ganze erst die abgegebenen Stimmzettel durchgezählt unv
danninst wieder die Namen auf den Stimmzetteln verlesen
und gezählt werden. Und so dauerte denn der erste Wahlgang,
«n welchem 409 Wähler theilnahmen, fast zwei
Stunden, während die heiteren Mahlgänge, /mit deren jedem
dis Zahl der anwesendes Wähler um 20 bis 30, ja selbst
50 zusammenschmolz,^-noch 1 Va bis zu 1 Stunde beanspruchten.
Infolgedessen waren um 12 Uhr Nachts, also
nach 15 Sttmde», erst genau hie Hälfte (11) der Wahlgänge
erledigt.' Um 12 Uhr 5 Minuten reichten dann 16
Wähler der Vorortpartei, von der die größte Zahl schon
längst wieder wegen ihrer Berufspflichten dem endlosen
Wahlgefchäft im Kreishause den Rücken hatte wenden müßen,
gegen die Fortsetzung der Wahl einen Protest ein, weil sie
.körperlich nicht mehr in der Lage seien, ihr Wahlrecht noch
weiter ausüben zu können/ Der Landrath ließ jedoch den
Protest unberückfichttgt, worauf die 16 Wähler den Saal
verließen. Nunmehr erhoben einige 60 weitere Wähler der
Vorortpartei gegen die Fortführung der Wahl mit der Begründung
Einspruch, daß der amtlich festgesetzte Wahltag
vorüber sei. Doch auch jetzt erklärte der Landrath, er werde
trotzdem welterwählen laßen, was dann die sämmtlichen
übrigen Wähler der Vorortpartei gleichfalls zum Verlaßen
des Saales bestimmte. Nachdem sie aber gegangen waren,
wurde über die noch zu wählenden 11 Abgeordneten insgesammt
in — keine 40 Minuten entschieden, indem der Landrath,
das Wahiverfahren ohne Weiteres abkürzend, die 842
Wählernamen noch einmal verlesen und dann von den kaum
noch 50 zurückgebliebenen Wählern alle 11 übrigen Abgeordneten
zusammen in einem einzige» Wahlgange wählen
ließ, was nunmehr — einstimmig geschah. Auch dieses
»abgekürzte Verfahren' wird von der Vorortpartei als ungesetzlich
erklärt und soll deshalb angefochten werden. Außerdem
wird behauptet, daß eine Anzahl von Wählern der
Gutsbesitzerpartei die mit den Namen ihrer Kandidaten
beschriebenen Stimmzettel nicht zusammengefaltet, sondern
vorschriftswidrig ganz offen und derart der vollen Länge nach
in die Wahlurne gesteckt haben, daß der Landrath die
Namen der Kandidaten deutlich lesen konnte. Endlich sollen
einige der auf diese Weise gewählten Abgeordneten gewissen
Bestimmungen der Wahlvorschriften nicht entsprechen, also
nicht wahlfähig sein. Aus all' diesen Gründen hält die
Vorottpatter die ganze am Mittwoch vorgenommene Wahl
der ländlichen Großgrundbesitzer für ungiltig und wird dieselbe
eventl. bis zur letzten Instanz anfechten. >
Das amtliche „KreiSbl." des Kreises Teltow nennt diese
Wahl einen großen Wahlsieg der zum gemeinsamen Kampf
verbundenen Großgrundbesitzer, Großhauöbesitzer und Gewerbetreibenden!
— Die Namen .der als gewählt Proklamirten
sind folgende: 1. Zimmermeister Zuliuö Aßmann-Groß-Lichterfelve.
2. Molkereibesitzer Beiß zn Rixdorf (der
einzige gewählte Kandidat der Vorortpartei). 3. Gartenbaudlrektor
Buntzel zu Niedcr-Schönweide. 4. Direktor
Eichmann-Dt.-Wilmersdorf.' 5. Maurer- und Zimmermstr.
