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Volume Nr. 75, (Donnerstags, den 12ten Mai.)

Full text: Der Freimüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser (Public Domain) Issue1.1803 (Public Domain)

froh und glücklich. Aber jetzt kannst du das nicht mehr 
seyn, da Schlauheit und Gewalt dich zum Gegenstand der 
Unterdrückung und der Raube« bestimmt haben. Seil lan 
ger Zeit bist du den Feinen und Schlauen, den Psifflgen 
und Kniffigen freie Jagd; bist das Stichblatt des Finan 
zier«, die unverstegende Quelle der Minister, die haltbar 
ste Stütze ihrer Budgets, — und wirst es in Ewigkeit 
bleiben. 
Apropos! 
Giebt c« auch Bull auf deutschem Boden? 
Und wie nennen unsere Puristen John Bull auf rein 
Deutsch? . . . Und wie alt und wie zahlreich möchte wohl 
diese erlauchte Familie in Deutschland seyn? . . . 
Lange. 
Der Nahme thut viel zur Sache. 
La Motte hakte bereits in der lyrisch-dramatischen 
Poesie manchen Lorbeer errungen, als er beschloß, auch 
Melpomencn ein Opfer zu bringen; er schrieb ein Trauer 
spiel die Maccabaer. Da er aber schon einen großen 
Ruf und folglich auch viele Feinde hatte, die bereit 
waren sein Stück auezupfcifen, che sie es noch kannten, 
so war er so gescheit, fürs erste anonym zu bleiben. Da 
durch erhielt er wirklich, daß auch der Neid wacker mit, 
klatschte, ja vielleicht eben darum klatschte, weil er sich 
Hoffnung machte, ein aufkeimende« Talent einem be- 
reikS anerkannten entgegen zu stellen, und so das letz 
tere wo möglich beim Publikum zu verwischen; versteht 
fich unter der geheimen Bedingung, den neuen Götzen auch 
sogleich wieder zu stürzen, wenn er zu mächtig werden 
sollte. Kurz, die bittersten Feinde von la Motte, weit 
entfernt die List zu ahnen, fanden sein Trauerspiel so vor, 
trefflich, daß sie sogar glaubten, es sey ei» nachgelas 
sene« Werk von Racine. Ja, als nach und nach 
laut wurde, la Motte sey der Verfasser, konnten sie 
nicht genug über de» abgeschmackten Einfall spotten, und 
diejenigen verlachen, welche so dumm waren nicht zu füh 
len, wie ganz unfähig la Motte zu einem solchen Wer 
ke sey'). Endlich erklärte sich la Motte laut als Verfas 
ser, und nun war es ein neuer Spaß zu hören, wie seine 
Feinde plötzlich die Sprache änderten. Die Dümmsten un 
ten unter ihnen machten jetzt herunter, was sie vorher 
gelobt hatten; die Gescheitesten schwiegen, oder gestanden, 
das Stück habe einzelne schöne Scenen, aber das Ganze 
sey sehr mittelmäßig. Der gelehrte und schwerfällige Da 
tier, einer von la Rotte'« bittersten Feinden, hatte die 
») «er«»- so gina es ttotzetzu m -A<« mit Ut Octavia, l-ci 
welcher er auch daö Inkognito l-eobachi.e har». 
Marcabäcr gerade am meisten gelobt, und am harlnäk- 
kigsten behauptet, daß la Motte unmöglich der Verfasser 
sey» könne. „Nun?" sagte Jemand zu ihm, als das 
Geheimniß entdeckt war, „das Trauerspiel, das Sie bi« 
in die Wolken erhoben haben, ist ja doch von la Motte? " 
— Nun ja! erwiederte Dacier verdrießlich, es ist hin und 
wieder etwas Gute« darin. — Dieses Urtheil war in der 
That richtiger, als sein vorhergehende«, denn die Mac- 
cabäer haben wirklich bloß schöne Einzelheiten, und sind 
bald von der Bühne verschwunden. Dagegen hat Ine« 
de Castro, welche bald darauf ein noch weit glänzende 
re« Glück machte, sich auf dem Repertoire erhalten, trotz 
den zahllosen Kritiken. Bekanntlich giebt es zu jeder Zeit 
Skribler, die immer bereit sind, einem beklatschten Autor 
zu beweisen, daß er nicht hätte beklatscht werden sollen; 
gewöhnlich sind es kleine Schriftsteller, Bernhardt'- und 
dergleichen, die verzweifeln möchten, daß man ihnen nicht 
auch ein solches Unrecht vorwerfen kann. La Motte be 
fand sich eines Tage« in einem Kaffeehause, wo man ihn 
nicht kannte, und wo sein Ine« von denKennerlingcn ge 
waltig zerrissen wurde. „Kommen Sie," sagte er endlich 
zu einem seiner Freunde; „lassen Sie uns in die zoste 
Vorstellung dieses schlechten Stücke« gehn." - Ein ander 
mal, als man über die vielen bitteren Kritiken mit ihm 
sprechen wollte, erwiederte er: „Es ist wahr, man hat 
viel kritisirt, aber iuiiner inir Thränen in den Augen." 
Wir können uns nicht enthalten, diesem Aufsatz noch 
einen Wunsch hinzuzufügen. Wir möchten ncmlich für 
unser Leben gern hören, was man sagen würde, wenn die 
Hussiten untcrGöthe's, und: Was wir bringen! 
unter Koyebue'» Nahmen erschienen wäre? 
Was ist überhaupt Lob oder Tadel gleichzeitiger 
Schriftsteller? beides fließt so selten aus reiner Quelle. 
Man erlaube uns vom Kleineren zum Größeren überzu 
gehen, und hier eines Büches zu erwähnen, welches ein 
gewisser Charles de la Ruelle im Jahre 1574 geschrieben 
hat. E« ist gegen die Geschichlskunde gerichtet, die es 
überall als unzuverlässig darstellt. Troja, sagt der Ver 
fasser, ist nie erobert worden; AeneaS ist nie nach Italien 
gekommen; die sogenannten Ruinen von Troja, die inan 
noch sieht, sind die Reste einer Stadt, die zu den Zeiten 
der Kriege zwischen Sylla und Marius von dem Prokon 
sul Fimbria zerstört wurde. Scipios Enthallsainkeit ist 
ein Mährchen; er erzwang die größten Vertraulichkeiten 
von feiner Spanischen Gefangenen, che er sie ihrem Lieb 
haber zurückgab. Don solchen Beispielen geht er nun 
auch zu den schwankende» Urtheilen über, von welchen 
hier eigentlich die Rede ist. Procop in seiner Geschichte
	        
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