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Volume No. 197, (Montags, den 12ten December.)

Full text: Der Freimüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser (Public Domain) Issue1.1803 (Public Domain)

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die uns mit ihrer Deutschen Reinheit und reinen Deutsch- 
heit chne Erbarmen martern; so viele- die sich besonder» 
darauf zu Gut« thun, wenn sie Maskerade in Larven 
tanz, Frisur in Haarbau, und Sofa in Lotterbctt 
verwandelt haben! — 
Reinheit ist allerdings ein wichtiger Theil der Doll« 
Kmmenhcit einer Sprache. Wenn man nun aber, um 
unsere Ideen deutlicher, richtiger, bündiger und 
stärker zu bezeichnen, ein ausländisches Wort aufneh 
men muß, und allgemein aufgenommen hat: wozu 
diese entsetzliche Beängstigung, um da« ausländische Wort 
zu verdrängen? wozu da« bedauernswürdige Martern 
und Zerren, um das verdrängte Wort durch eine lächer 
liche, weitschweifige Komposition von zwei, drei und 
mehrern Wörtern zu ersetzen? —Wer an einen männ 
lichen Styl gewöhnt ist, wem er um Kraft und Präci 
sion zu thun ist, wählt in solchen Fällen sicherlich da« 
fremde Wort, und laßt den Herren Puristen ihre fade, 
schwankende, sinn - und kraftlose Reinheit. — 
Stärke, Energie und Präcision machen die Engli 
sche Sprache beinahe zu der ersten in der Welt. Wür 
de sie diese Vorzüge wohl haben, wen» die Engländer 
sich eben so possierlich wie unsere Deutschen Puristen ge, 
berdcn wollten, wenn ihnen einmal ein fremde« Wort in 
den Wurf kommt? — E» ist vielmehr im Gegentheil bc, 
kannt, daß die Engländer sich gar kein Bedenken machen, 
irgend ein Wort au« irgend einer Sprache in die ihrige 
aufzunehmen, wenn nur diese« fremde oder ausländische 
Wort die Idee, die dadurch bezeichnet werden soll, 
deutlich und kräftig ausdrückt *). Daher auch die 
Leichligkeit, womit die meisten Ausländer die Englische 
Sprache — wenigsten« verstehen — lernen. Unsere 
Gelehrten, ohne die geringste Anweisung genossen zu ha 
ben, lesen die klassischen Schriften der Engländer, in der 
Originalsprache, und das bloß, weil sie so viele Wörter 
au« mancherlei Sprachen, so viele von ihren allen Freun, 
den und Bekannten darin antreffen Daß diese 
Leichligkeit, womit die Englische Sprache von Ausländern 
gelesen und verstanden werden kann, zur allgemeinen 
Ausbreitung der Englischen Litteratur, und folglich zur 
Ehre und zur Achtung der Nation, sehr viel beitragen 
muß, wird wohl Niemand bezweifeln wollen. Mit uu< 
Deutschen ist c« ganz anders. Wir ersinnen Schwierig, 
keilen über Schwierigkeiten, um dem Ausländer das Stu, 
dium unserer Sprache und Litteratur zu erschweren. 
Wenn unsere schöne, kraftvolle Muttersprache, durch die 
•) Man mfimc der Lateinischen Sprache das, war ge von bk» 
tziricchen enit.hnk hat, und sehe iu, Iva« nlrig dteidt 
lächerliche Neuheitssucht der sogenannten Sprachberciche- 
rcr, erst einmal genug entstellt, genug verdreht und ver 
hunzt siyn- wird, so wird der Deutsche seine Sprache 
wieder von neuem lernen müsse»; und der Ausländer 
wird lieber dem Jupiter eine Siatuc errichte», oder der 
Diana einen neuen Tempel bauen, als sich in das Laby 
rinth der verworrenen, unet lernbaren Deutschen Spra 
che verlieren. 
Bei den Engländern konnten dergleichen litterarisch- 
philologische Albernheiten, die bei uns für Sprachberei 
cherung gelten, nie Statt finden. Ihr ernster, fester, 
männlicher Charakter; ihr liefe« Forschen nach Sinn, nicht 
nach Worten; ihr Durst nach Wahrheit, ni ch t nach Schein, 
würde da» Nutzlose solcher Neuerungen za bald entdecken. 
Man nehme da» erste beste Engliiche Wort, aus fremder 
Sprache; z. B. Colvnnade. Diese» Wort haben die 
Engländer von de» Jlaltäuerir, von colonna entlehnt. 
Wenn nun ein Englischer Spra chbereichcrer auf 
treten, und sich einfallen lassen wollte, statt Colonnade, 
PiUar-w.dk, oder Pillar-row*) vorzuschlagen, so wür 
de sich bald ein Drillischer Menichenfrcund finden, der den 
Puristen mit Doktor Willis") bskannr machen, und ihn 
seiner besten Pflege empfehlen würde . . . 
Wie sehr es aber unsern Puristen am Herzen liegt, 
unsere Spruche zu reinigen und zu erweitern, gehr auch 
noch daraus hervor, daß Herr Campe und andere Sprach, 
bcreicherer uns sogar die Schatze der Holländiichen Spra, 
che geöffnet haben. Der Holländischen! die doch im 
Grunde nichk» anders ist, als ein plumpes, verhuuzics Ge, 
mengsel der bessern, reinern Deutschen und anderer Spra 
chen! — Ist e» in der harten, Herden, ungeschmeidigen 
Sprache der Holländer, wo unsere rastlosen Sprachfo-'cher 
tke ease and Speed, which equals die progress oF our 
vcry thougt» — die Leichtigkeit und Schnelle, 
welche dem Flug unserer Gedanken gleicht — 
suchen wollen? — Sollen wir hier, bei einem Volke, dar 
sich eben so langsam bewegt, al« c» gemächlich 
denkt, die Worte finden, die Homer die geflügelten 
nennt? — Unsere Puristen wollen diese philologische Cr- 
travaganza durch folgende Proben einiger Holländi, 
scheu Kunstwörter empfehlen, die, wie sic sagcn, wjr nur 
wörtlich übersetzen dürfen, um eben so viele Dculsche 
Kunstwörter daraus zu schaffen. Z. B. Boek.be waar- 
•) Und auch (o würde tiefe Umschreibung sich noch keiner Eng 
lisch« Originalität rühmen tonnen: denn Fi Har i,i 
kanntl-ch von dem Iranjistöchr» filier, und dem Ilatiäni- 
seicn pilastro; — walk von IVAUcR, und row 
von Reihe einstanden. 
*') Ei» berühmter Englischer «rzt für Wahnsinnige. —
	        
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