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Volume Nr. 44, (Freitags, den 18ten März.)

Full text: Der Freimüthige oder Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser (Public Domain) Ausgabe 1.1803 (Public Domain)

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genug, oder hak das Genie des Verfasser» dafür nicht aus 
gereicht? ES isi ein etwas kaltes und schwaches Produkt, 
dessen Details für den Mangel an Handlung nicht hin 
länglich entschädigen. Daß die Gattung der bloß durch 
alltägliche Situationen de« gesellschaftlichen Lebens sich 
entwickelnden Charakterstücks auf unserm Theater nicht 
die beliebteste ist, wäre kein Grund, den maii ambitieux 
nicht unter uns zu verpflanzen: denn die Schuld liegt nicht 
an nothwendige» Fehlern der Gattung, sondern an der 
Gewohnheit des Publikums; und diese nach und nach zu 
verändern, wäre unstreitig ein gutes Werk. Man hat aber 
gegen die Gewohnheiten des Publikums, wenn man sie 
ändern will, sowohl um des Publikums willen, als zum 
Besten des Zweckes, die Verbindlichkeit, ihnen nicht zu 
troyen; und in einer Gattung, die nicht im Besitz der öf 
fentlichen Vorliebe ist, muß man nur das wählen, was 
fich durch besondere Vorzüge seinen Weg dennoch bahne» 
mag. H. 
Schreiben an den Herausgeber. 
Zuweilen, wenn ick mit meiner Schularbeit fertig 
bin, lese ich wohl auch irgend etwas Neue«, das mir ein 
guter Freund in die Hand giebt; und zuweilen werde ich 
sogar dafür entschädigt, daß ich den Plukarch oder den 
Lucian weglegte. Sie werden mir wohl zutrauen, daß es 
nicht kleinliche litterarische Eitelkeit ist, wenn ich sage, 
daß ich gar kein Freund von Anonymität bin. Ich halte 
sie mit Grund für die Ursache vieles Unheils, das littera 
risch und kosmisch geschieht. Em Mann sollte billig vor 
dem Angesicht der Welt über das Rede stehen, was er 
meint und sagt; und die Welt sollte wissen, wen sie da 
für anzusehen hat. Nur unter dieser Bedingung kann 
man gesetzlich Freiheit der Presse fordern. Besonders fin 
det dieses bei sogenannten freimüthigen Aeußerungen Statt. 
Wa« ein Mann nicht Muth hat zu behaupten, das soll 
er füglich nicht sagen. In Ihrem Freimüthigen las ich 
neulich einige Nachrichten, an denen ich nichts aussetze, 
als daß die Einsender sich nicht genannt haben. Die eine 
betrifft den alten Suwarow, für dessen Lobredner ich hier 
und da sehr irrig gehalten worden bin. Ich halte nur 
den Alten für einen ehrlichen Mann und keinen Wü-he- 
rich, und habe einige Phänomene i» seiner Natur psycho 
logisch zu erklären gesucht Da« ist alles. Wenn Anthing 
in seinem Buche dem General Suwarow einen Antheil 
an der Unterdrückung Pugatschew« geben will, so wird 
ibm diese« niemand, der nur einige« von der neueren Rus 
sischen Geschichte gehört hat, glauben. Mickelson ist über 
all als der Rann bekannt, der mit Muth und rastloser 
Thätigkeit den Aufruhr dampfte, welcher allerdings leicht 
den Unlcrgaug der Regierung nach sich ziehen konnte. Ich 
habe Anthing« Buch nicht gelesen, habe aber nie gehört, 
daß Suwarow selbst oder sonst einer seiner guten Freun 
de Michelsons Veidisnstcn habe Eintrag thun wolle». 
Michelson, und nicht Michclsonen, heißt, so viel ich weiß, 
der damalige Oberste und jetzige General, der den rühm 
lichen Zug machte. Da Potemkin nicht sein Freund war, 
(denn Michelson ist ein sehr freimüthiger Man»), so hak sich 
sein Nahme sehr unter der Menge der andern Generale 
verloren: aber niemand hat seinen Ruf als Soldat ange 
tastet, und er ist als solcher und als allgemein rechtschaf 
fener Mann durchaus und auch immer von der Kaiserin 
Katharina geschätzt worden. Daß indessen Suwarow al 
les Mögliche gethan habe, um auch einigen Theil an der 
Geschichte zu haben, liegt in dem allgemeinen militäri 
schen Charakter, und sieht dem seinigen ähnlich. 
Der zweite Punkt betrifft den Marstcmpel in Pa 
ris, und die Preußischen Fahnen, die man dort gesehen 
habe» will Der Berichtigung des Ungenannten kan» ich 
nicht widersprechen, und nur sagen, wie ich die Sache 
selbst gefunden habe. Wahrend meines kurzen Aurent- 
hallS in Paris habe ich, vielleicht aus alter Erbsünde, 
die Uebungen der Konsulargardc auf dem Marefelve und 
die Trophäen in dem Tempel einige Mal gesehen. Ich 
bin einige Mal länger als eine Stunde aufmerksam darin 
hcrumgewandelk, habe mit meinem Glase jeden Winkel 
und jede Falte durchsucht, um nahnieiiklich auch eine 
Preußische Fahne zu entdecken. Unter der großen Menge 
Siegeszeichen vom Jordan bis zur Amstcl habe ich mit 
angestrengter Aufmerksamkeit kein» von den Preußen ge 
funden; auch nicht die Lagerstöcke, die der Unbekannte an, 
giebt. Ein alter Unrerosficier, den ich darüber fragte, 
antwortete mir: er glaube, es seyen keine da. Cs ist ei 
ne ziemlich gleichgültige Sache, und würde der Ehre der 
Preußischen Waffen weiter keinen Eintrag thun, wenn 
auch einige ihrer Fahnen dort hingen: da« ist da« Schick 
sal des Kriegs; aber ich sage mit Wahrheit, was ich sah 
und hörte. Cs ist nicht wahrscheinlich, wen» Fahnen 
von den Preußcji vorhanden waren, daß man sie geflis 
sentlich sollte versteckt haben. Die militätische Eitelkeit 
ist in dergleichen Fällen gewöhnlich größer, als die poli 
tische Klugheit. Wenn Sie diese» Wenige in Ihrem Blat, 
te brauchen wollen, so habe ich nicht« dagegen. Uebrigcn« 
ergreife ich diese Gelegenheit, Sie aufrichtig meiner Hoch 
achtung zu versichern. Leipzig, d. i. Marz. Seuine. 
Mit dieser Nr. wird daS vierte Stuck der litterarischen tc. An' 
teiger« ausgegeben.
	        
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