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Volume Nro. 20., Sonnabend den 28. Januar

Full text : Der Freimüthige oder Ernst und Scherz (Public Domain) Ausgabe 2.1804 (Public Domain)

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Mit  jenen  allem,  ohne  diese,  schifft  der  Künstler  ohne
Steuer  und  Eompaß  auf  dem  unermeßlichen  Meere
der  Kunst,  —  ein  Spiel  der  Wellen  und  Winde,  von
Klippen  bedrohe,  —  eine  sichre  Beute  der  Scylla,
sollte  er  auch  so  glücklich  sein,  der  Charybdis  zu  entrinnen. ­

Was  ich  bisher  im  Allgemeinen  behauptete,  wird
sich  im  Einzelnen  sehr  leicht  darthun  lassen.  Zch  theile
zu  bequemerer  Uebersicht  Schillers  poetische  Laufbahn
in  drei  Perioden  und  mache  mit  Würdigung  der  Gedichte, ­
  die  in  den  ersten  Zeitraum  fallen,  den  Anfang.
Bei  diesen,  deren  ästhetischen  Unwerth  der  Verfass-r
selbst  eingesteht,  brauchte  sich  die  Kritik  eigentlich  gar
nicht  aufzuhalten;  es  fragt  sich  aber  nun,  ob  S.  wohl
daran  that,  daß  er  jene  wilden  Produkte  eines
jugendlichen  Dilettantftem.  wie  er  sie  nennt,
zum  zweiten  Male  abdrucken  ließ?  Ich  bin  sehr  geneigt, ­
  hierauf  mit:  Nein!  zu  antworten.  S.  sagt
zwar  zu  seiner  Entschuldigung:
„Bei  einer  Sammlung  von  Gedichten,  die  sich
zrößtentheils  schon  in  den  Händen  des  Publikums  befänden, ­
  könne  der  poetische  Werth  nicht  allein  in  Betrachtung ­
  kommen.  Sie  seien  schon  ein  verjährte»
Eigenthum  des  Lesers,  der  sich  oft  auch  das  '.luvollkommne
  nicht  gern  entreißen  lasse,  weil  es  ihm  durch
irgend  eine  Beziehung  oder  Erinnerung  lieb  geworden
fei,  und  selbst  das  Fehlerhafte  bezeichne  wenigstens  eine
Stufe  in  der  Geistesbildung  des  Dichters."
Wahr  ist  das  allerdings.  Damals,  als  Schiller
zuerst  mit  den  Räubern  und  jenen  Poesien  auftrat,
kränkelte  unsere  schbue  Literarur,  wie  überhaupt  der
Deutsche  Nationalgeist,  an  Empfindelei,  Mondsucht
und  Erschlaffung,  wozu  Gbthe  durch  Werthers  Leiden
(wie  Herr  Vulpiuü  zu  den  jetzt  im  Schwange  gehenden ­
  Mord-  und  Brand-,  Liebes  -  und  Diebes-Romanen ­
  durch  seinen  Rinalda  Rinaldini,)  den  Grund  gelegt ­
  hatte.  Da  es  so  leicht  ist,  von  einem  Extrem  auf
das  entgegengesetzte  über  zu  springen,  mußten  Schillers ­
  Wortkatarakte  —  diese  Lohensteinischen  Ungeheuer
von  Metaphern,  diese  Bizarrerien,  Grotesken  und
Hbllenbreughelischen  Karikaturen  nothwendig  starke
allgemeine  Sensation  hervorbringen.  —  Die  Sturm  -
und  Drang-Periode  trat  ein;  —  Schillers  Lob  ertönte ­
  von  Aller  Lippen;  —  befreundete  Zeitschriften,
an  denen  er  selbst  Mitarbeiter  war,  stimmten  ein,  und
so  war  der  Ruhm  dieses  Dichters  schon  gegründet,
zu  einer  Zeit,  da  er  eigentlich  noch  gar  nicht  mit  Gedichten ­
  öffentlich  hatte  auftreten  sollen;  denn  damals ­
  fehlte  es  ihm  noch  gar  sehr  an  Geschmack,  Einsicht ­
  in  die  Tiefen  der  Kunst,  Gewalt  über  die
Sprache,  an  Gcwandheit  des  Geistes,  sich  den  unübertretbaren
  Gesetzen  deü  Schönen  mit  Leichtigkeit

