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Volume Nro. 2, Sonnabend, den 2. Januar 1808

Full text : Der Freimüthige oder Berlinisches Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser / Kuhn, Friedrich August (Public Domain) Ausgabe 5.1808 (Public Domain)

Die  Stiefgeschwister;
eine  wahre  Geschichte/  von  A.  v.  Kotzebue.
(Fortsetzung.)
Äer  verständige  Pfarrer  hütete  sich  wohl,  ihm  Recht
zu  geben,  redete  ihm  in  Herz  und  Gewissen,  entließ ­
  ihn  auch  ziemlich  beruhigt,  konnte  sich  aber
freilich  selbst  nicht  verheelen,  daß  der  wackere  Knabe
zu  Grunde  gehen  müsse,  wenn  diese  Saure  im
Herzen  noch  langer  an  seinen  edelsten  Keimen  nage.
Er  muß  fort  von  hier!  das  war  das  Resultat  seiner ­
  Ueberlegung,  und  sogleich  sprach  er  unter  der
Hand  mit  dem  Vater,  um  zu  hören,  auf  welche
Weise  dieser  den  herangewachsenen  Sohn  zu  versorgen ­
  gedenke.  Der  schwache  Alte  wußte  eö  nicht,
weil  seine  Frau  es  noch  nicht  wußte,  sondern  blos
öfter  sorgenvoll  erklärt  hatte:  der  Paul  sey  ein
Taugenichts,  der  ihnen  wenig  Freude  machen  werde.
„Der  Paul  ist  kein  Taugenichts,"  erwiederte
der  Pfarrer,  „laßt  eure  Frau  rufen,  es  muß  etwas
„für  ihn  geschehen."  Frau  Barbara  erschien,  hörte
des  Greises  Ermahnungen  verdrießlich  schweigend
an,  und  meynte  am  Ende,  der  Herr  Pfarrer  kenne
den  Burschen  nicht,  er  habe  ein  verstocktes  Herz,
es  sey  kein  Wort  aus  ihm  zu  bringen.
„Werthe  Frau  Nachbarin,  es  giebt  Gemüther,
„die  nur  Liebe  aufschließt,  und  da  eö  leider  nun  so
„weit  gekommen  ist,  daß  nur  Entfernung  Vergessenheit
„bewirken,  und  eure  Herzen  vorbereiten  mag,  den
„Saamen  des  Vertrauens  künftig  wieder  aufzuneh-„men;
  so  wäre  mein  Rath,  ihr  sendetet  ihn  je  eher,
„je  lieber  in  die  weite  Welt."  —  Die  Mutter  ergriff ­
  den  Vorschlag  mit  Freuden,  der  Vater  billigte
ihn  mit  Seufzen.  —  Aber  wohin?  was  soll  aus
ihm  werden?  —  Soldat,  schlug  der^  Greis  vor.
La,  ja,  Soldat!  rief  die  Stiefmutter  fröhlich.  Soldat? ­
  wiederholte  Hans  Wolf,  und  seine  Augen
wurden  feucht.
„Laßt  euch  das  Wort  nicht  schrecken.  Zhr
„wißt,  ich  war  einst  Feldprediger.  Ein  Haupt-„mann,
  der  jeht  Obrister  ist,  war  mein  vertrau-„ter
  Freund,  und  ist  es  noch.  Euer  Sohn  kann  le-„sen,
  schreiben,  rechnen,  hat  auch  sonst  noch  man-„cheü
  bei  mir  gelernt.  Ich  werde  ihn  empfehlen,
„als  wäre  er  mein  eigener  Sohn,  und  für  das
„Uebrige  laßt  Gott  sorgen."  —  Des  Vaters  Antlitz
erheiterte  sich,  Frau  Barbara  wurde  sehr  freundlich
und  gesprächig.  —  „Aber,  Frau  Nachbarin,"  fügte
der  Greis  hinzu,  „daß  sic  mir  ihn  nicht  wie  eine»
„Bettler  in  die  Welt  schickt!  Er  muß  reichlich  aus-„
  gestattet  werden.  Gedenke  sie  ihr-w  gethanen  Zu-„sage
  am  Verlobungstage,  als  sie  in  meine  Hand
„versprach,  die  wackere  Mutter,  die  da  drüben
„schlummert,  dem  Kinde  zu  ersetzen!"  —  Frau
Barbara  erröthete.  „Eü  hat  ihm  nie  etwas  gcman-„gelt,"
  fuhr  sie  beißend  heraus,  „jeht  aber  sind  die
„Zeiten  schwer;"  und  nun  wollte  sie  eben  der  Zunge
den  gewöhnlichen  Lauf  lassen,  als  ein  Blick  auf  ihren ­
  Mann  sie  plötzlich  zum  Schweigen  brachte.
Denn  in  diesem  hatte  die  feierliche  Erwähnung  seiner ­

