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Volume No. 46., vom 8ten Juni

Full text: Der preußische Vaterlandsfreund (Public Domain) Issue1811 (Public Domain)

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Schn, und wird auf die ganze Familie dcsscn ausge- 
treitft, der Lurch den ersten Mord dazu Gelegenheit 
gegeben hat. _ .. . . 
Da bei Lewer Nation der Adelstolz so weit getrie 
ben wird, al« bei den Tscherkeffen, so Hai man auch 
niemals Beispiele von Mißheirathen unter ihnen. Der 
Fürst nimmt stet» eine Fü-stenrcchier zur Frau, und 
die von ihm außer der Ehe erzeugten Kinder, können 
niemals de» Titel »nd die Vorrechte ihre» Vaters er- 
batten, wen» sie nicht eine o'chtz>.bereue Fürstin heira- 
lheii, wodurch sie dann Fürsten der drillen Klasse wer 
den. Da die Abassen sonst den Tscherkeffen umerwor- 
len waren, so werden ihre Fürsten nur wie Kabardi 
nische v-stenen geichätzt, und könne» auch nur Töch 
ter solcher Usdeneit zu Frauen erhalten, so wie diese 
Abaffiiche Fürsteniöchter Heiraih-n. 
Die Braulgabe (.Tatarisch Kali,») betragt bet 
den Fürsten den Werth von 2020 Rubeln Silbergelv. 
Derjenige, dem die Erziehung eine» jungen Fürsten 
anvertraue war, vcrbctraihet ihn anst', und entrichtet 
in Verbindung mit den übrigen Usiieucn den Kal im 
in Flinte», Säbeln, Pferde», Rindern und Schafen; 
und der Vater der Dkauk schenkt dagegen nach sei, 
nem Gutdünken seinem neuen Schwiegersohn einige 
Leibeigene 
Die Ehescheidung ist bei ihnen von doppelter Art. 
Entweder trennt sich der Mann von seiner Frau in Ge 
genwart von Zeugen, indem er ihren Elter» den Kali,n 
laßt, und dann kann sie sich wieder verheiraihcn, oder 
er sagt ihr bloß, daß sie von ihm gehen solle, und dann 
hat er noch da« Recht, sie nach einem Jabre wieder 
zu nehmet». Geschieht die» aber binnen zweien Jahren 
nicht, so begeben sich dcr Vaier der Frau, oder ihre 
Verwandten zu ihm und beendigen die wirkliche Schei 
dung, worauf sie einen andern Mann nehmen darf. 
Der Mann darf, ohne gegen die guien Sitten zu 
verstoßen, seine Frau niemals am Tage öffentlich be> 
suche». Gemeine Leute leben indessen, wenn die Frau 
schon alt wird, mit ihr zusammen. 
Sobald einem Fürsten ein Kind geboren worden, 
so stellt er große Festlichkeiten an. Ist e« ein Knabe, 
so übergibt er ihn am triitcn Tage einem seiner Us. 
den zur Erziehung, die sich gewöhnlich nach dieser 
Ehre drängen. Dcr Knabe bekömmt dann eine Amme, 
die ihm einen Namen beilegt, und erst im dritten oder 
vierten Jahre wird er beschnitten, wofür der Mulla 
ein Pferd erhalt. Nie sicht ein Vater seinen Sehn 
vor der Derheiralhung, woran« eine sehr große Glcich- 
nüliiqkcir zwischen den nächsten Verwandten enkstchl. 
Ein Fürst errölhet vor Zorn, wenn man sich nach dem 
Wohlsein seiner Frau und seiner Kinder erkundigt, gibt 
keine Antwort und kehrt dem Frager gewöhnlich voll 
Verachtung den Rücken zu. 
Wenn der Vater stirbt, so versieht die Mutter die 
Haushaltung, und das Vermögen bleibt ungcthcilr. 
Nach ihrem Tode vertritt gewöhnlich die Frau ve» 
ältesten Sohnes ihre Stelle. Mollen aber die Brüder 
die Erbschaft theilen, so macht sie die Einrichtung da 
zu, doch so, daß der älteste am mehrsteir-erhält und 
