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Volume Nr. 107, (Donnerstags, den 7ten Julius.)

Full text: Der Freimüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser (Public Domain) Issue1.1803 (Public Domain)

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mit solchen Versen, die unsre dermaligen Poeten x-r 
excellence nicht verlaugncn «H»rb«n. Die« ist an einem 
weiblichen Talent kein erfreulicher, aber doch ein merk 
würdiger Phänomen; denn er gehört zu diesen Extrava, 
ganzen, wenn sie, wir hier der Fall ist, auf einem sonst 
»vn der Natur nicht verwahrlosten Boden gedeihen, so 
viel schlecht verdautes Studium, so viel litterarische 
Eitelkeit, Verzogenheit, Ziererei und Sucht nach Auszeich 
nung, daß man kaum begreift, wie eine Dame dazu kommt. 
Am natürlichsten, und zugleich am christlichsten, scheint 
sich die Sache zu erklären, wenn man annimmt, daß die 
Verfasserin, indem sie bei ihren Mährchen die wenigen 
wirklich musterhaften Kleinigkeiten von Ti-ek in dieser 
Gattung zum- Vorbild hakte, sich dadurch iu den ganzen 
Wirbel mit fortreißen ließ, in welchen H. Tiek durch 
sein eigenthümliche» Talent so unglücklich gerathen ist. 
klebrigen» machten zu Anfange des siebzehnten Jahrhun 
dert» die Französischen Poeten nicht» als Rondeaus, Hua- 
train«, Sonette u. dergl. Benserade, damals ei» gro 
ßer Mann, gab Ovids Verwandlungen in Rondeaus her, 
au»; man sprach von Uebersegungen der Homer in Lua< 
train«. Warum er also Herrn Tiek verdenken, wenn 
er das besondere Fach, in welchem er sich auszeichnct, 
auf die ganze Poesie ausdehnen, oder die ganze Poesie in 
dem besonderen Fache koncentriren; wenn er alle Gat 
tungen der Dichtkunst in Ammenmährchen < Reime brin 
gen will? —> d— 
Begebenheiten auf Bergach. Roman durch Roman. 
Von Heinrich Frohreich. (Macht zugleich die drei 
ersten Bändchen einer neuen Bibliothek der Roma 
ne, Leipzig, bei C- F. E. Richter, aus.) 
An dem Faden einer Anfang« unbedeutenden, und 
gegen das Ende gemein - abenteuerlichen Handlung sind 
hier Erzählungen in den verschirdcustcn Manieren locker 
znsammengereihl. Eine rührende Schiffbruchs - Idylle, 
ein orientalische» Mährchen, eine schaudervolle Sage au» 
der Ritlcrzeit, ein höchst moderner niedrig - kölnischer 
Schwank, und eine Banditengeschichre im neuesten Ge 
schmack, wechseln auf diese Weise mit einander ab. Ueoer, 
all sindck oder ahnet man mehr Reminiscenz, als eigene 
Erfindung» überall aber zeigt sich ein nichts weniger als 
gemeine« Talent, den eigentlichen Ton jeder besondern 
Gaiwng, in welcher e« sich versucht, anzustimmen, und 
man erkennt im Styl, bei manchen Nachlässigkeiten und 
Fehlern, weit mehr Geist, als es dem, vermuthlich pseu, 
donymen, Verfaffer gefallen hat, in jeder andern Rück, 
sicht zu offenbaren. Die« giebt selbst in den schlechtesten 
von den Manieren, die er erwählt hat, einen nicht-unan 
genehmen Schein von Parodie; aber eben dieser Schein 
ist der heut zu Tage so sehr gemißbrauchte, und den viel 
fältigem traurigen Verirrungen guter Köpfe, wie den 
Nachahmungen so mancher albernen Thoren, zum Grun 
de liegende Freibrief, der unserer Litteratur in der That 
nachlheiliger ist, al» der steifste Jnnungszwang es nur im 
mer seyn könnte. Möchte ihn Heinrich Frohreich 
fallen lassen, um einen Verstand, von dem sich vielmehr 
auguriren läßt, alr er wirklich leistet, würdig anzuwen 
den! — b — 
Arion, Romanze von A. W- Schlegel, in Musik ge 
setzt von Wilhelm Schneider. 
Die Composilion hat einige gefällige singende Stellen 
und überraschende Modulationen; doch istlfte nicht in dem 
leichten erzählenden Ronianzcnstyl abgefaßt, und zu schwer 
fällig. Die darin vorkommenden Recitativ: sind, in Hin 
sicht auf die Deklamation, und öfters auch in Hinsicht 
auf die Harmonie, meistens unrichtig. Die zu häufigen 
Modulationen verwischen gleich wieder den Eindruck schö 
ner Ideen, die hin und wieder zerstreut sind. Das Ganze 
wird endlich dadurch ermüdend eintönig, daß vom Anfan 
ge bis zum Ende zu düster« Tonarten gewählt sind. Hat 
der Komponist bei den Worten: „Er steht im Schiff am 
zweiten Morgen," Seite 4. sich da die Freiheit genom 
men, über die Schranken der sich verwandten Tonarten 
hinaus zu gehen, warum hat er cs auch nicht bei dieser 
Stelle „der Jüngling hüllt dir schönen Glieder in Gold 
und Purpur," Seite io. gethan, und die weiche Tonart 
C gewählt? Der gefällige Gesang bei den Worten „Ge, 
fahrkin meiner Stimme" würde nach der harten Tonart 
C in As weit mehr Wirkung thun. Diese« gilt von meh 
reren Stellen. 
Notizen. 
Folgendes sind die vorzüglichsten Statüen, Düsten 
und andern Alterthümer, welche vor kurzem vom Capi 
tol und au« der Villa Albani zu Rom nach Paris- ge 
bracht, mid im Museum aufgestellt worden sind: Ein 
Dreifuß vom Capitol, zwei Stühle von fleckenlosem Mar 
mor, Melpomene kolossal, acht kolossale Büsten, Ha 
drian, Antinou«, Serapi« mit sieben Strahlen', 
Minerva, Antoninu» Piu«, L. Veru«, Domi 
tian; Nero, Oth0, Statuen; Julian der Abtrünni 
ger, August, Tiber, beide in der Toga; Domitian, 
August, Septimiu« Severu«; ein großer Leuchter 
aus dem Vatikan; Minerva genannt Palla» von
	        
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