Path:
Volume Nro. 31, Dienstag, den 12. Februar 1811

Full text: Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser / Kuhn, Friedrich August (Public Domain) Issue8.1811 (Public Domain)

122 
Saint Gille, ein offener, geprüft redlicher 
Mann, hatte diese Kunst zu Martinique von ei, 
nein vertraute» Freunde binnen acht Tagen ge, 
lernt, und erreichte durch Uebung die Meisterschaft 
darin. Weit entfernt, stch durch sie zur zweideu, 
eigen Gewinnsucht verleiten zu lasse», machte er 
von ihr nur den besten Gebrauch, nämlich den, 
die Menschen bisweilen bei den Beschwerden die, 
ft« armen Leben« aufzuheitern, und da« Reich 
de« Aberglauben« zu beschränken. Auch erschien 
er auf Verlange» am Lasten December 1770 vor 
den versammleten Mitgliedern der Akademie der 
Wissenschaften zu Pari«, um Proben seiner Kunst 
an den Tag zu legen. Der Adbö de la Chapclle 
erlangte die« Vergnügen nur durch eine vorberel, 
tende leise tretende französische Delicatesse, ward 
dann aber vom biedern Saint Gille auf« beste 
empfangen. Eine Unterstube nahm beide am trau 
lichen Kaminfeuer auf, wo sie einen Tisch zwischen 
sich hatte». Der Abbe betrachtete unverwandte» 
Aug'« seinen gütigen Wirth, der ihn eine ganze 
halbe Stunde mit einer Suite lustiger, von seiner 
Kunst erzeugter Auftritte unterhielt. Plötzlich hört 
sich der Abbe bei seinem Namen und Titel rufen, 
von einer Stimme, die ihm von dem Dache eine« 
nahen Hauses zu kommen scheint. Er staunt, ahn 
det aber bald die Täuschung mit der an Herrn 
Saint Gille gerichteten Frage: ob vielleicht eben 
seine so hoch gespannte Neugierde schon befriedigt 
sey? Ein bloße« Lächeln war die Antwort. Nun 
spielte diese gekünstelte Stimme, wie die entkör, 
perte zarre Echo, rings um ihn her; aus allen 
Ecken, aus allen Ferne»; nach de« Künstlers Ge, 
bot schien sie zu tönen. Die Täuschung war so 
vollkommen, daß den Abbk, obgleich er schon auf 
dem festen Lande der Gewißheit war, doch seine 
Sinne »och immer zu verwirren schienen. Deb 
Künstler schien, zeigte cr seine Kunst, ganz stumm, 
und sein Gesicht offenbarte auch nicht die mindeste 
Veränderung. Nur das bemerkte der Beobachter, 
daß jener da« Gesicht, doch ganz zwanglos, etwas 
wendete, so daß nur dieEineSeite zu sehen war, 
wenn er als Bauchredner sprach. 
Nicht weniger denkwürdig ist der Auftritt, 
den diese« Mannes Kunst einst in einer Kloster 
kirche kurz nach dem Absterben eines tief betrauer- 
ken Klosterbruder« veranlaßte. Er wandelt mit 
einigen Mönchen durch die feierlich stillen Hallen, 
und sie zeigen ihm das Grab de« geliebten Tod, 
ren, mit der Bemerkung, er sey wohl eines feicr- 
sichern Leichenbegängnisses, als er erhalten, werth 
gewesen. Zähling erschallt dem Anschein nach eine 
Stimme hoch vom khor herab, beklagend den 
Heimgegangenen im Fegfeuer, und der Brüder- 
schüft ihre Laulichkeit und die Erkaltung de« Ei 
fers für ihn vorwerfend. Die von ihrem ersten 
Erstaunen zurückgekommenen Mönche berathen sich 
und beschließen, der ganzen Confraternirät diesen 
wichtigen Vorgang zu eröffnen. Herr Saint Gil 
le, der nicht auf halbem Wege stehen bleiben will, 
sucht sie von diesem Vorhaben abzulenken, und 
macht ihnen begreiflich, daß sie von ihren abwesen 
den Brüdern als Schwärmer und Thoren würden 
verlacht werden, räth ihnen jedoch, die ganze Eom, 
munltäc sogleich in der Kirche zu versammeln, wo 
der entrückte Geist vielleicht seine Klagen wieder 
holen würde. Alles bis zu den Klosterbedienten 
herab schaart sich nun in der Kirche. Nach kur- 
zem Verweilen schallt wieder die Stimme hoch 
vom Chor herab, uird wiederhoitKlagen und Vor, 
würfe wegen der zu dürftigen Funeration. Alles 
stürzt zu Boden und gelobt feierlich Besserung, 
die vollchirig mit dem Gesänge de Profundis ein 
geleitet wird. Zwischen den Versen kommt nun 
Trost von oben, indem der Geist pausenweise seine 
aus dem frommen Chvrgesange geschöpfte Beruhi 
gung zu erkennen giebt. Nach geendigtem Akt 
spinnt der Prior mit dem Tausendkünstler eine 
ernstliche Unterredung an, die nichts Geringeres, 
als die hohe Strafbarkeit der Skeptiker und Ver 
nunftweisen bezielt. Jetzt säuseln aber Blätter 
des ewig frische» Verdienstkranzes auf den Magus 
herab, denn er hat nichts Angelegentlicheres zu 
thun, als den guten Vätern Alles aufzuklären; 
kann aber nicht eher seinen Zweck erreichen, als 
bis er ihnen die Täuschung nach Möglichkeit ent 
hüllt. 
Saint Gille war in solchem Grade dieser 
Kunst Meister, daß er bei einem freundschaftlichen 
Diner, wo man, während die ganze übrige Ge- 
Gesellfchast um das Geheimniß wußte, nur eine 
vornehme Dame durch sein Talent zu täuschen be 
schlossen hatte, einen von den Gelehrte» bevollmäch 
tigten mitwissenden Akademiker vollständig hin- 
tergieng. 
Nicht weniger interessant ist die Anekdote, da 
er einen etwas bramarbasirendenSfficier un Walde 
von Sainr Germain c» Laye durch eine Art mo 
ralischer Pistolenlehre wieder auf den rechten Weg 
zu bringen sich beeiftrce. Zn der That ist die 
Bauu-redekiinst ein herrliches Vehikel, die Wahr 
heit ungestraft von den Dächern zu predigen, und 
das nicht bloß wegen Unbekanntschaft mir solch ei 
nem Prediger, sondern weil schon das ausgezeich
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.