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Volume No. 34., vom 27sten April

Full text: Der preußische Vaterlandsfreund (Public Domain) Issue1811 (Public Domain)

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fast an keinem Abende mehr versagte, au« ihrem la< 
benden Anblick, au« ihren lehrend lieblichen Worten 
Freude «u schöpfen, wie au« einem Brunnquell der 
ewig blühenden Weisheit und Tugend. 
Golding hatte etwa« von diesen nikchtlichen Grus« 
sen verspür«, wie denn kein Liebender, am wenigsten 
ein hoffnungslos Liebender, der furchtbaren Fähigkeit 
beraubt ist, sein böse» Geschick au« allen Dingen zu 
lesen, und ihm in mannigfachen Weisen auf die Spur 
zu kommen. Er dachte Tugenten eine« Tage« zu war 
nen, auf ein« Hönisch zürnende Art; sie aber wandle 
sich stolz von »hm ab, sprechend: ich wollte, Stallmei 
ster, Ihr säht besser nach meinem weißen Zelter. 
Mich dünkt, er kranke. — 
Und am Abend sang der freudige Kunz folgende 
Worte auf der Felsenkante: 
Wo der Adler fliege. 
Darf kein Uhu krächzen; 
Wo der Löwe siegt, 
Muß bi« Wolf,brüt ächzen, 
Weil fie schwach erliegt. 
Hei! Hei> Don hinnen, lauernd Thier! 
Adler und Löw' find beide hier! 
Don der Zeit an wagte sich Golding nicht mit 
Blicken, nicht mit Worten mehr an Eugenien; wie ein 
finstrer Nebel drängte er sich seitwärts vor der leuch 
tenden Helden» und L»ebe»sonne de» stolzen Grafen 
Dieser stand einstmalen in mondheller aber stürmt, 
ger Nacht dem holden Fenster gegenüber, und vor den 
milden Worten Eugenien« erwuchs ihm der Muth zu 
einer längst gehegten Bitte.— „Ach Herrin seufzte er, 
e« ist doch immer so wett vom Fenster bi« hier herab, 
und eine so häßliche dichte Mauer starrt dazwischen. 
Wie e» so schön sein müßte, zu wandeln durch die tiefe 
Nacht, die königliche Geliebte am Arm> Oder wenn 
sie da« nicht leiden wollte, auch nur ganz demüthig 
neben ihr her. Wie e» so schön sein müßte, o herrli 
che« DildI" — Thörichter Jüngling, wilder Jüngling, 
sprach sie zurück, was muthest du der zarten Jungfrau 
an? — „Ach Herrin, ich bin ja jetzt so fromm und 
sanft; auch da» Fluchen hab' sch mir fast gänzlich ab 
gewöhnt, kaum thu ich'» einmal bei meinen Kriegsleu, 
ten. Kommt doch nur immer herab.'' — Und hörst 
Du nicht wie hohl der Sturm um die Zinnen saust? 
Siehst nicht die flatternden Wolken über die Mondes- 
scheibe hin? — „Drinnen im Schloßgarten ist e» still 
und warm. Da schirmen die Mauern, und die hohen 
grünen Buchenwände, und nur in den kühnsten Wipfeln 
der alcen Linden rausch« e» heimlich und er, st. Ich 
wäre leicht hin über dg» Gemäuer, verhieffel Ihr mir, ! 
die Steigen herunter zukommen. Ach liebe Herrin, ich 1 
bitte gar zu sehr." - Erweicht durch sein kindliche« 
Wesen nickte ihm Eugenik ein freundliche« Ja, und 
verlchwand vom Fenster- Kunz aber flog wie ein Pfeil 
über die Mauer, vom höchsten Jubel begeistert und 
durchblitzt. Al» er nun unter den dunkeln Laubengän, 
gen stand, und in Heister Sehnsucht Harne, und Euge 
nik noch immer nicht kam, noch nicht einmal ein Leuch 
ter an den Fenstern der Wendeltreppe sichtbar ward, 
da fing die ehemalige wilde Ungeduld in ihm zu er 
wachen an; sie riß und schüttelte an den sanften Ban 
den, welche sie seither umschlungen halten, und eben, 
al« Eugenik in de» Garten trat, war der Löwe wieder 
frei uud ingrimmig, wie sonst. Ungestüm eilte Kunz 
auf sie zu, daß sie erschreckt zurück trat, den Verwan 
delten im ersten Augenblicke für «inen Andern haltend. 
„Was schaust Du? sagte Kunz mit lauter, dreister 
Stimme. Ich bin «» süße» Lieb- O scheue nicht, 
o' folge mir. Hörst Du, wie drunten die freien Wäl 
der rauschen? Hörst Du der Ströme Nachtgesang? 
O folge mir hinaus au» diesem kleinlichen Käfig, Du 
weiße Taube, hinaus in da« grüne Dunkel de» Forste«, 
über die besiegle, dienende Erd« al» Königin fort! 
Hörst Du nicht? Kommst Du nicht?" O wie haft Du 
mich betrogen, seufzte die Jungfrau wehmüthig. O un 
erhörter Glcißner. — „Der Teufel betrügt, denn da« 
ist seine Art so, rief der erhitzte Ärregsmann. De» 
wilden Äunzen Weise ist e» nicht. Der nimmt mir 
seinem tapfern Arm, wa» ihm gehört, nnd nimmt auch 
Dich." — O weiche, weich« von mir, unseelig Bechörr 
rer! sprach Eugenik. Da lachte er wild, und wollte 
sie umfaffen. S>e aber «rar mit seltsamer Gewandheit 
zurück, so das plötzlich rin dunkler Taxusstrauch zwi 
schen den beiden stand, dann hob sie den leuchtenden 
weißen Arm drohend gegen den Nach-Himmel auf und 
sagte: hinaus mit Dir 1 hinaus in das Erlengehölz, 
wo des blutigen Przemysl'« Gebein modert. Da scharre 
seine» gespaltnen Schädel au», und thu' Dich unter 
einen Hut mit »hm. Was bist Du besser, al» er? — 
Starr vor Cnljeycn staub der Äriegsmann, während 
Engcnie in bas Schloß verschwand, aus der zufallenden 
Thüre zurückrufend: nie wieder! — Und in wilder Ver 
zweiflung floh Kunz ü er die Mauer zurück, nach dem 
Fenster hi», daß sich ,hm hinfort nicht wieDkr öffnete, 
so wehmüthig er bat, so bereuend er klagte. Nacht 
aus Nacht zwar erschien er, und harrte da« Morgen 
roth herauf, aber Peine Gestalt nähere sich den Schei 
ben, still und unangerührt brannte Eugenien« kämvlein 
im Gemach. — Drinnen weinte die Jungfrau heiße 
Thränen. Wenn er so recht kindlich, ostmalen hoffend 
bar, ja, durch irgend «inen Wahn geräu,chi, wohl aus»
	        
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