j >cr da« wenigste. Uneheliche Kinder haben kein 
Erbrecht, werden aber gewöhnlich von der Familie 
ernährt. 
Die Todten legt man in ein Grab, da« mit Bret 
tern ausqeschlagen, doch so, daß ihr Gesicht nach dcr 
Gegend von Mekka zugekehrt ist. D»e Weiber erheben 
bei ebnem Todessgtt ein erschreckliches Geheul, und 
ehemals schlugen sieh Bic leidtragenden Männer selbst 
MN Pferdevei eschen vor den Kops, um ihren Jammer 
»uszudlnckei». Sonst gab man au( £ Spbk» gltt 
sein Habe und Gut mit in« Grab, jetzt aber nur seine" 
gewöhnliche Bekleidung. Die Tscherkeffen trauern mit 
schwarzen Kleidern ein ganzes Jahr lang. Aber die, 
welche im Kriege mit de» Russen umkommen, werden 
von ihrer Familie gar nicht betrauert, weil man glaub», 
daß solche geradezu ins Paradies eingehen. Beim Be 
gräbnisse liest der Mulla einige Stellen au, demKoran, 
wofür er reichlich beschenk» wird, und gewöhnlich ein, 
der besten Pferde des Verstorbenen erhält. 
Nach den jetzige» Gesetzen dcr Tscherkeffen wird 
der Diebstahl bei einem Fürsten, durch den Ersatz der 
neunfachen Werths des Gestohlenen und einen Skla 
ven bestraft. So muß dcr Dieb für ein gestohlene» 
Pferd, neun andere uud einen Leibeigenen gebe». Hat 
einer bei einem Ikideu gestohlen, so muß er va» Ge 
nommene wieder geben, und noch dreißig Ochse» dazu. 
Nach den Einrichtungen de« GenerallieutenatS Gudo- 
witsch, sollten die bei den Russe» gemachten Dieb 
stähle eben so bestraft werden, allein die« Gesetz ist 
fast immer unausgeführt geblieben. 
(Fortsetzung solgi.) 
Miszellen. 
Eeo V- Kaiser zu Konstanlinopel, versuchte seineTra, 
bansen, deren zwölf vor seinem Zimmer die Wacht 
hielten, ob sie auch schliefen. Er schließt die Thür auf, 
mit höchsterStille, und findet sie alle vom Schlaf über, - 
fallen, außerhalb eine» einigen', der dennoch schnarche« 
te, und uff de» Kaiser« Thun gar fleißig werkele, wie r 
nehmlich derselbe neben einem jeden ein Pfund Gold > 
legte, damit er seine Kurzweil an ihnen Hütte, nach 
dem vergangenen Schlaf, und kehrt wieder zu seinem > 
Zimmer. Der aber schnarchte und zugleich wachte, , 
stand auf, und erhub die zwölf einzcle Pfund Gold«, 
legt sie zu dem seinigen, und schickt sich abermal zum 
Schlaf. Nachdem die Sonn war aufgegangen, for 
dert sie der Kaiser, und fragt, ob sie nach dem Schlaf 
etwa» freudiger wären? wa» sie gewunnen hallen? 
Sie schwören alle, ihr keiner hätte kein Auge zugethan. 
Wie aber der Kaiser anfing zu drohen, daß sie die 
Wahrheit sagen sollten, sprach jenerwachlsame Schnar 
cher: Allervurchlauchdigsier Kaiser, was meine Spie»« 
gesellen im Traum gesehen, kann ich nicht wissen, ich 
Halle einen sehr erfreulichen Teaum, und möchte wün 
schen, daß er mir oft wiederkäme: E» kam mir vor, 
ich hätte mich zum Schlafen hingelegt, und läge da 
wachend- unterdessen meine Gesellen stockharr schliefen. 
Da kam ein Bild anher, da» deiner Majestät schier 
gleichere, und legte bei einem jeden ein Pfund Gold, 
schliche wieder davon, ohne daß niemand dessen wär ge 
wahr worden. Weil nun die» Gesicht den Andern 
nicht wahr zu Augen kommen, richtete ich mich auf 
von meinem Lager, und legte kils Psunv Gold« zu Sem
	        
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