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Volume Nr. 36, 26.03.1898

Full text : Friedenauer Lokal-Anzeiger (Public Domain) Ausgabe 5.1898 (Public Domain)

einem  längeren  Referat  des  Stadtverordnctenvorstehers  Herrn
Gustav  Müller-Schöneberg,  der  auch  Vorsitzerder  des  seit
jetzt-  fast  eineinhalb  Jahren  nicht  mehr  hcrvorgetretcnen  EingcmeindungSausschuffes
  ist,  und  nach  kurzer  Diskussion  über
die  besonderen  Zustände  in  Weißensee  einstimmig  folgende
Resolution  angenommen:  „Die  heute  im  Schloß  Weißensee
versammelten  Bürger  von  Alt-  und  Neu-Weißensee  richten
an  die  König!.  Staats»  cgierung  die  dringende  Bitte,  die
Eingemeindung  der  Berliner  Vororte  jetzt  energisch  in  die
Hand  nehmen  zu  wollen."  Die  Eingemcindungsfrage  scheint
also  wieder  in  Fluß  zu  konnnen  und  dürfte  sehr  bald  die
betheiligten  Kreise  in  demselben  Maße  wie  früher  beschäftigen.
f  Unsere  Kaiscrallee.  Bereits  seit  etwa  J4  Tagen
liegen  vor  den  Grundstücken  Kaiscrallee  37  und  38  einige
Haufen  recht  schlechter  Pflastersteine,  wie  sie  vielleicht  bei  der
Umpflasterung  der  Handjerystraße  herausgenommen  sein
könnten,  ohne  daß  jemand  etwas  Näheres  über  ihre  Verwendung ­
  sagen  könnte.  Vennuthlich  sollen  sic  dazu  dienen,
den  einen  Reitweg  der  Kaiserallee  zu  pflastern,  zu  deren
übrigem  Pflaster  Liese  Steine  vollkommen  passen.  Allerdings
flickt  inan  nicht  ein  altes  Kleid  mit  neuen  Lappen,  d.  h.  cs
wäre  eine  Thorheit,  die  schlechtgepflastcrte  Kaiserallee  mit
neuen  Steinen  „aufzubessern".  Aber  nach  »reiner  Meinung
—  so  schreibt  uns  ein  sich  für  unseren  Ort  Jnteressirender  —
wäre  es  doch  an  der  Zeit,  daß,  wie  jetzt  endlich  die  Rheinstraße,
  so  auch  bald  möglichst  die  Kaiscrallee  einer  vollständigen ­
  Neupflasterung  mit  Asphalt  oder  bestem  Reihensteinpflaster ­
  unterworfen  werde.  Zumal  da  unser  junger
Sportpark  in  ständigem  Aufblühen  sich  befindet  und  in
diesem  und  den  nächsten  Jahren  hohen  und  höchsten  Besuch
zu  erwarten  hat,  müßte  sich  diese  westliche  Prachtstraße
unseres  Ortes,  der  Lieblingsspaziergang  unzähliger  Berliner
Familien  in  schönen  Sommer-  und  Frühlingslagen,  in  einem
besseren  Kleide  zeigen.
f  Eifrige  Berathungen  und  Erwägungen
bringen  diese  Tage  allen  Familien,  in  denen  ein  Knabe
oder  Mädchen  die  Schule  verläßt.  Hat  sich  der  Junge,  der
sich  schon  unbändig  darauf  gefreut,  nun  bald  ein  „Mann"
zu  werden,  bereits  für  einen  bestimmten  Beruf  entschlossen,
und  das  wird  bei  den  meisten  der  Fall  sein,  so  erwächst  den
Eltern  die  Sorge  uin  die  Ausrüstung  an  Kleidung  re.,
welche  der  kleine  Mann  zur  Ergreisung  seines  Berufes
nöthig  hat.  Der  verehrte  Jüngling  kümmert  sich  in  der
Regel  wenig  um  die  Sorgen  der  Eltern  und  man  kann  ihm
das  ja  auch  eigentlich  nicht  verdenken.  Ihm  erscheint  die
Zukunft  in  rosigein  Lichte,  er  denkt  sich  als  ein  Mann,  der
schon  die  Berechtigung  zu  der  Titulatur  „Herr"  in  sich  fühlt!
