Amtliches VerkündWilgs-Blatt des Amts-Bezugspreis
bei Abholung aus der Expedition, Handjerystraße
29, 1 M. pro Quartal; frei ins HauS
gebracht oder durch die Post bezogen 1,20 M.,
monatlich 40 Pf.
Bestellungen
in der Expedition, bei sämmtlichen ZeitungSfpediteuren
und Postanstalten.
Erscheint dreimal wöchentlich:
Gratis-Keilagen
Jeden Dienstag:
Z>ie illustrirterr Seifenblasen.
Druck und Verlag von
Leo Schultz in Friedenau.
imd Gemeinde-Vorstandes von Friedenau.
Dienstag, Donnerstag, Sonnabend
Jeden Donnerstag:
AentfcHkands Sport.
Jeden Lonnabcnd:
Ifriedenauer Sonntags b kalt.
Verantwort!. Redakteur:
.Leo Schultz in Friedenau.
Inseratwerden
am Erscheinungstage bis l Uhr Mittags
angenommen. Preis der 4 gespaltenen Petitzeile
oder deren Raum 15 Pf., der'Zgespalt.
Reklamezeile 30 Pf.
Jnseratcnannahme
in der Erpedition, Handjerystraße 29, sowie
in allen Annoncenexpeditionen.
Friedenau, Dienstag, den 4. Januar 189^
8. Iahrg.
Die Verhandlungen über die Rheinstraße
in der Gemeinderathssitznng vom 30. Dezember.
Die Berathungen über den Umbau der Nheinstraße,
deren Ergebniß wir noch am selben Tage dem Friedenauer
Publikum durch eine Extra-Ausgabe unseres Blattes bekannt,
geben konnten, wurden eingeleitet durch eine Rede des Herrn
Gemeindevorstehers Major Roenneberg: Seine Voraussage,
daß die in der Sitzung des Gemeindcraths vom
15. Dezember von 16 Mitgliedern desselben unterzeichnete
Petition an den Kreistag kein günstiges Ergebniß haben
werde, habe sich bestätigt, denn der Vorsitzende des Kreisausschusses
habe den Gemeinden Schöueberg und Steglitz durch
ein auch dem Friedenauer Gemeindevorstand mitgetheiltes
Schreiben (Vergl. Nr. 119 d. Bl.) eröffnet, daß die Verhandlungen
an dem Widerspruch Friedenaus gescheitert seien
und eine Betheiligung des Kreises an den, gemeinsamen
Ausbau der Provinzialchaussee nicht stattfinden könne.
Redner verlas nunmehr das bereits in der Versammlung
der Rheinstraßenanlicger am 29. Dezember mitgetheilte
Schreiben der Provinzialverwaltung, worin bis zuin 3. Jan.
eine Erklärung Friedenaus betreffs der Uebernahme der
Straße gefordert wird, und machte über das Ergebniß jener
Versammlung, in welcher neun Anlieger die von ihm vorgelegte
Verpflichtungserklärung zur kostenlosen Abtretung der
Vorgärten unterschrieben hätten, Mittheilung (Vergl. den
Bericht in Nr. 120). Die Friedenauer Gemeindevertretung
hätte zwar schon früher beschlossen, die Straße von der
Provinz übernehmen und nach dem Kleemannschen Projekt
ausbauen zu wollen; jedoch sei ihm jetzt die Verpflichtung
auferlegt, noch einmal darüber beschließen zu lassen. Bevor
in die Berathung eingetreten werde, wolle sich die Vertretung
darüber schlüssig niachen, ob der tz 108 der Landgemeindeordnung
denjenigen Herren Gemeindevertretcrn, welche
Anlieger der Nheinstraße sind, die Theilnahme an dieser
Berathung gestatte.
In der darüber eröffneten Diskussion sprach sich
Niemand dagegen aus, daß die drei Herren (von welchen
nur Herr Wille anwesend ist) an den Verhandlungen theilnehmcn,
Herr G.-V. Sch rem m er und andere betonten vielmehr,
daß diese Herren gerade bemüht seien, die Interessen
Friedenaus in der Sache zu fördern; ein Widerspruch gegen
die Gemeindeinteressen, wie er im § 108 der L.-G.-O. vorgesehen,
sei durchaus nicht vorhanden.
Der Herr Gemeindevorsteher beantragte darauf, an
den früher gefaßten Beschlüssen aus Uebernahme der
Straße usw. festzuhalten. Dieser Antrag wurde, wie bereits
mitgetheilt, am Schluß der Verhandlungen abgelehnt. Dafür
stimmten außer dem Gemeindevorsteher die Schöffen Bache
^HVdwig.
