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Full text: Generalbericht über das Medizinal- und Sanitätswesen der Stadt Berlin (Public Domain) Issue1.1879/1880 (Public Domain)

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Sanitäts-Polizei. 
3. Erlaß der Polizei-Berordnung am 17. Dezember 1880, betreffend 
das Schlafstellenwesen. 
In sehr naher Verwandtschaft mit den Pennen stehen die sog. „Schlaft 
stellen" nnd das Schlafstellcnwcsen trägt zweifellos wesentlich dazu bei, daß 
ans den Wohnungsverhältnisscn schädliche Einflüffc ans die sanitären Zustände 
Berlins erwachsen. 
Die Volkszählung von 1875 hat ergeben, daß es damals in Berlin 
44708 Haushaltungen gab, in denen ein Theil der Wohnung an sogenannte 
Schlafleutc micthsweise abgegeben war, und daß die Zahl der letzteren sich 
ans 78698 belief. Die Schlafstellcn-Verniicther bieten den Schlaflcnten ein 
Lager für die Nacht entweder in einem besonderen Raum, einer Kammer, ans 
dem Corridor, in der Küche, oder in einem Raum, in dem auch Familicn- 
Mitglicder schlafen. Oft wird von einer Familie gleichzeitig nur ein „Schlaf 
bursche" angenommen, oft auch mehrere gleichzeitig. 
Die Schlafleutc sind meistens einzelnstehende Arbeiter nnd Arbeiterinnen 
und bilden eine sehr fluctuirendc Bevölkerung, da ihr Miethcrvcrhältniß zu 
den Schlafstellcn-Vcrmicthern meistens nur kurze Zeit währt und sie die Schlaf 
stelle häufig wechseln. 
Abgesehen von dem an dieser Stelle nicht weiter zu erörternden nach- 
theiligen Einfluß, den das Schlafstellcnwesen nachweisbar in moralischer Hin 
sicht ausübte, führte cs zu einer Ueberfüllnng der Wohnungen zur Nachtzeit, 
welche in sanitärer Beziehung als höchst bedenklich angesehen werden mußte 
und gab auch außerdem zu einer Verschleppung und Verbreitung ansteckender 
Krankheiten Bcranlaffung. 
Schon im Jahre 1875 waren diese Verhältnisse im Schooße des Polizei- 
Präsidinms Gegenstand der Erörterung gewesen, jedoch erschien cs damals 
wegen der herrschenden Wohnnngsnoth nnthunlich, gegen dieselben vorzugehen, 
und es wurde namentlich die Erwägung angestellt, daß wenn den Familien 
die Auftiahmc von Schlaflcnten erschwert würde, die Wohnnngsverhältnisse der 
bisherigen Schlafstellen-Vcrmicther sich kaum verbessern würden. Vielmehr 
würde eine Familie, welche zur Zeit Schlafleutc bei sich aufnähme, falls ihr 
dies wegen zu großer Ueberfüllnng des Wohnranines untersagt würde, häufig 
genug nicht im Stande sein, dieselbe Wohnung zu behalten und für sich allein 
zu benutzen, weil ihr ohne die bis dahin von den Schlaflcnten gezogene Ent 
schädigung die Aufbringung des Micthszinses unmöglich sein würde. Die Folge 
davon würde sei», daß sie eine Wohnung zu geringeren Preisen würde suchen 
müssen, in der die Verhältnisse trotz der ausschließlichen Benutzung derselben
	        
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