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Volume Nro. 20., Sonnabend den 28. Januar

Full text : Der Freimüthige oder Ernst und Scherz (Public Domain) Ausgabe 2.1804 (Public Domain)

1804.

D  e  r
so.  Blatt.  Sonnabend,
Ernst

Nro.  2v.

Ueber  Schiller,
bei  Gelegenheit  seiner:  Gedichte,  zweiter  Theil.
^^ieser  Theil  von  Schillers  Gedichten  ist  ein  sehr
buntes,  aber  ungemein  interessantes  Quodlibet.  Wir
finden  hier  Produkte  aus  allen  Perioden  seiner  dichterischen ­
  Laufbahn:  —  wilde  Geburten  einer  noch  rohen ­
  ungezügelten  Kraft;  halbgelungene  Versuche  eines
Geschmacks,  der  sich  zu  verfeinern  im  Begriff  steht;
vollendete  Kunstwerke,  —  Originale  und  Ueberfetzungen;
  —  Dithyramben,  Hymnen,  Oden  und  Lieder; ­
  Balladen  und  Romanzen;  Epopeen  und  Dramen
(wenigsten«  Episoden  und  Fragmente  von  beiden;)
Idyllen,  Allegorien,  Fabeln  und  Parabeln;  einige  der
leckersten  Tenien;  Elegien,  Episteln,  Lehr-und  Gelegenheitsgedichte, ­
  —  mit  einem  Worte,  —  fast  alle
Gattungen  von  Poesien:  erhabene  und  platte,  feurige
und  kalte,  klare  und  mystische,  freigeisterische  und  bigotte, ­
  witzige  und  witzelnde,  ernst-und  scherzhafte,  tiefempfundene ­
  und  affectirt-  sentimentale,  convulsivischkräftige
  und  matte,  sorgfältig  geseilte  und  vernachläßigte,
  gereimte  und  ungereimte.  Es  würde  ein  schweraufzuldsende«
  psychologisches  Problem  sein,  wie  so  verschiedenartige ­
  Dinge  sich  in  einem  und  eben  demselben
  Kopfe  erzeugen  konnten,  läge  nicht  zwischen  den
am  stärksten  cvntrastirenden  ein  Zeitraum  von  einigen
und  zwanzig  Jahren  in  der  Mitte.
Mit  Hülfe  dieses  Theils  von  Schillers  Gedichten
können  wir  nun  die  ganze  Dahn,  welche  der  Geist

des  großen  Mannes  seit  1780.  bis  jetzt  zurücklegte,
genau  "erfolgen  und  mit  einem  Male  überblicken,  wie
den  Lauf  eines  majestätischen  Stroms  auf  der  Landkarte. ­
  Ich  habe  mich  diesem  interessanten,  lehrreichen
und  belohnenden  Geschäft  mit  Vergnügen  und  Sorgfalt ­
  unterzogen  und  bin  dadurch  auf  Resultate  geleitet
worden,  die  ich  im  Freimüthigen  freimüthig  glaube
darlegen  zu  müssen.  Es  scheint  mir  demnach:  Schiller ­
  habe  sich  bisher  in  einer  Ellipse  um  die  Schönheit ­
  bewegt;  in  dem  Jahre  1788-  und  den  zunächst
folgenden  nahte  er  ihrem  Zauberkreise;  dann  entfernte
er  sich  wieder  davon,  aber  auf  der  entgegengesetzten
Seite,  —  nicht  auf  dem  Wege,  den  er  gekommen  war.
Die  Geschichte  seines  Geistes  wäre  mithin  —  ohngefähr
  die  des  Römischen  Reichs,  das  anfangs  bei  hoher ­
  Energie  auch  nur  einen  geringen  Umkreis  hatte;
nachmals  seine  Herrschaft  und  den  Ruhm  seines  Namens ­
  über  beinahe  die  ganze  Welt  verbreitete;  endlich ­
  wieder  von  dem  Gipfel  seiner  Größe  herabsank.
Der  letzte  Umstand  ist  keineswegs  erfreulich.  Da  er
nun  aber  einmal  nicht  abgeläugnet  werden  kann;  bleibt
uns  nichts  übrig,  als  den  Ursachen  desselben  in  der
Idiosynkrasie  des  Dichters  nachzuspüren.  Hier  der
Schlüssel  zum  Räthsel!  Schiller  besitzt  ein  seltenes
Maaß  von  Scharfsinn  und  Phantasie,  —  Geschenke
der  Natur,  die  ungemein  schätzbar  sind;  wem  sie  mangeln, ­
  wird  nie  etwas  Vorzügliches  leisten:  vollen  Werth
haben  aber  beide  doch  nur  dann,  wenn  sie  mit  gewissen
anderen  Fähigkeiten,  die  Schillern  nicht  in  gleich  hohem ­
  Grade  zu  Theil  wurden,  vergesellschaftet  sind.
            
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