Verstohlen  betrachtet  der  kleine  „Herr"  die  Cigarren  in  den
Schaufenstern  der  Kaufleute,  ganz  heimlich  werden  auch
wohl  schon  einige  „Versuche"  gemacht,  um  zu  probiren,
welche  „Havanna"  wohl  das  feinste  Aroma  habe  und  am
besten  bekömmlich  sei.  Ja,  die  Illusionen  der  Schüler  vor
der  Konfirniation  sind  mannigfacher  Art,  aber,  aber,  die
Sache  kommt  mitunter  ganz  anders!  Wenn  erst  der  junge
Mann  von  morgens  früh  bis  abends  spät  am  Ambos  steht
oder  auf  dem  Schemel  sitzt,  wird  ihm  doch  wohl  dann  und
wann  schon  die  Erkenntniß  dämmern,  daß  die  heitere,  sorglose ­
  Schulzeit  unter  den»  Schutze  treusorgeuder  Eltern  doch
eine  herrliche  Zeit  gewesen  sei.  Manchem  Lehrling  wird  die
erste  Zeit  wohl  bange  werden,  ob  er  dem  erwählten  Berufe
gewachsen  sei,  aber  nur  Muth,  Jhrflmgcn  Leute,—  „Lehrjahre ­
  sind  keine  Herrenjahre"  —  aber  wenn  Ihr  init  treuem
Fleiß  und  Redlichkeit  Eure  Lehrzeit  beginnt,  so  werdet  Ihr
bald  Freude  an  Eurem  Beruf  haben  und  Euch  zu  tüchtigen
Männern  heranbilden.  Und  nur  für  solche  ist  Platz  in  der
heutigen  Welt!
f  Die  gesetzliche  Beseitigung  der  Naupennestcr,
  welche  jetzt  seitens  der  einzelnen  Aufsichtsbehörden
ganz  verschiedenartig  gehandhabt  wird,  war  in  der  letzten
Sitzung  des  „Vereins  deutscher  Gartenkünstler"  —  so  schreibt
unser  Vx-Korrespondent  —  Gegenstand  einer  längeren  Besprechung. ­
  Allgemein  wurde  betont,  daß  auf  eine  einheitliche ­
  und  in  jedem  Jahre  gleichmäßige  Art  tiefer  Beseitigung ­
  hingewirkt  werden  müsse.  Auch  sei  cs  dringend
nöthig,  daß  in  den  einzelnen  Bezirken  den  Organen  der
Aufsichtsbehörde  Fachmänner  beigegeben  würden,  welche  die
Ausführung  zu  überwachen  und  behufs  einer  wirklich  gründlichen ­
  Raupenvertilgung  vor  Allein  darauf  hinzuweisen  hätten,
wo  die  verschiedenen  Raupen  und  sonstigen  Schädlinge  der
Vegetation  zu  finden  sind  und  wie  deren  Beseitigung  am
zweckmäßigsten  geschehen  müsse.
f  Deckung  des  diesjährigen  Eisbedarfs.
Trotzdem  der  diesjährige  Winter  Deutschland  kein  Eis  gebracht ­
  hat,  wird  kaum  Mangel  an  diesem  für  viele  Betriebe
und  Einrichtungen  so  nothwendigen  Artikel  herrschen,  denn
aus  Norwegen  findet  gegenwärtig  eine  ungemein  große  Eisausfuhr ­
  statt,  deren  Ziel  hauptsächlich  Deutschland  ist.  Wie
geschrieben  wird,  vergeht  kaum  ein  Tag,  «n  dem  nicht  von
Christiania  mit  deutschen  oder  norwegischen  Schiffen
Ladungen  Eis  abgehen.  Die  Verhältnisse  ausnutzend,  halten
die  Norweger  hohe  Eispreise  und  einige  Handelsleute  haben
sich  mit  dem  diesjährigen  Eisgeschäft  ganze  Vermögen  erworben. ­
  Aller  Nachfrage  zum  Trotz  wird  aber  schließlich,
wie  die  „Baltische  Schifffahrtsztg.",  ein  die  Interessen  des
Ostseeverkehrs  vertretendes  Blatt,  meint,  das  Angebot  den
Bedarf  übersteigen,  denn  zu  der  Einfuhr  von  Eis  aus  Norwegen ­
  gesellt  sich  nun  auch  die  Eiseinfuhr  von  Rußland
und  Schweden,  von  denen  große  Eisangebote,  und  zwar  zu
billigeren  Preisen  wie  aus  Norwegen,  gemacht  wurden.
