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Volume Nro. 144, Sonnabend den 20. July

Full text: Der Freimüthige oder Ernst und Scherz (Public Domain) Issue1805 (Public Domain)

1805. 
D e r 
Sonnabend, 
oder 
Nro. 144. 
h i g e 
den 20, July. 
r n st und Sch 
e r j. 
Literatur. 
Der Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft 
vierter Theil. Bis auf die Zeiten des Bur 
gundischen Kriegs. Durch Johann von Mül 
ler. Leipzig, iZoz. In der Weidmännische» 
Buchhandlung. 
ine vollständige, und zugleich interessante Ge 
schichte der Schweiz zu schreiben, gehört sicher zu 
den allerschwierigsten Aufgaben die sich ein histori 
sches Genie machen konnte. Ein Uebermaaß von 
Stoff bietet sich ihm dar, aber bei der Zerstückelung 
des kleinen Landes in einzelne Staaten, hat die 
ser Stoff zu viel Einförmigkeit und zu wenig Ein 
heit. An hundert Punkten zugleich, welchen Zeit 
raum der Geschichtschreiber auch grade in» Auge 
fassen mag, sieht er Kraft in selbstständiger Thätig 
keit wirken und in bas Allgemeine eingreifen: aber 
an jedeni Punkte geschieht es aus andern Moti 
ven, — und wiederum aber — in Rücksicht des 
Verfahrens, fast auf dieselbe Weise. Er darf keinen 
Punkt übergehn, wenn er nicht eine fehlerhafte Lücke 
lassen will, und doch hat er immer von zwanzig Orten 
fast dasselbe zu erzählen. Noch mehr: nur in weiten 
Entfernungen bieten sich ihm Ereignisse dar. die sich 
zu großen Schilderungen eignen; den Zwischenraum 
füllen Vorfälle, dir, bei der Kleinheit der Staaten, 
fast nur Anekdoten von Privatleuten. Eharakteräuße- 
rungen einzelner Menschen sind. Dir Geschichte der 
Schn-riz gleicht dem Land« selbst: überall bietet e« 
Merkwürdigkeiten dar, und nirgend einen Standpunkt 
aus dem es als zusammenhängend übersehen werden 
könn; unzählbare Thäler, von denen die meisten 
durch ihre eigenthümliche Beschaffenheit zu interessant 
sind, um sie zu übergehen, und alle wieder durch ihre 
Kleinheit zu unwichtig, um dabei länger zu verwei 
len, als nöthig ist, die Neubegier zu stillen. 
Nur patriotische Begeisterung vermochte r«, ei» 
Werk, wie diese Geschichte ist, zu unternehmen, nur 
Genie in der seltnen Verbindung mit unermüdlichem 
Fleiße, es auf eine ruhmvolle Weise auszuführen. 
Die Methode, durch welche es dem berühmten Ver 
fasser gelang, aus dem ungefügigsten Material sich 
ein bleibenden Denkmaal zu errichten, verdient ein eig 
nes Studium, das wahrscheinlich jeden denkenden 
Kopf zu dem Resultate führen würde: sie sey die 
einzige, die sich hier anwenden ließ, aber sie passe 
auch nur auf diesen einzigen Stoff. Die 
Schweizer-Geschichte ist so geschrieben, vortreff 
lich; — jede andre die man so schreiben wollte, 
würd« unerträglich und lächerlich werden. Müller 
hat nehmlich an jeder Begebenheit, die er erzählt, 
vorzüglich diejenigen Theile beleuchtet, durch die sie 
für da« Volk charakteristisch wird, doch seine Beleuch 
tung besteht nur in einem kurzen, kräftigen Erwäh 
nen mit malerischen Ausdrücken; er hat jeden Anlaß 
zu Betrachtungen benutzt, aber jede Betrachtung ist 
gleichsam nur ein kurzer Sittenspruch; er hat sich 
ferner einen eignen Styl gebildet, der rauh, aber
	        
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