1804.
D e r
so. Blatt. Sonnabend,
Ernst
Nro. 2v.
Ueber Schiller,
bei Gelegenheit seiner: Gedichte, zweiter Theil.
^^ieser Theil von Schillers Gedichten ist ein sehr
buntes, aber ungemein interessantes Quodlibet. Wir
finden hier Produkte aus allen Perioden seiner dichterischen
Laufbahn: — wilde Geburten einer noch rohen
ungezügelten Kraft; halbgelungene Versuche eines
Geschmacks, der sich zu verfeinern im Begriff steht;
vollendete Kunstwerke, — Originale und Ueberfetzungen;
— Dithyramben, Hymnen, Oden und Lieder;
Balladen und Romanzen; Epopeen und Dramen
(wenigsten« Episoden und Fragmente von beiden;)
Idyllen, Allegorien, Fabeln und Parabeln; einige der
leckersten Tenien; Elegien, Episteln, Lehr-und Gelegenheitsgedichte,
— mit einem Worte, — fast alle
Gattungen von Poesien: erhabene und platte, feurige
und kalte, klare und mystische, freigeisterische und bigotte,
witzige und witzelnde, ernst-und scherzhafte, tiefempfundene
und affectirt- sentimentale, convulsivischkräftige
und matte, sorgfältig geseilte und vernachläßigte,
gereimte und ungereimte. Es würde ein schweraufzuldsende«
psychologisches Problem sein, wie so verschiedenartige
Dinge sich in einem und eben demselben
Kopfe erzeugen konnten, läge nicht zwischen den
am stärksten cvntrastirenden ein Zeitraum von einigen
und zwanzig Jahren in der Mitte.
Mit Hülfe dieses Theils von Schillers Gedichten
können wir nun die ganze Dahn, welche der Geist
des großen Mannes seit 1780. bis jetzt zurücklegte,
genau "erfolgen und mit einem Male überblicken, wie
den Lauf eines majestätischen Stroms auf der Landkarte.
Ich habe mich diesem interessanten, lehrreichen
und belohnenden Geschäft mit Vergnügen und Sorgfalt
unterzogen und bin dadurch auf Resultate geleitet
worden, die ich im Freimüthigen freimüthig glaube
darlegen zu müssen. Es scheint mir demnach: Schiller
habe sich bisher in einer Ellipse um die Schönheit
bewegt; in dem Jahre 1788- und den zunächst
folgenden nahte er ihrem Zauberkreise; dann entfernte
er sich wieder davon, aber auf der entgegengesetzten
Seite, — nicht auf dem Wege, den er gekommen war.
Die Geschichte seines Geistes wäre mithin — ohngefähr
die des Römischen Reichs, das anfangs bei hoher
Energie auch nur einen geringen Umkreis hatte;
nachmals seine Herrschaft und den Ruhm seines Namens
über beinahe die ganze Welt verbreitete; endlich
wieder von dem Gipfel seiner Größe herabsank.
Der letzte Umstand ist keineswegs erfreulich. Da er
nun aber einmal nicht abgeläugnet werden kann; bleibt
uns nichts übrig, als den Ursachen desselben in der
Idiosynkrasie des Dichters nachzuspüren. Hier der
Schlüssel zum Räthsel! Schiller besitzt ein seltenes
Maaß von Scharfsinn und Phantasie, — Geschenke
der Natur, die ungemein schätzbar sind; wem sie mangeln,
wird nie etwas Vorzügliches leisten: vollen Werth
haben aber beide doch nur dann, wenn sie mit gewissen
anderen Fähigkeiten, die Schillern nicht in gleich hohem
Grade zu Theil wurden, vergesellschaftet sind.