In  der  That  ist  auch  in  diesen  Tagen  in  Hamburg
die  erste  große  Ladung  russischen  Eises  eingetroffen.  Es
kommt  aus  einem  Binnensee  in  der  Nähe  von
Reval,  und  eine  Anzahl  Dampfer  sind  befrachtet,  die  nicht
weniger  denn  40  000  Tonnen  Eis  von  Reval  nach  Hamburg ­
  bringen  sollen.  Tlotzdein  halten  die  Norweger,  wie
man  ans  norwegischen  Blättern  ersehen  kann,  ihre  hohen
Preise  aufrecht.
Das  goldene  Nad  von  Friedenau.  Dieses
so  benannte  Rennen  über  100  Kilometer,  welches,  wie  wir
bereits  berichtet  haben,  auf  unserer  Rennbahn  stattfinden  soll,
ist  nunmehr  definitiv  auf  den  22.  Mai  festgesetzt.  Von  englischen
Dauerfahrern  werden  voraussichtlich  Palmer,  der  Inhaber  des
100  Kilometer-Weltrekords,  sowie  A.  Chase  theilnehmen.

Mit  den  französischen  Fahrern  schweben  die  Unterhandlungen
noch,  von  den  deutschen  Stehern  hat  bis  jetzt  nur  Alfred
Köcher  endgiltig  zugesagt,  am  Start  zu  erscheinen.  —  Welch
gewaltiger  Apparat  zu  einem  derartigen  großen  klassischen
Rennen  benöthigt  wird,  erhellt  daraus,  daß  Palmer  laut
seinem  Schreiben  an  die  Berliner  Sportparkgesellschast  beabsichtigt, ­
  eine  Schrittmachermannschaft  von  25  Köpfen  aus
England  mitzubringen.
f  Ballon-Aufstieg.  Am  morgigen  Sonntag,  Vormittags ­
  10  Uhr,  wird  vom  Sportpark  aus  wiederum  ein
Freiballon  auffahren.
f  Fener-Allarm.  Das  Allarm-Signal  unserer  freiwilligen ­
  Wehr  „Feuer  im  Ort"  ertönte  nach  kurzer  Pause
gestern  Abend  nach  8  Uhr  in  den  „friedlichen"  Straßen
und  brachte  die  Mannschaften  in  gewohnter  Fixigkeit  in  die
Uniformstücke  und  zum  Spritzcnhause,  aus  welchem  bereits
l0  Minuten  nach  Meldung  der  von  Feuerwehrleuten  gezogene ­
  Geräthewagcn  abrücken  konnte.  Es  handelte  sich
diesmal  glücklicherweise  nicht  uin  einen  wirklichen  Brand,
sondern  eine  voreilige  Meldung.  Aus  dem  Schornstein  des
Kühnc'schen  Grundstücks  am  Friedrich-Wilhclmsplatz  waren
Funken  herausgeflogen,  die  bei  Passanten  den  Glauben  erweckt ­
  hatten,  es  brenne  das-Dach.  Ein  im  Lokal  anwesender ­
  Herr  allarmirtc  darauf  die  Feuerwehr.  Eigenthümlicher ­
  Weise  hatte  sich  auch,  noch  bevor  die  Wehr
eintraf,  der  Bewohner  eine  gewisse  Panik  bemächtigt,  indem
ein  Einwohnerin  behauptete,  auf  ihren»  Boden  brenne  es.
Die  unvcrinuthete  Allarmirung  zeigte  übrigens,  daß  unsere
Wehr  in  nur  anzuerkennender  Weise  auf  dem  Posten  ist.
