Publication:
1890
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-15365876
Path:

Gesundheits - Polizei.
179
Es ist nun bekannt, daß die Milch bei längerem Transport sowohl
auf Wagen- wie Eisenbahnstraßen aussahnt, d. h. das Butterfett nach oben
abscheidet, daß die Milch sogar im Euter der Milchthiere das Fett aus
scheidet, daß ferner Morgenmilch im Ganzen weniger Fett enthält als
Mittags- und Abendmilch; daß ferner die Rindviehrasse und die Fütterung
einen nicht unwesentlichen Einfluß auf den Fettgehalt der Milch üben.
Um in ersterer Beziehung jeden: Irrthum und Fehlgriff thunlichst vorzu
beugen, sind die Beamten der Marktpolizei durch Ausführungsanweisung da
rauf hingewiesen, die zu prüfende Milch noch sorgsamer, als dies bisher schon
geschah, vor der Prüfung zu mischen, obwohl es sich bei dieser Untersuchung
durch die Beainten der Marktpolizei immer nur um eine Bestimmung des
spezifischen Gewichtes der Milch handelt. Der polizeiliche Milchprober
ist neuerdings wiederum kontrolirt und durch Verwendung von Jenenser
Glas und anderweiten Aenderungen verbessert und zuverlässiger gemacht
worden.
So gern nun auch die geringen ausnahmsweisen Schwankungen des
Fettgehaltes der Milch nach Fütterung des Milchviehes anerkannt und
dergleichen Vorkommnissen bei den bisherigen, seit Jahren gestellten zahl
reichen Strafanträgen immer in billiger Weise Rechnung getragen worden
ist, ebensosehr ist durch die langjährigen Erfahrungen seit 1877 festgestellt,
daß seitens einzelner Milchproduzenten, besonders aber durch die hiesigen
Milchhändler, die Milch in ihrem Fettgehalt, sei es durch Entsahnen, sei
es durch Wasserzusatz, des Gewinnes halber künstlich herabgesetzt und das
verzehrende Publikum betrogen wird. Die Akten der Marktpolizei ent
halten dafür zahlreiche Beläge.
Das Polizei-Präsidium hielt es daher für angemessen und im gesund
heitlichen Interesse nothwendig, einen Fettgehalt der Milch zu verlangen,
welcher erfahrungsgemäß bei reeller Geschäftsführung einer- und sorgsamer
Prüfung andererseits mit geringen Ausnahmen von: Lande hierher geliefert
werden kann, zumal die nach Berlin eingeführte Milch ausnahinslos aus
Morgen- und Abendmilch gemischt ist. Dieser Weg wurde um so mehr
für zweckinäßig gehalten, als Städte wie Breslau und Köln, welche kaum
bessere Zufuhr erhalten dürften, als Berlin, sogar 3 % Fett für Vollmilch
festgesetzt haben, und der Rath der Stadt Leipzig, wo bereits seit den:
16. April 1879 Milchkontrole geübt und für Vollmilch 3 % Fettgehalt
verlangt wird, hierher mittheilte, daß sich diese Bestimmung bisher durchaus
bewährt und insbesondere eine Verbesserung auch der von außerhalb einge
führten Milch durch bessere Fütterung des Milchviehes auf den großen
Gütern zur Folge gehabt habe.
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