Hanuschke-Dt.-Wilmersdorf-, 6-ForstmeistexGraf d'Haussonville
zu Grunewald. 7/Kaufmann Hoddick-Dt.-Wilmersdorf.
8. Gärtnereibesitzer Martin Hoffmann-Treptow. 9. Fabrikbesitzer
Johannes. Kahlbaum-Adlershof. 10. Fabrikbesitzer
Kretzer-Nicder-Schönweide. 11. Maurermeister Kuhligk-Steglitz.
12. Architekt Leist-Friedenau. 13. Gutsbesitzer
Lehne-Tempelhof. 14. Geh. Sanitätsrath Dr. Lachr-Zehlendorf.
15. Stadtrath Marggraff - Gr.-Lichterfelde.
16. Baumeister Mensching-Gr.-Lichterfeldc. 17. Ingenieur
Reumann - Dt. - Wilmersdorf. 18. Prof. Dr. Petersilie-Feiedenau.
-9. Rittergutsbesitzer, Rittmeister Richter-Mahlow.
20. Kgl. Baurath Techow-Steglitz. 21. Reg.-Baumeister
Walther-Kolonie Grunewald. 22. Rittergutsbesitzer
Wrede-Diepensee.
Wie unser ^-Korrespondent meldet, ist diese Entscheidung^
durch eine Reihe von Vororten selbst herbeigeführt
worden ist, damit _— Schöneberg und Rixdorf in dem
neuen Kreistage kein Uebergewicht erhalten sollen. Denn
da ersteres für sich als Stadt 11 Abgeordnete selbst zu
wählen hat und viele Besitzer des Ortes außerdem noch im
Verbände der Groß-Gruodbesitzer mitwählen konnten, so
wurde namentlich in Wilmersdorf, Tempelhof, Treptow,
Niederschönwaide rc. befürchtet, daß die Schöneberger und
Rixdorfer Vertreter nebst ihren Freunden aus anderen VorortcrP
die Mehrheit erhalten würden, und daß dann, beim
Ausscheiden Schönebergs aus dem Kreise, die vom Kreistag
festzusetzende Abfindung nicht hoch genug normirt werden
könnte, infolgedessen die von den übrigen großen Vororten
dann allein zu tragenden Kreissteuerlasten, zumal, wenn
etwa auch Rixdorf noch ebenfalls Stadt werden und ausscheiden
sollte, noch wieder mehr, als ohnehin schon besorgt
wird, anschwellen würden. Aus diesem Grunde haben die
Wilmersdorfer, Treptower, Tempelhofer rc. Besitzer gegen die
Kandidaten der Schöneberger, Rixdorfer, Steglitzer usw. gestimmt
und so den -ländlichen Großgrundbesitzern zum Siege
verhelfen. Man darf aber nach alledem gespannt darauf
sein, ob auch nach dem erfolgten Ausscheiden Schönebergs
aus dem Kreise die erstgenannten Vororte dann weiterhin
mit den ländlichen Besitzern, zusammengehen, oder ob sie
dann wieder wie in den letztverflossenen zwei Jahren sich
den übrigen Vororten im Kampfe gegen den ländlichen
Großgrundbesitz anschließen werden. -
f Der Rheinstraßen-Vertrag, welcher mit den
von der Gemeinde-Vertretung beschlossenen Abänderungen
(Vergl. obigen Sitzungsbericht) dem Vertreter des Konsortiums
Herrn Bachstein gestern zugestellt wurde,, ist, wie
wir hören, vom letzteren acceptirt worden und bereits der
Provinzial-Behörde überreicht worden. Die Einigung zwischen
den drei Konttahenten ist somit endgiltig zu Stande gekommen.
ch Anmeldung zum Konfirmaudenunterricht.
