  und  die  Verwandten
drängten  die  ihnen  unliebsame  „FrauDoktor"  aus  der  Wohnung  des
Erblaffers.  Sie  verzog  nach  Charlottenburg,  Nürnbergerstraße  68,
und  blieb  ihrer  Gewohnheit  getreu,  sich  FraujLwktor  nennen  zu
lasten.  Einige  Monate  später,  im  Dezember  1896,  sandte  die
Verlagsfirma  bas  Resthonorär  im  Betrage  von  131  Mark  60  Pf.
            
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