( i — 176
genug, oder hak das Genie des Verfasser» dafür nicht aus
gereicht? ES isi ein etwas kaltes und schwaches Produkt,
dessen Details für den Mangel an Handlung nicht hin
länglich entschädigen. Daß die Gattung der bloß durch
alltägliche Situationen de« gesellschaftlichen Lebens sich
entwickelnden Charakterstücks auf unserm Theater nicht
die beliebteste ist, wäre kein Grund, den maii ambitieux
nicht unter uns zu verpflanzen: denn die Schuld liegt nicht
an nothwendige» Fehlern der Gattung, sondern an der
Gewohnheit des Publikums; und diese nach und nach zu
verändern, wäre unstreitig ein gutes Werk. Man hat aber
gegen die Gewohnheiten des Publikums, wenn man sie
ändern will, sowohl um des Publikums willen, als zum
Besten des Zweckes, die Verbindlichkeit, ihnen nicht zu
troyen; und in einer Gattung, die nicht im Besitz der öf
fentlichen Vorliebe ist, muß man nur das wählen, was
fich durch besondere Vorzüge seinen Weg dennoch bahne»
mag. H.
Schreiben an den Herausgeber.
Zuweilen, wenn ick mit meiner Schularbeit fertig
bin, lese ich wohl auch irgend etwas Neue«, das mir ein
guter Freund in die Hand giebt; und zuweilen werde ich
sogar dafür entschädigt, daß ich den Plukarch oder den
Lucian weglegte. Sie werden mir wohl zutrauen, daß es
nicht kleinliche litterarische Eitelkeit ist, wenn ich sage,
daß ich gar kein Freund von Anonymität bin. Ich halte
sie mit Grund für die Ursache vieles Unheils, das littera
risch und kosmisch geschieht. Em Mann sollte billig vor
dem Angesicht der Welt über das Rede stehen, was er
meint und sagt; und die Welt sollte wissen, wen sie da
für anzusehen hat. Nur unter dieser Bedingung kann
man gesetzlich Freiheit der Presse fordern. Besonders fin
det dieses bei sogenannten freimüthigen Aeußerungen Statt.
Wa« ein Mann nicht Muth hat zu behaupten, das soll
er füglich nicht sagen. In Ihrem Freimüthigen las ich
neulich einige Nachrichten, an denen ich nichts aussetze,
als daß die Einsender sich nicht genannt haben. Die eine
betrifft den alten Suwarow, für dessen Lobredner ich hier
und da sehr irrig gehalten worden bin. Ich halte nur
den Alten für einen ehrlichen Mann und keinen Wü-he-
rich, und habe einige Phänomene i» seiner Natur psycho
logisch zu erklären gesucht Da« ist alles. Wenn Anthing
in seinem Buche dem General Suwarow einen Antheil
an der Unterdrückung Pugatschew« geben will, so wird
ibm diese« niemand, der nur einige« von der neueren Rus
sischen Geschichte gehört hat, glauben. Mickelson ist über
all als der Rann bekannt, der mit Muth und rastloser
Thätigkeit den Aufruhr dampfte, welcher allerdings leicht
den Unlcrgaug der Regierung nach sich ziehen konnte. Ich
habe Anthing« Buch nicht gelesen, habe aber nie gehört,
daß Suwarow selbst oder sonst einer seiner guten Freun
de Michelsons Veidisnstcn habe Eintrag thun wolle».
Michelson, und nicht Michclsonen, heißt, so viel ich weiß,
der damalige Oberste und jetzige General, der den rühm
lichen Zug machte. Da Potemkin nicht sein Freund war,
(denn Michelson ist ein sehr freimüthiger Man»), so hak sich
sein Nahme sehr unter der Menge der andern Generale
verloren: aber niemand hat seinen Ruf als Soldat ange
tastet, und er ist als solcher und als allgemein rechtschaf
fener Mann durchaus und auch immer von der Kaiserin
Katharina geschätzt worden. Daß indessen Suwarow al
les Mögliche gethan habe, um auch einigen Theil an der
Geschichte zu haben, liegt in dem allgemeinen militäri
schen Charakter, und sieht dem seinigen ähnlich.
Der zweite Punkt betrifft den Marstcmpel in Pa
ris, und die Preußischen Fahnen, die man dort gesehen
habe» will Der Berichtigung des Ungenannten kan» ich
nicht widersprechen, und nur sagen, wie ich die Sache
selbst gefunden habe. Wahrend meines kurzen Aurent-
hallS in Paris habe ich, vielleicht aus alter Erbsünde,
die Uebungen der Konsulargardc auf dem Marefelve und
die Trophäen in dem Tempel einige Mal gesehen. Ich
bin einige Mal länger als eine Stunde aufmerksam darin
hcrumgewandelk, habe mit meinem Glase jeden Winkel
und jede Falte durchsucht, um nahnieiiklich auch eine
Preußische Fahne zu entdecken. Unter der großen Menge
Siegeszeichen vom Jordan bis zur Amstcl habe ich mit
angestrengter Aufmerksamkeit kein» von den Preußen ge
funden; auch nicht die Lagerstöcke, die der Unbekannte an,
giebt. Ein alter Unrerosficier, den ich darüber fragte,
antwortete mir: er glaube, es seyen keine da. Cs ist ei
ne ziemlich gleichgültige Sache, und würde der Ehre der
Preußischen Waffen weiter keinen Eintrag thun, wenn
auch einige ihrer Fahnen dort hingen: da« ist da« Schick
sal des Kriegs; aber ich sage mit Wahrheit, was ich sah
und hörte. Cs ist nicht wahrscheinlich, wen» Fahnen
von den Preußcji vorhanden waren, daß man sie geflis
sentlich sollte versteckt haben. Die militätische Eitelkeit
ist in dergleichen Fällen gewöhnlich größer, als die poli
tische Klugheit. Wenn Sie diese» Wenige in Ihrem Blat,
te brauchen wollen, so habe ich nicht« dagegen. Uebrigcn«
ergreife ich diese Gelegenheit, Sie aufrichtig meiner Hoch
achtung zu versichern. Leipzig, d. i. Marz. Seuine.
Mit dieser Nr. wird daS vierte Stuck der litterarischen tc. An'
teiger« ausgegeben.