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Volume No. 1

Full text: Berichterstatter aus Berlins gesellschaftlichem Leben (Public Domain) Issue3.1848 (Public Domain)

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der Christmarkt un« aufgebaut, und unser Omnibus 
muß sich daher wieder in Trab setzen, um vier TageS- 
fliegen der Neuigkeit, vier Ausstellungen mit einem Be 
such in Augenschein zu nehmen, denn in wenigen Tagen 
könnten sie uns wieder entflogen sein. Leipzigerstraße 
Nr. 48. ist unser Reiseziel. Da aber unser Weg die 
Königssiraße entlang über die Spittelbrüche führt, so 
gebietet uns die Pflicht, den ungarischen Simson 
Toldy Janos in der Königsstraße 62. und den Al 
binos und die junge Indianerin auf der Spittel- 
brückc 2. zu besuchen. Herr Toldy Janos ist eine 
merkwürdige Erscheinung sowohl dem edlen, als dem 
kräftigen, muskulösen Bau seines Körpers nach. 
Die Formen seines ganzen Körpers sind so schön 
wie die antiken Gestalten der Geschichte, und dennoch 
lassen sic die große Kraft nicht ahnen, die in ihnen 
liegt. Die Muskeln sind hart wie Stein, wenn sie an 
gespannt werden, besonders an den Armen. Schon 
die Größe des ungarischen SimsonS ist athletisch, sein 
Haupthaar aber, wie bei dem biblischen Simson, 
schwarz, lang, stark und weich, und man wird unwill- 
klihrlich zu der Annahme veranlaßt, daß die Stärke 
Toldy Janos wirklich zum großen Theil in seinem 
kräftigen Haarwuchs liege, so daß sich die Geschichte 
des alten Simsons mit der Telila leicht bewahrheiten 
könnte. Wir zittern bei dem Gedanken, daß der vor 
uns stehende Simson die Geschichte bereichern helfen, 
die Säulen des Hauses erfassen und, wie der geblen 
dete Simson der Bibel die Philister, so uns unter die 
Trümmer des Hauses begraben könnte, obwohl uns 
unser Gewissen vor dem Vorwurf der Philisterschaft 
freispricht. — Wir nehmen daher Reißaus, um mit dem 
rothäugigen Albinos und der jungen Indianerin 
aus der Spitt, lbröckc zu liebäugeln, wodurch wir zu 
gleich auf galante Weise unsern Respekt vor dem 
Simson und unsere Cavaliecscbafk vor der rothbraunen 
Dame am besten beweisen können. Albinos und In 
dianerin lassen sich jedoch nur für Geld und gute 
Worte sehen. Das gute Naturkind mit dem Ringe 
in der Nasenwand, ist nämlich von 2L Jahren noch so 
jungfräulich schüchtern oder vielleicht auch emanzipirt, 
daß sie sich den die Aechlheit prüfenden Blicken und 
Berührungen der jungen Männerwelt nur nach wie 
derholten guten Worten aussetzt. Der Albinos hat 
langes, weißes und glänzendes Seidenhaar, nur un 
merklich gcröthete Augen, deren Pupille sich stark be 
wegt, und noch unmerklichcr scheint Licht und Finsterniß 
aus dieselben einzuwirken, denn Geld sieht er auch 
beim strahlendsten Lampenlicht leidenschaftlich gern. 
Bei andern Leuten ist dies zwar auch der Fall, und sic 
sind keine Albinos; aber der Mann mit den rothen 
Augen soll auch des Nachts ohne Laterne das Geld, 
und alles Andere gern Und genau sehen. Seine Aecht- 
heit ließe sich nur in einem finstern Gemache erforschen, 
und bevor ihm dies zu veranstalten nicht beliebt, kön 
nen wir unsern Zweifel an ihm nicht ganz verbannen. 
Seine Indianer-Gattin dagegen «erschnappte sich bei 
unserm Besuch in ihrer Muttersprache zufällig in so 
reinemDeutsch, daß man unwillkürlich lachen mußte, 
als sie, darüber zur Rede gestellt, plötzlich ä la Roth 
haut sprach und sich überhaupt wie eine Taubstumme 
gebärdete. Es ist auch eine unleidliche Bettelei von 
ibr, wenn sie das Publikum noch zu einem besondern 
Geschenk in ihre große Sparbüchse auffordert, nachdem 