-j-  Eine  sog.  amerikanische  Lnftschaukcl  mit
fünf  Schiffen  hat  sich  aus  dem  der  grünen  Linde  gegenüber
liegenden  Eckgrundstück  in  der  Kaiscrallee  etablirt  und
gedenkt,  sobald  die  polizeiliche  Abnahme  erfolgt  ist,  den
„Betrieb"  aufzunehmen.'
J.  Deutsch  -  nationaler  Handlungsgehilfen-Verband
  (Ortsgruppe  Friedena»»).  An  Stelle  der  am
2.  Donnerstag  im  Monat  ausgefallenen  Mitgliedersitzung
veranstaltete  die  Ortsgruppe  am  Sonnabend,  den  10.  d.  M.,
Abends  91/2  Uhr,  im  Kaiser  Wilhelmgarten  eine  öffentliche
Versainmlung,  zu  welcher  verhältnißmäßig  nur  wenige  Gäste
erschienen  waren.  Als  Redner  hatte  der  hiesige  Zrveigverein
Herrn  F.  Schneider-Hamburg  gelegentlich  seiner  Anwesenheit
in  Berlin  gewonnen,  der  in  vorzüglichen  Ausführungen  über
das  Thema  sprach:  „Wie  ist  dem  Handelsstande  zu  seinem
früheren  Ansehen  zu  verhelfen?  Zweck  und  Ziele  des
D.  H.-V.".  Redner  führte  in  längeren  Ausführungen  an,
wie  der  Handclsstaud  im  Allgemeinen  in  den  letzten  Jahrzehnten ­
  heruntergekommen  sei  und  wie  besonders  in  den
letzten  Jahren  durch  das  unheilvolle  Emporschießen  der  großen
Bazare  in  fast  allen  großen  Städten  die  kleineren  Geschäfte
zu  Grunde  gerichtet  würden.  Redner  beleuchtete  die  Geschäftsführung ­
  dieser  Waareirhäuser,  die,  auf  die  Dumurhcit
der  Kauflustigen  spekulirend,  einerseits  Massemirtikel  zum
Einkaufspreise,  ja  sogar  mit  Verlust  abgeben,  andererseits
dagegen  die  vom  Publikum  schwer  zu  schätzenden  Sachen
mit  einen»  ungeheuren  Nutzen  verkaufen.  Das  kaufende
Publikum  sei  durch  die  Billigkeit  der  ersteren  Artikel  so  geblendet, ­
  daß  cs  auch  die  übrige  Waare  für  so  preiswerth
wie  nirgendwo  halte.  Redner  erklärte  ferner,  wie  d»»rch  das
Eindringen  unfähiger  Elemente  infolge  der  heutigen  Lehrlingszüchtere»
  der  Handlungsgehilfenstand  herabgesetzt  würde,  und
machte  eine  Anzahl  auswärtiger  Firmen  namhaft,  wo  das
Lchrlingsunwescn  besondere  Blüthen  triebe,  und  erwähirte,
zu  welchen  Arbeiten  die  angehenden  Jünger  Mercurs  als
billige  Arbeitskräfte  herangezogen  würden;  besonders  kennzeichnend ­
  war  die  Aufforderung  einer  Firma  an  ihren
Lieferanten,  die  Svdasäcke  nicht  über  75  Kilo  zu  liefern,
da  die  Lehrlinge  solche  sonst  nicht  in  den  Lagerraum  zu
schaffen  vermöchten!  Kaufmännische  Fortbildungsschulen  an
Tagesstunden  und  der  Zlvang,  daß  die  Chefs,  welche  Lehrlinge ­
  heranbilden,  selbst  gelernte  Kaufleute  sein  müßten,  seien
hierfür  geeignete  Maßnahmen.  Herr  Schneider  sprach  sodann
eingehend  über  die  stetig  zunehmende  Konkurrenz  der  Frauenarbeit ­
  im  Handelsgewerbc,  schilderte  die  sittliche  Seite  derselben ­
  lebhaft  und  sprach  sich  für  die  Beschränkung  der
Handlungsgehilfinnen  auf  diejenigen  Zweige  aus,  wo  dieselben ­
  aus  Gründen  des  Anstandes  unbedingt  erforderlich
seien.  Die  Einführnng  einer  gleichen  Lehrzeit  »vic  bei  den
männlichen  Gehilfen  müsse  gleichfalls  erstrebt  werden.  Ganz
zu  verwerfen  seien  die  Ansichten  der  Angehörigen  der  sozialdemokratischen ­
  „Freien  Vereinigung  der  Handlungsgchilsen"
und  des  sogenannten  „Vereins  der  Deutschen  Kaufleute".