Wie uns Hen Pfarrer Görnandt mittheilt, beginnt der
Konfirmandenunterricht für die Schüler und Schülerinnen
der Gemeindeschule am Dienstag, den 26. April, 11 Uhr;
für die Schülerinnen höherer Mädchenschulen am Dienstag,
den 26. April, 12 Uhr. Die Schüler höherer Lehranstalten
wollen sich zur Besprechung und Festsetzung der Unterrichtszeit
am Sonnabend, den 30. April, 3 Uhr Nachmittags
versammeln. Von den bisher noch nicht Angemeldeten sind
die Taußcheine mitzubringen. Ort des Unterrichts ist für
alle die hiesige Gemeindeschule, Albestraße 33. Zur "Entgegennahme
von Anmeldungen ist der Herr Pfarrer
täglich bereit. ■
f Die feierliche Einschulung der kleinen Kinder in
die hiesige Gemeindeschule hat gestern früh um 8 Uhr in
der Turnhalle stattbefunden. Meistens waren die Mütter
mit ihren kleinen Lieblingen erschienen, um sie bei dem ersten
Schritt ins arbeitsvolle Leben zu begleiten. Die angemeldeten
Kinder waren fast ' sämmtlich erschienen. Herr
Rektor Hannemann hielt eine kurze Ansprache an die anwesenden
Eltern, in welcher er hervorhob, daß dieselben nach
Kräften an der Ausbildung der Kinder mitwirken möchten,
namentlich aber nicht unnöthige Bemerkungen über die
Lehrer ihrer Kinder machen sollten. Den von dem „Friedenauer
Lokalanzeiger' gebrachten Artikel .Schone den Lehrer
’ deiner Kinder' unterschreibe er vollständig. Es wurden in
die Schule 140 Kinder aufgenommen — eine Zahl, welche,
wie der Herr Rektor erwähnte, bisher noch nie erreicht
worden ist. Die zu beantwortenden, an die Eltern vertheilten
Fragebogen sollen dem Lehrer als Richtschnur dienen,
wie er das Kind zu behandeln hat. Es folgte nun die Zutheilung
der Kinder an die Klaßenlehrer, womit die Einschulung
beendet war. Viele Eltern gingen in die Klassenzimmer
mit hinein, um zu sehen, wie ihre Lieblinge sich auf
der Schulbank verhalten würden.
f Von der Ringbahn. Die Beleuchtungsanlage
auf unserem Ringbahnhof für Gasglühlicht ist heute zu Ende
geführt worden. Die Lampen sind ziemlich dicht an den
Ankunftsrampen angebracht. In der Mitte der Bahnhofshalle
befinden sich gleichfalls Lampen. Der Bahnhof wird
durch die Gasglühlichtbeleuchtung sehr gewinnen und man
braucht beim Aus- und Einsteigen in die Wagen nicht mehr
wie früher mit einer gewißen Aengstlichkeit auf das Trittbrett
zu steigen. Mit dem Ziehen des Stacketzauns am
Bahndamm der Ringbahn ist man ebenfalls ziemlich fertig
und der Maler waltet bereits seines Amtes.
t 25 Jahre ansässig in unserem Orte, dessen
offizielles 25 jähriges Jubiläum bekanntlich erst im Herbst
nächsten Jahres ist, war Anfang April die Familie Sobeck.
Herr Sobeck wird von unserer Gemeinde als Nachtwächter
beschäftigt und sowohl er wie sein mit vorzüglichem Spürsinn
ausgerüsteter Hund .Barry" sind den meisten Friedenauern
bekannt.
f Gegen die Radfahrer werden noch immer von
vielen Kindern besonders kleinerer Orte auf den Landstraßen rc.
Ungezogenheiten verübt, durch welche schon so manche Radler
und vielfach auch die betreffenden Kinder selbst schweren
Schaden erlitten haben. Da ist es angebracht, wenn jetzt
im Hinblick, auf den Beginn der eigentlichen .Radsaison'
in den Schulen Veranlassung zu Belehrungen der Schulkinder
über die Bedeutung des Fahrrades als neues Verkehrsmittel
genommen werde. Die Schüler werden gewarnt,
diesem Letzteren Hindernisse zu bereiten, und es werden
ihnen zugleich die Gefahren klargemacht, welche durch das
Vorwerfen von Stöcken rc. vor ein herankonimendes Fahrrad,
namentlich aber durch das von den Krndern am meisten
ver> bte unvermuthete Vorspringen für den Radfahrer wie
auch für die Kinder entstehen, da Letztere beim Sturze
des Fahrers mit zu Boden gerissen werden und hierbei ebenfalls
schwere Verletzungen erleiden können. Es wäre zu
wünschen, daß derartige Belehrungen der Kinder in allen
Schulen stattfänden, da die Radfahrer in der bezeichneten
Weise aus kindlichem Unverstand und Ucbermuth häufig belästigt
und gefährdet werden.