sie vorher mit ihrer abscheulichen Stimme einen lan 
desüblichen Lobgesang gekräht hat, der von so zaube 
rischer Wirkung ist, daß man sehr gern davonläuft. 
Auch wir besteigen unsern Omnibus mit Vergnügen, 
um eine schönere Gegend aufzusuchen. 
Diese „schöne Gegend" ist: Leipzigerstraße 48., wo 
nicht allein das Affentheater des Hrn. Schreyer und 
das Theater Daguerre mit einer l-allori«: militairo des 
Hrn. Buiron erbaut worden, sondern wo auch ein 
3600 Pfd. schwerer Riescnochs aus der Schweiz einen 
Schauplatz gefunden, der nach Inhalt der Anschlag 
zettel gegen eine große Prämie einen zweiten Ochsen 
sucht. Ich könnte ihm einen nachweisen, der ihn an 
Ochsigkeit noch übertrifft, nur mit dem Unterschiede, 
daß er nicht so viel wiegt. — Außerdem ist in dem 
selben Gebäude der Leipzigerstraße noch ein künstlicher 
Brütofcn zu sehen, mittelst welchem l0,000 Eier auf 
einmal ausgebrütet werden können. Es klingt dies für 
den Uneingeweihten so fabelhaft, wie die berliner 
Schnurre von dem Kater einer alten Jungfer, der ein 
Huhn ausgebrütet haben sollte, und den man auch 
zum Eierlegen drcssiren wollte — aber es ist wahr 
haftig wahr mit der Eigenschaft dieses BrütofenS, und 
die Zeit dürfte nicht mehr fern sein, wo nach dem li 
beralen Ausspruche jenes Kaisers, auch der Arme des 
Sonntags sein Huhn im Topfe haben kann, nachdem 
er die Woche über Pferdefleisch gegessen. Ucbrigens ist 
dieser Brütofcn, über den wir später noch besonders 
berichten werden, das zweite Eremplar dieser Art in 
der Nähe Berlins, da bereits seit vorigem Sommer 
in der Uferstraße aus dem Wedding eine großartige 
Brutanstalt errichtet worden. — So viel von dem 
Brütofen, da wir ohnedies nicht wissen, wo wir Zeit 
und Raum für heuc hernehmen sollen, um auf die 
andern Schaustellungen einzugehen. Wir erlauben uns 
daher schließlich nur eine kurze Andeutung über die 
beiden Theater. Die 6aleri>: militaire des Hrn. Buiron 
fährt ttsts namentlich militairifche Scenen vor. Beson 
ders ist es das Lager des gefürchteten Appclkatecs," 
wie der Berliner Abd-cl-Kader nennt, welche ange 
staunt wird. Die Scene stellt den Augenblick dar, wo 
Abd-el-Kader einen gefangenen französischen Olsizier 
begnadigt, wenn er die christliche Religion abschwören 
und Muselmann werden will. Auch die Mordscene des 
Praslinschen Ehepaars, wozu der Berliner Omnibus 
die Erklärung liefert, ist in dieser Galerie aufgestellt, 
und sie verfehlt ihre Grausen erregende Wirkung auf 
den Beschauer gewiß nicht. Ausgezeichnet und treu 
nach der Natur wirkt der Mechanismus in der Ster- 
bcscene des Herzogs von Orleans, wodurch die letzten 
Athemzüge und die Zuckungen der Gesichtsmuskeln des 
Herzogs täuschend nachgeahmt werde». Die Uniformen, 
in welchen die Figuren gekleidet sind, sollen wirklich 
dieselben sein, welche die lebenden Personen getragen 
haben, wogegen wir nichts einzuwenden wissen; doch 
müssen wir uns entschieden gegen die Tendenz der 
„Galerie," durch Mordscenen auf das Publikum ein 
zuwirken, aussprechen. Es ist erst in diesen Tagen wie 
der in unsern Mauern ein Mord verübt worden, der 
dem Christfeste nicht angenehm steht und der ohne 
Zweifel von solchen mystischen Abstumpfungen mit her 
rührt. — Mit dieser Bemerkung wollen wir aus dem 
Lokale des Hrn. Buiron bis zu einem nächsten Besuche 
scheiden, um in das Affentheater des Herrn Schreyer 
einzutreten. Dieses Theater, aus früheren Vorstellun 
gen rühmlichst bekannt, führt auch jetzt wieder höchst 
ergötzliche Scenen dem Publikum vor Augen. Die Er 
stürmung einer Festung durch Affen ist das Hauptstück
	        
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