und  Freiheit  zu  unterwerfen,  an  weiser  Berechnung
der  Mittel  zum  Zweck,  an  Fertigkeit,  dir  einzelnen
Theile  zu  einem  harmonischen,  gefälligen  Ganzen  zu
verbinden,  an  Geduld,  die  Feile  zu  üben  —  kurz!  —
Talent  ausgenommen  —  an  allem,  woran  es  einem
Dichter,  wie  er  sein  soll,  durchaus  nicht  gebrechen
darf.
Der  Hauptfehler  Schillers  in  früheren  Zeiten
war  gränzenlose  zweckwidrige  Verschwendung  von  Kraft.
Was  er  z.  B.  von  den  Mirakeln  seiner  Laura  am
Claviere  dichtete,  dagegen  ist  wahrlich  alles,  was  von
Orpheus  und  Amphion  gefabelt  werden,  nur  Spiel
und  Spaß.  Wenn  man  sich  denn  nun  aber  durch
alle  diese  Hyperbeln  und  Zerrbilder  hindurch  gearbeitet ­
  hat;  zweifelt  man,  ob  die  so  hoch  besungene  Claviermeisterin
  auch  nur  eine  leichte  Opernarie  erträglich
habe  klimpern  können,  denn  man  gewahrt  sogleich
deutlich,  daß  der  Dichter  von  seinem  Gegenstände
nichts  weniger,  als  durchdrungen  und  begeistert,  —
daß  es  ihm  nur  darum  zu  thun  war,  durch  poetische
Taschenspielereien  staunende  Bewunderung  zu  erregen.
Schillers  Helikon  und  Parnaß  waren  überdies  leider!
Vulkane,  die  bald  Feuer  und  Steine  auswarfen,  wie
der  Aetna  und  Vesuv,  bald  gar,  wie  die  speienden
Berge  in  Quito,  von  denen  wir  durch  Hrn.  ».  Humbold
  vor  kurzem  Nachricht  erhielten,—  Schlamm  und
Wasser.  Zn  dem  Gedichte,  Mann  erwürbe,  heißt
es  unter  andern:
Ich  bin  ein  Mann,  das  könnt  ihr  fchoi»
An  mrinr^  Leier  riechen;  <!!!)
Eie  braust  daher  im  Siegcston,
Sonst  würde  ste  ja  ft  riechen.  (?)
Andere  Stellen  sind  gar  so  beschaffen,  daß  ich
sie  nicht  ei»mal  aueheben  darf.  Ich  müßte  befürchten, ­
  daß  es  dem  schönen  Geschlechte  bei  diesen  Sublimitäten
  ergienge,  wie  dem  erwähnten  berühmten
Reisenden,  als  er  auf  dem  Chimborazo  zueinerHöhe
von  Zvzi  Toisen  gelangt  war,  wo  er  Anwandelungen
von  Uebelkeit  und  Ohnmacht  verspürte  und  ihm  das
Blut  mit  Gewalt  ins  Gesicht  drang.  Sollte  wohl
ein  Leser  der  Schillerischen  Gedichte  noch  jetzt  an
dergleichen  Geschmacklosigkeiten  Geschmack  finden?  —
Zch  bezweifle  es.  —  Schillers  Publikum  ist  seit
der  ersten  Erscheinung  seiner  poetischen  Tirocinien
und  Rudimente  um  20  und  mehr  Zahre  älter  geworden, ­
  das  hätte  er  billiger  Weise  bedenken  sollen.
Wenn  Knaben  zu  Männern  reifen,  muthek  man  ihnen ­
  nicht  zu,  mit  jenen  Puppen  von  neuem  zu  spielen, ­
  woran  sie  im  Flügelklcide  ihre  kindische  Freude
hatten.
Der  zweite  Grund,  wodurch  S.  den  abermaligen
Abdruck  seiner  früheren  verunglückten  Dichterversuche
            
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