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Volume Nr. 110, (Dienstags, den 12ten Julius.)

Full text: Der Freimüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser (Public Domain) Issue1.1803 (Public Domain)

Noth über meine Entwürfe beunruhigt, e« konnte bei 
der Ausführung derselben nur gewinnen. Wenn ich 
auch oft mit Undank belohnt worden bin, so wird doch 
niemand sagen können, daß ich unerkenntlich war. Oft 
habe Ich an meinen Feinden durch Verzeihung und Wohl- 
thaten mich gerächt. Ueberhaupt hat die Humanität in 
mir einen Freund besessen, der ihr bei keiner Gelegenheit 
untreu geworden ist. Hier endigen die Gespräche im Reiche 
der Todten, jetzt wollen wir zu den Lebendigen zurück« 
kehren." - 
Unter diesen interessanten Briefen der Kaiserinn, wei 
che Herr Marcard zum erste» Male hier bekannt macht, 
findet sich doch Einer nicht, den fie am 19. Mai 1791 an 
3. geschrieben, und von welchem Z. damals dem Heraus 
geber dieser Blatter einige Auszüge mittheilte, die, weil 
fie noch ungedruckt und gerade jetzt in mehr als Einer 
Rücksicht merkwürdig find, diesen Artikel beschließen mögen. 
„Siewiffcn," sagt Zimmcrmann in einem Briefe vom ipten 
Juni 1791, „Daß ich den 2;. Mai einen Brief vom 19. April 
alten Styls erhielt, worin die Kaiserinn auf die gnädig 
ste und sorgsamste Art von mir Abschied nimmt. Nun 
hat die Correspondenz ein Ende, dachte ich, wenn nicht 
Friede wird. Aber zu meinem höchsten Erstaunen erhielt 
ich vorigen Freitag, den 17. JuniuS, unter einem unbe 
kannten Couvert und einem Dorfpredigers-Sigi ll, 
franko Hakberfiadt, einen eigenhändigem Brief von der 
Kaiserin au» Czarskoeselo vom 19- Mai alten Styls, 
der so anfangt: 
„Je viens de recevoir, Monsieur, yotre lettre du 
IO. Mai, conjointement aveo la Cometlie de votre 
ami *), que je n’ay pas lu<s encore, et par conse- 
quence je u’en ai pas ris jusqu’ici. Aussi bien n’a-t’on 
guere envie de rire quand on est comme moi occu- 
pee de la reception honorable qu’on doit faire ä eeux 
qui se preparent a yous rendre visite. Nous atteu- 
dons incessamment celle de la flotte Angloise. Son 
preonrieur Monsieur F.i wiener est dejä afrive ces jours- 
cy. Avec d’üussi iniponans objets de ineditation Com 
ment rire, je Vous le demande? Mais certaincmeut je 
me rejouis du fond de i»ou anae avec le Roi de Prus- 
Der Brief endigt sich so: 
„Pour mor isolee dans mon coin., tnon role est 
celui de n e defendre contre les attaqucs de mes cn- 
neniis et envieux visiblcs et inyisibles. Ma cause est 
juste et mon desir de la paix siucere; je la fairal des 
qu’on me la laissera faire. S’il y a du courage a Cfla, 
•j xcv «eibliche Jakob incrltub. 
4Z9 — 
j’en ai. C’est la justice de ma cause qui inspire d« 
l'interet ä l’Europe, j’ay lieu de m'en glorifier. Adieu, 
soyes toujours de mes amis, et quand la flotte An 
gloise aura passe le Sund, ne m’ecrives plus.” 
Frankfurt am Main. 
Sie wollen Nachrichten von dieser Stadt haben, wel 
che einer ihrer eigenen Schriftsteller sehr poetisch: die 
große Kreuzpoststraße von Europa und Mer 
kurs geliebten Transito - Mittelpunkt, nennt. 
Wohl, ich will Ihnen meine Bemerkungen mittheilen, 
wie sie dem Fremden gerade auffallen. Aber zugleich 
muß ich zum voraus versichern, daß da« liebe: c’est tont 
comme chez nous, sehr oft auch hier anwendbar ist. — 
Bei im» baut man kostbare Häuser, nicht um mit präch 
tigen Gebäuden zu prunken, sondern um bequeme und 
geschmackvolle Wohnungen zu haben, und vor allem, um 
dem thätigen und geschickten Handwerker Arbeit zu ge 
ben, welchen man pünktlich und ohne Knickerei bezahlt. 
— Gerade so ist» tu Frankfurt. — Bei un« stellt man 
Gastmähler an, nicht um zu prahlen oder um wieder ge 
beten zu werden, sondern um in einem Zirkel von durch 
Geist, Herz und gesellige Bildung ausgezeichneten Men 
schen die edleren Freuden de« Lebens zu genießen; man 
fragt dabei nicht nach der Zahl der Schüsseln, sondern 
nach dem innern Gehalt der Gaste, Gerade so ist e« in 
Frankfurt. Auch hier weicht man inerklich von der alten 
Griechischen Regel ab, daß die Zahl der Gäste nicht dke 
der Musen überschreiten dürfe, und addirt zu der heili 
gen Zahl 9 auch wohl noch die 7 Todsünden, die ia 
Plagen Aegypten», und will man recht vergnügt seyn, 
so fügt man auch wohl noch gar die der Planeten, mit 
allen ihren Trabanten und Monden hinzu. 
Was comme chez nous ist, erlauben Sie mir also 
zu übergehen, und einiges zu bemerken, was hier anders 
ist als bei un«. — So steht man z. V. hier auf einem 
weit höher» Grade der wahren Bildung und Aufklärung. 
Ein einziges Faktum mag Ihnen da« beweisen: ein Fak 
tum, welches um so mehr beweist, da c« gar kein Aufft, 
hcn macht, natürlich weil solche Züge wie der folgende 
gar nichts Auffallendes und Ungewöhnliches mehr haben. 
— Ein Jude, M . .... heißt der Mann, bringt seine 
Kinder in die neu errichtete Bürgerschule; er fragt den 
Dorstchcr derselben, wie viel Schulgeld man jährlich zu 
bezahlen habe. — is Gulden. — Bisher hat mir der 
Unterricht eines jeden meiner Kinder 15 Louisd'or geko 
stet (165 Gulden), erwiedert der Jude; und dafür will
	        
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