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und prophezeite dem Kurfürsten ein langes Leben über 60 Jahre
aber viele und lange Krankheiten, und noch etwas, was Schwar
zenberg dem Kurfürsten nur mündlich entdecken wollte. Man sieht,
daß Wallenstein das Schicksal Anderer eben so falsch in den Sternen
las, als sein eigenes, denn der Kurfürst ist lange nicht 60 Jahr alt
geworden. Merkwürdig ist es auch, daß Wallenstein dem
Schwarzenberg vertraulich eröffnete, der pommersche Adel habe
an den Kaiser geschrieben, er wolle keinen calvinischen Herrn haben,
sondern dem Kaiser unmittelbar, wie die freie Reichsritterschast,
unterworfen sein. Als der Kurfürst, dem wegen des bevorstehenden
Anfalls von Pommern solche Schritte nicht gleichgültig sein konnten,
sich hiernach unter der Hand erkundigte, läugnete man es ab, und
«s ist nicht unwahrscheinlich, daß Wallenstein, der überall Argwohn
und Mißtrauen säete, es nur vorgespiegelt habe.
An der hierauf gehaltenen Mittagstafel, an der wieder die
beiden Herzoge Theil nahmen, war der General sehr lustig, und
als Schwarzenberg sich nach Tische empfehlen wollte, ließ er es
nicht zu, „er habe noch mit ihm zu sprechen," befahl etliche Kutschen
anzuspannen, setzte sich mit dem Grafen und dem Obristen Dohna
in die eine und fuhr vier Stunden lang vor der Stadt Frankfurt
in steter lebhafter Unterhaltung spazieren, zuletzt setzte er Schwar
zenberg vor seinem Hause ab und wollte ihn auch hinausbegleiten,
was dieser aber durchaus nicht zugab. Als der Graf am folgen
den Tage wieder in Wallensteins Tafelzimmer erschien, fand
er da den Gesandten von Stralsund, dem der General anmuthete,
kaiserliche Besatzung einzunehmen. „Die Stadt," sagte er ihm,
„ist zu muthwillig und hat sich ihrem Herrn allezeit ungehorsam
erwiesen; ich will sie aber itzo aus der bösen Gewohnheit bringen."
Als der unerschrockene Pommer etwas von dem Beistände Schwedens
fallen ließ, versetzte Wallenstein: „Ich bin kein Polack, ich fürchte
mich vor dem Schweden nicht." Nach Tische verlangte er von den ;
pommerschen Gesandten, sie sollten ihm Schiffe aus Stettin schaffen,
dainit er sein Geschütz vor Stralsund bringen lassen könne, als sie
es abschlugen, wurde er sehr übel gelaunt, trat zu Schwarzenberg,
der gerade mit dem Herzoge von Sachsen sprach, heran und sagte:
„Die pommerschen Gesandten haben ihre Proposition so lang und
verdrießlich gemacht, daß ich schieferig geworden bin; ich habe mir
zwar fest vorgenommen, nicht mehr schieferig zu werden, wünschte
aber, der Herzog von Pommern hätte andere Leute, die er zu mir
schickte." —Nach dieser Audienz ritt Wallenstein spazieren, und
am andern Tage entließ er den Grafen, an dessen klaren, prak
tischen Verstände er offenbar großes Wohlgefallen gefunden hatte,
auf das Freundlichste. Auch Schwarzenberg war von dieser
Zusammenkunft, die er selbst dem Kurfürsten eigenhändig und aus
führlich beschrieb, sehr erbaut und hoffte davon das Beste für seinen
Herrn und dessen Lande. „Die Sachen," so schreibt Schwarzenberg,
„haben durch böser Leute ungerechtes Eingeben wunderlich für
den Kurfürsten gestanden, itzo ist Alles in guten Terminis, ein
heiliger Engel hat mich zur rechten Thür hineingeführt, der General
hat recht aufrichtig und vertraulich mit mir geredet, mich wohl
gehalten und geehrt, und mir alles das gesagt und an die Hand
gegeben, was mir zur Reise nach Wien zu wissen nöthig gewesen ist." —
Es ist schon bemerkt, daß an diesem Benehmen Wallensteins
die Politik den meisten Antheil hatte, er bestrebte sich damals, auf
alle Weise den Kurfürsten zu gewinnen, um in seinen Plänen, Herzog
von Mecklenburg zu werden, einen Stützpunkt gegen die ihm feindlich
gesinnten Reichsstände zu gewinnen. Schwarzenberg unterließ
dagegen auf den Rath des Kurfürsten nicht, dem Kammerdiener des
Generals ein Geschenk zu machen; „ich habe mich auch," so schreibt
er dem Kurfürsten, „in Frankfurt einem Priester gezeigt, der kann
Zeichen thun." Sollte hierunter der bekannte Seni — eigentlich
Zenno — gemeint sein, von dem man wünschte, daß er dem Gene
ral das Beste für den Kurfürsten aus den Sternen herauslesen möge? —
Wallensteins Gefolge in Frankfurt an der Oder machte übrigens |
ganz unverschämte Forderungen, der Stallmeister z, B. verlangte
von der Stadt an 1000 Thaler; als aber Schwarzenberg er
klärte, er wolle die Liquidation dem General zeigen, entstand die
größte Furcht, der Stallmeister kam blaß wie ein Tuch gelaufen
und bat um Gottes Willen, es nicht dem General vorzubringen,
er komme sonst um sein Leben. —
Schwarzenberg bat nun in Frankfurt den General, dem
kurfürstlichen Hofe einen Besuch abzustatten, die Einladung wurde
angenommen. Wallenstein schickte alle Bagagewagen auf An
germünde voraus und brach selbst mit seinem ganzen Gefolge
nach Berlin auf.
