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Volume No. 22., vom 16ten März

Full text: Der preußische Vaterlandsfreund (Public Domain) Issue1811 (Public Domain)

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«nie so große Fortschritte zu machen, und allerding« 
in manche» Stücken hohe Ursache dazu haben, daß ein so 
wichtiger Zweig, der sich so reichlich belohnt, noch im, 
wer so sehr vernachlässigt wird; aller Aufforderungen 
ungeachtet, welche von patriotischen Männern deshalb 
ergehen. Fänden sie Gehör, so würde auch der Zucker, 
den unsre Vorfahren noch gar nicht kannten, und sich 
allein auf Honig beschränkten, um so leichter entbehrt 
werden. —17.. 
Das S e e g e st a d e. 
Ein« wahre Ecswichke. (Forls-Hling). 
26ochen vergingen seitdem, ehe sein Verhör beendigt 
und das Kriegerecht gesprochen war. Eine allgemeine 
Stimme erkannte ihm endlich vierjährige Festungsstrafe 
zu, in Rücksicht der Bewußtlosigkeit seines Zustandes 
während der That, ohnerachtet sich diese zu strengerer I 
Strafe qualifizirte. Das Urtheil ward sofort dem Ko, 
nige zur Genehmigung übersandt, und Daker und Sohn 
athmeten freier. 
Rudolf überflog in Gedanken die vier Jahr. Die 
Zeit ist lang, dachte er, indeß wird in ihr auch die 
ganze Sache um so eher vergesse». Wenn ich dann 
Julien wiedersehe, habe ich abgebüßt und sie verzecht 
mir die rasche unbesonnene That. Er konnte jetzt lei, 
denschafrloser an Jnlien denken. Es schien fast, als 
habe jener wilde Ausbruch ihn augenblicklich erschöpft 
und die verzehrende Unruhe gesättigt. 
Rudolfs Freunde trauerten indeß über die lange 
Trennung, und ferne und nahe Bekannte vcrfammel» 
len sich noch, um die letzten Tage mit ihm zu verleben. 
Unter diesen befand sich auch Linden, der Rudolf vor 
allen andern mit besonderer Herzlichkeit zugethan war. 
Eben im Begriff, eines Abend« zu diesem zu gehn, 
ward Linden zu dem General beschieden, der, von sei, j 
ner Anwesenheit unterrichtet, und beider Freundschaft 
kennend, ihn zu sprechen wünschte.. Er folgte in ban 
gem Vorgefühl der Einladung. Schweigend gab ihm 
der General bei seinem Eintritt einen offnen Brief. Lin, 
den überflog die wenigen Zeilen, welche Rudolfs Schick 
sal in sich faßten. E« war dessen Sentenz, welche der 
König bi« zur Cassation geschärft hatte. Der alte Mann 
ging sehr bewegt im Zimmer auf und ab. Ich weiß 
nicht, sagte er, während Linden noch immer auf da« 
Blatt hinstarrte, ich weiß nicht, wie es mein Sohn 
tragen wird! und doch will« getragen seyn. Es ist 
schlimm, Herr von Linden, wenn den ungeübten Schul- 
lern eine zu große Bürde aufgelegt wird, man sinkt 
oft. unter der Last in die Erde. E« ist hart, rief Lin, 
den erschüttert, sehr hart! Sagen Sie da« nicht, un 
terbrach ihn der General, ich.hätte auch so über ihn 
gesprochen, glauben Sic mir, das muß so seyn. Aber 
das kann mein Sohn jetzt nicht einseh», und darum 
müssen wir ihm zu Hülse kommen. Er blieb eine Zeit 
lang gedankenvoll mit gefalteten Händen stehn. E« 
wird Zeit, hub er nach einer Weile an, gehen Sie, Herr 
von Linden, bringen Sie ihm das Königliche Schrei 
ben. — Stehen Sie ihm bei — ich kann ihn nicht sehn, 
jetzt nicht, ich bin mir das schuldig — aber mein Se, 
gen — sagen Sie ihm da«, Herr von Linden. Er 
wandte sich ab, und sah fest auf da« Bild eines großen 
Königs, das über seinem Schreibtisch hing. Er muß 
fort, sagte er darauf gefaßter, wo möglich noch heut 
Abend. Der Kommandant der Festung hat seinetwe 
gen schon Befehl erhalten. Das Zögern fruchtet auch 
zu nichts. Wenn er wiederkommt, dann, Herr von 
Linden, findet er den Vater wieder. Gehn Sie jetzt 
mit Gott.. 
Linden ging, durch und durch erschüttert, wie zum 
Hochgericht. Rudolf «rat ihm sehr vergnügt entgegen. 
E« ist gut, sagte er, daß du kommst, ich habe dich schon 
erwartet, die Andern werden auch bald hier seyn. Wir 
wollen einmal die alten Zeiten leben lassen und der 
verdrießlichen Trennung mit keiner Sylbe gedenken! 
Linden fuhr jede« seiner Worte durchs Herz; er ver, 
suchte, ihn durch hingeworfene Winke ein Unglück ahn, 
den zu lassen, aber Rudolf» Gemüih schien vor jedem 
trüben Vorgefühl verschlossen zu seyn. Er fuhr fort, 
auf's herzlichste in feinen Freund zu dringen, und ihn 
zur Theilnahme an seiner heitern Laune zu bewegen. 
Allein dieser verschmähet« e», länger den Dolch ver« 
steckt zu tragen, mit welchem er das unbefangenste 
Herz verwunden sollte. Seine ganze Fassung brach vor 
dieser unerschütterlichen Heiterkeit zusammen.. Mein 
Gott, rief er, denkst du denn gar nicht daran, daß 
dein Loos weit härter fallen, daß der König dein Ur, 
theil schärfen kann? Nun, erwiederte Rudolf sorglo«, 
wenn er auch höchsten» die Fcstung«strafe um einJahr 
verlängert, wa« ist« denn so Große«: uud wer denkt 
daran, daß er'« schärft! Er hat'« geschärft, sagte Lin, 
den fest. So? fuhr Rudolf auf, so? — weißt du da« 
gewiß? nun — ? Linden , um Gotteswillen doch kein« 
Cassation? Linden wandte sich ab, und sagte so leise 
al« sträube sich der Ton au« seiner Brust zu dringen. 
Ja - : du bist eassirt. Herr Jesu«! schrie Rudolf mit 
zusammengeschlagenen Händen, da» ist zu viel! — 
Er lag noch bcwußtlo» in Linden» Armen, al» 
mehrere seiner Regiment« «Kameraden herzukamen. Alle 
theilen seinen Schmerz, Linden allein verstand sei»
	        
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