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Mit jenen allem, ohne diese, schifft der Künstler ohne
Steuer und Eompaß auf dem unermeßlichen Meere
der Kunst, — ein Spiel der Wellen und Winde, von
Klippen bedrohe, — eine sichre Beute der Scylla,
sollte er auch so glücklich sein, der Charybdis zu entrinnen.
Was ich bisher im Allgemeinen behauptete, wird
sich im Einzelnen sehr leicht darthun lassen. Zch theile
zu bequemerer Uebersicht Schillers poetische Laufbahn
in drei Perioden und mache mit Würdigung der Gedichte,
die in den ersten Zeitraum fallen, den Anfang.
Bei diesen, deren ästhetischen Unwerth der Verfass-r
selbst eingesteht, brauchte sich die Kritik eigentlich gar
nicht aufzuhalten; es fragt sich aber nun, ob S. wohl
daran that, daß er jene wilden Produkte eines
jugendlichen Dilettantftem. wie er sie nennt,
zum zweiten Male abdrucken ließ? Ich bin sehr geneigt,
hierauf mit: Nein! zu antworten. S. sagt
zwar zu seiner Entschuldigung:
„Bei einer Sammlung von Gedichten, die sich
zrößtentheils schon in den Händen des Publikums befänden,
könne der poetische Werth nicht allein in Betrachtung
kommen. Sie seien schon ein verjährte»
Eigenthum des Lesers, der sich oft auch das '.luvollkommne
nicht gern entreißen lasse, weil es ihm durch
irgend eine Beziehung oder Erinnerung lieb geworden
fei, und selbst das Fehlerhafte bezeichne wenigstens eine
Stufe in der Geistesbildung des Dichters."
Wahr ist das allerdings. Damals, als Schiller
zuerst mit den Räubern und jenen Poesien auftrat,
kränkelte unsere schbue Literarur, wie überhaupt der
Deutsche Nationalgeist, an Empfindelei, Mondsucht
und Erschlaffung, wozu Gbthe durch Werthers Leiden
(wie Herr Vulpiuü zu den jetzt im Schwange gehenden
Mord- und Brand-, Liebes - und Diebes-Romanen
durch seinen Rinalda Rinaldini,) den Grund gelegt
hatte. Da es so leicht ist, von einem Extrem auf
das entgegengesetzte über zu springen, mußten Schillers
Wortkatarakte — diese Lohensteinischen Ungeheuer
von Metaphern, diese Bizarrerien, Grotesken und
Hbllenbreughelischen Karikaturen nothwendig starke
allgemeine Sensation hervorbringen. — Die Sturm -
und Drang-Periode trat ein; — Schillers Lob ertönte
von Aller Lippen; — befreundete Zeitschriften,
an denen er selbst Mitarbeiter war, stimmten ein, und
so war der Ruhm dieses Dichters schon gegründet,
zu einer Zeit, da er eigentlich noch gar nicht mit Gedichten
öffentlich hatte auftreten sollen; denn damals
fehlte es ihm noch gar sehr an Geschmack, Einsicht
in die Tiefen der Kunst, Gewalt über die
Sprache, an Gcwandheit des Geistes, sich den unübertretbaren
Gesetzen deü Schönen mit Leichtigkeit
und Freiheit zu unterwerfen, an weiser Berechnung
der Mittel zum Zweck, an Fertigkeit, dir einzelnen
Theile zu einem harmonischen, gefälligen Ganzen zu
verbinden, an Geduld, die Feile zu üben — kurz! —
Talent ausgenommen — an allem, woran es einem
Dichter, wie er sein soll, durchaus nicht gebrechen
darf.
Der Hauptfehler Schillers in früheren Zeiten
war gränzenlose zweckwidrige Verschwendung von Kraft.
Was er z. B. von den Mirakeln seiner Laura am
Claviere dichtete, dagegen ist wahrlich alles, was von
Orpheus und Amphion gefabelt werden, nur Spiel
und Spaß. Wenn man sich denn nun aber durch
alle diese Hyperbeln und Zerrbilder hindurch gearbeitet
hat; zweifelt man, ob die so hoch besungene Claviermeisterin
auch nur eine leichte Opernarie erträglich
habe klimpern können, denn man gewahrt sogleich
deutlich, daß der Dichter von seinem Gegenstände
nichts weniger, als durchdrungen und begeistert, —
daß es ihm nur darum zu thun war, durch poetische
Taschenspielereien staunende Bewunderung zu erregen.
Schillers Helikon und Parnaß waren überdies leider!
Vulkane, die bald Feuer und Steine auswarfen, wie
der Aetna und Vesuv, bald gar, wie die speienden
Berge in Quito, von denen wir durch Hrn. ». Humbold
vor kurzem Nachricht erhielten,— Schlamm und
Wasser. Zn dem Gedichte, Mann erwürbe, heißt
es unter andern:
Ich bin ein Mann, das könnt ihr fchoi»
An mrinr^ Leier riechen; <!!!)
Eie braust daher im Siegcston,
Sonst würde ste ja ft riechen. (?)
Andere Stellen sind gar so beschaffen, daß ich
sie nicht ei»mal aueheben darf. Ich müßte befürchten,
daß es dem schönen Geschlechte bei diesen Sublimitäten
ergienge, wie dem erwähnten berühmten
Reisenden, als er auf dem Chimborazo zueinerHöhe
von Zvzi Toisen gelangt war, wo er Anwandelungen
von Uebelkeit und Ohnmacht verspürte und ihm das
Blut mit Gewalt ins Gesicht drang. Sollte wohl
ein Leser der Schillerischen Gedichte noch jetzt an
dergleichen Geschmacklosigkeiten Geschmack finden? —
Zch bezweifle es. — Schillers Publikum ist seit
der ersten Erscheinung seiner poetischen Tirocinien
und Rudimente um 20 und mehr Zahre älter geworden,
das hätte er billiger Weise bedenken sollen.
Wenn Knaben zu Männern reifen, muthek man ihnen
nicht zu, mit jenen Puppen von neuem zu spielen,
woran sie im Flügelklcide ihre kindische Freude
hatten.
Der zweite Grund, wodurch S. den abermaligen
Abdruck seiner früheren verunglückten Dichterversuche