Hieran  knüpfte  Redner  die  Forderungen  des  ,D.  H.-V."
bezüglich  Regelung  der  Arbeitszeit  und  Errichtung  kaufmännischer ­
  Schiedsgerichte  nach  Art  der  Gewerbegerichte,
die  sich  zur  Hälfte  aus  Prinzipalen  und  zur  Hälfte
aus  Gehilfen  zusammensetzen  sollen.  Nur  durch  derartige ­
  wirthschaftliche  Forderungen  auf  gesetzlichem  Wege
könne  dem  Kaufmannsstande  geholfen  werden.  Nur
durch  den  festen  Zusammenschluß  aller  Kaufleute  nach  Art
anderer  Vereinigungen,  z.  B.  der  Buchdrucker,  lasse  sich
etwas  erreichen!  Die  Berufsgenossenschafl  „Deutschnationaler
Ha»»dlungsgehilfen-Verband",  der  im  August  1895  in  ganz
Deutschland  erst  500  Mitglieder  zählte,  habe  heute  bereits
12,000.  Zum  Schluß  forderte  Redner  zum  Beitritt  auf
und  verwies  auf  die  uninittelbaren  Vortheile  des  Verbandes.
Für  den  geringen  Beitrag  von  M.  3.—  halbjährlich  wird
den  Mitgliedern  kostenfrei  eine  über  das  ganze  Reich  verbreitete, ­
  den  deutschen  Grundsätzen  angepaßte  Stellenvermittelung, ­
  Rechtsschutz  in  Berufsangelegenheiten  und  den
nothleidenden  Kollegen  Hilfsgelder  gewährt.  Außerdem  ist
jedes  Mitglied  ohne  Nachzahlung  nach  eiirjähriger  Mitgliedschaft ­
  gegen  Stellenlosigkeit  versichert.  Der  Beschluß  zur
Einführung  einer  eigenen  Krankenkasse  steht  auf  dem  3.  Verba,»dstage ­
  an  den  Osterfeiertagcn  in  Leipzig  als  fest  gesichert ­
  bevor.  Den  Ausführungen  des  Redners  folgte  lebhafter ­
  Beifall.  Nachdem  verschiedene  Punkte  in  der  freien
Aussprache  ihre  Erledigung  gefunden  und  einige  Gäste  sich
als  Mitglieder  eingezeichnet  hatten,  war  kurz  vor  1  Uhr
die  Versammlung  zu  Ende.
P  Quittung.  Für  die  am  letzten  Dienstag  erwähnte
Familie  Blaczynski  in  de»  Feurigstraße  sind  uns  von  einen»
ungenannt  sein  wollenden  Freunde  6  M.  übergeben  worden,

ferner  von  einer  Dame  4  M.  und  Kleidungsstücke.  Wir
haben  die  Gaben  dem  Eheinann  der  verunglückten  Familienmutter ­
  übergeben,  welche  inzwischen  nach  einem  Krankenhause ­
  gebracht  worden  ist,  und  bitten,  etwaige  weitere  Gaben
nicht  uns,  sondern  den  Handjerystraße  29  wohnetiden
Diakonieschwcstern  zu  übergeben;  letztere  werden  gerne
bereit  sein,  sich  der  mutterlosen  Kinder  nach  Möglichkeit
anzunehmen.
f  Für  .Militäranwärter.  Für  70  Postämter
bezw.  Postagmtnren  der  Provinz  Brandenburg,  darunter
auch  i»  18  Vororten  von  Berlin,  werden  gegenwärtig  von
der  Postverwaltung  Militäranwärter  als  Briefträger,  Landbriefträger ­
  und  Postschaffner  verlangt.  Desgleichen  beabsichtigt ­
  die  Eisenbahn-Verwaltung,  am  1.  April  50  Militäranwärter ­
  als  Fahrkartenverkäufer  anzustellen,  die  beim  Eintritt ­
  1184  M.  diätarischc  Jahresbesoldung  und  später  bei
etatsmäßiger  Anstellung  außer  den»  WohnungSgeldzuschuß
ein  Jahresgehalt  von  1100  bis  1500  M.  erhalten  sollen.
