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Volume Nro. 38, Freitag, den 22. Februar 1811

Full text: Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser / Kuhn, Friedrich August (Public Domain) Issue8.1811 (Public Domain)

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.»immer, uni» hier empfand er den wundersamen 
Geruch von Aloeholz und sah ein reichgeschmück- 
tes Bett und viel schöne Kleider auf Stangen 
umher. 
Diese Dinge zusammengenommen und jedes 
für sich bestärkten ihn in dem Gedanken, sic müsse 
eine vornehme und reiche Dame seyn. Und was 
er auch vom Gegentheil über ihr Leben und ihre 
Sitten gehört, so wollt' er es doch um aller Welt 
willen nicht glauben; und wenn er auch ja ein 
mal geglaubt hätte, daß sie Andere zum Besten 
gchabt, so hätte er doch nimmer sich eingebildet, 
daß dies auch ihm begegnen könne. Mit dem größ 
ten Vergnügen verweilt' er die Nacht durch bei 
iihr, und immer mehr entzündete sich seine 
Liebe. 
Als der Morgen gekommen, umgürtete sie ihn 
mit einem schönen zarten Gürtel von Silber, an 
dem eine schöne Börse hieng und sprach also zu 
ihm: „Salabaetto, mein Süßer, ich empfehle mich 
in deine Gunst, und wie meine Person zu deinem 
Willen ist, so auch daö, was hierin sich befindet; 
Alles, was ich habe, sieht zu Deinem Befehle." 
— Vergnügt umarmte und küßte sie Salabaetto, 
verließ dann ihr Haus, und begab sich an den 
Ort, wo die andern Kaufleute zusammen zu kom 
men pflegten. — 
Oftmals hatt' er mit ihr Umgang gepflogen, 
ohne daß eö ihm etwas in der Welt gekostet hät 
te, und mit jeder Stunde ward er enger umstrickt. 
Und e« begab sich, daß er seine Tücher um baares 
Geld verkaufte und viel dabei gewann. 
Solches erfuhr die Dame nicht von ihm, son 
dern durch Andere alsobald; und als Salabaetto 
eines Abends zu ihr kam, begann sie, mit ihm zu 
scherzen und zu schäkern, küßt' ihn, umarmt' ihn, 
und zeigte sich so von Liebesgluth entflammt, daß 
es schien, als ob sie vor Liebe in seinen Armen 
sterben sollte. Und sie wollte ihm zwei sehr schöne 
silberne Becher schenken! Salabaetto aber wollte 
sie nicht annehmen, er von ihr einmal ums 
andere empfangen, was dreißig Goidgulden wohl 
werth wäre, ohne es dahinbringen zu können, daß 
sie immer den Werth eines Groschens von ihm 
genommen. 
Endlich, da sie ihn gehörig entzündet hatte, 
indem sie sich selbst entzündet und hingebend er 
wies, wurde sie, wie es verabredet war, von ei 
ner ihrer Sclavinnen hinausgerufen. Sie verließ 
das Zimmer, verweilte eine Zeitlang draußen und 
kam dann laut jammernd zurück, warf sich mit 
dem Gesicht auf daö Bett und begann ein klägli 
che« Geheul, wie es nie zuvor von einem Weibe 
vernommen worden. 
Salabaetto nahm sie erschrocken in seine Ar 
me und begann, mir ihr zu klagen und sprach: „0 
Herz meines Leibes, was ist euch so plötzlich ge 
schehen? Was ist die Ursach eures Schmerzes? o 
sagt mir's, mein Leben!" — 
Nachdem sich die Dame laflge hatte bitten 
lassen, sprach sie: „Ach, mein süßer Herr, ich 
weiß nicht, was ich thun, was ich sagen soll. So 
eben hab' ich Briefe von Messina erhalten, in de 
nen mein Bruder mir schreibt, daß ich ihm, wenn 
ich auch alles, was da ist, verkaufen oder verpfän 
den sollte, binnen hier und acht Tagen tausend 
Goldgulden senden müsse; wo nicht, so werde er 
detUKopf verlieren. Und ich weiß nicht, was ich 
thun, wie ich jlf schleunig etwas für ihn erhalten 
Ml. NOnn mir nur eine Frist von vierzehn Ta 
gen gegeben wäre, so wollte ich wol Mittel fin 
den, so viel von Jemanden zu erhalten, von dem 
ich weit mehr wohl bekommen wollte; oder ich 
könnte eine von Einsern Besitzungen verkaufen. 
Nun mir solches aber in dieser kurzen Zeit un 
möglich, so wollte ich lieber gestorben seyn, bevor 
dieser Brief an mich gelangt wäre." - Und als 
sie solches gesagt, zeigte sie sich heftig bewegt und 
hörte nicht auf, zu klagen. 
Salabaetto, dem die Liebesflammen einen gros 
sen Theil der nöthigen Einsicht geraubt, die Thrä 
nen für wahr, und für wahrer noch die Worte 
haltend, sprach: „Madonna, mit Freuden werde 
ich euch, zwar nicht mit tausend, wohl aber mir 
fünfhundert Goldguiden dienen, wofern ihr glaubt, 
mir sie nach vierzehn Tagen wiedergeben zu kön 
nen; und so günstig ist euch das Schicksal, daß 
ich nur gestern erst meine Tücher verkauft habe. 
Wenn solches nicht geschehen wäre, . fürwahr 
Nicht einen Groschen hätte ich euch leihen können." 
„O Gott!" sprach die Dame, „so hast Du 
an Geld Mangel gelitten? Warum doch hast Du 
Dich nicht an mich gewendet? Wenn ich nicht tau 
send hatte, so hatte ich wohl hundert und zwei 
hundert auch für Dich. Du haft mir allen Muth 
benommen, den Dienst, zu welchem Du Dich er 
bietest, anzunehmen." 
Salabaetto, mehr als ergriffen von diesen 
Worten, sagte: „Madonna, laßt-euch solches nicht 
kümmern; denn hatte ich der Hülfe bedurft, wie 
ihr jetzt, gewiß! ich hätte mich an euch gew.ndct." 
„Ach, mein Salabaetto!'" sagte die Dame, 
„ich erkenne wohl, daß Deine Liebe gegen mich 
wahr und vollkommen ist, da Du, ohne es abzu-
	        
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