  da  drüben  schlummernden  Therese  eine  ungewohnte ­
  Bewegung  hervorgebracht;  ein  langst  erloschen ­
  geglaubtes  Feuer  glühte  in  seinem  Auge,  die
blasse  Wange  wurde  hochroth,  und  er  sprach  mit
heftiger  Rührung:  „doch!  doch,  Barbara!  es  hat
„ihm  wohl  zuweilen  gemangelt.  Um  des  Friedens
„willen  hab'  ich  oft  geschwiegen,  seine  gute  Mutter
„möge  es  mir  verzeihen.  Dießmal  aber  werde  ich
„nicht  schweigen,  und  die  Zeiten  mögen  seyn  wie  sie
„wollen,  an  meinem  Paul  soll  geschehen,  was  wir
„vermögen,  darauf  verläßt  sich  der  Herr  Pfarrer."
Gern  hörte  der  Jüngling,  was  man  über  ihn
beschlossen  hatte.  Hinaus  in  die  Welt!  der  Gedanke
verdrängte  plötzlich  alle  trüben  Bilder.  Ze  weniger
er  wußte,  wie  es  draussen  in  der  Welt  aussähe,  desto
lachender  waren  die  Gemählde,  welche  eine  jugendliche, ­
  erhitzte  Einbildungskraft  ihm  vorgaukelte;  er
konnte  den  Tag  kauni  erwarten,  an  dem  er  zum
Erstenmal  von  seinem  Dörfchen  scheiden  sollte.  Alle
waren  zufrieden,  nur  die  kleine  Badet  härmte  sich.
Das  Wort  hinaus  schien  ihr  fürchterlich.  Zn  die
Welt?  Das  konnte  sie  nicht  begreifen,  denn  ihr
Dörfchen  war  ja  die  Welt.  Es  kam  ihr  vor,  als
wolle  man  den  geliebten  Bruder  aus  der  Welt
stoßen,  und  feine  Lustigkeit  jammerte  sie.  Ze  näher
die  stunde  der  Trennung  rückte,  je  höher  stieg  ihre
Angst,  und  oft  schlich  sie  in  den  Holzstall,  um  der
Mutter  ihre  Thränen  zu  verbergen.
Der  letzte  Tag  war  endlich  angebrochen.  Am
andern  Morgen  in  der  Frühe,  wenn  noch  Alles  im
Hause  schliefe,  sollte  Paul  sich  auf  den  Weg  machen. ­
  Mit  verweinten  Augen  schlich  er  Abends  aus
der  Pfarrwohnung,  und  trat  in  seiner  Eltern  Stube,
um  des  Vaters  Segen  und  der  Mutter  kühlen  Abschiedökuß
  zu  holen.  Bei  seinem  Anblick  lief  Badet
laut  weinend  hinaus,  und  ließ  sich  nicht  »vieder
sehen.
Hans  Wolf  nahm  den  Sohn  allein  in  seine
Kammer.  Er  hatte  sich  vorgenommen,  ihm  noch
manche  väterliche  Lehre  an'S  Herz  zu  legen;  als
nun  aber  der  Züngling  mit  gefalteten  Händen  bleich
vor  ihm  stand,  da  konnte  er  ihn  nur  schluchzend  in
seine  Arme  drücken,  und  wieder  drücken,  und  die
zitternde  Hand  mußte  den  Segen  andeuten,  den  die
Lippen  nicht  auszusprechen  vermochten.  Ein  Beutelchen ­
  mit  Gold,  von  dem  die  Stiefmutter  nicht«
wußte,  schob  er  ihm  in  die  Tasche,  und  winkte  ihm
dann,  sich  zu  enssernen.
Der  zerknirschte  Sohn  stürzte  heulend  aus  des
Vaters  Kammer,  und  in  diesem  Augenblick  war  eö
ihm  eine  Wohlthat,  daß  Frau  Barbara  mit  verbissenem ­
  Hohn  ihm  entgegen  rief:  „Pfui!  wer  wird
„sich  so  ungeberdig  anstellen!"—  Das  häßliche  Wort
gab  ihm  einige  Fassung  wieder.  Er  nahm  höflichen
Abschied  von  ihr,  und  ging  dann,  Badet  aufzusuchen; ­
  aber  die  war  nirgend  zu  sinken.  Sie  muß
hoch  bald  zu  Bette  gehn,  meynte  er,  und  schlich  auf
seine  Kammer,  die  nur  durch  eine  Bretterwand  von
Babeto  Kammer  getrennt  war.  Schlafen"konnte
er  nicht.  Er  packte  seinen  Mantelsack,  und  wunderte
sich  im  Stillen,  wo  Badet  so  lange  verweile?  —
            
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