f Theater und Konzert findet am morgigen
Sonntag im „Rheinschloß" statt. Es gastirt hier das
Märchen-Ensemble Geschwister Seitz mit der Vorstellung
„Hänse! und Gretel". Die Darsteller hatten, wie uns mitgetheilt
wird, u. A. einen großen Erfolg am Schiller-Theater
in Berlin, so daß die Aufführung Groß und Klein
Vergnügen bereiten dürste. Während und nach der Vorstellung
findet das beliebte Künstler-Konzert statt. Wir
verweisen im Uebrigen auf das bezügliche Inserat der
heutigen Nummer.
-j- Unsere freiwillige Feuerwehr hält am Montag,
den 18. d. M., Abends 8V 2 Uhr die Monatsversammlung
des aktiven Korps im Vereinslokale, Restaurant
.Kaiser Wilhelm-Garten", ab. Die Wichtigkeit der Tagesordnung
erfordert, daß die Kameraden pünktlich und vollzählig
erscheinen.
f Verein der Gastwirthe. Die Monatssihung
des Vereins findet am nächsten Dienstag, Nachmittags
5 Uhr, im Kaiser Wilhelmgarten statt mit folgender Tagesordnung:
1. Verlesung des Protokolls. 2. Verlesung eingegangener
Schreiben. 3. Verlesung der Mitglieder-Liste.
4. Aufnahme und Anmeldung neuer Mitglieder. 5. Die
Eisfrage. 6. Antrag des Vorstandes. 7. Besprechung über
das stattfindende Stistungsfeft. 8. Innere Vereinsangelegenheiten.
9. Verbandsangelegenheiten. Waaren markt - Pause.
10. Freie Diskussion. II. Geschäftliche Mittheilungen.
12, Fragekasten.
-s Fußball - Wettspiele. Am morgigen Sonntag
werden zwei Fußball-Wettspiele zwischen dem Friedenauer
Sport-Club 1895 und dem B. F. C. Brandenburg sowie
zwischen dem Friedenauer Sport-Club 1895 und dem Verein
Sport-Excelsior Berlin in Friedenau zum Austrag koinmen.
Ersteres findet 8V 2 Uhr Vomirttags auf den, Sportplatz
statt, letzteres um 3^/ 2 Uhr jenseits der Wannscebahn. Der
Eintritt in den Sportpark ist unentgeltlich.
f Eine Verhaftung im Hause des Schlächtermeisters
Herrn Dudkiewicz, Ecke Hedwig- und Fregestraße,
erregte gestern Abend vor neun Uhr ungeheures Aufsehen
in unserem Orte. Zwei Droschken mit Kriminalbeamten
aus Berlin und ein starkes Aufgebot von Polizeimannschaften
waren erschienen, um den — Mörder der gestern früh in
der Hasenhaide ermordeten Luise Günther festzunehmen.
Wir können hier jedoch gleich mittheilen, daß die Polizei
auf falscher Fährte war, der Verhaftete ist bereits gestern
Abend wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Anlaß zu der
irrthümlichen Verhaftung des bei Herrn D. beschäftigten
Gesellen Emil Albrecht gab der Umstand, daß der muthmaßliche
Mörder denselben Vor- und Zunamen führt und
zufällig auch ein Jahr später bei ein- und deststlben
Meister in Berlin konditioniert hat. Diss« Uckstand
brachte in unseren stillen Ort, dessen Name glücklicher
Weise noch rein von einem Morde ist, hie Berliner
Kriminalpolizei. Das Ereigniß wurde gestern Abend- und
heute früh lebhaft besprochen; es ist sicher für gtmz
Friedenau erfreulich, daß die Verhaftung sich als irrthÜWlich
herausgestellt hat.
