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Volume Nr. 19, (Donnerstags, den 3ten Februar.)

Full text: Der Freimüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser (Public Domain) Issue1.1803 (Public Domain)

IS03- 
Nr. 19. 
Die Ne»,jähr-nacht. 
Eine Scene, von L. F. Huber. 
Hausmeisteri» Werner. 
Mitten Abend, liebe Schwägerin. 
Rcferendarius Herrmann. Willkommen, Lie 
be. — Wie hast du so bald abkommen könne»? 
M a d. Werner. Die Tafel ist servirl; ich habe nun 
nichts zu thun, bis abgetragen wird — Ich sah euch so 
lange nicht! Und diese Nacht hatte ich nicht verstreichen 
lasten mögen, ohne jemanden zu sehen, der meinem Her, 
zcn nahe ist — 
Mad. Herrin, (sie umarmend.) Gute Seele! — Ich 
begreife freilich nicht, wie man in der Neujahrsnacht 
fremdes Getümmel ertragen kan». Don mir will ich 
nicht reden. Wer so manchen Tag durch irgend ein trau 
riges Andenken zu feiern gehabt hat, der zieht am letzten 
Tag im Jahre den Strich unter die Leidenrechnung. Aber 
auch glückliche Menschen sollten an dem Abend sich nach 
Stille sehnen, um sich dankbar zu erweisen, und die Fort, 
dauer ihres Glückes dadurch zu verdienen. (Nack es, 
«er Pause.) Ich habe nun einen starken Transport auf die 
Rechnung vom künftigen Jahre zu setzen! 
Mad. Wern. Ach, ich scheute mich, davon mit dir 
zu sprechen — Es hat mir so weh gethan! — Und ich be 
greife es nicht; denn so viel ist doch gewiß, der gnädige 
Herr hält sehr große Stücke auf Saldern — 
Mad. Herrm. Eben darum vielleicht. Au« Eigen 
nutz mag er ihm lieber seine Hauskorrespondenz lasten, 
bei der ihm Salderns Sprachkcnntniffc zu Statten kom 
men. Er muß ihm ja oft Französische Briefe schreiben, 
auch Italiänische und Englische, er muß ihm in diesen 
Sprachen vorlesen. Zum Amtmann ist ein bloßer Jurist, 
der sonst nichts versteht, auch gut genug. Einen solchen 
setzt er denn nach RupertSheim, und Saldern bleibt sein 
Leibeigner — und mein Iulchen verblüht als Braut! 
Mad. Werner. Wie nahm das gute Kind die Fehl, 
schlagung? 
Mad. Herrm. Ach, sie war klüger als wir gewe, 
fcn! Sie hatte schon früher keinen rechten Glauben. Wen» 
Saldern so zuversichtlich auf das nächste Frühjahr rech 
nete, so sagte sie wohl: lieber Freund, wir dürfen uns 
keinen Kummer bereiten; wenn nichts daraus würde, so 
wären wir sehr unglücklich. — Gestern früh zeigte sie ihm 
ein schönes Stück Leinwand, von ihr selbst gesponnen, 
das ihr vom Weber gebracht worden war. Das wäre 
doch ein artiger Jahresschluß, meinte sic. — Ja, sagte er 
scherzend, und im Frühjahr bleichen wir's auf unserm 
eignen Grasplatz. — Da sah sie ernsthaft aus, und sagte: 
e« stört mich immer, wen» man so von einer gegenwär 
tigen Freude hinweg nach einer künftigen sieht — Er be-> 
thcuerte, daß ihn der Frühling nicht freuen würde, wenn 
er sie nicht sein Weib nennen könnte. — Das liebe Kind 
wurde roth, und fragte ihn, ob die drei Frühlinge, seit 
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