Kriminalroman von G. von Strambcrg.
1) 1 sNachdruck verboten.
Der herrliche Rheinstrom ist cs, wo folgende Geschichte
sich abspielt, und zwar ist cs derjenige Theil des Flusses,
der zwischen Koblenz und Bingen sich dahinzieht, wo die
Fluthen des ehrwürdigen Stromes zwischen bewaldeten oder
rebenbcwachsenen Bergen und steilen, zackigen Felsen mit den
romantischen Ritterburgen auf ihren Abhängen sich einher
wälzen. Dort erst befindet sich eigentlich der Rhein, der
vielbesungene und ob seiner Schönheit gepriesene und dort
erst umfaßt uns bei seinem Anblick jener eigenthümliche, von
Sagen und Erinnerungen aus alter Zeit gewobene Zauber,
der keine andere, noch so reizende Gegend der Welt in uns
zu erwecken vermag. Und dann, wie idyllisch schön liegen
dort unten am Fuße der felsigen Höhen die kleinen Dörfer
mit den gemüthlichen, oft Jahrhunderte alten Häusern, an
denen uns alle Augenblicke ein Wirthshausschild zum Eintreten
einladet, wie schön ist die Aussicht aus den Strom
mit seinen krystallenen Wellen an einem sonnigen Tage, wie
seltsam fesselnd, zur Andacht oder auch wohl zur Melancholie
uns stimmend der späte Abend, oder die Nacht, wenn der
Mond sein mildes Licht in den melodisch plätschernden
Fluthen wiederspiegelt und die Berge mit ihren Burgen nnd
Wäldern im silbernen Glanze erstrahlen läßt. So erhaben
schön dieses Bild ist, so unerträglich war mir stets der
Mensch, der zum ersten Male vor demselben stehend nicht
in Bewunderung ausbrach oder glcickgiltig von trivialen
Dingen zu reden vermochte.
Freilich, Gewohnheit oder Wiederholung vermögen mit
der Zeit gegen alles abzustumpfen, und daher wissen die
Bewohner der Ufer des schönen Rheinstromcs es kaum zu
schätzen, wie sehr sie dadurch vor anderen Menschenkindern
bevorzugt sind, daß in einem solchen Paradiese zu leben
und Dräger, dagegen Schöffe Fehler und sämmtliche Gemeindevertreter
(nicht anwesend waren Hertzcr, Rösler,
Stolze, Straus und Schöffe Sarkamm).
Herr G.-N. Leist hatte den Antrag gestellt, die Uebernahme
der Straße von der Provinz pure abzulehnen. Auch
dieser Antrag hatte das Schicksal des vorigen. Herr Leist
begründete denselben folgcnderniaßen: Nachdem die 400 000
Mark des Kreises verloren seien, komme nur der Zuschuß
der Provinz mit ca. 90 000 Mark in Frage; mit diesem
Zuschuß aber eine gute Straße zu schaffen, sei die Gemeinde
nicht finanzkräftig genug. Nach seinen Berechnungen würde
die Herstellung von 12 000 Quadratmetern ausgegosscnen
Steinpflasters auf Schottcrunterlage (18 M. pro Quadratmeter)
216 000 M. erfordern, die übrigen Kosten (Bordschwellen,
Mosaikpflaster für die Bürgersteige re.) noch
84 000 M. betragen, so daß rund 300 000 M. aufzubringen
seien. Hiervon ab der Zuschuß der Provinz mit
90 000 M. und der Zuschuß der Straßenbahn mit 64 000
Mark, blieben für die Gemeinde 146 000 M. Die Verzinsung
dieser Summe (5—6000 M.) und die Unterhaltung
der Straße (ca. 5000 Ni.) würde der Gemeinde die bedeutende
jährliche Last von mindestens 11 000 M. auflegen,
welche durch Steuern aufzubringen seien. Da sei cs besser,
das Anerbieten der Provinz abzulehnen und dieser die Ausführung
zu überlassen. Die Verantwortung dafür fiele nicht
auf die Gemeindevertretung, sondern auf die Adjazenten,
welche in ihrer großen Mehrheit zum Ablehnen und Abwarten
gerathen hätten.