-j- Abfassung einer Diebesbande. Ein bei
einem Einbruch in Steglitz ertappter 17jähriger Arbeiter
Rex hat gestanden,' daß er der Urheber mehrerer in der
Umgegend vorgekommener Diebstähle sei, und auch seine
Helfershelfer genannt. Wie diese, so verhaftete die Polizei
auch die beiden Hehler der Bande. Es sind dies ein
Handelsmann Schulz aus der Sedanstraße in Schöneberg
und ein gewisser Berger. Bis jetzt haben die Verhafteten
ungefähr 25 Einbrüche und Diebstähle zugestanden. Eine
Spezialität der Bande bildete die Beraubung von Transportwagen
verschiedener Berliner Waschanstalten. Der Raub
wurde in der Weise ausgeführt, daß die Diebe in der
Dunkelheit von hinten auf die Wagen sprangen,. Wäschestücke
herunterrissen und sie auf Umwegen nach Berlin-schafften.
Man vermuthet, daß Mitglieder dieser Bande auch-mehrere
in unserem Ort vorgekommene Diebstähle, namentlich die
Bleirohrdiebstähle zu Anfang dieses Jahres, ausgeführt haben.
-j- Ein grausiger Fund wurde heute früh auf
einem unbebauten Grundstück in der Wielandstraßc in der
Nähe der Provinzial-Chaussee gemacht: ein im Nebenhause
wohnender Arbeiter faud dort die in einen bunten Unterrock
gewickelte Leiche eines Kindes. Er meldete den Fund sofort
auf der Schöneberger Polizeiwache in der Hedwigstraße,
woraus sich zwei Beamte, sowie der praktische Arzt Herr
Dr. Samter an Ott und - Stelle begaben. Herr - Dr.
Samter konstatirte, daß das Kind schon vor mehreren Tagen
gestorben sein müsse, da es bereits deutliche Spuren von
Verwesung zeigte. Ob ein Mord vorliegt, wird die gerichtliche
Obduktion ergeben.
-j- Preußische Klaffenlotterie. Die Loose zur
IV. Klasse der 198. preußischen Klassenlotterie sind
spätestens bis zum 18. Apttl, Abends 6 Uhr, unter. Vorlegung
des Vorklassenlotterielooses bei Verlust des Anrechts
einzulösen. Bis dahin nicht erneuerte Loose sind am 19.
und 20. April als Kaufloose, d. i. gegen Nachzahlung der
ersten drei Klassen bei der Königlichen Lotterie-Einnahme zu
haben. Die 20tägige Gewinnziehung beginnt am 22. April
und , endigt am 14. Mai d. I. ■ / . !■- -
Aus den Uachtrarorte».
