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Volume Nro. 1, Dienstag, den 1. Januar 1811

Full text: Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser / Kuhn, Friedrich August (Public Domain) Issue8.1811 (Public Domain)

s 
Liebsten ganz ruhig schlafen, es ist alles schneeweiß 
überzogen," sagte das Mütterchen, ließ das Licht 
stehen, und entfernte sich. 
Die Paar Worte machten mich erst gegen mich 
selbst deutlich. Was die Frau glaubte, wünschte 
ich von Herzen: Gott wollte nicht, daß der Mensch 
allein sey. Ich wollte es heute Abend auch nicht. 
Lange schon war ich des einsamen Lebens müde. 
Heute — jetzt, gerade jetztward mein Entschluß fest. 
Zch wollte heirathen; jetzt, gleich auf der Stelle. 
Eine von den dreien mußte es seyn. Wählen 
konnte ich nicht, mochte ich nicht. Zch hätte sie 
lieber alle drei geheirathet. Alle dreie waren gleich 
schön, gleich reich, gleich gut, gleich liebenswür 
dig, gleich jung; denn ein Jahr mehr oder weni 
ger thut nichts zur Sache. Ze länger ich die 
Betten betrachtete, desto fester ward mein Wille. 
Doch ich mußte mich bestimmen, welche von 
den dreien mein Haab und Gut, mein Herz mit 
mir theilen sollte. Unmöglich. Zch schwankte ewig 
hin Und her. Die Idee, die Mädchen UM mich 
loosen zu lassen, war unausführbar. Gut waren 
mir alle drei. Das war gewiß. Davon war ich 
felsenfest überzeugt. Aber, liebte mich denn die, 
auf welche das Loos fiel, gerade am meisten? Und 
überhaupt — würden sie sich zum Loose» verstehe»? 
Noth macht erfinderisch, das ist wahrhaftig 
wahr, und daß die Geschichte von jeher unsere 
Meisterinn war und bleiben wird, ist auch wahr. 
Mir fielen die ersten Römer ein. Mein Putzstüb 
chen war Rom in seiner frühesten Kindheit, durch 
einen Sabinerraub wollte ich mein Rom zu meiner 
Drautkammer umschaffen. Eine mußte ich rauben. 
Die, welche mir am meisten wohlwollte, wird sich, 
berechnete ich sehr richtig, am wenigsten sträuben, 
diese wird die Meine, die beiden übrigen mögen 
entfliehen. 
Aber wie die Mädchen herüber bekommen? Zu 
Bette waren sie noch nicht, ich hatte sie, als mir 
die Alte mein Rom aufschloß, noch lachen gehört. 
Ich war bald mit meinem Plane fertig. 
Zch nahm mein Licht, schlich mich an die 
Thüre ihre« Zimmers, und rief ein hohnlächekn- 
des „Etsch, Etsch, Etsch" z»m Schlüsselloch hinein. 
Sie erkannten mich an der Stimme, sie hat 
ten die Thüre bereits verriegelt. „Was giebts? 
was ists?" riefen alle drei. Zch erzählte ihnen 
mein Glück, ein köstliches Zimmer erwischt zu ha 
ben, gegen welches das ihrige ein wahrer Stall 
sey. Zch schilderte ihnen Stube, Mcubles und 
Betten zehnmal reihender, als sie wirklich waren, 
und trug ihnen einen Tausch an. 
Dieser Vorschlag wirkte. Sie trauten mir 
aber nicht. Sie behielten sich also vor, meine Re 
sidenz selbst in Augenschein zu nehmen. Glückli 
cher Einfall, glücklich ausgeführt. Drei schöne 
Mädchen des Nachte eilf Uhr in meinem Zim 
mer! Sie kamen richtig. Alle drei im tiefsten 
Negligee. Es war, als hätten sie es darauf ab 
gesehen, ihre blendenden Reitze in das verführe, 
rischeste Licht zu stellen. Rosalia hatte sich in ihre 
lange weiche Enveloppe gehüllt, Florentine und 
Maria erschienen in weißen Nachtkorsetö. 
Die blühenden fröhlichen Mädchen, in dem 
traulichen Kostüm, in der Mitternachlestunde — 
einem achtzigjährigen Trappisten hatte der Mund 
wässern müssen. Zch küßte die Holden zum Will 
kommen in meinem Eigenlhume. Sie ehrten das 
.dauerecht und boten die Purpurlippen mit himm 
lischer Hingebung. 
(Die Fortsetzung folgt.) 
Der Hahn. 
Des Hofes Zierde will ich singen, 
Dem Hahn ertöne der Gelang, 
3m Liede soll sein Lob erklingen, 
Es rausche hell der Sairenklang. 
Kaum ist die bunkle Nacht verschwunden. 
So krähe der Hahn sein frohes Lied, 
Verkünder uns des Frsthroih's Srunden, 
Wenn goldnmstrahlk der Himmel glüht. 
Und hat er laut den Tag verkündet. 
Dann hüpft er aus dem Hühnerhaus» 
Sucht emstg, bis er Körner finde». 
Und lockt die Hühner hin jum SchmauS. 
Und tat er sie mit Speip erquicket. 
Nun schnäbelt er mit Liebesglnkh; 
Springt um ste her, von Wonn' entzücket. 
Und lock'r und kräh't voll Ueber»»,rh. 
Auch Wind und Wetter anzudeuten, 
Versteht der buntgeschmückte Hahn, 
AlS HoroScop in grauen Zeiten 
Erkannten ihn die Völker an. 
Und steht er an Sem HimmelSbogen 
Den Grösser hoch in Lüften iikhn: 
Dann ruft er laut, und kömmt geflogen 
Zu seinen Hühnern eilig hin. 
Es hört der Wand'rer ans der Ferne 
So gern sein Lied in stiller Nacht, 
Und blinkt ihm nicht das Heer der Stern«, 
Des Hahnes Ruf ihn fröhlich macht.
	        
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