Herr Gemeinde-Verordnetcr Wille entgegnete, daß die
Rheinstraßenanlieger deshalb dagegen seien, weil sie in der
projektirten Anlage der Bahn m9 der Seitenlage der Geleise
keinen Vortheil, der sie für die Abtretung ihrer Vorgärten
entschädige, zu erblicken vermöchten. Sic befänden sich damit
vollständig auf dem Boden der auch von Herrn Leist
mit unterschriebenen Petition an den Kreistag. Was die
finanzielle Belastung der Gemeinde durch Uebernahme der
Nheinstraße anlange, so gäbe er zu, daß solche sich auf
10—11 000 M. im Jahre belaufen könne. Eine von ihm
aufgestellte Berechnung über die Kosten der Ausführung des
Kleemannschen Projekts ergebe aber auch diese Summe, nachdem
außer der Zahlung der Provinzialvcrwaltung und des
DanipfstraßcnbahnkonsortiumS die für dies Projekt in Aussicht
stehende Kreisbcihilfe in Abzug gebracht sei. Redner
bezifferte sodann die unter Zugrundelegung der Anschlagssätze
des tcchn. Bauraths der Gemeinde zur Ausführung
dieses Projekts nothwendigen Aufwendungen für eine 800
Meter lange Straßcnstrecke, welche annähernd auf Friedenau
entfalle. Von den entstehenden Ausgaben würden der Gcmeinde
unter allen Umständen 74 680 M. zur Last bleiben
ihnen vergönnt ist. Zumal die Bauern glauben nicht
anders, als daß es nun überall auf der Wett so schön oder
noch schöner sei als dort; wenn sie des Abends nach gethaner
Arbeit am Ufer stehen, um den trefflichen „Reuter A B"
rauchend, über Tagesneuigkeiten sich unterhalten, so lieben
sie cs sehr, bcm Vater Rhein den breiten Rücken zuzudrehen
und die Ochsen sich zu betrachten, welche von der
Schwemme nach dem Stalle getrieben werden.
Auch an einer anderen Stelle in der Nähe eines Dorfes,
oder vielmehr eines Städtchens am Rheine, dessen Namen
wir hier aus besonderen Rücksichten verschweigen wollen,
kümmerte man sich heute — es war im September des
Jahres 186 ... — blutwenig um den wundervollen
Abend, der über dem Strome und seiner Umgebung ausge
breitet lag. Auf halber Höhe des Berges, an welchem das
Städtchen sich anlehnte, stand eine große Villa mit dichtbewaldetem
Park und weit ausgedehnten Obstgärten. Oben
im ersten Stock mit dem breiten Balkon vor dem hell erleuchteten
Fenster saß oder lag vielmehr eine Dame auf
einem antiken, geschnitzten Schaukelstuhle, ein Buch in den
feinen Händen und eifrig mit Lesen beschäftigt. Die ganze
Ausstattung des mittelgroßen Zimmers war altcrthümlich,
an den Geschmack vergangener Jahrhunderte erinnernd. Altmodisch
waren die prachtvollen Gobelins an den Wänden,
altmodisch der Fußboden und altmodisch die seltsam geschnitzten
oder eingelegten Möbel, von dem Fußschemel an,
auf den der zierliche Fuß der eifrigen Leserin sich stützte,
bis zu dem mächtigen Büffet in der Ecke mit dem
kolossalen Spiegel mit likahmen aus Nußbaumholz, welcher
der jungen Dame gegenüber an der Wand befestigt war.
Und doch waren alle diese kostbaren und antiken Gegenstände
vollständig neu, so neu, als wären sie gestern erst von
ihrem talentvollen Verfertiger aus seiner Werkstätte nach
diesem luxuriösen, überall den Reichthum seines Besitzers verrathenden
Raume gebracht worden.
und die Verzinsung und Amortisation dieser Summe zu dem
bei der letzten Straßenanleihe festgestellten Satze von 6^/4 Proz.
würde 5040 M- jährlich erfordern. Die Unterhaltung von
Asphaltpflaster sei besonders theuer. Die Stadt Berlin
zahle den Asphalteuren nach Ablauf von 5 Freijahren 0,50 M.
pro Quadratmeter und Jahr in allen denjenigen Etatsjahrcn,
in welchen die denselben übertragenen Neuausführungen
5000 Quadratmeter und mehr betragen, in allen übrigen
Etatsjahren aber 75 Pf. pro Quadratmeter und Jahr. Bisher
habe er angenommen, der Betrag von 50 Pf. sei allgemein
gütig, doch bei dieser erst jetzt ihm bekannt gewordenen
Sachlage müsse für Friedenau seiner Ansicht nach
mit dem Satze von 0,75 M. pro Quadratmeter und Jahr
gerechnet werden. Hiernach aber erfordere die Unterhaltung
der nach dem Kleemannschen Projekt herzustellenden Asphaltfläche
— von den paar Freijahren abgcseheu — jährlich
5400 Mark, dem für die Unterhaltung der Seitenbanqnette,
so weit hierzu nicht das Dampfstraßenbahnkonsortium
die Verpflichtung habe, nach dem Sahe von
10 Pf. pro Quadratmeter noch 270 M. hinzukämen, so
daß sich im Ganzen 5670 M. Unterhaltungskosten und zuzüglich
der zur Verzinsung und Aniortisation erforderlichen
5040 M. an Gesammtkosten für ein Jahr 10 710 M. ergäben.
Das in der Petition an den Kreistag vorgeschlagene
Projekt erfordere an Herstellungskosten nicht viel weniger
und an Unterhaltungskosten sogar mehr als das Kleemannschc.