' Schöneberg. Bei der vorgestrigen Stadtverordnetenwahl
im 5. Bezirk 3. Abtheilung ist der Kandidat
der sozialdemokratischen Partei Klempner Masuch gewählt
worden. *
* Schöneberg. Der Bezirksverein I hatte vorgestern
Abend nach dem „Schwarzen Adler." in Schöneberg eine
öffentliche Protest-Versammlung gegen die erfolgte Abfindung
des früheren Gemeindevorstehers Schmock ' berufen. Wie
unser VZ.-Korrcspondent berichtet, war die Bürgerschaft des
Ottes äußerst zahlreich erschienen, und die Besprechung der
Angelegenheit, an welcher auch drei Stadtverordnete sich lebhaft
betheiligten, gestaltete sich mehrfach .sehr heftig. Es
wurde dabei das ganze Verhalten des Gemeindevorstehers
während seiner sechsjährigen Amtsdauer sowohl den Beamten
wie den Einwohnern und auch der Gemeinde als solcher
gegenüber in schärfster Weise einer Kritik unterzogen. Die
ganze Bürgerschaft sei über seine Abfindung geradezu empört,
und es müsse deshalb von derselben gegen den Abfindungsbeschluß
der betreffenden Gemeindevertreter sowie gegen. die
geschehene Mitwirkung deö Landraths Stubenrauch bei dieser
völlig internen Gemeinde-Angelegenheit aufs enffchiedenste
öffentlich Protest erhoben werden. Die Verfammlung faßte
dann nach fast zweistündiger Debatte mit allen gegen eine
Stimme folgenden Beschluß: „Die heute im Saale des
Schwarzen Adler veranstaltete öffentliche Versammlung giebt
hierdurch ihre lebhafte Entrüstung kund über die in der
Sitzung der Gemeindevertretung vom 28. März er. gefaßten
Beschluß, dem Gemeindevorsteher Schmock 70 000 M. Abfindung
zu zahlen, und sie ersucht den hiesigen Magistrat
und die Stadtvervrdneten-Versammlung. alle möglichen
Rechtsmittel zu ergreifen, um diesen gegen den Willen
der Bürgers ckaft Schönebergs gefaßten Beschluß zu bekämpfen."
— Eine ähnliche Resolution faßte an demselben
Abend der freisinnige Volksverein von Schöueberg und Umgegend,
gleichfalls im „Schwarzen Adler" tagend, nachdem
vorher Herr Heinz Krieger unter großem Beifall über die
politische Lage gesprochen hatte.
* Steglitz. Gegen die Entscheidung des ßKreisausschusses
in der Schloßstraßen-Angelegenheit, welche wir dem
Wortlaute nach veröffentlichten, wird von den mit ihrem
Einspruch Abgewiesenen Berufung bei dem Bezirksausschuß
eingelegt werden. -
~ Gerichtliches.
P. Fra» Doktor Unbefugt. Wegen einer jener sehr
häufig vorkommenden Fälschungen zwecks Führung des Titels
einer Ehefrau oder Wittwe war die Schriftstellerin Theresia
Horwath aus Charlottenburg unter Anklage gestellt worden.
Vor der 2. Strafkammer des Landgerichts II. mußte sich die Genannte
aw Freitag wegen Urkundenfälschung verantworten auS
folgender Veranlasiung: Seit 25 Jahren war die Angeklagte die
Geliebte des Schriftstellers vr. August Schmidt, der zuletzt in
Friedenau im Hause Handjerystraße 64 wohnte. Dieser hatte
einer Berliner Verlagsfirma sein Romanwerk .Aus sturmbewegter
Zeit" für ca. 350 Mark verkauft und das Honorar an seine Frau
überwiesen, nämlich an Fräulein Horwath, mit welcher er einen
gemeinsamen Haushalt führte und in wilder Ehe lebte, weil die
Familienfeindschaft eine Heirath des verlobten Brautpaares verhinderte.
Allgemein galt Fräulein Horwath als .Frau vr. Schmidt".
In dieser Eigenschaft nahn, sie auch von dem Verleger Elchow
einen Vorschuß im Betrage von 250 Mark auf den verkauften
Roman in Empfang zufolge Anweisung des vr. Schmidt. Am
7. Mai 1896 verstarb derselbe vor Beendigung des . Abdrucks
seines Romanes. Die Hinterbliebene» Verwandten hatten noch
zwei Tage vor seinem Ableben ihn veranlaßt, ein zu Gunsten
der H. errichtetes Testament umzustoßen und die Verwandten
drängten die ihnen unliebsame „FrauDoktor" aus der Wohnung des
Erblaffers. Sie verzog nach Charlottenburg, Nürnbergerstraße 68,
und blieb ihrer Gewohnheit getreu, sich FraujLwktor nennen zu
lasten. Einige Monate später, im Dezember 1896, sandte die
Verlagsfirma bas Resthonorär im Betrage von 131 Mark 60 Pf.