ZSallenkein in Merlin.
Die noch vorhandene Fourierliste zeigt, wie ansehnlich die
Begleitung war; es waren fünfzehnhundert Personen, darunter
allein dreißig Fürsten, Grafen und Freiherren, und über tausend
Pferde, mit denen er seinen Einzug in Berlin hielt. Er selbst
brachte 390 Pferde mit sich, die Herzöge von Sachsen und
Anhalt, der Duca Savioli, Graf Terzky, die Obristen Dohna,
Merode und Bucquoi, jeder an 50 Pferde, dazukam eine große
Menge untergeordneter Offiziere, Obristlieutenans, Rittmeister und
Capitains aus allen Nationen, doch überwiegend Böhmen und
Italiener, dann der Stab, die Kriegskanzlei, das Feldpostamt, ein
Ingenieur, ein Capellan, einige Jesuiten, ein Doktor, 16 Edelknaben,
6 Kammerdiener, 12 Lakaien, 24 Trabanten, 2 Portiers, Wagen
meister, Zahlmeister, ein Einkäufer, Leib-, Tafel und Silbcrwäscherin-
nen, französische und böhmische Mundköche, ja sogar ein Wachslichtzieher
und ein Ziergärtner fehlten nicht.
Am 22. Juni 1628 langte W allenstein in Berlin an. Der
Kurfürst selbst war während dieser ganzen Zeit in Preußen abwe
send. Wallenstein wurde also von der Kurfürstin, den Prinzessin
nen, von Markgraf Sigismund von Brandenburg und von dem
Grafen Schwarzenberg empfangen und auf das Schloß geführt,
wo ihm zu Ehren ein großes Diner stattfand. Die Prinzessinnen
und die Damen des Hofes hatten sich den Mann, vor dem ganz
Deutschland zitterte, als einen finstern Tyrannen und Unhold vor
gestellt und sahen seiner Ankunft bangend entgegen. Allein Wal
lenstein hatte in Italien feine Bildung und höfische Manier er
lernt; wenn er wollte, vermochte er wohl, für sich einzunehmen,
ja er war kein Feind munterer Scherzreden und hierin dem bigotten
Tilly sehr unähnlich, der, vor der Breitenfelder Schlacht, von sich
sagte, er habe nie gelacht, nie geliebt, aber auch nie eine Schlacht
verloren. Der Erfolg war, daß die Damen von der Liebenswür
digkeit des Benehmens, von der klugen und angenehmen Unterhaltung
Wallensteins ganz hingerissen waren. Hören wir, was die Prin
zessin Anna Sophia von Brandenburg, vermählte Herzogin von
Braunschweig, eine junge Dame von Geist und Humor, über den
General an ihren Bruder den Kurfürsten nach Preußen schreibt:
„Ew. Liebden daneben zu sagen, daß wir die Ehre gehabt,
den Herzog zu Friedland allhier zu sehen, es ist gewiß ein feiner
Herr und nicht also, wie ihn etliche Leute gemacht haben, er ist gewiß
sehr courtois (courtoisch) und hat uns allen große Ehre erwiesen,
ist gar lustig hier gewesen, ich habe so oft gewünscht, daß Ew.
Liebden hätten mögen hier sein, denn ich weiß, er Ew. Liebden
Wohl hätte gefallen sollen; der Herr Meister (Schwarzenberg)
wird Ew. Liebden fernere Relation thun, was er sich gegen das
Land erboten hat, allzeit wird er mit seinem Willen Ew. Liebden
nichts entgegen thun; er ist noch bei mir gewesen, wie er den Mor
gen ist weggezogen, allzeit habe ich Ursache, ihn vor meinen besten
Freund zu halten, denn er hat es mir erwiesen und sich erboten,
noch ferner zu thun und mehr als schvp geschehen; er ist von hier
nach Stralsund gezogen, der Allmächtige behüte ihn vor allem
Unglück, ich fürchte, es dürfte vor der Stadt nach manch recht-