Die höheren Unterhaltungskosten kämen aber für die Gemeinde
nicht in Betracht, da das Dampfstraßenbahnkonsortium
im Fall der Anwendung der bestehenden Verträge
auf diese Anlage an Unterhaltungskosten 3300 M. gegen
440 M. nach dem Kleemannschen Projekte zu tragen haben
dürfte, doch sei die Ausführung dieses Projekts, wenn die
Kreisbcihilfe dazu nicht gewährt werde, seiner Ansicht nach
nicht nöthig und in Rücksicht auf die dadurch eintretende
Belastung der Gemeinde nicht empfehlcnswerth. Das Alles
bedinge aber nicht, daß man von der Uebernahme der Straße
auf die Gemeinde absehen müsse, nachdem die Sache so viel
Erwägungen veranlaßt habe. Eine Straße mit 14 Meter
Dammbreite, den Geleisen in der Mitte und 4 Meter
Bürgersteig an jeder Seite genüge für die Friedenauer Verhältnisse
voll und ganz. Die Ausführung einer solchen
Straße mit gutem Neihcnstcinpflaster aber erfordere,' da die
Unterhaltung von Rcihensteinpslastcr wesentlich billiger als
diejenige von Asphalt sei, an Jahresausgaben für die Gemeinde
rund 2000 M. weniger, als durch Ausführung des
Kleemannschen Projektes nöthig sei. Ginge man auf eine
Damnlbrcite von 13V'2 Meter zurück und würden, wie er
wohl annehmen möchte, die Anlieger sich bereit finden, die
Herrichtung der Bürgersteige mit den Bordschwellen auf ihre
Mit dieser alterthümlichen Pracht kontrastirte auffallend
die Einfachheit in der Kleidung des etwa 20 jährigen
Mädchens in dem Schaukelseffel. Ein einfaches graues
Kleid umgab die zarte, aber keineswegs schwächliche Gestalt;
ein weißer Spitzenkragen umschloß den schneeigten Hals,
während den einzigen Schmuck ein kleines Robinkreuz
bildete, welches unmuthig über die Brust an einer sammetnen
Schnur hcruntcrhing. Die braunschwarzen Locken ergossen
sich üppig nnd fessellos über ihre Schultern und die Lehne
des Stuhles, nnd andächtig schauten die dunklen etwas
schwärmerischen Augen in das Buch, welches die Leserin in
der Hand hielt.
Plötzlich ließ sic das Buch sinken und hob das reizend
geformte Köpfchen in die Höhe, als wollte sie über eine soeben
gelesene Stelle nachdenken. „Es giebt doch noch vortreffliche
Menschen in der Welt," sprach sie vor sich hin;
„was für ein vortreffliches Mädchen ist die Hedwig, die
dem Manne ihrer Wahl so lange Jahre die Treue bewahrte,
und wie edel 'handelte Bruno, daß er trotz aller Versuchungen,
die an ihn herantraten, nachdem er vom armen
Kommis zum unermeßlich reichen Goldgrubenbesitzer sich aufgeschwungen,
dennoch zu der Mangel leidenden Jugendgeliebten
zurückkehrte! Welcher von unseren jungen Männern
würde heutigen Tages also handeln? Und bildschön muß
dieser Bruno gewesen sein, ich kann mir ihn ganz genau
vorstellen, mit der hohen, kräftigen Gestalt, der edelgeformten
Nase, den ausdrucksvollen Augen, wie er plötzlich zu der
armen Näherin ins Zimmer tritt und die Arme ausbreitend
ausrief: „Hedwig, liebst Du mich noch?" „Ach, fuhr sie
seufzend fort, „wie glücklich würde ich sein, wenn ich mich
von einem solchen vortrefflichen Manne so innig wie diese
Hedwig geliebt wüßte."
Der Gedankengang der jungen Dame wurde hier unterbrochen,
indenr ein Herr ins Zimmer trat, eine starke, stattliche
Gestalt mit einem Gesichte, welches förmlich sttotzte