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Volume No. 1., vom 1sten Januar

Full text: Der preußische Vaterlandsfreund (Public Domain) Issue1811 (Public Domain)

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Der Seher. 
Am i{ien Januar igr>. 
Dicam insigne, recena, adhuc 
Indictuin ore alio. — 
Horat. Od. XXV. L. III. 
Angeln donnern, Riegel fallen; 
Es öffnet sich dar weite Thor, 
Und durch des Janus alte Hallen 
Wallt die verjüngte Zet« hervor. 
Oie alte Pforte ist geschloffen; 
Es dümmer« durch der Nebel Lauf, 
Don mildem Morgenlicht umfioffen, 
Ein »euer, junger Tag herauf. 
Ich feh' den Hellen Purpurfchi'mmer, 
Die Morgenröthe beß'rer Zeit. 
Dort liegen sic — die alten Trümmer, 
Im Schooß« der Vergangenheit. 
Es will die Zeit sich neu gestalten. — 
Wer hemm» der Unerreichten Flug? — 
Auf — auf! empor denn au» dem Alien, 
Was langer Knechtschaft Feffel trug! 
Ich seh' den ew'gen Himmel flammen, 
Von Siralen den Olymp erglüh'». 
Die alten Götter, allzusammen, 
Hin nach den alten Sitze» zieh». 
Den alten Zeus, de» Weltenschirmer, 
Die Blitze schleudern, starker Hand, 
Titanen euch, ihr Himmelstürmer» 
Hinstürzen in den öden Sand. 
Ich seh' die alten Tempel strahlen. 
Und auf des Altars Srufenhöh'n 
Mit weihrauchvollen Opferschaalen 
Den alten Opserpriester stehn. 
Die alten Götter steigen nieder. 
Verjüngt, wie einst sie Hellas sah, 
Und bringen ihre Gaben wieder; — 
Der Himmel ist der Erde nah. 
Blickt auf, ihr Völker, zu den Sternen! 
Dort seh« ihr, deutungevoll, sie zieh», 
Und durch der Nächte dunkle Fernen 
Den alten Himmel nicdergluhn. 
Wenn Thronen auch und Tempel fallen, 
Wenn Alles stürz, die Zeit in Nacht; 
Der Himmels ewig feste Hallen 
Glühn von der Götter hohen Macht. 
Fr. Heyne. 
Ein Gespräch vor und von dem Neujahr »8"- 
E. war an einem Sonntage nicht weit vor dem 
jetzt begonnenen neuen Jahre, da gicngen zwei Bau» 
er» mit einander aus der Do, mittagskirche eines brau, 
drnburgischen Dorfe«; der eine hießKlau», der andere 
Arnold. Klau» sagte zu Arnold: höre, da» Welrer ist 
milder; al« man e« in dieser Jahreszeit gewohnt ist; 
<« leuchtet von Mittag wie ein goldfarbhcller Streif 
über die junge Saar hervor; ich dächte, wir gicngen 
vor Tische noch etwa» nach der alten Burg hinauf, 
wo der gnädige Herr jetzunder graben läßt." — Ar« 
uold war damit gern zufrieden, und die Beiden gten« 
gen den Hügel, der unser« hinter der Kirche lag, mit 
rüstigen Schritten hinan. Der Wind strich währen» 
dessen schon winterlich über die Ebnen hin, weshalb 
sich auch die zwei Gesellen hasteten, höher hinauf zu 
gelangen. Al« sie nun zwischen die Fichlcngebüsche 
kamen, wie diese den Hügel entlang« aufschössen, und 
unter die hohen Frchtenbäume, welche im Sturme die 
immergrünen Zweige regten, und zwischendurch da« 
Burggemckuer schon sichtbar ward, da sagte Arnold zu 
seinem Gefährten: Wejßt du, Gevatter, wie mir hier 
beinahe zu Muthe wird?— „Ich möchte wetten dar« 
auf, ich wußt' es," antwortete Klaus. „Dir ist zu 
Muthe, wie manch ei»em guten Preußen in jetziger 
Zeit. Ob es auch winterlich und kalt da draußen anzu.- 
sehn seyn mag, wir haben die heimathlichen Fichten» 
büsche um uns her. Die fangen begränzend alle 
schlimmsten Unwetter auf, und drüber hin besprechen 
sich, wie im geheimen Rath, die hohen ehrwürdigen 
Wipfel, und wissen gar vortrefflich, wa« sie thun. 
Da« ist wohl nicht immer so gut gewesen; ent, 
gegneke Arnold. Scho» in m«««4> uralten £agcn n>ab<- 
„Freilich nicht," sagte Klau«, „und ich will dir 
während de« Hinaufsteigen« eine Geschichte davon er» 
zählen. — Diele hundert Jahre mögen e« her seyn, 
da wohnte auf dieser Burg eia entsetzlich böser Ril, 
rer, der brannte und plünderte und mordete, und 
haus'te im Land gar abscheulich. Und weißt du, war» 
um er da» that? Bloß im Grimme darüber, daß ihm 
ein frommer Herr, der dorlen jenseit« der Berge wohn 
te, sein einziges wunderschöne« Töchterlcin nicht zur 
Frau geben wollte. Der fromme Herr hakte aberganz 
recht, denn ein Trunkenbold, Spieler und Madchenjä, 
ger war der wilde Ritter von Anfang an gewesen, 
und e» graute auch dem schönen Kinde gewaltig vor 
ihm. Dennoch, als das Rauben und Sengen gar kein 
Ende nehmen wollte, redete der fromme Herr seinem 
Töchlcrlein zu, fle solle den bösen Menschen lieber hei« 
rathen, und so die Gegend in Ruhe und Friede brin, 
gen. Da hat fle denn gesagt: „Herr Vater, soll ich ein 
Opferlamm seyn für meine lieben Landsleute, so bin ich 
fertig in Gotte» Namen." — Und wie ein Opferlamm 
ist sie auch auf die Burg hergezogen, in schneeweißen, 
hellen Kleidern, und zwischen den Myrlhenkranz hat 
sie schwarzen Flor eingeflochten gehabt, daß e» au»sa» 
he, wie eine Todrenkrone. Den bösen Ritter focht da« 
nicht an; er war nur froh, daß er die schöne Braut 
halte, und fing ein große« Bankettiren an, aber « 
ten drin, noch selbigen Tage«, ist er abgerufen wor, 
den, und hat ein blutige» Ende genommen, ich weiß 
nicht recht wie- 
„Deshalb soll er auch wohl »och allnächtllch auf 
einem Feuergaul hier über die Vormauer der Burg
	        
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