Zerliner Illustrirte Zeitung
Nr. 47
Waffe seinen Marsch angetreten
hatte. Wie dem auch war, ich
glaubte das Richtige zu tun,
aunmehr mich selbst auf den Weg
zu machen, um ihn zu finden
oder wenigstens die ersehnte Hilfe
herbeizuschaffen. Der klare Mond⸗
schein begünstigte ansangs die
in der nächtlichen Hügelsteppe
nicht ganz einfache Orientierung
Nach etwa einer Siunde bewöllte
sich aber der Himmel derart,
daß ich mich ausschließlich auf
meinen Ortssinn verlassen mußte,
der mir saͤgte, ich hätte mich scharf
rechts zu halten, um auf den
Bbahndamm zu stoßen, wo ich
dann leicht eine Station finden
onnte. Meine Uhr zeigte bereits
Mitternacht. Ich hatte meine
inzigen Kleidungs⸗
stücke, Sweater
and Lederanzug, an, in denen es mir recht warm bei
dem ewigen Hügelauf-Hügelab geworden war,
und der Durst fing an, mich schwer u
vlagen. Ich mußte längst mehr als 15
dilometer gemacht, also den Bahndamm
oerehlt haben. Auch die Müdigkeit
machte sich erheblich bemerlbar, zumal
ich in der Nacht zuvor nicht ge—
schlafen hatte. Eine eigenartige
Hoffnungslosigkeit überlam mich.
Ich dachte an das Auto, an meine
beiden Chauffeure und an das
Ziel unserer Fahrt, an meine
Eltern und Berlin, und die
chwärzesten Vorstellungen be—
drängten mich, obwohl ich resolut
meinen Weg forisetzte. Schranken⸗
los wie die nachtdunkle Steppe
dehnte sich die Phantasie, und die
physischen Strapazen. Durst und
Müdigkeit wirkten krankhaft auf sie
ein. Ich sagte mir das, ohne von
den törichten Einbildungen loszukom—
men. Im nächsten Augenblick hätte ich
über mich selbst lachen können. Ich sah
Schwierige Flußübersetzung auf einem selbstge⸗
zimmerten Floß in Sibirien.
über einer der nächsten Hügelluppen die
schwarzen Silhouetten von Reitern
auftauchen, die sich ziemlich deutlich
zegen den Himmel abhoben. Die
Rettung war da, dem wer konnte
das anders sein, als mein guter
Ritlmeister mit seiner Schwadron!
Da die Reiter eine etwas andere
Richtung hatten, rief ich hinüber,
um mich bemerkbar zu machen.
Ich lonnte ganz gut wahrnehmen,
wie sie auf meine Rufe stutzien,
sich umwandten und nun lebhafter
auf mich zukamen, und freute mich
auf die originelle Begrüßung und
den willkommenen Rücken eines der
braven Kosalenpferde. Je näher sie
kamen, desto mehr erkannte ich jedoch,
daß es abermals eine getäuschte Hoff⸗
nung war, und diesmal sicherlich auch
kaum etwas Friedfertiges. Es waren keine
Kosaken, sondern Chungusen, sechs Mann von
dem wohlbewaffneten und gut berittenen Gelichter,
das die Steppe als sein Reich betrachtet und gegen
den Eisenbahndamm und die Blockhäuser als unlieb⸗
same Siörenfriede ihrer Nomadenherrlichleit ankämpft. Auf
Mit vereinten Kräften sede Eventualität gesaßt, suchte ich den Leuten klar umachen,
durch einen Fluß. daß ich als friedfertiger Wanderer mich verirrt hätte und
den Weg zur nächsten Station suche. Ich fragte und zeigte
n die verschiedenen Himmelsrichtungen, und sie verstanden auch ganz gut. um was
es sich handle, gaben mir aber durch
Gebärden und Ausrufe in einem
mir völlig unverständlichem Idiom
zu verstehen, daß sie mir den Weg
vohl zeigen könnten, jedoch erst
Bezahlung verlangten. Damit war
ich nun keineswegs einverstanden
und wünschte, zunächst in die richtige
Richtung gebracht zu werden, dann
ollten sie haben, was sie begehrten.
Meine Lage begann hritisch zu werden,
da die dunkeln Gesellen keine
Miene machten, meinem Wunsche
nachzukommen, vielmehr sich an mich
zu drängen suchten. Indem ich etwas
zurückwich, achtete ich darauf, daß
keiner in meinen Rücken kam. Ich
trug ein paar tausend Rubel bei
nir, und die Bande hätte zweifellos
einen guten Fang gemacht, wenn sie
mit mir ferlig geworden wäre. Auf
meine weiteren Fragen reagierten
ie nicht weiter, sondern versuchten
atsächlich, mich in die Mitte zu be⸗—
ommen. Nun gab es kein Zögern.
zch sprang zurück, riß meinen
Rühselige Fahrt auf den Schwellen des Eisenbahndammes der mandschurischen Bahn.
Aus dem neuen Werk: „Im Auto um die Welt“ von Oberleutnant Koeppen.