Zuschrift.
Wi»  werden  um  Veröffentlichung  folgender  Zeilen  ersucht:
„Dein  Herrn  Amtsvorsteber  und  den  Herren  Gemeindevcrordncten,
  die  in  der  letzten  Gemeinderathssitzung  für  das
Klecmannsche  Projekt  des  Umbaues  der  Neinstraße,  das  ich
gleichfalls  für  das  beste  und  einzig  richtige  halte,  gestimmt
haben,  fühle  ich  mich  gedrungen  Dank  und  Anerkennung
dafür  anszusprcchen.
Ein  Miether  in  der  Rheinstraße."
Aus  den  Nachbarorten.
*  Schöneberg.  Die  heißen  Wahlkämpfe  zur  Stadtverordnetenversammlung ­
  fanden  einen  Nachklang  vor  dem
Schöffengerichte  am  Amtsgericht  Berlin  II.  Zu  der  bei  den
Stadtverordnetenwahlen  unterlegenen  Partei  gehörte  auch  der
Kaufmann  und  Hausbesitzer  Robert  Baer.  In  seinem
Groll  über  seine  eigene  und  seiner  Partei  Niederlage  ließ  er
sich  eines  Abends  am  Stammtische  des  Schöneberger  RathSkellers
  zu  schweren  Beleidigungen  der  Gegner  hinreißen.
Besonders  bezeichnete  er  den  Stadtverordnetenvorsteher
Oientner  Mülle»  und  die  Stadtverordneten  Rathszimmermeister
Schmid,  Rentner  Hecht  und  Schlächtermeisters  Haase  als
„Schwindler  und  Bctiügcr".  Die  Beleidigten  erfuhren  und
strengten  einen  Privatbeleidigungsprozeß  an.  Vor  dem
Schiedsrichter  kan»  ein  Vergleich  nicht  zu  Stande,  dagegen
bat  der  Verklagte  vor  dem  Schöffengericht  um  Entschuldigung,
versicherte,  daß  seine  beleidigenden  Behauptungen  jeder  Begründung ­
  entbehrten,  übernahm  fämmtliche  Gerichts-  und
außergerichtlichen  Kosten  und  erklärte  sich  auch  bereit,  dem
gegnerischen  Anwalt  50  M.  Gebühren  zu  zahlen.  Unter
diesen  Umständen  zogen  die  Kläger  ihre  Klage  zurück.
—  Bei  der  Etatsberathung  in  voriger  Woche  wurde  die
Hundesteuer,  welche  bisher  16  M.  betragen  hat,  auf  20  M.
erhöht.  Es  giebt  in  Schöneberg  ca.  1500  Hunde.  Die
direkten  Steuern  betreffend,  sollen  dem  Vorschlage  des  Gemeinde-Vorstandes ­
  entsprechend  für  dasRcchnungsjahr  1898/99
im  Genieinde-Bezirk  folgende  Steuerzuschläge  erhoben
worden:  a)  100  pCt.  zur  Staatseinkommensteuer  und  den
fingirtcn  Sätzen  der  Einkoniinen  von  über  420  bis  900  M.
sowie  von  den  Forensalcinkoinmen,  b)  100  Prozent  Zuschlag
zur  Betriebosteuer  und  der  Gewerbesteuer  der  Klassen  III
und  IV,  e)  150  Prozent  Zuschlag  zur  Gewerbesteuer  der
Klassen  I  und  II,  (I)  zwei  pro  Mille  Grundwerthsteuer.
