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Volume No. 84., vom 19ten October

Full text: Der preußische Vaterlandsfreund (Public Domain) Issue1811 (Public Domain)

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sich selbst und seinem Urwesen gan» verschiedene« Seyn 
an. Erkünstelte Bedürfnisse vertreten bei ihm die 
Stelle der wirklichen. Mehr oder weniger beugt er 
seinen Nacken unter da« Gesellschafr«joch; und geht 
vor» oder rückwärts/ nachdem Umstände oder Verhält, 
niffe e« gebieten. 
Beispiel- angenommene Begriffe und Gesetze, find 
die Haupttriebfedern unserer Handlungen, und der 
Verbesserung oder Verschlimmerung unserer Silken! 
find diese drei Seiten von reinem Einklänge, so ent« 
Ziehet aat ihnen der vollkommene Accord, dessen Grund- 
ton Zufriedenheit und Ruhe hervorbringt, und dessen 
harmonischer Nachhall durch alle Szenen de« Leben» 
hörbar foricönt. 
Die Drifallklatscher. 
m den Kabalen bei den Schauspielen ein Ende zu 
machen, wurden auch vor kurzem in Part« die Freibiller» 
abgeschafft. Natürlich find damit so wenig die bisherigen 
tongebenden Kunsirichrerlein, al» manche Schauspieler zu» 
frieden; die J«urnalisten aber finden dabei reichen Stoff, 
ihr Märhchen zu kühlen. Unter andern äußert sich darüber 
da« Journal de L'Empire in folgender Jammerept, 
siel einer Schauspielerin an eine, gerade die Departe 
ment« durchziehende Kunstgenoffin: „Ehemals, schreibt 
die rief gekränkte Dame, rhemal» harten wir da«Recht, 
so viel Billet» wir wollten, gratis auszulheilen; oft 
war daher da« Han« gefüllt mit Leuren von Geschmack, 
die immer zufrieden, immer bereit, Beifall zu klat 
schen, und vor allem sehr uneigennützig waren; denn 
der Eintritt kostete sie nicht«. Freilich die Kaffe stand 
sich dabei nicht sonderlich; aber wehe auch den Schau 
spielerinnen, wenn sie aus dt« Kaffe Rücksicht nehmen 
sollten. Ein böser Genius beneidete un» diese liberale 
Art, dem Publikum unsre Talente zu zeigen; aber die 
Noth wird un« erfinderisch machen, und un« Mittel 
darbieten, da« Dekret zu lähmen, und, dem Neid zum 
Trotz, un« Beifall zu verschaffen." 
„Du warft noch bei un», al» wir eine Compagnie? 
nein, rin Regiment von Braven errichtet halten, die 
vereidet waren, un» gegen Jedermann aufrecht zu hat» j 
len, und die unsern Tadlern so ariig Fauststöße und 
Stockschläge beizubringen wußten, W>e mulhig waren 
siez wie treu «hrem Wort; wie schützten sie die Ehre 
der Damen! Der unerschrockene Bonnemain (Faust 
held), der Oberste dieser würdigen Schaar hatte für 
Dich besondre Achtung; Du setztest ihn tausend Gefah» 
ren au«, denen er freudig trotzte; und ohne zu klagen, 
übernahm er dt« größten Mühseligkeiten; wie schön 
ließ «r dt« Stück« geben," 
„Begreifst du nun, in welcherLage ich mich durch 
jene barbarische Verordnung versetzt sah? Ach, ich em« 
pfand nur zubald die traurigen Wirkungen derselben! 
Al« ich auf die Buhne trat, glaubst du wohl, daß ei» ein» 
ziger Bkisallslaut fich hören ließ? nicht ein einziger arm 
seliger Bsisallslauk! Es herrschte Stille, Todienkälle. 
Vergeben« warf ich mich in die Brust; da» Publikum 
blieb unbeweglich wie eine Büste. Noch wollte ich an 
memem Unglück zweifeln; meine Augen durchspähren 
alle I Winkel de« Parterre«, ob sich da keiner meiner 
Freunde zeige; aber überall sah ich nur widrige und 
sühnende Geschöpfe." 
„Ein krockner Mensch, gegen den ich mich wegen 
de» Dekret» beklagte, gab mir zur Antwort: wenn Sie 
Beifall erlangen wollen, so müssen sie sich die Mühe 
geben, Geschicklichkeit zu zeigen! Also studiren sollte eine 
glückliche Frau, um ihre Besoldung zu gewinnen? 
Studiren? ach, meine Liebe! können wir da»? Für 
Männer mag e» seyn, die weiter nicht» zu thun ha, 
den. AVer wir halten Gesell,chafr, nehme» Besuche 
an, können nicht schicklich vor Mittag aufstehen. Ge» 
schickiichki it zeigen! aber unsre Kunst ist so schwer, und 
Geschicklichkeit erwerben wir erst, wenn da» Publikum kei» ' 
nen Gefallen weiter an un« hat. Soll ich meine Tugend 
verschwenden, um Talente zu erwerben, die mrr viel» 
leicht erst, wenn ich Großmutter bin, nützlich seyn 
können! Wir sollten nicht mehr Beifall erhallen, wenn 
wir nachlässig spielen, falsch fingen oder unrichtige 
Verse hersagen? Und doch schreibt man, diiRegierunK, 
beschütze die Künste! Doch da« ist noch nicht alle»; 
diese Verfügung richtet un« n-cht bloß auf der Bühue, 
sondern auch in der Gesellschaft zu Grunde. Seit inir 
nicht mehr «eifall geklatscht wird, findet man mich 
auch nicht mehr allerliebst. Du kennst doch oen frem» 
den Herrn, der mir immer sagie, meine Verdienste 
wären schwer wie Gold; als ich ihn setz» daran erin» 
nerte, versicherte er: federlcichr waren sie!" 
„Ach, wie beneide ich dein Glück! Du bereisest di» 
Provinzen, dir, wa« von Pari» kommt, immer gut 
aufnehmen. Man zollt dir Beisall ohne Bezah» 
lang; Kronen und Verse regnen auf dich herab; 
die ersten besonder« sind dort keine Seltenheit; für 
6 Franc« kann dein Haarkräusler Dir rin Dutzend zu, 
werfen Ach, und hier krönt man uns mir Dornen, 
und, um D«r da» schlimmste zu sagen: man pocht, ja 
man pfeift mich au»! mich, die immer mftBei allkiat« 
schrn aufgenommen wurde, auch wenn ich mir gar 
nicht» aa« meiner Roll« machte. Wäre Bonnemain da 
gewesen, der übermüthige Tadler hätte für fein Pfeifen 
in den Staub beißen müssen; allein ich muß,e riefen 
Hohn verschlingen, und durfte nicht einmal einen
	        
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