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Volume Nro. 20., Sonnabend den 28. Januar

Full text : Der Freimüthige oder Ernst und Scherz (Public Domain) Ausgabe 2.1804 (Public Domain)

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zu  entschuldigen  hofft,  ist  nicht  minder  unstatthaft.
Lassen  wir  ihn  gelten,  so  können  hinfort  große  Männer ­
  selbst  ihre  Knabenexercitia  herausgeben,  denn  auch
diese  bezeichnen  ja  eine  Stufe  in  ihrer  Geistesbildung. ­
  —  Doch  nur  zu  lange  schon  verweile  ich  bei
jenen  Kunstnullitatcn.  Wir  wollen  die  Blößen,  welche
S.  im  jugendlichen  Dichtcrrausche  gab,  mit  dem  Mantel ­
  der  christlichen  Liebe  zudecken  und  es  nicht  machen,
wie  Noahs  gottloser  Sohn,  Ham,  als  sich  ihm  sein
Herr  Vater  weinberauscht  in  einer  ähnlichen  Attitüde
darstellte.
Zch  komme  zu  einer  schöneren  Periode,  —  zur
schönsten,  in  der  S.  einige  Meisterwerke  schuf,  nebst
inehreren  anderen  Produkten,  die  nahe  daran  gränzen,
es  zu  seyn.  Den  Uebergang  dahin  macht  das  Gedicht
an  die  Freude.  Man  hat  die  Abänderung  der  letzten ­
  Hälfte  des  ersten  Verses  schon  in  diesen  Blättern
getadelt  und  sehr  mit  Recht,  wie  mir  scheint;  die  alte
Leseart  war  bei  weitem  kräftiger,  als  die  neue.  Wenn
etwas  hier  umgearbeitet  werden  sollte,  mußte  es  der
Anfang  sein:
„Freude,  schöner  Götterfunken,
Tochter  aus  Eülium."  —
Das  Häufen  der  Metaphern  ist  allemal  ein  Fehler ­
  und  hier  findet  sich  gar  ein  Widerspruch  zwischen
beiden;  denn  der  Götterfunken  ist  etwas  Lebloses,  die
Tochter  aus  Clisium  hingen  eine  Prosopöie.  Zudem»
was  denkt  man  sich  bei  einem  Götterfunken?  —
Schlägt  man  Stahl  und  Stein  an  einander,  so  springt
ein  Funken  heraus.  Zst  das  bei  Göttern  auch  der
Fall?  —  Daß  Sch.  den  letzten  Vers,  der  zwar  an
sich  schön  ist,  aber  zu  dem  Tone  des  llebrigen  nicht
recht  paßt,  weggelassen  hat,  glaube  ich  eher  rechtfertigen ­
  zu  können.  Weit  besser  schließt  man  wohl  ein
Gedicht  an  die  Freude  mit  einem  großen  würdigen
Vorsah,  (wie  es  nun  bei  dem  Schillerischen  der  Fall
ist,)  als  mitToderbetrazchtungen.  Ein  rundes  schönes
Ganze  dürfte  aber  noch  immer  nicht  entstanden  sein.
Es  ist  und  bleibt  dieses  Gedicht  —  trotz  Vielen  einzelnen ­
  Schönheiten,  —  ein  lyrisches  Chaos,  ein  Dithyrambe, ­
  das  heißt:  ein  Product,  in  welchem  Phantasie ­
  mit  den  Gesetzen  der  schönen  Kunst  nur  ein
wlldes  Spiel  treibt.  —  dt
(Die  Fortsetzung  fokgt.>
Kardinal  B  e  r  n  i  ff.
Daß  Dernis,  der  Tibull  der  Franzosen,  durch  die
Gunst  der  berüchtigten  Pompadour  vom  müßig  -  tändelnden ­
  Abbe  bis  zum  Kardinal  und  Staatsministcr
von  Frankreich  emporschlich,  ist  bekannt.  Er  war  der
Geliebte  jener  Dame,  (die  auch  die  Göttin  seiner
süßen  Lscbcslieder  ist,)  ehe  sie  Maitresse  des  Königs

wurde;  er  blieb  ihr  Geliebter,  auch  da  sie  dies  geworden ­
  war.  Um  sich  für  die  Würden  zu  bilden,  die
man  ihm  dankbar  zudachte,  schickte  man  den  lustigen ­
  Abbe  als  Gesandter  nach  Venedig,  —  damals
noch  der  Lieblingssitz  geheimer  Politik.  Bernis  legte
cs  aber  nur  darauf  an,  die  Gunst  der  Denetianerinnen,
  nicht  die  Kunst  der  Venetianer  sich  zu  erwerben. ­
  Er  kam  zurück,  gerade  so  siaatSklug  als  er  gegangen ­
  war,  wurde  Minister,  machte  sich  lächerlich,
rmd  empfing  in  der  Kapelle  zu  Versailles  den  Orden
des  heiligen  Geistes.  Er  knieer  vor  dem  Altare,  die
Ritter  stehen  feierlich  um  ihn  her,  der  geistliche  Einwcihungsgefang:
  Veni  creator  Spiritus,  beginnt:
da  fällt  von  der  obersten  Gallen'e  ein  Blatt  vor  den
neuen  und  zwischen  die  alten  Ritter  herab,  das  eine
Parodie  auf  jenen  EinweihungSgefang  enthält,  und
das  ich  (zwei  unartige  Zeilen  abgerechnet,)  aufschreibe.
Zu  den  letzten  Versen  muß  ich  das  lateinische  Original ­
  setzen,  geheimerer  Beziehung  halber:  —
Esprit  saint,  divine  etsence,
Daignez  güider  ce  Ministr*  nouveau;
Et  pour  l’honneur  de  la  France
liluminez  son  cerveau.
Renouvellez  ce  miracle
Sur  le  pauvre  Abbe  Bernis.
EmbraSez-Ie  de  vos  flames»
Inspircz  lui  vötre  amour,
qu’il  baise  un  pen  moins  les  Dam«»
Et  surtout  la  Pompadour.
(Accende  turnen  sensibus,
Insunde  amorem  cordibus»
Infirma  nostri  corporis
Virtute  ftrmans  perpetim.)
Die  Wirkung  kann  man  sich  denken.  Demungeachtct
  stieg  Dernis  inimer  höher  und  wurde  endlich ­
  Cardinal.  Za,  Madame  Pompadour  soll  schon
einige  Millionen  dazu  bestimmt  gehabt  haben,  ihm,
bei  damals  eben  zu  erwartender  Vakanz,  auf  den
päbstlichen  Stuhl  zu  verhelfen.
An  dem  Tage,  wo  er  mit  jener  Würde  des
rothen  Hutes  bekleidet  worden  war,  gab  er  ein  großes
Gastmahl.  Wie  jetzt  manche  Kunstphilosophen  sich  auf
dergleichen  Feste  vorbereiten,  um  tief  zu  erscheinen,
so  pflegte  sich  Berniü  zuzurüsten,  um  witzig  zu  seyn.
Zm  Nothfall  mußte  gewöhnlich  der  alte,  ehrliche
Montaigne  aushclfen.  Auch  heute  sollte  er'ü.  Der
neue  Kardinal  schlägt  einen  Band  auf,  und  findet
eingezeichnet  und  angestrichen  —  die  bekannte  Fabel
von  den  Affen,  die  mit  größter  Behendigkeit  auf  die
Spitze  des  Daums  kletterten,  aber,  je  höher  sie  kamen ­
  ,  je  weiter  umher  ihre  Posterior»  zeigten.  —
            
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