—  Für  das  Schöneberger  Reforingyinnasium,  das  zu
Ostern  d.  Js.  zwei  Jahre  besteht  und  gegenwärtig  in  den
bis  jetzt  eingerichteten  drei  Vorschulklassen  nebst  Sexta,
Quinta  und  Quaita  bereits  von  fast  400  Schülern  besucht
wird,  soll  laut  Beschluß  der  Etadtverordneten-Versammlung
vom  1.  Oktober  d.  Js.  an  das  Schulgeld  für  alle
Gymnasial-  wie  auch  Realschulklasscn  von  Sexta  ab  von
bisher  100  Mk.  auf  120  Mk.  erhöht  werden.  Dabei  soll
kein  Unterschied  stattfinden  zwischen  Schülern  aus  der  eigenen
Stadt  und  solchen  aus  Berlin  oder  den  übrigen  Vororten,
während  Berlin  z.  B.  in  seinen  Realschulen  flir  die  ortsangehörigen
  Schüler  80  Mk.,  für  auswärtige  dagegen
130  Mk.  erhebt.  Die  Schöneberger  Stadtvero»dnetcn-Versaminlung
  hat  jedoch  angesichts  des  hohen  Zuschusses,  welchen
die  Stadt  zu  den  Unterhaltungskosten  der  Reformschule  schon
in  dem  jetzt  beginnenden  Etatsjahre  zu  leisten  hat,  geglaubt,
von  der  Schulgelderhöhung  nicht  abstehen  zu  können.
—  Die  Anlegung  einer  Haltestelle  an  der  Monumentcnstraße
  für  die  Anhalter  Vorortbahn  bei  deren  Ausbau ­
  und  Ei»»führung  in  den  Potsdamer  Ringbahnhof  will
die  Geineindc  Schöneberg  beantragen.
—  Die  Errichtung  eines  eigenen  Krankenhauses  soll
jetzt  von  der  neuen  Stadt  ernstlich  ins  Auge  gefaßt  werden.
Die  Frage  der  Unterbringung  von  Krairken,  namentlich  aber
von  unbemittelten,  in  Krankenhäuser  ist  in  den  Vororten
nachgerade  zu  einer  brennenden  geworben,  da  die  Berliner
Anstalten  kaum  mehr  für  die  Bedürfnisse  der  Reichshauptstadt
  selbst  ausreichen  und  der  Aufnahme  auswärtiger
Kranken,  oft  sogar  bei  schwersten  Fällen,  derartige  Schwierigkeiten ­
  entgegensetzen,  daß  die  Kranken  stuirdenlang  von  einer
Anstalt  zur  anderen  gebracht  werden  müssen,  bis  sie  Aufnahme
  finden.  Und  auch  das  Britzer  Kreiskrankenhaus  ist
so  in  Anspruch  genommen,  daß  es  für  die  Anforderungen
der  uniliegenden  großen  Vororte,  besonders  jedoch  Schönebergs, ­
  nicht  entfernt  mehr  genügt.  In  Folge  dessen  hat
jetzt  der  Stadtverordnete  Steinsetzmeister  Schlink,  welcher  seit
langen  Jahren  Vorsitzender  der  Ortskrankcnkasse  für  Schöneberg ­
  ist,  die  Stadtverordneten-Versammlung  eindringlich  gebeten, ­
  sobald  wie  irgend  »nöglich  die  Erbauung  eines
städtischen  Krankenhauses  zu  veranlassen,  woraufhin  die  Versammlung ­
  dann  sofort  beschlossen  hat,  die  Angelegenheit  dem
Magistrat  zur  beschleunigten  Erwägung  vorzulegen.
*  Grnnewald.  Ueber  dem  Eingang  zum  Restaurant
„Hundekehle"  im  Gruncwald  prangt  bereits  das  Hoflieferanten-Wappen
  des  neuen  Besitzers,  des  Hoftraiteurs  Otto,
der  vor  kurzem  seinen  Einzug  in  das  von  ihm  gepachtete
Lokal  gehalten  hat.  Die  einfachen,  aber  anheimelnden
Räume  des  a!tbekan»»ten,  einem  Forsthause  gleichenden  Gastwirthschafts-Gebäudes
  sind  vollständig  renovirt  worden.
Einen  recht  freundlichen  Eindruck  machen  auch  die  in  Hell'
grün  und  Weiß  gehaltenen  Gartentische  und  Stühle,  weicht
Letztere  auf  der  Lehne  nock  mit  einem  Hirschkopf  geschmück-
            
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