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Volume Nro. 105., Sonnabend, den 27. Mai 1809

Full text: Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser / Kuhn, Friedrich August (Public Domain) Issue6.1809 (Public Domain)

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kranken, den selbst die Spanischen Fllegen nicht 
mehr stechen. Sage nur, was ich beginne, um 
Dir das freundliche Gesicht, die drollige Laune wie 
der zu geben? Ich alter Kerl werde manchmal ganz 
zum Narren, um Dir ein einziges Lächeln abzu 
zwingen; — aber prosit! finster wie der Bärtreiber 
bei den Affensprüngen, und ernst wie eine Aebtiflln 
bleibt sie bet meinen Schwänken, und wenn ich 
bersten will, perlt ihr ein Thränchen in der Wim 
per. — Seht Ritter, in dem Augenblicke, da ich 
noch davon rede. Nein, das ist zu arg! 
Röschen. 
Diese Thränen weint' ich über mich selbst. Eu 
re Liebe, eure Güte, Vater, peinigt mich, da ich 
sie durch Gehorsam nicht verdienen kann. 
Bertram. 
Was? verdienen? was willst Du? Bist meine 
liebe einzige Tochter; die muß ich lieben von Gott 
und Rechts wegen; und wenn Dir das Weinen be 
hagt, so weine meinethalben den ganzen Tag. Aber 
ich an Deiner Stelle ließe den eifersüchtigen Lassen 
fahren, und sähe mir unter den rüstigen Gesellen 
einen Andern aus — oder wartete in Ruhe, bis 
er sich wieder einfände. 
Röschen. 
Wie oft habt ihr mich ans seine Rückkehr ver 
tröstet; aber diese Hoffnung ward immer getäuscht; 
und gesteht nur, ihr glaubt selbst nicht daran. 
Bertram. 
Eh Zahr und Tag vergehen, ist er wieder da; 
so gewiß, als mein Hammer keine Flaumfeder ist. 
Die Liebe hat ihn zu Brote gewöhnt, wie ein zah 
mes Eichhörnchen. Aber — kommt er nur! . 
Röschen. 
Nun, Vater? 
Bertram. 
Nun, ich jage ihn nicht wieder fort; müßte ja 
befürchten, die Sie flöge dem Männchen nach, und 
die ganze Hecke stürbe aus. 
Röschen. 
Er kommt nicht; gebt Acht! Er ist todt! Wie 
könnte er ein halbes Zahr ohne mich leben, wenn 
er lebte? Er ist ins Feld gezogen, verwundet, be, 
graben. — 
Bertram. 
Er wird sich wohl hüten! Nach Schwert und 
Lanze stand eben sein Sinn nicht. Genug von ihm 
für heute, sonst werd' ich für den ganzen schönen 
Abend noch murrköpfisch. Sei wieder ruhig, Rös 
chen, und sing uns einmal das Lied, Dein tägli, 
ches Gebet, das Du immer verstohlen in der Kam 
mer und im Gärtchen singst, wenn ich nicht dabei 
bin — es hat eine angenehme Weise. 
Röschen. 
Wenn ihr wollt, Vater, recht gern. Aber — 
Bertram. 
Nun aber? 
Röschen. 
Es ist an Ratmunden gerichtet. 
Bertram. 
Schon wieder? Wenn sie nicht von ihm spricht, 
singt sie von ihm; wenn sie weder spricht, noch 
singt, so denkt sie an ihn; das ist die rechte Art, 
wenn man Jemanden vergessen will. 
Mai Klingen. 
Laßt sie nur immer singen, Meister! Lieder 
sind Balsam für manche Wunden, und schließen 
das Herz auf, daß der Gram heraus kann. 
Bertram. 
Nun so singe jetzt, und künftighin den gan 
zen Tag. 
Röschen. 
Auf Df» Abendau » 
Ruf' ich Dich in mir; 
Bei bcS Morgens Grauen 
Sehn' ich luich zu Die. 
Delikt) n, Ros' unv Nelken 
«vfianil' ich n»r für Dich! 
Nun die Blumen weiden. 
Wünsch' ich Dich — nur Dich! 
Ohne Dich, vorüber 
Wandelt Zeit und Glück; 
Ach: wo weilst Du, Lieber? 
Komm, o komm zurück! 
Bertram. 
Ein feines Liedchen. Nur zu — wie soll ich 
sagen? — zu herzrührend! S' ist einem dabei, als 
würde zu Grabe geläutet. Das ist nichts für Dich; 
Du mußt muntre Weisen singen. 
Röschen. 
Wenn ich wieder munter und glücklich bin, so 
wie ihr, lieber Vater! 
Bertram. 
Za, das muß wahr sein. Lustig bin ich, und 
war auch lustig ln der Liebe. Von der Art, wie 
ihr das Lieben heut zu Tage betreibt, wußten mein 
Vater und ich nichts. Fröhlich gj„gs dabei her, 
und ohne Thränen. Nicht wahr, Herr Ritter, das 
ist die rechte Liebe, bet der man tanzt und guter 
Dinge ist? 
M a i d l i n g e n. 
Freilich wohl! Zugend, Lust und Liebe, waren 
vordem Eins.
	        
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