Die Stiefgeschwister;
eine wahre Geschichte/ von A. v. Kotzebue.
(Fortsetzung.)
Äer verständige Pfarrer hütete sich wohl, ihm Recht
zu geben, redete ihm in Herz und Gewissen, entließ
ihn auch ziemlich beruhigt, konnte sich aber
freilich selbst nicht verheelen, daß der wackere Knabe
zu Grunde gehen müsse, wenn diese Saure im
Herzen noch langer an seinen edelsten Keimen nage.
Er muß fort von hier! das war das Resultat seiner
Ueberlegung, und sogleich sprach er unter der
Hand mit dem Vater, um zu hören, auf welche
Weise dieser den herangewachsenen Sohn zu versorgen
gedenke. Der schwache Alte wußte eö nicht,
weil seine Frau es noch nicht wußte, sondern blos
öfter sorgenvoll erklärt hatte: der Paul sey ein
Taugenichts, der ihnen wenig Freude machen werde.
„Der Paul ist kein Taugenichts," erwiederte
der Pfarrer, „laßt eure Frau rufen, es muß etwas
„für ihn geschehen." Frau Barbara erschien, hörte
des Greises Ermahnungen verdrießlich schweigend
an, und meynte am Ende, der Herr Pfarrer kenne
den Burschen nicht, er habe ein verstocktes Herz,
es sey kein Wort aus ihm zu bringen.
„Werthe Frau Nachbarin, es giebt Gemüther,
„die nur Liebe aufschließt, und da eö leider nun so
„weit gekommen ist, daß nur Entfernung Vergessenheit
„bewirken, und eure Herzen vorbereiten mag, den
„Saamen des Vertrauens künftig wieder aufzuneh-„men;
so wäre mein Rath, ihr sendetet ihn je eher,
„je lieber in die weite Welt." — Die Mutter ergriff
den Vorschlag mit Freuden, der Vater billigte
ihn mit Seufzen. — Aber wohin? was soll aus
ihm werden? — Soldat, schlug der^ Greis vor.
La, ja, Soldat! rief die Stiefmutter fröhlich. Soldat?
wiederholte Hans Wolf, und seine Augen
wurden feucht.
„Laßt euch das Wort nicht schrecken. Zhr
„wißt, ich war einst Feldprediger. Ein Haupt-„mann,
der jeht Obrister ist, war mein vertrau-„ter
Freund, und ist es noch. Euer Sohn kann le-„sen,
schreiben, rechnen, hat auch sonst noch man-„cheü
bei mir gelernt. Ich werde ihn empfehlen,
„als wäre er mein eigener Sohn, und für das
„Uebrige laßt Gott sorgen." — Des Vaters Antlitz
erheiterte sich, Frau Barbara wurde sehr freundlich
und gesprächig. — „Aber, Frau Nachbarin," fügte
der Greis hinzu, „daß sic mir ihn nicht wie eine»
„Bettler in die Welt schickt! Er muß reichlich aus-„
gestattet werden. Gedenke sie ihr-w gethanen Zu-„sage
am Verlobungstage, als sie in meine Hand
„versprach, die wackere Mutter, die da drüben
„schlummert, dem Kinde zu ersetzen!" — Frau
Barbara erröthete. „Eü hat ihm nie etwas gcman-„gelt,"
fuhr sie beißend heraus, „jeht aber sind die
„Zeiten schwer;" und nun wollte sie eben der Zunge
den gewöhnlichen Lauf lassen, als ein Blick auf ihren
Mann sie plötzlich zum Schweigen brachte.
Denn in diesem hatte die feierliche Erwähnung seiner
da drüben schlummernden Therese eine ungewohnte
Bewegung hervorgebracht; ein langst erloschen
geglaubtes Feuer glühte in seinem Auge, die
blasse Wange wurde hochroth, und er sprach mit
heftiger Rührung: „doch! doch, Barbara! es hat
„ihm wohl zuweilen gemangelt. Um des Friedens
„willen hab' ich oft geschwiegen, seine gute Mutter
„möge es mir verzeihen. Dießmal aber werde ich
„nicht schweigen, und die Zeiten mögen seyn wie sie
„wollen, an meinem Paul soll geschehen, was wir
„vermögen, darauf verläßt sich der Herr Pfarrer."
Gern hörte der Jüngling, was man über ihn
beschlossen hatte. Hinaus in die Welt! der Gedanke
verdrängte plötzlich alle trüben Bilder. Ze weniger
er wußte, wie es draussen in der Welt aussähe, desto
lachender waren die Gemählde, welche eine jugendliche,
erhitzte Einbildungskraft ihm vorgaukelte; er
konnte den Tag kauni erwarten, an dem er zum
Erstenmal von seinem Dörfchen scheiden sollte. Alle
waren zufrieden, nur die kleine Badet härmte sich.
Das Wort hinaus schien ihr fürchterlich. Zn die
Welt? Das konnte sie nicht begreifen, denn ihr
Dörfchen war ja die Welt. Es kam ihr vor, als
wolle man den geliebten Bruder aus der Welt
stoßen, und feine Lustigkeit jammerte sie. Ze näher
die stunde der Trennung rückte, je höher stieg ihre
Angst, und oft schlich sie in den Holzstall, um der
Mutter ihre Thränen zu verbergen.
Der letzte Tag war endlich angebrochen. Am
andern Morgen in der Frühe, wenn noch Alles im
Hause schliefe, sollte Paul sich auf den Weg machen.
Mit verweinten Augen schlich er Abends aus
der Pfarrwohnung, und trat in seiner Eltern Stube,
um des Vaters Segen und der Mutter kühlen Abschiedökuß
zu holen. Bei seinem Anblick lief Badet
laut weinend hinaus, und ließ sich nicht »vieder
sehen.
Hans Wolf nahm den Sohn allein in seine
Kammer. Er hatte sich vorgenommen, ihm noch
manche väterliche Lehre an'S Herz zu legen; als
nun aber der Züngling mit gefalteten Händen bleich
vor ihm stand, da konnte er ihn nur schluchzend in
seine Arme drücken, und wieder drücken, und die
zitternde Hand mußte den Segen andeuten, den die
Lippen nicht auszusprechen vermochten. Ein Beutelchen
mit Gold, von dem die Stiefmutter nicht«
wußte, schob er ihm in die Tasche, und winkte ihm
dann, sich zu enssernen.
Der zerknirschte Sohn stürzte heulend aus des
Vaters Kammer, und in diesem Augenblick war eö
ihm eine Wohlthat, daß Frau Barbara mit verbissenem
Hohn ihm entgegen rief: „Pfui! wer wird
„sich so ungeberdig anstellen!"— Das häßliche Wort
gab ihm einige Fassung wieder. Er nahm höflichen
Abschied von ihr, und ging dann, Badet aufzusuchen;
aber die war nirgend zu sinken. Sie muß
hoch bald zu Bette gehn, meynte er, und schlich auf
seine Kammer, die nur durch eine Bretterwand von
Babeto Kammer getrennt war. Schlafen"konnte
er nicht. Er packte seinen Mantelsack, und wunderte
sich im Stillen, wo Badet so lange verweile? —